Das Ausbildungsäffchen bei Hertie

Arne Pahlke / Eintrag Autobiografie

 

Eigentlich hatte ich absolut keine Lust auf eine Ausbildung zum Verkäufer, mit oder ohne diese dösige Option zum Einzelhandelskaufmann. Aber da ich mich während der gesamten Schulzeit in den meisten Unterrichtsstunden lieber irgendwelchen Fluchtgedanken oder aber für den Beobachter sinnlos erscheinenden Beschäftigungen hingab, kam ich über einen notdürftigen Hilfsschulabschluss nicht hinaus. Und somit blieb mir lediglich der Zugriff auf einige wenige minderwertige Lehrberufe.

Eine meiner fruchtlosen Beschäftigungen während der Schule bestand übrigens darin, mir mittels eines Bleistiftes einen Baum auf den Tisch zu zeichnen. Dabei war ein kleiner Sprössling binnen weniger Sekunden fertiggestellt. Doch während der Schulstunde(n) ließ ich meine Bäume immer weiter wachsen. Aus diesem Grund musste ich das Stamm- und Wurzelwerk natürlich ständig diesem Prozess anpassen, was wiederum etliche Radierungen erforderte, da ich schließlich ein lebendes Objekt zeichnete, welches sich ständig veränderte. Und da ich all dies heimlich tun musste, blieb wenig von meiner Aufmerksamkeit für den Unterrichtsstoff übrig. Als Achtklässler infizierte ich mit meiner Baumtischmalerei kurzfristig eine komplette 6er-Tischbesetzung, womit deutlich wurde, dass ich bereits als Jugendlicher einen denkbar schlechten Einfluss auf meine Mitmenschen nahm.

Aber was sollte ich tun? Ich war meistens dermaßen gelangweilt vom Unterrichtsstoff, dass ich mit offenen Augen einschlief, wenn ich den Lehrern meine volle Aufmerksamkeit zuteil werden ließ. Deshalb suchte ich häufig Zuflucht in meinen vielen kleinen und großen Welten, die mir viel mehr zu bieten hatten, als das einschläfernde Gerede der fleischlichen Lehrkörper. Und auf vergleichbare Weise machte ich mich auf die Suche nach einer Ausbildung. Während ich meine Bewerbungen schrieb, war ich gedanklich ganz woanders. Deshalb dauerte es auch jedes Mal eine kleine Ewigkeit, bis ich eine dieser anormalen Bewerbungen fertiggestellt hatte, da diese fast nichts mit mir zu tun hatten, sondern nur jede Menge sinngehaltsloser Zahlen und Pseudofakten enthielten.

Es hat sich bis zum heutigen Tag nichts an meiner tiefen Abneigung gegenüber solchen Schriftstücken geändert. Wenn es sein muss, dann bringe ich drei durchaus brauchbare Gedichte in nur einer Stunde zu Papier. Aber für einen Dreizeiler an eine Behörde benötige ich drei Stunden und mindestens drei Wochen Vorlaufzeit, ehe ich mich überhaupt dransetze.  

Warum durfte ich in meiner Bewerbung nicht schreiben, dass ich aufgrund meiner familiären Verhältnisse und meines sozialen Umfelds ein stark beschädigtes Selbstwertgefühl hatte; ich aber auf verbale oder nonverbale Streicheleinheiten sehr positiv reagieren würde, was mein zukünftiger Arbeitgeber für sich nutzen könnte. 

Warum müssen junge Menschen, die in die Arbeitswelt eintreten, in ihren Bewerbungsschreiben lauter ausdruckslose Fakten vortragen und ihre Persönlichkeit gleichzeitig fast komplett außen vorlassen? Wieso sollen sie verschweigen, wie es ihnen als Kind und Heranwachsender ergangen ist? Welche Rückschlüsse zogen die Leute nach Ansicht meiner Bewerbungsunterlagen aus meinem Einser in Religion und dem Fünfer in Mathematik? Etwa die falsche Erkenntnis, dass ich ein gottesfürchtiger Junge bin, der gleichzeitig zu blöd für das kleine Einmaleins ist?

Von wegen! Schon damals konnte ich die verlogene Gottesscheiße und den pervertierten Religionsdreck nur schwer ertragen. Ich bekam die Bestnote in Religion, weil ich ständig über Glaubensfragen diskutieren wollte. Also pustete mir meine Religionslehrerin quasi durch die Blume: „Hey, hier hast du deine Eins und nun sei bitte still!“ Und so war ich still und widmete mich wieder meinen Tischbäumen. Und was hatte es mit meiner schlechten Mathematiknote auf sich? Ich beherrsche nicht nur das kleine, sondern auch das große Einmaleins. Wahrscheinlich war ich sogar der schnellste Kopfrechner in der Klasse. Allerdings weigerte ich mich standhaft, mich mit Rechenaufgaben auseinanderzusetzen, die mir für mein weiteres Leben bedeutungslos schienen. Wann immer eine Aufgabe mir zu lebensfremd, zu abstrakt anmutete, verschloss ich mich ihr; ermüdete binnen Sekundenbruchteilen.

Und ebenso schnell ermüdete ich nun beim Verfassen dieser blöden Bewerbungen. Ich empfand sie als Zumutung, als strapaziöse Folter, da mir hierbei alles vorgegeben wurde. Außerdem war ich, also derjenige, der sich doch als Person um einen Job bewarb, als Person in meiner eigenen Bewerbung quasi komplett unerwünscht. Er sollte lediglich fragwürdige Fakten liefern und meine Persönlichkeit und Seele gefälligst außen vorlassen. Dennoch nahm ich all meine Kraft zusammen und brachte es auf drei Bewerbungen.

