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Beschissene Tage wie dieser
Beschissene Tage stinken bereits frühmorgens im Bett, obgleich dich der Schlaf noch nicht einmal vollständig ausgekotzt hat. Deine Fürze miefen an diesen Tagen wie ein extrem verwerflicher chemischer Kampfstoff, den man seinem schlimmsten Feind nicht als ätzenden Restluftvorrat in die Kehle wünscht. Und sogar deine Haut dünstet an solchen Tagen aus, als hättest du kurz zuvor eine sexuelle Handlung an einer leprösen Leiche vorgenommen. Aber vielleicht war es auch nur deine frigide Ehefrau, die sich beim Sex kaum von einer Lepraleiche unterscheidet? Egal! Du kannst diese unwichtige Frage ohnehin nicht beantworten, weil du dafür noch viel zu schlaftrunken bist. Du liegst wie begraben unter einer „Dunst-Nicht-Abzugshaube“, die allein auf dein verkacktes Konto zurückzuführen ist, als dich dein cholerischer Wecker mit phonstarken Fliegeralarmimitationen malträtiert. Und dazu vernimmst du das beschissene allmorgendliche „Im-Frühtau-zu-Berge-Gezwitscher“ der Vögel, die sich vor deinem Schlafzimmer aufgereiht haben, als wären sie ein dir persönlich zugeteiltes Aufweckkommando. Am liebsten würdest du jedem dieser kreischenden Vögel einzeln die Kehle zudrücken, damit diese neurotische und sich immer gleich anhörende Dudelei endlich ein Ende nimmt. Schlaftrunken stellst du deinen Wecker aus. Mühsam und ungelenk erhebst du dich aus deinem Bettsargkasten. Dabei wirkst du marionettenhaft, als hätte dich ein diabolischer Zauber über Nacht komplett mit Mullbinden umwickelt. Beim Schleppgang ins Badezimmer stößt du dir zu allem Überfluss deinen großen Zeh, woraufhin du vor lauter Schmerz stöhnst, hysterisch auflachst und einen befremdlich anmutenden Tanz auf einem Bein vollführst. Nach fünf Minuten hast du dich zumindest wieder insoweit eingekriegt, dass du das Badezimmer erreichst. Dort riskierst du einen Blick in den Spiegel. Doch dies hättest du lieber nicht tun sollen, da sich über Nacht ein richtig fetter Mutantenpickel auf deiner Nasenspitze gebildet hat. Und zwar einer von der Sorte, der sich partout nicht aufdrücken lässt, sondern der immer mehr anschwillt, je länger man an ihm herumdoktert. Und du weißt das! Dennoch hält es dich nicht davon ab, diesen Pickel weiterhin zu bearbeiten, auch weil du damit von deinem noch immer üblen Schmerz im Zeh ablenken willst. Dann gehst du kacken. Dabei spritzt dir dein dreiviertelflüssiger Stuhlbrei bis an die Arschbacken zurück. Und einmal mehr fragst du dich, wann dir eine gute Fee endlich ein paar Millionen auf dein Konto transferiert, damit dir der allmorgendliche Spießrutenlauf zur Arbeit erspart bleibt. Und wie immer antwortet dir niemand, außer eine aus dir selbst krakeelende Stimme, die dich auch heute wieder als Versager beschimpft. Aber du bist gar nicht so. Trotz aller bisherigen Geschehnisse gibst du diesem Tag noch eine Chance, obwohl du davon ausgehst, dass es einer dieser beschissenen Tage werden wird, den du am liebsten jetzt sofort - und zwar zusammen mit deiner Flitzekacke - in den Kanal spülen würdest. Du stellst dich auf die Waage. Du hast erneut zugenommen, weshalb du endgültig auf deine hässliche Übergrößenhose zurückgreifen musst. Dafür schmeckt der Kaffee heute nur ein bisschen widerwärtig und dein widerspenstiger Haarwirbel passt heute sehr gut zu deinem dicken Hexenpickel, der durch deine nette Druckmassage fast als Zweitnase durchgehen könnte. Du verpasst deinen Bus, obgleich du fast Blut gekotzt hast, um ihn noch zu erreichen. Doch du mimst nicht die Mimose. Vielmehr versuchst du es mit positivem Denken, indem du dir einfach einredest, dass du in diesen Bus ohnehin nicht eingestiegen wärest, weil er mit Werbung für Tampons bedruckt war. „Das ist doch widerlich“, murmelst du. „Tampon-Werbung sollte in der Öffentlichkeit verboten werden.“ Nur leider erwarten dich im nächsten Bus anstatt Tamponwerbung lauter pubertäre Jungs und Mädchen, die ohne Unterlass (und natürlich viel zu laut) ihre selten blöden Lebensweisheiten zum Besten geben. Schweißgebadet sehnst du dich daraufhin zurück zu den Singvögeln. Und in einer Art erweitertem Wachtraum klebst du allen Teenies die Fresslatten mittels Sekundenkleber zu und wirfst die halbstarken Jungs anschließend bei voller Fahrt aus dem Bus. Diese Vorstellung besänftigt deine Nerven, auch wenn es leider nur reines Wunschdenken ist.
