Arne, bist du kompliziert? (Arne Pahlke, März 2005)

 

 

Arne: Arne, würdest du dich selbst als einen komplizierten Menschen charakterisieren?

 

Ich: Ja und nein.

 

Arne: Das ist keine Antwort!

 

Ich: Ist es doch!

 

Arne: Aber eine von der Sorte, die sich nicht festlegen mag und somit nichts aussagt.

 

Ich: Müssen Antworten sich zwangsläufig  festlegen?

 

Arne: Nein, dies müssen sie nicht zwingend. Dennoch wäre ich dir überaus dankbar, wenn du mir diese Frage nicht einfach wegwischend und lediglich zum Schein beantwortest. 

 

Ich: Ok, dann bin ich halt ein bedingungslos unkomplizierter Mensch.

 

Arne: Mensch, du sollst dich jetzt nicht allein deshalb als unkompliziert einstufen, weil du meinst, ich würde dies von dir erwarten.

 

Ich: Wieso nimmst du an, dass ich dies nur deshalb gesagt habe, weil ich angeblich annahm, dass du dies von mir erwartet hast?

 

Arne: In meinen Ohren klang dein Ausspruch: „… dann bin ich halt ein bedingungslos unkomplizierter Mensch ...“, nun einmal etwas spitzzüngig.

 

Ich: Bin ich etwa für den Klangwellenempfang in deiner Ohrmuschel verantwortlich?   Während ich die von dir monierte Aussage tätigte, war meine Zunge weder spitz noch gespalten.  Ich wiederhole mich: Ich bin ein bedingungslos unkomplizierter Mensch!

 

Arne: Wirklich immer?

 

Ich: Ja, wirklich immer! Allerdings nur, wenn keine Menschen zugegen sind.

 

Arne: Bedeutet dies aber nicht im Umkehrschluss, dass du stets dann kompliziert wirst, wenn du mit Menschen zu tun hast?

 

Ich: Ja und nein.

 

Arne: Komm mir nicht schon wieder mit dieser beschämenden Ausfluchtantwort!

 

Ich: Jawohl, dies ist eine Ausfluchtantwort. Aber es ist eine hochgradig unkomplizierte Antwort. Und wenn ich ein unkomplizierter Mensch sein will oder soll, dann bin ich mitunter eben dazu verdammt unkomplizierte Antworten abzuliefern.

 

Arne: Arne, bitte!

 

Ich: Wie du willst. Wenn ich mich einem Menschen gegenübergestellt sehe, dann sehe ich mich gleichzeitig mit seinem Gefühlsäußerungen konfrontiert. Zwar haben diese im Grunde genommen nichts mit mir zu tun; allerdings widmet mir dieser Menschen diese Regungen. Und deshalb führen diese Gefühlsäußerungen nicht selten zu gewissen Komplikationen. Natürlich muss es nicht zwangsläufig problematisch werden, wenn mich z.B. jemand als einen hochkomplizierten Menschen skizziert, etwa weil ich mich anders verhalte, als er dies zu tun pflegt. Aber kurioserweise neige ich dann plötzlich ebenfalls dazu, diesen Menschen nun auch kompliziert zu finden. Dies passiert mir z.B. dann, wenn ein solcher Mensch mich dazu nötigt, an seiner Seite längere Zeit auzuharren. Und es ist doch eine Nötigung, wenn man einen bedingungslos unkomplizierten Menschen, wie ich es einer bin, dadurch malträtiert, indem man sein Verhalten kompliziert nennt.

  

Arne: Warum?

 

Ich: Weil weder ich noch mein Gegenüber kompliziert ist. Kompliziert werden wir  Menschen allein durch unser Aufeinandertreffen – durch unsere Vorstellungen – die wir von uns selbst und damit parallel von unserem Gegenüber haben. Wenn ich z.B. allein in meiner Wohnung verweile, so trage ich mitunter Kleidung am Leib, die stark nach meinem Schweiß riecht. Mitunter sehne ich mich nach diesem Geruch, denn es ist mein Geruch. Es ist ein Teil von mir, den ich weder selbst in Frage stelle noch von einem Mitmenschen in Frage gestellt haben will. Bekomme ich aber Besuch, dann sollte ich diesen meinen strengeren Geruch besser vermeiden. Würde ich dies nicht tun, so würde ich meinen Besuch eventuell brüskieren.

 

Arne: Ja, aber ist doch völlig normal, dass man eine gewisse Etikette einhält. Findest du dies wirklich bereits kompliziert, dich für deinen Besuch in einigermaßen frischer Kleidung zu präsentieren?

 

Franz_Marc_Traum

 

Ich: Nein, dies empfinde ich nicht als kompliziert. Kompliziert wird es aber z.B. dann, wenn ich den Besuch überhaupt nicht eingeladen habe, dieser aber dennoch von mir erwartet, dass ich ihm wohlduftend empfange. Aber es geht doch hier gar nicht um meinen Körpergeruch. Dieser fällt überhaupt nicht bedrohlich aus. Er sollte doch lediglich als ein anschauliches Beispiel herhalten, eben dafür, dass nämlich unsere Mitmenschen fast immer etwas von uns erwarten. Und genau das macht unser Miteinander kompliziert: Es sind unsere Erwartungshaltungen! Und die verzwicktesten Erwartungshaltungen sind meist jene, die nicht offen angesprochen werden.

