Besuch bei Uroma

 

Ich war am vergangenen Sonntag zu Besuch bei meiner Uroma,

die bereits so viele Jahreswechsel durchlebte,

dass man sich gar nicht mehr zu sagen traut:

“Bis nächste Woche dann, Omi.”

Wir saßen  beieinander, schlürften ein Tässchen Schonkaffee,

aßen ein Stück vom eigens für mich zubereiteten Napfkuchen,

der ebenso wie Oma, von Mal zu Mal,

mehr unter ihrer Vergesslichkeit zusammenfiel.

Und da geschah es irgendwann, dass meine Uroma, mal wieder,

ihr gesammeltes, in vier Alben geleimtes Leben

aus der Schublade einer Kommode hervorkramte und zu rotieren begann.

Diese vergilbten Fotobeweise ihrer Existenz bekam ich oft vorgeführt.

So oft, dass sich bereits Negative in meinem Kopf gebildet hatten,

die ich mir bei Bedarf nur noch vor Augen führen musste,

um für die wiederholte Betrachtung frische Abzüge zu ziehen.

Während Oma zu jedem Foto in den tiefsten Grotten ihrer Vergangenheit die passende Geschichte zog,

und sie zu entstauben versuchte, musterte ich gedankenverloren

die Hügellandschaft ihrer knochigen Handrücken.

Jeder Fleck, jede Flechte, die sich mir darbot,

stand für eine dieser ihrer Erinnerungen und Ausflüge in die Steinzeit ihres Daseins.

Aus ihrem Gesicht stiegen Wellen von Erlebnissen,

die sich mir wie die vergilbten Seiten eines Familienromans auftürmten.

Sie verschmolzen miteinander, zu einem Meer von prähistorischen Ablagerungen.

 

Zu Besuch bei Uroma2

 

Ich wohnte Omas langer Zeitreise mit halbem Ohre,

verkniffenem Auge und verbissenem Mund bei; zwei volle Stunden lang.

Das macht 1/2 Stunde für 23 Jahre ihres Lebens.

Dann schlug sie das letzte der vier Fotoalben zu und meinte, sichtlich müde:

Das war’s mein Junge. Das war mein Leben!

Sie sprach die Worte, wie sie es jedes Mal tat.

Nur diesmal klangen sie so voller Konsequenz und nüchterner Klarheit,

und mit einer Endgültigkeit, die mich erschauern ließ.

 

Mich durchfuhr dieser dumpfe, tiefe Schmerz,

der mit seiner trüben Vorahnung, der mit der Vergegenwärtigung

der uns aller bevorstehenden Vergänglichkeit einherging.

Diesmal drückte sie mir den Beweis ihres Daseins ans Herz

und bat mich, ihn zurück an seinen Platz zu legen;

zurück, in den hölzernen Schoß;

zurück in den Sarg -  in die Kommode

.

Und als ich die Schublade schloss und dabei in die Augen meiner Uroma sah,

war mir plötzlich so furchtbar traurig zumute,

denn ich hatte das Gefühl, sie soeben lebendig begraben zu haben.  © Arne Pahlke, Februar 1996

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