Arne, bist du ein einsamer Mensch? (Arne Pahlke, März 2005)

 

Arne: Arne, bist du ein einsamer Mensch?

Ich: Nein.

Arne: Das glaube ich dir nicht.

Ich: Weißt du was? Ich mir auch nicht. Aber es lag immerhin im kalkulierbaren Bereich des Möglichen, das du mir abgenommen hättest, was ich mir bereits seit längerer Zeit nicht mehr einzureden versuche, das ich nämlich nicht einsam bin. Tatsächlich fühle ich mich bisweilen extrem abgesondert. Ich fühle mich bisweilen sogar derart von allen Menschen und Dingen abgetrennt, das ich vor lauter Einsamkeit laut aufschreien möchte. Aber ich unterlasse dies, weil ich weiß, das da niemand wäre, der mir antworten könnte.

Arne: Woher willst du das so genau wissen?

Ich: Ich weiß es einfach  - nenne es Hellsichtigkeit in aparter Angelegenheit. Und außerdem bestehen Antworten doch nicht allein deshalb aus Auflösungen, nur weil sie dir Auskünfte erteilen.

Arne: Wann fühlst du dich einsam?

Ich: Ich er- und durchlebe, seit ich auf diesem Globus herumschwärme, die verschiedenartigsten Einsamkeitsmuster, darunter wahrhaft berauschende Modelle. Ich möchte eben etwas loswerden: Der Begriff Einsamkeit ist in unserer westlichen Welt viel zu negativ besetzt. Zumindest verbinde ich mit diesem Begriff nicht allein das Gefühl von Verlassenheit, nicht allein das Gefühl vom Abgeschiedensein von der Welt. Für mich ist Einsamkeit auch und vor allem ein Geschenk, das richtig ausgepackt, ungemein wertvoll sein kann. Aber wie ich dich kenne, hast du mir die Frage eher gestellt, weil du mit mir über die Schattenseiten der Einsamkeit reden möchtest?

Arne: Hmmm, ja, vielleicht würde ich wirklich lieber etwas über die Schattenseiten deiner Einsamkeit hören?

Ich: Das Gefühl der Verlassenheit kennt jeder. Dafür muss man nicht einmal dem Babyalter entwachsen. Und fast jeder dürfte sich bereits gefragt haben, woher diese urgewaltige Sinnesempfindung herrührt, die einem wie eine glühende Zange umfassen kann. Doch während man dieser Frage nachjagt, ist dieses Gefühl meist auch schon wieder verschwunden.

Arne: Ja, ich kenne das.

Ich: Vielleicht sollte man einfach in diesem Urgefühl baden. Natürlich muss man dabei darauf achten, das man nicht so weit hinaustreibt – hinaus in die Verlassenheit –und dann nicht mehr allein aus ihr zurück findet.  Ich glaube wirklich, das es gesünder ist, wenn man in diesem Gefühl eine Weile einfach nur badet. So, wie man im Toten Meer, wo man doch auch einfach alle Viere von sich streckt. Ich glaube, dies wäre die bessere Methode, als verkrampft zurück ans Ufer der Betriebsamkeit zu schwimmen.

Arne: Zurück ins Leben?

Ich: Wie bitte? Einsamkeit ist doch nicht das Gegenteil von Lebendigkeit. Die Majorität meiner lebendigsten Momente erlebte ich für mich ganz allein – gebettet in die Isolation meines allein stehenden Ichs. Aber kennst du jene Einsamkeit, die dich nachts aus dem Schlaf zerrt und dich völlig schutzlos in einen eisigen Wachzustand katapultiert? Kennst du jene unförmigen Momente, in denen keine Menschenseele herbeirufbar ist, die dich aus dem Würgegriff eben dieses Gefühlschaos eines absoluten Abgetrenntseins befreien könnte? Und dies nicht etwa, weil niemand zum Herbeirufen da wäre, sondern weil du niemanden kennst, der, wenn er zu dir kommen würde, diese deine Einsamkeit dann auch durchdringen könnte?

