(a-)soziale Netzwerke,  Facebook, Web 2.0 & Co

® Arne Pahlke, Oktober 2010

 

Die Einöde ihres Daseins widerspiegelt sich in ihren  plumpen Profilbildern. Und sie alle werden niemals müde, ihren zumeist nur oberflächlich bekannten Kontakten tagein tagaus kundzutun, dass es ihnen gut geht. Wozu sonst gibt es diese vielen lustigen Heile-Welt-Smileys? Außerdem haben sie doch alle so unfassbar viele Freunde auf Facebook. Manche von ihnen sogar tausende und viele Promis auch  eine Millionen (und  mehr) Freunde. Doch kaum jemand fragt sich, wie viele dieser Freunde eigentlich übrig blieben, wenn weltweit über einen längeren Zeitraum der Strom ausfiele.

Nach dem Austausch einiger bedeutungsloser Messages wollen viele Nutzer sozialer Netzwerke so etwas wie eine Seelenverwandtschaft zu einer ihnen unbekannten Person ausgemacht haben, obgleich bei ihren Pseudounterhaltungen meist nicht einmal ein kleinstmöglicher Nenner an Oberflächlichkeit gefunden wird.

Man ist möglichst nonstop online und  für jede Fadheit selbstverständlich auch mobil erreichbar. Schließlich könnte man irgendeinen unbedeutenden Schwachsinn verpassen; -  ein virtuelles Blümchen, Herzchen oder Küsschen könnte einen entgehen.

Wie stehen die Aktien? Wie hoch ist der Tages-Online-Rangwert?

Bangend zählen sie ihre Gäsetebucheinträge, Freundschaftsverlinkungen und Messages. Und dabei stapelt sich die Angst in ihren Gesichtern. Und nicht wenige von ihnen haben ihr poröses Realwelt-Restprofil bereits in unzähligen Net-Communitys komplett aufgerieben.

Nadine Stangenberg begreift sich z.B. nur noch als “Blondie21” und ignoriert beharrlich, dass sie bereits 29 ist und auch keinen Tag jünger aussieht. Zumindest offline nicht.  Online helfen ihr die vielen Bildbearbeitungsfunktionen von Photoshop & Co oder eine Webcam mit automatischem Weichzeichnereffekt.

Ein Tag ohne Internet ist der Horror; -  eine Woche offline und die Identitätskrisen nehmen bei vielen Menschen bereits bedrohliche Ausmaße an. Und nie zuvor vegetierten mehr einsame Menschen auf dem Planeten Erde. Und mit jeder neuen Freundschaftsanfrage in einem dieser (a)sozialen Netzwerke á la Facebook, StudiVZ  & Co wächst die Einsamkeit der Menschheit.

Wir glotzen auf unsere immer größer werdenden Monitore; - als wären es unsere erweiterten Augen. Doch es sind tote Augen. Wir berauschen uns an einer immer realistischer werdenden Blendergrafik und zeigen uns hingegen immer häufiger gelangweilt von der Farbpalette der Natur. Das Artensterben in der Tierwelt nehmen wir schulterzuckend als gegeben zur Kenntnis. Und wozu brauchen wir überhaupt noch Tiere? Diese lassen sich doch mittlerweile wunderbar simulieren. Ich meine, wir können ja sogar Dinos via Computer wiederauferstehen lassen. Oder reiten Sie mal in „Red Dead Redemption“ auf einem Pferd durch die künstliche Prärie. Wer braucht denn da noch die echte Natur mit all ihren Unpässlichkeiten? Und wer braucht da noch echte Pferde, die man täglich füttern und pflegen muss? Bei „Red Dead Redemption“ kann man ein Gaul nach einem herrlichen Ausritt einfach irgendwo stehen lassen oder diesen anschließend erschießen und häuten. Und wenn man genügend Pferde gehäutet und ausreichend Geld dafür eingesackt hat, dann kann man sich von dem Geld ein neues Pferd kaufen. Das ist doch alles viel schöner und einfacher, als in dieser bescheuerten Realität, in der man um alles mühsam kämpfen muss – wie etwa um Zuneigung, Liebe und Freundschaft. 

