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Alles Liebe, oder was? Es gibt meines Erachtens angenehmere Dinge, über die es sich schreiben ließe, als über die Liebe, und doch lasse ich es mir an dieser Stelle nicht nehmen, einige Worte über sie zu verlieren. Die Rede soll hier aber nicht sein von der Mutterliebe, der Geschwisterliebe, der Nächstenliebe, der Eigenliebe, der Nest- oder Vaterlandsliebe, oder womöglich gar, der Liebe zu Gott. Ich möchte hier vielmehr meine unpopuläre Meinung über eine ganz eigenartige Form der Liebe kundtun, nämlich der Liebelei, der sich millionenfach hingegeben wird, und die, leider oft als wahre Liebe missverstanden, ihren misslichen Siegeszug unaufhaltsam fortsetzt. Die Liebelei, von der hier im folgenden die Rede sein soll, befällt bevorzugt jeweils ein menschliches Doppel, welches sich fortan gern als Liebespaar vorführen lässt. Ja, und dieses unwirkliche Liebespaar, welches sich eigentlich nur aus rein niederen Gründen irgendwie zueinander hingezogen fühlt, verspürt alsbald den mächtigen Wunsch einander auszuziehen und sich schliesslich ineinander zurückzuziehen. So weit, so gut! Doch, und an diesem Punkt nimmt diese verheerende Kuriosität leider einen unwirtlichen Lauf, weil nämlich das vom Liebelei-Bazillus infizierte Zweckbündnis eben dazu neigt, jenes körperliche sich zueinander hingezogen fühlen total über zu bewerten. Und quasi als Krönung ihrer Unvernunft zeichnen sie ihre Verbindung fälschlich mit dem Etikett der Liebe. Und weil allerorten so fahrlässig mit dem Wort Liebe umgegangen wird, ist der plakative Auswurf „Ich liebe dich“ für mich zu einer der am häufigsten gelallten Lügen der Welt gebläht. Ja, und wehe dem Mann oder der Frau, der mir diese drei Worte leise ins Ohr säuselt, wenngleich er doch etwas ganz anderes meint, als die Form der Liebe, die mir so vorschwebt. Nun vergeht ja leider auch kaum ein Tag, wo ich mir nicht anhören müsste, wie sich irgendwer irgendwann einmal in irgendwen verliebt hätte und irgendwo nun ganz tief in seinem Inneren spürte, dass dieser jemand für ihn die große Liebe sei. Natürlich, gar keine Frage, das ist schon eine schöne Sache. Nur hält so eine große und für die Ewigkeit gedachte Liebe im Durchschnitt gerade einmal sechs Monate. Schlimm finde ich auch, wenn die Liebeskränkelnden mir von ihrer Verliebtheit erzählen, ihre Augen dabei leuchten wie die eines Kindes, das dir heuchlerisch vom lieben Weihnachtsmann erzählt, aber eigentlich doch nur an die vielen Geschenke denkt, die es einzusacken gilt. Denn was die verliebten Kinder da schwärmerisch Liebe nennen, das ist doch oft nichts weiter als das gierige Auspacken aller dargebotenen Präsente. Dann ergötzt man sich an den Opfergaben, spielt mit ihnen, aber behält sich immer die Hintertür offen, um bei passender Gelegenheit das alte Geschenk gegen ein neues einzutauschen. Ja, und in der Tat, kaum anderswo wird einem aufmerksamen Betrachter ein solch übel riechender Kübel voll von egoistischen Verhaltensmustern vorgehalten wie bei den verkitschten Gefühlsduseleien verliebter Turteltauben. Sie flüstern sich ihre Botschaften ins Ohr, die immer auch die versteckte Forderung in sich enthalten: „Bleibe ja immer die Person, die ich mir wünsche, sie zu besitzen!