Arne: Hmmm

Ich: In diesen eingefrorenen Augenblicken deiner eigenen Zeitrechnung, wirst du eventuell spüren, dass dich eine Mauer umgibt.  Und wenn du dann noch genügend Kraft und Mut besitzt und etwas tiefer blickst. Ja, wenn du auch dort hinschaust, wo es richtig wehtut, dann wirst du erkennen, das du es selbst warst, der diese Mauer aufgeschichtet hat. Du wirst sehen, das du selbst über Jahre oder Jahrzehnte Stein um Stein im Schweiße deines Angesichts diese Mauer des Abgetrenntseins selbst aufgeschichtet hast. Dies ist ein Blick in die Einsamkeit, der dich wie ein Dolchstoß treffen kann. Und manche überleben einen solchen Blick nicht – sie sterben an seinen Folgen – was sich über Jahre hinziehen kann.

Arne: Du sprichst von dir?

Ich: Ich spreche über uns alle. Du kennst diese Einsamkeit doch auch?! Natürlich kennst du dieses Gefühl! Auch du warst schon im Würgegriff der allgewaltigen Abgetrenntheit. Auch in dir klebt seither jener unbeschreibliche Schmerz im Kehlengrund. Und es ist gut so, wie es ist. Dieser unsichtbare Film in den Tiefen unseres Kehlengrunds erinnert uns gelegentlich daran, dass wir alleine sind  - und zwar zu jeder Sekunde unseres Lebens. Und eines Tages wird unsere Kehle anschwellen. Und aus der unsichtbaren Filmflüssigkeit wird sodann ein Sprudel wachsen, in dem wir ersaufen werden.  Und ob für uns danach irgendwo eine neue Sonne aufgeht, dies ist hier nicht die Frage. Was wir Einsamkeit nennen, dies ist oft nichts anderes, als die panische Angst vor dem Tod.  Und weil fast alle Menschen diese panische Angst vor dem Tod treibt, ertragen sie den Besuch der Einsamkeit nicht. Und daneben sind ihnen Menschen unheimlich und oft sogar zuwider, die die Einsamkeit bewusst suchen.

Arne: Was meinst du,  warum sind diese Menschen ihnen so unheimlich?

Ich: Weil sie ihren eigenen Tod und die damit einhergehende Verwundbarkeit in der Gegenwart dieser Menschen stärker wahrnehmen. Und genau dies jagt ihnen eine entsetzliche Angst ein. Und da sie mit dieser Angst nicht richtig umgehen können  - und sie den Auslöser für diese ihre Angst meist nicht bei sich selbst suchen, haben jene Menschen, die die Einsamkeit bewusst aufsuchen, einen schweren Stand in dieser Welt.

Arne: Inwiefern?

Ich: Nun, in mehrfacher Hinsicht haben diese Menschen einen schweren Stand. So suchen doch meist nur jene Menschen die Täler der Einsamkeit wiederholt freiwillig auf, die in ihrem Leben schwere Verwundungen davongetragen haben.  Unverletzte Menschen, nennen wir sie an dieser Stelle ruhig völlig zu Unrecht gesunde Menschen, suchen hingegen nur selten jene Täler der Einsamkeit auf. Und wenn sie es doch einmal tun, dann oft nur oberflächlich und flüchtig. So zünden sich z.B. viele Menschen für sich allein eine Kerze an. Anschließend schauen sie zehn Minuten ins Feuer und meinen dann, dass sie die Einsamkeit genossen haben. Aber diese Menschen haben die Einsamkeit nicht einmal berührt. Wenn sie die Einsamkeit gestreift hätte, dann wären sie wahrscheinlich sofort geflüchtet. Und eben deshalb mögen sie jene Menschen nicht, die sich der Einsamkeit wirklich zu stellen versuchen, da diese Menschen ihnen die eigene Schwäche vorführen. Und welcher Mensch möchte schon gerne als schwacher Mensch entlarvt werden? Also wird dem Einsamkeitsbadenden ganz rasch der Schwarze Peter untergejubelt. Man nennt ihn einen nicht lebensfähigen Exoten, einen komischen Kauz oder auch einfach nur einen weltfremden Träumer. Und dieses Vorgehen funktioniert prima, da jene Menschen, die die Einsamkeit meiden,  in der absoluten Überzahl sind. Die Gewichtung, auch von unehrlichen Argumenten, multipliziert sich leider durch die Massekraft jener, die sie abfeuern.

