Blutlauf-Finale in Berlin

Arne Pahlke, Februar 2006 (leicht überarbeitet im Januar 2010)

 

Sprecher1: Herzlich Willkommen, meine sehr verehrten Damen und Herren, zum großen Finale der „Zehntausend Meter der Herren“. Und genau wie sie zu Hause vor ihren heimischen Bildschirmen, so erwarten auch wir hier in unserer kleinen Kommentatorenkabine voller Spannung die acht olympischen Läufer …

Sprecher2: …die soeben in das weite prächtige Oval einlaufen und augenblicklich von den Besuchern der vollbesetzten Ränge gefeiert werden.

Sprecher1: Es herrscht eine großartige Stimmung hier in Berlin. Und dies tut es, obgleich die Medaillenausbeute der deutschen Athleten bislang sehr mager ausgefallen ist.

Sprecher2: Nennen wir das Kind ruhig beim Namen, lieber Wolle. Die deutschen Leichtathleten haben bislang auf ganzer Strecke bitter enttäuscht.  Ein solches deutsches Debakel gab es bislang noch nie bei olympischen Spielen. Noch steht keine einzige Medaille auf dem Konto unserer Athleten.

Sprecher1: Welch eine Blamage, lieber Horst. Und dieses miserable Ergebnis steht uns ausgerechnet als Ausrichter der olympischen Spiele zu Buche. Damit machen wir uns vor dem Rest der Welt lächerlich.

Sprecher2: Umso höher muss man die anhaltende Begeisterung des heimischen Publikums werten, das selbst heute, bei der allerletzten Medaillenentscheidung feiert, als ginge es um den Gesamtsieg. Und dabei wissen alle, die sich heute hier eingefunden haben, dass Randolf Mittler als absoluter Außenseiter an diesem Rennen teilnimmt, welches  soeben gestartet wurde.

Sprecher1: Erwartungsgemäß setzen sich beiden starken Afrikaner  sofort vom Rest des Feldes ab. Und gleichzeitig hat Randolf Mittler alle Mühe mit dem Tempo der restlichen fünf Läufer  mithalten zu können, um nicht gleich in der ersten Runde den Anschluss zu verlieren.

Sprecher2: …. den er jetzt aber, wo die erste Runde gelaufen ist, bereits verloren hat. Ja, leider liegt Randolf Mittler bereits jetzt etwa dreißig Meter hinter dem Hauptfeld. Ein neues deutsches Debakel kündigt sich an.

Sprecher1: Doch was geschieht jetzt? Randolf Mittler nimmt eine Abkürzung über das Innenoval und setzt sich durch diese Aktion erneut direkt hinter das Hauptfeld fest. Allerdings läuft nun einer der offiziellen Beobachter mit aufgeregten Ruderbewegungen auf Mittler zu, um sich ihm in den Weg zu stellen und aufzuhalten.

Sprecher2: Doch Randolf Mittler verpasst diesem Störenfried einen kurzen Ellbogenscheck.

Sprecher1: Und zwar einen wirklich gekonnten Ellbogenscheck, lieber Wolle. Denn der offizielle Beobachter sackt augenblicklich in sich zusammen, wie ein nasser Sack Mehl.

Sprecher2: Doch leider  hat unser Läufer durch dieses überflüssige Intermezzo erneut den Anschluss an das Feld verloren, welches von diesem Zwischenfall übrigens nichts mitbekommen hat.

 

Foto by  Albertus teolog
Ja, wo laufen sie denn?

 

Sprecher1: Das Publikum auf den Rängen feiert unseren Randolf Mittler hingegen auf Grund seiner Aktion mit einer begeisterten Laolawelle. Und da sage noch mal jemand, wir Deutschen können nicht aus uns herauskommen.

Sprecher2: Und auch wenn man über Randolfs Laufstil streiten kann; -  eines muss man ihn lassen, der Junge zeigt Kampfgeist. Und zwar jenen Kampfgeist, den wir bislang bei unseren anderen Athleten so schmerzlich vermisst haben.

Sprecher1: Deshalb sollten sich es die so genannten Experten auch gut überlegen, ob sie darüber mäkeln wollen, dass unser Randalf nunmehr erneut eine kleine Abkürzung nimmt, um sich wieder nach vorn zu kämpfen. Schließlich wurde er von einem Offiziellen zurückgeworfen und nicht umgekehrt.

Sprecher2: Erneut versucht man sich unserem tapferen Kämpfer Randolf in den Weg zu stellen. Und jetzt sind es sogar  drei Spielebeobachter auf einmal. Das bringt doch langsam keinen Spaß mehr und hat mit fairen Wettkampfbedingungen nur noch wenig zu tun.

Sprecher1: Deshalb prasseln nun - und wie ich finde, völlig zu Recht - massenhaft Wurfgeschosse von den Rängen auf die Dreierbande nieder und begraben diese unter sich.

Sprecher2: Tja, wer sich so unfair verhält, wie diese drei Angestellten des IOC, der darf sich nicht beschweren, wenn er ein solch heftiges Echo erntet. Zumal das überwiegend deutsche Stadionpublikum jetzt wie ein Mann hinter unserem Läufer steht.

Sprecher1: Und nun überholt unser Randolf auch noch den Franzosen, nachdem dieser nach einer klitzekleinen Berührung durch Mittler ins Stolpern geraten ist.

Sprecher2: Von wegen, durch eine Berührung durch Mittler ins Stolpern geraten. Der Franzose hat sich doch ganz theatralisch fallen gelassen. Wahrscheinlich weil seine Akkus leer sind!? Und es würde mich nicht wundern, wenn das Blut, welches aus seinem von ihm verdreht dargestelltem Knie läuft, nichts weiter als Kunstblut ist.

