Anleitung zum Schwulsein

 

Eine sachliche Grundvoraussetzung für ein möglichst schattenloses und beglückendes Schwulsein ist natürlich, dass Sie in einem männlichen Körper wohnen. Aber wenn möglich, sollte übertrieben veräußerte Männlichkeit vermieden werden, denn sie stünde einer schwulen Lebensform eindeutig im Wege!

Sind Sie bereit?

Schön.

Dann denken Sie zunächst einmal weit zurück bis zum Wurzelknorpel Ihrer Knabenzeit und lassen Sie hierbei ihr Kirchenzelt lieber unter der Decke, damit die triebhafte Katze endlich aus dem geschüttelten Sack gelangt.

Sehen Sie nun die sexuell stimulierenden Bilder, die vor Ihrem inneren Raubkatzenaugen erscheinen und sprechen Sie laut das aus, was schon seit langer Zeit aus Ihnen heraus will!

Sie sehen:

Frauen mit androgynen Gesichtsausdrücken – nebulöse Phallussymbole

Frauen ohne Brüste und ohne Orangenhaut – geilende Phallussymbole

Frauen mit festen handlichen Pobacken -  pulsierende Phallussymbole

Frauen ohne Schamlippen – Sie sehen Schwänze, Schwänze, Schwänze!

Nein, was dort eben vor Ihrem inneren Auge ablief,  entsprach keinesfalls der Norm! Was Sie soeben sahen, ist das latente Vorhandensein homosexueller Wesenszüge. Nun aber bitte nichts überstürzen, denn vor dem eigentlichen Coming out kommt zunächst die Co-me-in-and-find-out-Phase, sprich: das Studium am lebenden Objekt.

Und nun glauben Sie ja nicht, dass sich nicht mittels Schnellverfahrens ein geeignetes Gebilde für Ihre ersten praktischen Übungen finden ließe. Eines wird Ihnen rasch klar werden: Sie müssen als angehender Homosexueller in puncto Ihres Triebverhaltens einen gewaltigen Umdenkungsprozess durchlaufen. Denn da Sie fortan kein gewöhnliches heterosexuelles Wesen mehr mimen müssen, brauchen Sie sich auch nicht mehr für jeden noch so extraordinären Geschlechtsakt in einen Strudel voll von Verpflichtungen und Lügen zu begeben. Der Wind bläst Ihnen zukünftig aus einer angenehmeren Richtung entgegen, und wenn Sie schlau sind, lehnen Sie sich zurück und genießen Sie ihn!

Es werden sich Ihnen bald schon die Möglichkeiten bieten, von denen Sie früher nur geträumt haben: eine Welt nämlich, voll von sich Ihnen hingebenden Körpern.

0h, welch bedauernswertes Los hat hingegen  der gemeine Oberweiten-Fetischist gezogen, der sich einzig und allein darauf versteift hat, ein Leben lang nach der nymphomanen Weiblichkeit zu fahnden, die ihre Begeisterung beim Sex nicht ausschließlich nach dem ihr zur Verfügung gestellten Haushaltsgeld ausrichtet.

Nun denn, lassen Sie uns unsere  Bemühungen fortsetzen: Treten Sie hinaus auf die Straße und zeigen Sie der Welt, wer Sie sind! Und Sie müssen nicht denken, dass niemand von Ihnen Notiz nehmen wird. Der schwule Mann wird Sie rasch lokalisieren. Wie das? Nun, Homosexuelle entwickeln binnen kürzester Zeit den sogenannten seherischen Blick. Und dies ist nur eine von vielen Veränderungen, die auch Sie bald bei sich bemerken dürften.

Erscheint Ihnen diese Variante als zu unsicher und unberechenbar, so besteht selbstverständlich auch die Möglichkeit, sich in einem gut sortierten Bahnhofskiosk, ja oder besser noch in einem einschlägigen Sexshop geeignetes Informationsmaterial zu besorgen.

Ach, und an dieser Stelle ein gut gemeinter Hinweis von mir: Lassen Sie sich bloß nicht durch die angstschwangeren Safer-Sex-Kampagnen im Innenteil schwuler Zeitschriften beunruhigen. Und auch die unzähligen Nachrufe, für an AIDS verstorbene Freunde, sollten Sie nicht irritieren. Auch dürfen Sie sich bitte nicht durch die überproportional auftretende Werbeflut diverser Bestattungsunternehmer innerhalb der schwulen Blätterwelt verunsichern lassen.

Denken Sie positiv!

