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Alptraum a la Magarethe Arne Pahlke, Februar 1996
Ich schrecke auf - schweißgebadet. Ein mich durchnässender Alptraum wringt meine Augen aus. Ich schleiche ins Badezimmer und schaue in den gespaltenen Spiegel Und ich sehe mich in einem völlig neuen Anstrich. Meine Haut schimmert wie kostbares Pergament und meine Pupillen leuchten wie Perlmutt. Meine ehemals streichholzkurzen Haare wuchern mir lang und blond bis zu den Kniekehlen hinab. Ich bin über Nacht verpuppt, mutiert zu einem Musterwesen beispielsloser Schönheit. Ich fühle mich wie eine rote Rose in einem Meer von Stiefmütterchenbeeten. Doch dann dieser Alptraum, der den Wachzustand überlebte:
Die frisch auf dem Fernsehbildschirm wiedergekäute Quotennutte Magarethe S. umschlang mich mütterlich und schob mich unter warmherziger Gewaltandrohung ins Rampenlicht. Ich landete auf einem dieser farblich getunten Kunstledersessel und fügte mich unfreiwillig in jenes heuchlerische System, als einer dieser Lückenfüller für die grellbunt gepinselten Muppet-Werbeshows. Links von mir saß das krächzende Wortschätzchen und rechts ein extra blass gepuderter an Leukämie erkrankter und von daher sehr quotenträchtiger, schmächtiger slowenischer Junge, durch aggressive Chemotherapie kahlköpfig und hohlwangig geworden. Aber dafür machte der todgeweihte Junge seine Sache wirklich gut. Ich meine, er war ja schließlich kein Profi sondern er hatte lediglich das große Glück aufgrund seiner schrecklichen Krankheit dabei sein zu dürfen, inmitten dieser scheinbar privaten Wohnzimmeratmosphäre, die unter dem bunten Anstrich steriler anmutete, als der Tod in einem Krankenhausbett. Die dreidimensionale Anziehpuppe wippte mit Tränen erstickter Stimme durch ihr Miniaturstudio und verlas stockend die Spendenkontonummer. Es war bereits der dritte Spendenaufruf in dieser Sendung. Einer lief zugunsten einer hyperaktiven Kleptomanin, der man auf diese Weise ein eigenes Geschäft zusammensammelte, sodass sie sich in Zukunft nur noch selbst bestehlen konnte… Und der zweite Spendenaufruf ging zugunsten eines iranischen Jungen, der durch eine Tretmine beide Arme und Beine verlor und in Magaretehe’s Show unter rhythmischen Klatschen kugelnde Kunststücke vollführte. Das kam wirklich gut an! Seine spastischen Darbietungen hoben die geschnürte Stimmung enorm. Und alles was er tat, sah zudem sehr lustig aus. Und Humor ist beim Fernsehen nun einmal ein wichtiger Faktor, auf dem Weg hin zur Totalverrohung.
Nun aber senkte sich Margarete Scheibenkleister zum slowenischen Menschenbündel hinab. Dabei liefen ihr dicke Zwiebeltränen über die Wangen. Ob schon wieder oder immer noch, dies weiß ich nicht zu sagen. Spontan entschloss ich mich dazu, mit einer selbstlosen Hilfsaktion auf mich aufmerksam zu machen. Unter dem synchronisierten Jubel der 62 Zuschauer opferte ich meine Haarpracht. Ich ließ mich von Leo Kirch skalpieren und setzte dem kalken Jungen meinen Skalp aufs Haupt. Das daran haftende Blut lief über seine eingefallenen Wangen und hauchte ihn neues Leben ein. Sodann wurde ich ohnmächtig und fand mich plötzlich auf dem Stuhl der Wahrheit wieder. Das Publikum bespuckte mich mit zehn verfänglichen Fragen, und ich verstrickte mich in wirre Widersprüche.
Schließlich konnte ich die tobende Meute nicht mehr davon überzeugen, eigentlich und im Grunde genommen,gar kein kahlköpfiger Skinhead zu sein. Sie glaubten meinen Worten nicht, sondern sie glaubten gewohnheitsgemäß nur das, was sie sahen. Und ich sah nun einmal wie ein Skinhead im Blutrausch aus. Sie prügelten mich aus der Sendeanstalt.
Im Laufe der darauf folgenden Wochen verlor ich erst die Arbeit, dann meine Familie und schließlich irgendwie mein Gleichgewicht. Ich lebte nunmehr von Sozialhilfe und wurde in einem Containerdorf für Asylanten untergebracht. Kurz darauf zündelten rechtsradikale Moslems an meiner Wohnbaracke und ich ging mitsamt meiner kläglichen Habe in Flammen auf.
Ich überlebte, trug allerdings schwerste Verbrennungen davon. Doch das Kuschelmonster Margarethe übte Wiedergutmachung: Und so wurde ich zu dem neuen Aushängeschild einer groß angelegten Kampagne und lächelte fortan von großflächigen Plakaten, mit von mir hängenden Hautlappen zu Sätzen wie : VIEL RAUCH UM NICHTS oder ER WAR STOLZ EIN DEUTSCHER ZU SEIN oder auch NICHTS WIRD SO HEISS GEGESSEN, WIE ES ZUVOR GEGRILLT WURDE |
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® sämtliche Textrechte liegen bei Arne Pahlke/Wortmutation |
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