Nicht so in den modernen (a)sozialen Netzwerken. Hier knüpft jeder Kontakte und hier findet jeder noch so niederträchtige menschliche Auswurf ganz einfach neue Freunde. Schauen Sie mich an! Ich bin im wahren Leben eine virulente Mischung aus Misanthrop, Neurotiker, Soziopath, Psychotiker und Wundenwühler. Und es war dennoch superleicht für mich, binnen weniger Wochen auf Jamendo (eine Plattform für lizenzfreie Musik) über 1000 Freunde zu finden. Ich musste dafür nichts tun – alle wollten einfach  so -  ohne mein Dazutun  - meine Freundschaft. Sie alle erkannten scheinbar ungesehen das Gute in mir? Ist das nicht herrlich? Ok, als ich anschließend einige dieser tausend Freunde versuchshalber angeschrieben habe, ob sie mir vielleicht bei meinem Wohnungsumzug behilflich sein könnten  (denn wofür sind Freunde schließlich da),  fand sich niemand, der mir helfen wollte.

Tja, die Sache mit den Freundschaften in den sozialen Netzwerken läuft in der Regel  ähnlich wie mit den Gäulen bei „Red Dead Redemption“. Und somit konnte ich diese Freundschaften auch einfach per Mausklick auflösen. Leider habe ich aber noch bei keiner dieser neuen Communitys eine Häutungsfunktion gefunden. Schade eigentlich. Grafisch hübsch aufbereitet wäre dies  eine wirklich lustige Neuerung. Wobei ein „Freunde-Schredder“ mir für den Anfang ausreichen würde. So ein nettes Teil,  bei dem man die Profilbilder seiner Freunde hineinsteckt und unten eine hübsche Faceblood-Suppe herausspritzt.

Vielleicht gibt es dieses Gimmick im Web 3.0?

Bis dahin veröden wir weiter in unserer Langeweileschutzburg, etwa beim Durchforsten  einer in ihrer Summe hoffnungslos bedeutungslosen Blogosphäre.  Die Dunkle Maja abonnierte z.B. kürzlich meinen Blog, weil ich Majas letzten Eintrag in ihrem Blog aufbauend positiv kommentiert hatte.  Daraufhin abonnierte ich auch ihren Blog, woraufhin Sie mir eine Freundschaftsanfrage sendete. Ich akzeptierte ihre Freundschaftsanfrage und seitdem sind wir Freunde.

Ob ich sie jetzt zum Eis essen einladen oder sie gar ficken darf, wo sie doch meine Freundin ist?

Natürlich nicht!

Wie die Dunkle Maja wirklich aussieht,  wie sie  riecht, wie ihre Stimme klingt oder welche chemischen Reaktionen in mir ausgelöst werden würden, würde ich ihr gegenüberstehen – all dies werde ich  niemals erfahren. Solche Nebensächlichkeiten  sind bei diesem Netzwerkfreundschaftskram eher ungern gesehen bis komplett unerwünscht.

Und es reicht doch, wenn ich die Dunkle Maja via Handy orten kann und dies alles über mein Facebook-Profil. Ich muss hier nie wieder raus; -  nicht zum kacken, nicht zum essen oder ficken. Ja, vielleicht kann man in Zukunft sogar sein Profil vererben, wenn man irgendwann stirbt.  Dies wäre  eine schöne Geschäftsidee für Facebook-Gründer Mark Zuckerberg, zumal Online-Kondolenzbücher sich immer größerer Beliebtheit erfreuen. Ich würde es toll finden, wenn man dann neben Beleidskundgebungen auch einfach diesen beliebten „Gefällt-mir-Buttom“ drücken könnte:

1259 Freunden von Nadine Stangenberg gefällt es, dass Nadine Stangenberg tot ist.

Gestern konnte ich übrigens via Facebook-Handy-Ortung sehen, dass sich die Dunkle Maja ganz in meiner Nähe - nämlich gerade einmal  120 Kilometer von mir entfernt  - aufgehalten hat.  So nah war sie mir bislang noch nie gekommen, weshalb ich mich direkt selbst befriedigt habe, als ich sie gesehen habe. Denn wer weiß schon, ob ich ihr jemals wieder so nahe kommen werde? Wobei mir diese 120 Kilometer Luftlinie  dann auch an Nähe ausgereicht haben. Noch näher empfände ich persönlich als  zu aufdringlich. Und es geht doch bei diesen ganzen Communitys  ohnehin vor allem um die Selbstdarstellung ohne reale Kontaktwünsche; -  um virtuelles Verbünden, ums Kontakte und Freunde sammeln. Es geht doch vor allem darum, ein Netzwerk aus Belanglosigkeiten um sich zu spinnen; -  jemand zu sein, der man in Wirklichkeit so nicht sein kann; - in einer künstlichen Welt, die die Wirklichkeit nicht annähernd wirklich einzufangen imstande ist. Man flieht in eine virtuelle Belanglosigkeit, um sich von seiner realen Bedeutungslosigkeit abzulenken.

Das ist doch cool, oder?

 

 

Unser Leben verkümmert im Web 2.0 & Co zu einer niemals enden wollenden Suchanfrage; -  zu einem gähnend langweiligen Datenabgleich, der niemals ein befriedigendes Ergebnis finden kann.

Wir twittern unsere Sinne besinnungslos. Wir fragen Google, warum wir uns so einsam fühlen und Google spuckt uns auf unsere Frage eine neue tolle Community aus, der wir sofort beitreten; - in einer Mischung aus aufgesetzter Begeisterung und einer nach außen hin sorgsam verheimlichten Resignation. 

Doch, wenn wir richtig großes Glück haben, dann können wir unsere neuen Freunde, die wir in dieser neuen Community im Blindflug finden werden, mit unseren alten Freunden von Facebook verlinken.

Ist das geil oder ist das geil? Ja, das ist geil und wir fühlen uns kurzfristig wie in einer großen Familie und teilen all unsere Gefühle untereinander aus.

Ok, ok, dann eben keine Gefühle!  Aber wir können z.B. diesen drolligen „Gefällt-mir-Button“ drücken, wenn z.B. einer unser Mirko-Freunde meint, dass ihm der neue Film von Peter Jackson gefallen hat. Dann dürfen  wir einer von 24 (oder auch 236 Mirko-Freunden) sein, die Mirko sagen, dass uns dieser Film auch gefallen hat. Diese bahnbrechende Form von Konversation gibt es so erst ab Web 2.0! Wie haben die Menschen  früher bloß ohne das Internet und diese revolutionären Twitter-Dialoge überlebt? Was muss das für ein fürchterliches kontaktarmes Dasein gewesen sein. Kaum auszumalen hingegen, wie toll sich das in Zukunft alles noch weiterentwickeln wird! Schon jetzt, ist man doch erschüttert vor Glück, wenn man diese todlangweiligen  Fotos vom letzten Einkaufsbummel einer seiner  Community-Freunde  ansehen darf (bzw. muss), von dem man meist nicht mal weiß, wie er mit Vornamen heißt. 

Übrigens, wer kauft heute  eigentlich noch in der Realität ein? Selbst unsere Partner für den nächsten öden Lebensabschnitt finden wir auf Internetplattformen. Und wenn wir Männer lediglich etwas für unsere sexuelle Befriedigung suchen, dann werden wir z.B. auf Poppen.de fündig – wobei meist eher nicht. Aber auch dann müssen wir nicht verzagen, denn auf solchen Portalen gibt es immer auch genügend Nutten, die sich Zeit für uns nehmen, wenn wir sie dafür nur ausreichend entschädigen.

quid pro quo

Hach, jeder lebt so supergeilunglücklich in seinem Onlline-Kokon. Und Facebook & Co erlaubt es uns, und zwar ohne dass wir unseren Kokon dafür verlassen müssen, - etwas von jenem Gefühl zu atmen, dass uns vorgaukelt, das wir irre beliebt sind und so ekelerregend kontaktfreudig.