 

FrancMarc_-_Der_Traum_1912

 

Arne: Du sprachst aber von mehreren Widrigkeiten, mit denen Einsamkeitssucher zu kämpfen haben?

Ich: Ja, genau dies sagte ich. Und damit meinte ich vor allem die Widrigkeiten ihres eigenen Daseins. Wenn ich mich z.B. nicht selbst derart großflächig verwundet hätte, dann würde ich möglicherweise nicht einmal einen solchen Dialog, wie den hier vorliegenden, lesen.  -  Menschen, wie ich es einer bin, sind allein auf Grund ihrer isolierten Stellung hervorragende Zielscheiben.

Arne: Hast du dir diese isolierte Stellung aber nicht selbst ausgesucht?

Ich: Das ist eine durchaus förderliche Frage, die mich in diesem Zusammenhang allerdings ein wenig an die Frage mit der Henne und dem Ei erinnert.

Arne: Was war zuerst da?

Ich: Zuerst war die Welt da und dann wurde ich in diese Welt hineingeboren. Ich wurde in ihr groß und aus meinen Eindrücken und Erlebten kristallisierte sich nach und nach meine Grundsatzhaltung.

Arne: Eine Grundsatzhaltung, die sich insbesondere als Abwehrhaltung gegen eine als feindlich empfundene Welt manifestiert hat?  Eine immer stärker wütende Abwehrhaltung, die dich zunehmend hinein in deine selbst gewählte Isolation führte?

Ich: Das ist hier nicht die Frage, die ich dir dennoch gerne mit einem: „Ja, so in etwa kann es gelaufen sein …“ beantworten möchte. Aber die eigentlich interessante  Frage ist doch, ob ich diesen Weg freiwillig oder aber aus purer Feigheit gewählt habe - oder aber, weil mir tatsächlich kein anderer Weg gangbar war.

Arne: Glaubst du denn wirklich, dass es keinen anderen Weg gab?

Ich: Doch, es gab sogar einige Wege, angefangen von kleinen Trampelpfaden bis hin zu Autobahnen mit Überholspur, auf die ich hätte aufspringen können.   Aber mich trieb es eben direkt auf diesen Weg. Und im Grunde haben ohnehin alle Wege ein- und dasselbe Ziel.

Arne: Und welches?

Ich: Sie führen allesamt zur Erkenntnis. Und ich glaube, je antiker mein Antlitz gedeiht, dass es im Grunde genommen gar keine gute oder schlechte Erkenntnis gibt. Ich glaube, es besteht einfach nur die Wahl zwischen viel oder wenig gewonnener Erkenntnis. Wenn man also überhaupt von Siegern oder Verlierern des Lebens sprechen will, wie es in unserer Gesellschaft gern und ausführlich getan wird, so werden meines Erachtens noch am ehesten jene Menschen Sieger sein, die viel Teile des Erkenntnispuzzles gesammelt haben.

Arne: Gehörst du somit zu den Siegern?

Ich: Wenn es um Erkenntnis sammeln geht, so gehöre ich gewiss nicht zu den Verlierern. Aber es reicht nun einmal nicht aus, sich allein als Erkenntnistaucher verdient zu machen. Viel wichtiger ist es doch, was man beim Erkenntnistauchen für sich und  seine Mitmenschen an die Oberfläche holt. 

Arne: Lass uns bitte zurück, an die von dir erwähnte Mauer treten, jene Mauer, die man sich selbst aufschichtet. Hat deine Mauer denn keine Bruchstücke oder Lücken, durch die  andere Menschen hin zu dir hindurchschlüpfen können?