 

Arne: Also nicht du bist kompliziert sondern deine Mitmenschen sind kompliziert?

 

Ich: Du hörst mir nicht zu! Ich sagte dir doch gerade eben, dass niemand kompliziert ist. Kompliziert werden Dinge und Menschen erst im zwischenmenschlichen Austausch. Ich finde z.B. eine Sache gut und ein anderer Mensch findet dieselbe Sache schlecht. Wie oft passiert es nun, das mir dieser Mensch, die in meinen Augen gute Sache, als eine schlechte Sache darzustellen versucht. Obwohl mein Gegenüber überhaupt keine Prämie dafür erhält und Komplikationen geradezu provoziert versucht er mich unaufhörlich von seiner Meinung zu überzeugen. Und das Schauderhafte an dieser Sache ist, dass ich dabei nur allzu häufig in dieses überflüssige Spiel einsteige. Und genau dies ist auf Dauer ganz schön anstrengend und kompliziert. Genau das wollte ich damit zum Ausdruck bringen, als ich sagte, dass ich ein bedingungslos unkomplizierter Mensch bin, so lange keine Menschen zugegen sind.

 

Arne: Aber die Lösung dieses Problem kann ja nun nicht so aussehen, dass  man auf zwischenmenschliche Begegnungen verzichtet?

 

Ich: Nein, aber man sollte diesen Begegnungen unbedingt die Kompliziertheit nehmen.

 

Arne: Und wie vollbringt man dies?

 

Ich: Oh je, das ist leider sehr kompliziert.

 

Arne: Ja, aber was tust du denn nun?

 

Ich: Ich reduziere meine zwischenmenschlichen Kontakte auf ein Mindestmaß, eben, weil ich ein bedingungslos unkomplizierter Mensch bin, der in Gegenwart von anderen Menschen zu einem komplizierten Menschen mutiert, wenngleich auch meist allein in der analytischen Betrachtung meines jeweiligen Gegenübers. Bin ich hingegen allein mit mir, dann empfinde ich etwa jene Züge, die andere Menschen z.B.  als eine Macke oder Marotte hinstellen, als absolut in Ordnung.

 

Arne: Aber es werden dich doch nicht alle Menschen kompliziert finden - und doch schon gar nicht in jeder Phase deines Daseins? Und außerdem, denk doch nur an die vielen Menschen, die einander lieben.  Sie lieben doch oft gerade die Macken ihres Partners.

 

Ich: Tun sie das wirklich?  Ich würde eher sagen, dass sie in der Phase großer Verliebtheit über die Marotten hinweg sehen, weil sie in ihrer Euphorie keine Komplikationen zulassen möchten. Und ein solches Verhalten beruht auf puren Egoismus. Sie wollen die ausgelassenen Schmetterlinge in ihrem Bauch möglichst lange spüren. Werden die Schmetterlinge in ihrem Bauch aber irgendwann einmal schwächer oder sterben sie gar, so kannst du sicher davon ausgehen, dass die angeblich geliebten Macken des Partners plötzlich zu Problemen werden.

 

Arne: Das betrachtest du jetzt sehr oberflächlich und engherzig. 

 

Ich: Siehst du?

 

Arne: Siehst du was?

 

Ich: Du unterstellst mir eine oberflächliche Betrachtung. Dies ist ein typisches Beispiel für die Komplizierung auf Grund zwischenmenschlichen Austausches. Ich finde das alles ziemlich ermüdend.

 

Arne: Warum ermüdend?

 

Ich: Meinungsverschiedenheiten lassen mich zunehmend schneller ermüden. Dieser ständige Kampf ums Recht haben wollen, sobald wir mit einem anderen Menschen aufeinander treffen, dies empfinde ich als ermüdend. Und noch ermüdender ist es, wenn Menschen sich für gewöhnlich nicht damit zufrieden geben können, wenn du ihnen einmal Recht gegeben hast. Sie wollen dann immer wieder ihr Recht bei dir einklagen. Und dies oftmals in ein- und derselben Angelegenheit. Du lässt sie einmal gewinnen – und sagst ihnen: „Jawohl, ich bin kompliziert – total kompliziert. Du hingegen bist absolut unkompliziert – du hast gewonnen – ich mach es schwierig und du einfach.“

 

Arne: Was passiert, wenn du dich einem Menschen gegenüber auf diese Weise äußerst?

 

Ich: Meist will er daraufhin seinem vermeintlichen Sieg einen noch größeren Sieg folgen lassen, indem er mich etwa zur seiner Form der Unkompliziertheit anhält.  Ich soll seinem Beispiel folgen. Wenn ich mich z.B. nicht für oder gegen etwas entscheiden kann, zwingt er mich., so wie du es eben getan hast, ja oder nein, nicht aber ja und nein zu sagen.