Sprecher1: Wir kennen die Franzosen ja. Sie sind bekannt für ihre dramaturgischen Inszenierungen und damit verbundenen Windmachereien. Doch dies soll uns nun nicht weiter aufhalten! Richten wir unseren Blick lieber schnell wieder auf unseren Wunderläufer; -  auf Randolf Mittler, der sich nun still und heimlich an den starken Polen Kolowski herangearbeitet hat.

Sprecher2: Und was tut unser Randolf? Er gibt seinem Trainer, der im Innenraum steht, ein Handzeichen. Daraufhin setzt sich dieser in das Auto, welches im Anschluss an dieses großartige Rennen  in einer Tombola verlost werden soll. Und mitsamt dem BMW rast sein Trainer auf den Polen Kolowski zu und ….

Sprecher1: … und walzt den Polen mit einem Produkt deutscher Gründlichkeit nieder.Volltreffer!

Sprecher2: Sonst sind es ja die Polen, die deutsche Autos entführen ...und nun lief es halt einmal andersrum.

Sprecher1: Und dieses Überraschungsmanöver honorieren natürlich auch die Zuschauer. Zumindest die deutschen Fans tun dies, während es in den Blöcken, wo vermehrt unsere ausländischen Freunde untergebracht sind, mehr und mehr zu tumultartigen Szenen kommt.

Sprecher2: Dieses  Verhalten ist alles andere als Fairplay, liebe ausländischen Freunde. Und den spanischen Fans würde etwas weniger südliches Temperament sicherlich gut zu Gesicht stehen, auch wenn unser Randolf ihren Läufer soeben mit Hilfe eines Kampfmessers niedergestreckt hat, welches ihm ein begeisterter Zuschauer zugeworfen hat. So kann es nämlich auch gehen, liebe spanischen Fans; -  Unterstützung anstatt Randale.

Sprecher1: Ja, schließlich ist dies hier immer noch eine friedliche Sportveranstaltung.

Sprecher2: Du sagst es! Da lobe ich mir doch unsere deutsche Zurückhaltung. Schau sie dir an! Unsere deutschen Fans freuen sich einfach nur mit unserem Läufer und unterstützen diesen, wo sie nur können. Daran können sich die Fans anderer Nationen durchaus ein Beispiel nehmen.

Sprecher1: So wie auch jetzt wieder, wo sich mehre begeisterte deutsche Fans den Engländer David Rogdy in den Weg stellen, um dann auf ihn einzuschlagen. Gute Aktion!

Sprecher2: Ich meine, David Rogdy ist auch auffällig lässig und herablassend gelaufen. Und überhaupt, diese unzähligen verbalen Attacken, die wir Deutschen seit Ende des zweiten Weltkrieges von den Engländern erdulden mussten, die gehörten endlich einmal auf anschauliche Weise getadelt.

Sprecher1: Du sagst es! Und damit hat sich unser Randalf auf Platz 3 vorgeprescht. Die Bronzemedaille scheint ihm nunmehr bereits sicher zu sein, da sich die  hinter ihm liegenden Spieler nur noch lustlos auf dem Boden wälzen, bis auf den Polen Kolowski …

Sprecher2: … dieser bewegt sich schon seit einigen Minuten gar nicht mehr. Er scheint den olympischen Geist; - nämlich das Allerletzte aus sich herauszuholen, einfach nicht ausreichend verinnerlicht zu haben.

Sprecher1: Im Vergleich zu dieser frevelhaften Einstellung will unser Randolf noch mehr erreichen, als er bislang schon erreicht hat. Obgleich nur noch 1000 Meter zu laufen sind und die beiden favorisierten Afrikaner ihm bereits zum zweiten Mal zu überrunden drohen und somit kurz vor dem Zieleinlauf stehen, gibt unser Randolf noch einmal alles.

Sprecher2: Ja, und er tut das einzig Richtige. Er setzt dieser animalischen läuferischen Urwaldgewalt seine deutsche Kämpfernatur entgegen.

Sprecher1: Zwei gezielte Schüsse in die Hinterköpfe seiner Mitstreiter  reichen aus, um diese abzufangen.

Sprecher2: Es handelte sich sozusagen um zwei extrem gelungene Fangschüsse.

Sprecher1: Ein wirklich wunderbares Wortspiel von dir, lieber Horst. Aber was noch viel wunderbarer ist, ... damit läuft unser Randolf Mittler nun locker und flockig zum Sieg, während sich die anderen Nationen als sehr schlechte Verlierer zeigen. So verlassen sämtliche ausländischen Kommentatoren noch vor Ende dieses Wettbewerbs fast panikartig ihre Sprecherbühnen. Und auch die ausländischen Fans verlassen fluchtartig das Stadion.

Sprecher2: Ein wirklich peinliches Verhalten. Dies sollte uns aber nicht davon abhalten unseren Olympiahelden zu feiern, der soeben die Ziellinie übertreten hat

Sprecher1: Deutschland hat Gold!

Sprecher2: Gold für Deutschland!

Sprecher1: Nun haben wir also doch noch einen Grund, um stolz auf uns zu sein.

Sprecher2: Ja, dieser denkwürdige Sieg wird ebenso in die Geschichte eingehen, wie unsere fantastisch heraus gekämpften Endsiege in den beiden Weltkriegen.

Sprecher1: Aber haben wir die nicht beide verloren?

Sprecher2: Also, nach dieser grandiosen Vorstellung von Randolf Mittler wäre ich mir da nicht mehr so sicher!

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