Ich: Natürlich hat sie das. Wenn meine Mauer keine Bruchstücke mehr hätte, dann wäre ich tot. Wobei, es gibt Momente, da fühle ich mich bereits tot.  Und dann schaue ich mir gelegentlich beim Totsein zu. Aber weil dieser Anblick auf Dauer schwer erträglich ist, lenke ich mich ab. Dies tue ich dann meist scheinbar zufällig, um vor mir selbst mein Gesicht zu wahren. Und auch tue ich dies um meinem eigenen Tod nicht beiwohnen zu müssen.

Arne: Magst du mir dies ein wenig erschöpfender darlegen?

Ich: Die meisten von uns gleichen lebendigen Toten. Es sind Zombies. Ich bin diesbezüglich also kein Einzelexemplar – höchstens ein Einzelgänger im Umgang mit eben diesem unerquicklichen Umstand.  Deshalb sollte eigentlich niemand mit seinen faulenden Fingern auf die Kadaver anderer Halbtoter zeigen, sondern er sollte stattdessen lieber häufiger das eigene Spiegelbild betrachten.

Arne: Und was würde er sodann im Spiegel sehen?

Ich: Einen annähernd lebloses Geschöpf – einen verdammt einsamen Menschen. Er würde eine Gestalt erblicken, die eigentlich nur noch funktioniert, hingegen kaum noch atmet und lebt. Aber wahrscheinlich würden die meisten Menschen gar nichts sehen. Ja, sie würden wohl nur das sehen, was der Spiegel ihnen vorgaukelt. Sie würden also nichts sehen! Sie würden nichts entdecken, was sie beunruhigt, von Alterungserscheinungen einmal abgesehen.   -  Wie erklärt ein Dauerschläfer sich den Wachzustand?  Wie sollte ein Dauerschläfer überhaupt erkennen, dass er schläft?  Ich bin so vielen Menschen begegnet, die ganz tief schlafen und dabei mit sich und der Welt dennoch rundum zufrieden scheinen – und zwar viel zufriedener, als ich es bin. Und diese Dauerschläfer würde fast jeder Allgemeinmediziner dennoch – oder gerade deswegen -  als absolut gesunde Menschen bezeichnen.

Arne: Und warum?

Ich: Weil annähernd jeder Allgemeinmediziner ebenfalls ein Dauerschläfer ist.

Arne: Aber was hat das jetzt mit der Einsamkeit zu tun, nach der ich dich fragte?

Ich: Verdammt! Alles hat mit allem zu tun! Ein Dauerschläfer ist immer einsam, ganz gleich, wie viele vermeintliche Freunde er ansammelt; ganz gleich, wie straff er seine zur Sinnlosigkeit verdammte Zeit durchorganisiert. Der Dauerschläfer ist einsam,  weil er alles dafür tut, nur um möglichst wenige jener Augenblicke zu durchleben, in denen die Einsamkeit bei ihm anklopfen könnte. Prinzipiell halte ich jene Menschen für die Einsamsten, die sich der Einsamkeit am wenigsten hingeben können. Doch ganz gleich, vor welchen Dingen wir Menschen flüchten - auf unserer Flucht bewegen wir uns dennoch ständig nur im Kreise um unsere Verfolger herum. Wir gewinnen also absolut nichts, indem wir den Weg der Flucht wählen  – noch nicht einmal einen klitzekleinen Vorsprung. Stattdessen verlieren wir kostbare Zeit. Und früher oder später werden wir uns alle stellen müssen – nicht zuletzt auch der Einsamkeit

Arne: Stellst du dich ihr denn?

Ich: Viel zu wenig – und doch mehr, als es die meisten Menschen meines Umfeldes tun. Aber andere Menschen sind vollkommen uninteressant, wenn es darum geht, in die Täler der Einsamkeit hinabzusteigen.

Arne: Was siehst du, wenn du zu ihnen hinabsteigst?

Ich: Schau gefälligst in dein eigenes Tal

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Kati, 19 April 2010 wir werden alleine geboren - wir leben alleine unsere leben - und wir sterben allein unseren tod

 

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