“ Und dieses ungezähmte Begehren, gepaart mit dem kindlichen Verlangen, zieht oft genug eine hässliche Spur der Zerstörung nach sich. Nun wäre aber das Begehren, für sich allein genommen, ja noch eine harmlose Sache, wenn man es nicht immer gleich krampfhaft mit der eigentlichen Liebe vermengen würde, die mit der labilen Liebelei doch so gar nichts zu tun hat! Wie oft schwören sich die Liebeswütigen eigentlich nur deshalb die ewige Liebe, weil sie ihr eigenes Verlangen gestillt und abgesichert wissen wollen? Ja, verdammt noch mal, wer liebt denn schon, von all denen, die da meinen, sie würden lieben, vollkommen selbstlos? Sie spielen doch nur ihr unreifes Spiel, und zwar gespickt mit kleinen und großen Eifersuchtsszenarien und wirren Widersprüchlichkeiten. Das fängt doch schon mit den wohl gut gemeinten, aber doch eben reichlich unüberlegten Schwüren an wie z.B.: „Ich liebe Dich bis in alle Ewigkeit“, „Ich bleibe für immer Dein!“, „Nichts kann uns trennen!“ Ach, wirklich nichts? Dass ich nicht lache! Es genügt doch in der Regel schon, wenn der Angebetete mit einem anderen ins Bett geht, und die vermeintliche Liebe endet doch spätestens dann, wenn einer der Partner dem anderen zu verstehen gibt: „Du, Schatz, natürlich liebe ich dich auch, aber eben mehr platonisch, und Sex, den habe ich dann doch lieber mit einem anderen.“
Nichts wird auf dieser Welt mehr beschworen als die Liebe, und nichts fällt doch auch so schnell wieder in sich zusammen, als die auf die Liebe gebauten Sand-Traum-Burgen am Strand der gelallten Liebesversprechen. Und warum verhält sich dies so? Weil sich dieses ganze Possenspiel, welches mit wahrem Übereifer rund um die Liebe aufgebaut wurde, doch meist nur auf einer Lüge gründet; auf die Liebeslüge nämlich! Ja, ich gehe sogar soweit und behaupte: Nur wer auf die folgenden zwei Wörter bei seiner Definition von Liebe verzichten kann, der spricht vielleicht wirklich von der Liebe. Die Liebesverrückten aber, für die die nun folgenden Begriffe bei ihrer Definition von Liebe zwingend dazugehören, die reden nur von der Liebelei, einerlei, wovon sie zu reden meinen. Für mich aber gilt folgender Grundsatz: Man trenne von der Liebe ab die Begierde und die Leidenschaft! Und nun mal ganz ehrlich, sind Sie hierzu in der Lage? Nein? Ich nämlich auch nicht! Nur habe ich, im Gegensatz zu vielen, vielen anderen Menschen meine Konsequenzen daraus gezogen und nenne nicht mehr Liebe, was Liebe eigentlich nicht ist. Manche bezeichnen mich deshalb sogar als liebesunfähig, ja gar als lieblos. Natürlich gibt es auch für mich immer wieder diese Momente. wo ich gerne einmal diese trivial klingenden drei Worte trällern würde, nämlich: „Ich liebe dich!“ Aber glücklicherweise kann ich mich beherrschen. Und das ist gut so! Denn solch ein verbaler Gefühlsausbruch wird nicht selten falsch interpretiert und kann sich zu einer gefährlichen, in manchen Fällen sogar zu einer lebensbedrohlichen Situation hochstilisieren. Es gibt leider viel zu viele Menschen, bei denen nach solch einer Kundgebung irgend etwas aushakt und sie verrückt spielen lässt. Sie sind fortan befallen von einer unheilvollen Krankheit, einer Art Tollwut des Herzens. Und das Entsetzlichste bei diesem Leiden ist, dass der Betroffene sich in der Rolle des Wahnsinnigen gefällt und leider auch noch, hier und da, auf Zuspruch stösst. So spielt der Gefühlskranke weiter sein peinliches Spiel, als das klägliche Abziehbild des Romeo. Und in seinem Wahn lässt er sich nun die verrücktesten Dinge einfallen, nur um seine Liebe immer wieder aufs Neue zu beweisen - und beweist damit doch nur seine Unvollkommenheit, wirklich zu lieben. Leider kommt er sich bei all seinen Aktionen nicht etwa blöde vor, meint er doch, dass es sich hierbei schliesslich um seine große und immerwährende Liebe handelt, die ihm das