Dämliche Tierdokumentationen

 

Gestern lief im Fernsehen
die sechmillionste Dokumentation
über eine der 3,5 Millionen Singvogelarten.

Und nach etwa der Hälfte des einschläfernden Beitrags
hatte ich einmal mehr genug
vom TV-Primitiv-Bilogieunterricht.

Mein Gott, wie oft wollen uns jene
romantisch verklärten Tierfilmer
ihre Dokus über langweiliges Piepsgefieder
oder eine der anderen 88 Milliarden Tierarten
denn noch auf immer dieselbe Weise vorkauen?

Ja, natürlich ist die Tierwelt einmalig
und großartig und spektakulär.
Ja, selbstverständlich sind viele Tierarten
wahnsinnig aufregend.
Ja, selbstredend steckt die Tierwelt voller Geheimnisse.

Nur, warum liefern uns die Tierfilmer
diese Geheimnisse nicht?
 

Foto by Norbert Kaiser

 


Warum bitte schön gibt es stattdessen
nur die sechmillionste Dokumentation
über einen Vertreter des possierlichen Vogelreichs,
die einmal mehr im Frühling beginnt,
und einmal mehr die entzückende Brautwahl,
den architektonisch wertvollen Nestbau,
die kurze animalische Fickerei
(die natürlich nur dem Artenerhalt dient),
sowie die anschließende
ach so aufopferungsvolle Kinderaufzucht,
im Wechsel der Jahreszeiten in den Mittelpunkt stellt?

Und wehe, jetzt sagt mir jemand,
weil eben dies das Leben der Singvögel darstellt!

Tut es das wirklich?

Ich meine,
ich hätte diesbezüglich noch tausend Fragen,
die in diesen selten dämlichen Dokus
allesamt ungeklärt bleiben.

So würde mich z. B. brennend interessieren,
ob wirklich alle männlichen Singvögel eine Braut abbekommen;
oder aber, ob er unter ihnen auch solche Exemplare leben,
die annähernd genauso verhaltensgestört sind wie ich?

Und wenn ja, was ließ sie so seltsam gedeihen?

Und ich meine, es kann doch nicht sein,
dass überall gleich viel Gefiedermännchen
und Gefiederweibchen landen
und sich dann auch noch (gut) finden!?

Da muss es doch Singles geben?

Ich will also endlich eine Singvogeldokumentation
über einen männlichen Single-Singvogel sehen,
der zumindest ein Jahr lang kein Weibsgefieder abbekommen hat.

Ja, wie wäre es z.B. mit einer solchen Einsiedlerdrossseldoku?

Ich möchte wissen,
was ein Männchen ohne Gefiederweib
den lieben langen Tag so anstellt,
wenn es keine peinlichen Brauttänze vollführen muss
und kein beengendes Nest zu bauen hat.

Und bitte, wehe ihr zeigt es wieder nur bei der Futtersuche!

Und sollte es tatsächlich den lieben langen Tag lediglich Futter suchen

und niemals Anflüge von Neid, Verzweiflung, Habsucht oder anderen Eigenschaften zeigen,
so könnt ihr euch die Doku sparen!

Es gibt schließlich auch keine sechmillionen Dokumentation über Kieselsteine,
die schließlich auch leben, aber eben ziemlich lahmarschig und langweilig.

Ich will überdies wissen, was so eine blöde Drosselmuschi denkt,
wenn ein Gefiederurmel sie besteigt.

„Heißa, das gibt volle Eier?“, oder was denkt sich die Tussie?

Oder denkt sie sich nichts dabei, verhält sie also genau wie die meisten Menschenfrauen?

Ich habe so viele unbeantwortete Fragen…

So stimmen jeden Morgen, stets zur selben Zeit,
stets dieselben Singvögel, stets dasselbe Gepiepse an….

Gibt es unter den Vögeln denn keine Außenseiter;
keiner, der auch mal außer der Reihe trällert?
Und gibt es keinen vögelnden Sadisten,
der dem Weibchen beim Begattungsakt mit Lust in den Nacken beißt?

 

Foto by  Huhu Uet



Liebe Tierfilmer, bitte klärt diese Fragen und veranschaulicht sie mir
– ich bin doch wissbegierig!

Wenn ihr dazu aber nicht in der Lage seid, dann nervt mich nicht länger
mit euren dilettantischen Berichten!

Und es ist mir egal, ob ihr für das Filmen eines bereits hundertausend Mal
eingefangenen Brutvorgangs
3 Monate in einem kalten und feuchten Unterstand ausharren musstet.

Mich filmt schließlich auch niemand beim Stuhlgang,
und dies, obgleich ich diesen in 30 Sekunden vollführe.

Wer würde sich im Kino wohl freiwillig eine Triologie über eine ganz gewöhnliche Hausfrau antun?

Niemand!

Außer natürlich ganz gewöhnliche Hausfrauen; weshalb Tierdokumentationen auch vorrangig von (Haus-)Frauen gesehen werden.

Und bitte redet nicht immerzu von dem ach so tollen Sozialverhalten der Singvögel.
 

Hach, wie schön, dass so viele von ihnen sich ein Leben lang die Treue halten.
Hach, wie schön passt dies voll in den Geschmackseuter eurer Zielgruppe.

Aber warum ist das Geflügel lebenslang treu? Doch nur, weil der genetische Code es dazu zwingt!

Und aus demselben Grund lassen sie auch das schwächste Kücken verrecken.

Aber, was soll`s – Schwund gibt es schließlich überall!

Und ihr lebenslanger Treuschwur fällt natürlich insbesondere bei den weiblichen Zuschauern
viel mehr ins Gewicht.

„Ach, wie schön die Vögel lebenslang monogam vögeln!“, schwelgen die gewöhnlichen Hausfrauen
vorm TV und wünschen sich einen solchen Spatz herbei.


PIEP PIEP


PENG! PENG!

„Schatz, rühr schon mal die Bratensoße an.
Ich hab hier einen röchelnden Spatz in der Hand und die selten dämliche Taube vom Dach“ 

 © Arne Pahlke, April 2005

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