Doch einige jener Menschen, die irgendwann erkennen, dass sie den Bezug zur Realwelt verloren haben und ihre vermeintlichen Freunde bei Facebook & Co  kaum bis nichts mit ihrem echten Leben zu tun haben, geben bei Google dann Suchanfragen ein, wie:

MEIN  LEBEN IST SINNLOS

Und dann landen sie auf  so schauderhaften und zutiefst niederschmetternden Homepages wie der meinigen. Und Dank der von mir implementierten Kommentarfunktion hinterlassen mir dann einige von diesen desillusionierten Personen einen Kommentar. Und fällt dieser Kommentar (mir gegenüber) positiv aus, biete ich ihnen vielleicht meine virtuelle Freundschaft an. Und dies ist dann ihr  großes Glück! Denn meine Online-Freunde erfahren als Erste (Dank RSS & Co), wenn ich mich irgendwann (aufgrund der zunehmenden Seichtheit dieser Zeit)   umgebracht haben werde; -  womit sie mich dann auch als Erste von ihren Freundeslisten löschen können, um Platz für neue unbedeutende Kontakte zu haben. Einfach herrlich!

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Holzpferdchen, 30. Oktober 2010 - Heute den ganzen Tag in der echten Prärie gewesen. Frische Luft, ein  echtes Pferd das allen Respekt und meine Hochachtung und Liebe verdient. Ich danke Dir für diesen Artikel...er spricht schlicht und ergreifend nur die Wahrheit und mir aus der Seele.

Nadja G - 30 Oktober 2010  - Irgendwie habe ich jetzt keine Lust mehr auf Facebook. Danke auch!

Fortsatz, 24 Januar 2011-  Früher waren die Menschen auch saudoof, nur jetzt sind sie noch passiver dank dem web 2.0. ich warte auf die gegenbewegung...

Mariata, 14 juni 2011 - ich finde es schade um jeden, der Facebook verlässt. Ich verstehe nicht,  wie man das nicht mehr nutzen kann. Ich mache praktisch alles bei  Facebook und könnte gar nicht mehr ohne. Wenn von meinen Freunden einer  Facebook verlässt, ist der für mich gestorben!

Schäfchen, 29 Juni 2011 Im letzten Teil finde ich mich wieder. Nur habe ich mit Facebook erst gar nicht angefangen, da das Bedürfnis sich jeden dahergelaufenen mitzuteilen nicht da ist. Du Dr. Wortmutation darfst dich also durchaus geehrt fühlen. Diese lächerliche Freundesgeilheit überall. Diskussionen über die angesagtesten Farben wie scheiße doch x oder y ist, was man so aufschnappt, reicht mir voll und ganz, darin muss ich mich nicht noch suhlen. Meine große Leidenschaft ist die Logik, nicht die Menschen. Leider bin ich ab und an auch hormonell gezwungen etwas RL zu haben, was mich leider auf diverse Kontakt Seiten treibt. Und leider kann man offensichtlich den Drang sich mitzuteilen nicht ganz ablegen.)

Wortmutation: Ja, dieses hormonelle und mich immerzu nötigende (Un-)wesen in mir, treibt denn auch mich in kontaktanbahnende Communitys.  Aber selbst diese sind für mich nur ein lästiges Übel, um (an) das zu (be)kommen, wonach es mich (meine Lenden) dürstet.

An Mariata:  WTF! Wenn Du Deine Aussage: “Wenn von meinen Freunden einer Facebook verlässt, ist der für mich gestorben!” tatsächlich ernst meinst, dann bist Du für mich ein Paradebeispiel dafür, das derartige Netzwerke bei manchen Menschen tatsächlich zu einer sozialen Verwahrlosung führen.  Gefällt mir 1 :-)

JTHM, 24 Dezember 2011 -   ;) *Applaudiert*
 

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