Schwulsein hat im Grunde genommen aber auch gar nichts mit dem Verderben zu tun - obgleich es für viele  Schwestern ja gerne ein wenig verdorben sein darf; aber das nur nebenbei angemerkt.

 

 

Nun allerdings sollten Sie endlich Ihre erste sexuelle Handlung anvisieren. Und verlieren Sie keine Zeit, denn die Lebenserwartung gleichgeschlechtlich lebender Personen liegt unter dem Durchschnitt. Wenn Sie das erworbene Informationsmaterial (nein, nicht die erworbene Immunschwäche!) aufmerksam studiert haben, sollten Sie nicht mehr mit der fadenscheinigen Ausrede daherkommen, es hätte sich Ihnen keine Möglichkeit zum Sex geboten. Zwar bleiben Ihnen als zukünftiger Homosexuellen wohl einige Türen verschlossen, aber ganz bestimmt nicht die, die zur sexuellen Entfaltung führt. Und in jenes kurios aufbereitete Zwingergebilde heterosexuell gelagerter Moralvorstellungen müssen Sie sich ja nun nicht mehr hineinzwängen.

Es kann Ihnen nun aber auch passieren, dass sich bei Ihrem ersten gleichgeschlechtlichen Zusammentreffen nicht gleich jenes wohlige Gefühl einstellt, welches Sie sich insgeheim erhofft haben mögen. Diese Tatsache sollte Sie aber keinesfalls beunruhigen. Schließlich enden auch in einer normalen Mann-Frau-Beziehung die ersten sexuellen Gehversuche oft mit einem Totalausfall, und es läuft dabei längst nicht alles so glatt von der Stange, wie es nachträglich gern von der stolzen Männlichkeit hingestellt wird. Wir wissen doch im Grunde genommen alle, dass der Mann sich aufgrund kapitaler Erziehungsfehler nur äußerst selten dazu in der Lage sieht, sich sein Versagen offen einzugestehen.

Ja, und ob Sie es mir nun glauben oder nicht, er zieht eher noch jenes Unglück vor, irgendein dahergelaufenes sexuelles Missgeschick zu ehelichen, als sich selbst (und damit eben auch der Frau) einzugestehen, die falsche Wahl getroffen zu haben. Dieses törichte Verhalten hat natürlich seine Ursachen; so z.B. diese, dass sich trotz heftiger Dementis die richtigen Männer oft in ihre notdürftig aufgebauten (Fick-)Verhältnisse verbeißen, weil sie eben fürchten, nach Beendigung eines solchen wieder für Monate oder gar Jahre auf Handbetrieb umschalten zu müssen.

Ja, und so passiert es nicht selten, dass der richtige Mann mit seiner getroffenen drittklassigen Brautwahl unsanft ins vierte Ehejahr hinüber gleitet und das fünfte ungewollte Kind ihn zum Bleiben nötigt, da ein Ausbruch aus der Familie seinen finanziellen Ruin nach sich ziehen würde. Und so stiehlt sich der richtige Mann eben dann und wann für ein heimliches Techtelmechtel in irgendeinen miefigen Puff davon, oder mimt einen auf verklemmten Halbschwulen, um sich in schäbigen Darkrooms seinen zu kurz gekommenen Schniedel abmelken zu lassen.

Und warum erzähle ich Ihnen das alles? Natürlich nur, um Sie von den vielen Vorteilen des Schwulseins zu überzeugen! Oder meinen Sie, dass Sie sich im Vergleich zum Sozial- und Sexualverhalten der richtigen Männer für Ihr Anderssein noch immer schämen müssten?

Sicherlich, Homosexuelle werden wegen ihres ausschweifenden Sexlebens von dem normalen Bevölkerungsanteil oft an den Pranger gestellt. Aber glauben Sie nicht auch, dass, wenn es öffentliche Parks, spezielle Kinos oder Bars mit besonderen Spielflächen geben würde, in denen sich Frauen (und zwar unentgeltlich!!!) in erwartungsfroher Duckstellung mit weit geöffnetem Mund auf die Anhängsel umherstreunender Männer einstellen würden - ja, sagen Sie mir, glauben Sie dann nicht auch, dass die Schlupflöcher eben jener Frauen ständig überlaufen würden?

Aber das soll nicht mehr Ihr Problem sein, denn Sie haben sich ja nun hoffentlichendgültig für das Schwulsein entschieden.

Also heiße ich Sie herzlich willkommen in der Familie. Doch glauben Sie ja nicht, dass Sie sich nun aller Probleme entledigt hätten, aber das sind ja wieder ganz andere Geschichten.             © Arne Pahlke / 1999 

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