Am vorläufigen Ziel angekommen nimmt dich ein Platzregen in Empfang, der dich binnen weniger Sekunden durchweicht. „Was soll‘s“, sprichst du dir selbst Mut zu und läufst wie ein bepisster Pudel zu deinem Brötchengeber. Hier wirst du von deinem Chef bereits erwartet. Denn leider hast du Trottel total vergessen, dass du heute bereits eine halbe Stunde früher da sein solltest. Du entschuldigst dich, obgleich dir eher nach dem Gegenteil zumute ist. Tapfer erträgst du sogar seine lustig gemeinten Bemerkungen über deinen Hexenpickel.
In der Frühstückspause erwischt du dich plötzlich dabei, wie du dich im Internet nach Schnellfeuergewehren umschaust. Du bekommst kurzfristig Angst vor dir selbst. Und um dich zu beruhigen, verschlingst du rasch vier Käsebrötchen. Und da du heute ohnehin auf die Übergrößenhose gewechselt bist, sind dir die zusätzlichen Kalorien auch scheißegal. Der Rest des Arbeitstages läuft fast normal, als sollte es am Ende vielleicht doch gar nicht so ein widerlicher Tag werden. Ok, abgesehen davon, dass heute Montag ist und Montage fast automatisch beschissene Tage sind. Und auch abgesehen davon, dass du heute eine Stunde länger arbeiten musst und deine Kollegen dich aufgrund deiner Zweitnase nur noch „den Hexer“ nennen. Deine Kollegen finden das übrigens sehr komisch. Du aber denkst dann sofort wieder an die günstigen Schnellfeuergewehre im Internet. Nach der Arbeit willst du dir in einer Kneipe ein gemütliches Feierabendbier gönnen. Doch kaum steht das erlösende Bier vor dir auf dem Tisch, da stürmt eine Meute Fußballfans in die Kneipe. Sie wirken auf dich wie eine Horde sprachbehinderter Spastiker. Fluchtartig treibt es dich in das nächstbeste Lokal. Doch du hast leider nicht darauf geachtet, wohinein es dich da eigentlich getrieben hat. Und dies war keine gute Idee, denn dreißig Minuten später findest du dich auf einer Polizeiwache wieder, weil du in einem Schwulenlokal kurzfristig die Kontrolle verloren hast, nachdem dir ein schmieriger glatzköpfiger Lederkerl an die Hose gegangen ist. Eigentlich hast du ja gar nichts gegen Schwule, wie du es dem Polizisten auf der Wache wieder und wieder zu versichern versuchst. Zumindest hasst du Schwule nicht mehr, als die Singvögel vor deinem Schlafzimmerfenster. Zu deinem Glück zieht der schmierige Lederlappen seine Anzeige zurück. Er bietet dir sogar an, dich in deine Wohnung zu fahren. Und natürlich willst du nach alledem nicht unhöflich sein, also nimmst du sein Angebot an. Doch dies ist dein zweiter Fehler innerhalb nur einer Stunde. Drei geschlagene Stunden hast du die Schwuchtel mit der Singvogelstimme daraufhin an der Backe. Und als du das Vögelchen endlich vor deine Tür gesetzt hast, ist dir total nach Singvögel schießen zumute. Aber du gehörst zu den guten Menschen, die sich lieber eine große Familienpizza ordern, um ihre Nerven zu beruhigen. Doch die Pizza ist total kalt, als sie endlich, nach über einundeinhalb Stunden geliefert wird. Aber etwas anderes hättest du von dieser beschissenen Pizza an diesem beschissenen Tag auch nicht erwartet. Da du aber noch sehr aufgewühlt bist, schiebst du dir einen Horrorfilm in den DVD-Player, denn Horrorfilme beruhigen dich. Und du hinterfragst lieber nicht, warum sie dies tun. Doch anstatt des erhofften Horrorfilms hast du dir versehentlich eine Tragikomödie aus deiner Sammlung gegriffen. Du heulst laut auf. Als wenn dein Leben nicht bereits Tragikomödie genug wäre. Wutentbrannt schmeißt du die DVD an deine Schrankwand. Desillusioniert treibt es dich in dein Bett. Hier versuchst du dir zunächst den Frust aus deinen Eiern zu wichsen. Doch an solchen Tagen geht dir nicht einmal eine solch einfache Fingerübung von der Hand. Selbst die Sache mit dem Einschlafen will an Tagen wie diesem einfach nicht gelingen. Geschlagene drei Stunden musst du warten, ehe sich der Rest der Nacht deiner wundgelaufenen Seele erbarmt. Somit bleiben dir weniger als zwei Stunden, ehe dich der nächste beschissene Tag mitsamt seiner beschissenen Singvögel in Empfang nehmen wird und an dem du in einem dieser beschissenen Busse zur beschissenen Arbeit fahren darfst. Ja, beschissene Tage wie dieser kommen leider weitaus häufiger vor, als einem lieb sein kann. © Arne Pahlke, Februar 2007
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