 

Arne: Und was du tust du dann?

 

Ich: Zunächst werde ich wahrscheinlich versuchen mich nicht von seinen Forderungen einfangen zu lassen.

 

Arne: Und wenn dein Gegenüber davon unberührt weiterhin auf eine Entscheidung pocht?

 

Ich: Dann entscheide ich mich eben. Entweder stehe ich auf und gehe oder ich sage ja oder nein. Nur leider wird es dadurch meist erst richtig kompliziert.

 

Arne: Wieso?

 

Ich: Weil ich in den Augen meines Gegenübers entweder genau die falsche Antwort gegeben habe, oder aber, weil ich zwar die in seinem Sinne richtige Antwort geliefert habe, mich dessen ungeachtet aber weiterhin so verhalte, als hätte ich ihm nicht seine Wunschantwort erbracht.  Ein einfaches Beispiel: Jemand hält mir vor, dass ich beziehungsunfähig bin. Ich stimme diesen Menschen daraufhin im vollen Umfang zu. Doch anstatt sich mit meiner Aussage zu begnügen, erwartet er doch tatsächlich von mir, dass ich im Anschluss an mein Eingeständnis, an meiner Beziehungsfähigkeit arbeiten soll. Das ist doch Irrsinn! Selbst wenn ich Anstrengungen in diese Richtung anstellen würde, so würde mein Gegenüber dennoch niemals zufrieden sein, weil zwei Menschen in einer solch komplexen Angelegenheit einfach nicht ein- und dasselbe denken und fühlen können.  Es ist also ganz gleich, wie ich antworte oder mich verhalte oder auch nicht verhalte, die Komplikationen scheinen vorprogrammiert.

 

Arne: Das klingt wirklich kompliziert.

 

Arne: Das sage ich doch die ganze Zeit. Wann immer ich mit Menschen zu tun bekomme, wird es kompliziert. Nicht ich bin kompliziert und auch sie sind nicht kompliziert – aber das, was wir beide ausgesprochen wie unausgesprochen voneinander erwarten, dies lässt alles unnötigerweise kompliziert werden. Und da ich meistens viel weniger von meinem Gegenüber erwarte, als mein Gegenüber von mir, bin ich in den Augen vieler Menschen ein Spielverderber, der ihre Sicht der Dinge unnötigerweise kompliziert. 

 

Ich: Aber hat nicht jeder Mensch gewisse Erwartungen, die er an andere Menschen stellt? Hast du denn solche Erwartungshaltungen nicht?

 

Arne: Doch, selbstverständlich habe ich Erwartungen.

 

Ich: Was sind das für Erwartungen?

 

Arne: Unter anderem erwarte von meinen Mitmenschen, dass sie niemals versuchen mich umzugestalten. Sie sollen mich einfach so belassen, wie sie mich vorgefunden haben.

 

Ich:. Und wie findet man dich vor?

 

Arne: Unkompliziert.

 

Arne: Aber doch auch nur, wenn keine Menschen zugegen sind?

 

Ich: Exakt

 

Ich:  Das macht die Sache kompliziert.

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Mireille, 27 September 2011 - Ich habe dir mir deine Seite angeschaut und bin Überrascht das wir teilweise dieselben Interessen haben. Das was ich eben gelesen habe ist sehr einleuchtend und kommt meiner eigenen Interpretation sehr nahe. Alles in einem finde ich deinen Text gelungen.

Wortmutation: Hallo Mireille, auch wenn ich nach all den Jahren ein wenig Bauchschmerzen mit meinen „Selbstanalyse-Texten“ habe; - eben, weil sich meine Denk- und Verhaltensmuster in den zurückliegenden 6 Jahren hier und da doch ziemlich verschoben haben, kann ich den Großteil der einst getroffenen Aussagen im Kern noch immer  zustimmen. Allerdings musste ich mich soeben beim nochmaligen Durchlesen doch ziemlich zurückhalten, damit ich  diesen Text nicht ein wenig überarbeite.

PS: Warum warst Du überrascht darüber, dass wir teilweise dieselben Interessen haben? Passen meine Interessen (und welche meinst du?) für Dein Gefühl nicht zu meiner Seite/den darauf abgelegten Texten? Ach, bin ich heute wieder neugierig! ;-)

Mireille, 28 September 2011 - Nun wie soll ich das erklären.Man sagt mir nach ich sei sehr anstrengend als Mensch. Der es am lautesten Schreit ist mein Partner. Ich interessiere mich auch für die Abgründe der Menschheit. Ich spreche Themen an die Menschen denken aber nicht aussprechen. Sie äußern sich wahrscheinlich Anonym in irgendwelchen Foren....Es gibt Menschen die Angst vor mir haben und auch sehr viele die mich begehren. Wenn man mich so als Menschen sehen würde, würde man nie darauf schließen können was ich bin. Sehe sehr seriös aus und muss zugeben das ich gerne damit spiele und schocke.....

® sämtliche Textrechte liegen bei Arne Pahlke/Wortmutation