Schicksal zugeführt hat und für die es zu kämpfen gilt, koste es, was es wolle - wenn es sein muss, auch das Leben! Dabei finden die meisten Menschen doch gar nicht so schicksalhaft zusammen, wie sie es sich immer gern wieder und wieder einzureden versuchen. Sie sind einfach auf irgendeinem Platz dieser Welt aneinander geraten, schmeichelten einander mit abgeschmackten und einstudierten Wortstakkati. Und doch tun sie alsbald schon so, als ob sie nicht mehr wüssten, dass sie im Grunde genommen austauschbare Schablonen darstellen und eigentlich ja der erste beste mit becircenden Platitüden bombardiert wird, wenn er sich denn in die Schublade des Begehrenswerten nur irgendwie hineinzwängen lässt. Ja, viele Menschen unternehmen einfach alles, nur um in einer solchen Liebelei-Falle zu landen. Dass diese Abart der Liebe dann aber im Zweifelsfall doch mehr einem Gefängnis gleichen könnte als einem Paradies, scheint sie nicht von ihrem Unternehmen abzuschrecken. Angelockt durch die Aussicht auf geregelten Geschlechtsverkehr und jenes trügerische Gefühl einer seichten Sicherheit, begeben sie sich auf ihren Weg. Und dafür nehmen sie scheinbar gern eine Fülle von Unannehmlichkeiten in Kauf. Liebe(lei) ist ohnehin nur Sklaverei, die manch einer sich eben als Vergnügen suggeriert. Und wie wird uns denn die Liebe(lei) schon seit Ewigkeiten dargebracht? Doch nur als ein märchenhaftes Gebilde, als ein fleckenloses Glückverheissendes Kasperletheater, welches uns in Verzückung schwingen lässt, obwohl oder gerade weil es mit der richtigen Liebe nichts zu tun hat! Der Mensch sehnt sich halt nach diesen platten Herzenzgeschichten, denen jeglicher Tiefgang fehlt. Und so kam es halt, wie es kommen musste, da wir selbst literarische Stoffe wie Romeo und Julia oder Othello als Anleitungen für das richtige Lieben missverstanden haben. Wieder andere orientieren sich an den modernen Leinwandneurotikern und leiden mit ihnen, anstatt sich über ihre Torheit zu amüsieren. Ja, und es gibt sogar heute noch, im ausgehenden 20. Jahrhundert, Menschen, die meinen, bei den Leiden des jungen Werther handelt es sich um eine rührselige Liebesgeschichte, die von einem wahrhaft Liebenden erzählt, den seine Leidenschaft bedauerlicherweise in den Wahnsinn getrieben hat. Und das ist es, wovon diese Geschichte eigentlich, ja ausschließlich handelt; vom Wahnsinn eines Menschen, der denkt zu lieben, und damit die Idiotie seines Wesens zu erklären versucht. Solch ein Mensch wie die Romanfigur des jungen Werther gehört unter ärztliche Aufsicht gestellt, aber ganz bestimmt nicht auf das Podest der wahrhaft Liebenden gehoben. Doch Morde aus Eifersucht, verschmähter oder sich nicht erfüllender Liebe, die gibt es zuhauf. Die Psychosen des Leidenschaftswahns sind mannigfaltig, und es singen unzählige Opfer ihre Klagelieder aus ihren Blutdurchtränkten Särgen. Wie viel Leben hat uns diese falsche Liebe schon gekostet, in der die Leidenschaft und Begierde die ersten Ränge für sich in Anspruch nehmen? 0h ja, bis dass der Tod euch scheidet; welch ein schlechter Witz mit bösem Ausgang! Wer also die reinste Form der Liebe erfahren will, der suche sich gefälligst einen Menschen, den er nicht im geringsten begehrt, nach dem sich kein Funken Verlangen ausrichtet, und begebe sich mit ihm gemeinsam auf die Suche. Und all die anderen, sie sollten sich in einer stillen Stunde einmal fragen, was sie sich eigentlich dabei denken, wenn sie sagen: „Ich liebe Dich“. ® Arne Pahlke /Januar 2000 |
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