Zwei Wochen später erhielt ich eine Einladung von Hertie Bergedorf zu einem dieser lustigen Einstellungstests. Insgesamt wurden dabei knapp siebenhundert Jungs und Mädchen eingeladen, um aus ihnen die fünfzehn vermeintlich besten Auszubildenden auszusieben. Als Erstes kam der Mathematikkurs an die Reihe, den ich für die Tester überraschend gut abschloss. Für mich stellte dies allerdings keine Überraschung dar. Ich hätte ihnen in meiner Bewerbung auch gerne geschrieben, dass ich all jene Rechenaufgaben, die ich für mich selbst als logisch klassifizierte, spielend einfach lösen konnte. Aber hätten sie mich nach einer solchen schriftlichen Aussage eingeladen? Meine Mathematiknote hätten sie nicht einmal als Halbwahrheit heranziehen dürfen, da diese einige meiner rechnerischen Fähigkeiten überhaupt nicht würdigte. Im Gegenteil: Die Gesamtnote machte sich der Unterschlagung schuldig und somit auch der Lehrer, der mich damit in ein falsches Licht stellte!  (lese dazu auch meinen offenen Brief: Liebe Schulanfaenger(innen)

Kein normaler Mensch würde doch einem begabten Leichtathleten nur deshalb jedwede Sportlichkeit absprechen, weil dieser allein für die Leichtathletik empfänglich ist und für keine andere Sportart sonst. Ein normaler Mensch würde dies nicht tun! Sehr wohl aber tut es dieses perverse Bewertungssystem einer menschenverachtenden Bildungsmaschinerie, die lauter Seelenkrüppel produziert. Und damit wären wir wieder bei der Begrenztheit lächerlich faktenorientierter Bewerbungsunterlagen angelangt, von der ich mich gerade erst angewidert abgewendet habe.

Ich war einer der fünfzehn Auserwählten. Oder vielmehr wurde ich einer jener, der sich glücklich schätzen musste, einen der ausgeschriebenen Ausbildungsplätze ergattert zu haben. Heute ist es mir ein Rätsel, warum man für derartige Invaliditätsausbildungen, wie etwa dem Berufsbild des Verkäufers, eine Lehrzeit von mindestens zwei Jahren ansetzt, obgleich man den dabei zu vermittelnden Lehrstoff, je nach Schwerbehindertengrad des Auszubildenden, auch locker in ein bis drei Monaten vermitteln könnte. Wahrscheinlich will man dem Bildungsbodensatz der Gesellschaft durch solche Maßnahmen suggerieren, dass ihre Ausbildung annähernd genauso wertvoll ist, wie die eines Hochschulabsolventen. Und eben dieses Gefühl würde sich bei einer dreimonatigen Ausbildung nicht einstellen, obgleich diese Zeitspanne ausreichend wäre. Zumindest war ich nach wenigen Wochen ein vollwertiger Verkäufer, der eben nur noch Berufserfahrung sammeln musste. Aber dieses Anhäufen von Berufserfahrungen hat für mich eben nichts mit einer Ausbildung zu tun. Jedenfalls verstehe ich etwas gänzlich anderes unter einer Ausbildung.

Doch so radikal die letzten Absätze geklungen haben mögen, war mein Denken zu dieser Zeit überhaupt noch nicht. Dieses angriffslustig gesellschaftskritische Denken schlich sich bei mir erst gegen Ende meiner Ausbildungszeit ein. Am Anfang meiner Lehre entsprach ich hingegen einem gänzlich anderen Bild, nämlich dem eines dressierten kleinen Äffchens.

Aufgrund der Testergebnisse schlug man mir eine Ausbildung in der Teppichabteilung vor. Wahrscheinlich drohten sie mir mit dieser todlangweiligen Abteilung, weil ich den Test der „freien Rede“ überdurchschnittlich gut bestanden hatte. Ich wollte aber lieber in die Lebensmittelabteilung, worauf sie sich nach anfänglichem Zögern auch einließen. Und dies war eine gute Wahl, da in dieser Abteilung einfach viel mehr zu tun war, als bei den langweiligen Teppichen. Denn wenn ich eines während meiner Jahre als Arbeitssklave gelernt habe, dann dies: Wenn du schon malochen musst, dann lieber dort, wo viel zu tun ist. Somit hast du weniger Zeit zum Nachdenken. Denn die Grübelei, z. B. über die Arbeit, die man tagein und tagaus tut, sie führt einfach zu keinem positiven Ergebnis.

Und nun muss ich etwas gestehen: Zumindest in den ersten 1 ½ Jahren meiner Ausbildung empfand ich häufig so etwas wie Freude und Genugtuung bei meiner Arbeit. Nicht etwa, dass ich der Meinung war, ich hätte als Verkäufer meinen Traumjob gefunden. Dies mit Sicherheit nicht! Mein Traumjob war immer der eines Machers, eines Erfinders und Erbauers und nie der eines austauschbaren Handlangers. Dessen ungeachtet arrangierte ich mich von Woche zu Woche immer besser mit meinem neuem Dasein. Außerdem wuchs mein Selbstwertgefühl, denn hier bewertete man mich nach meinen Taten. Und meine Taten sprachen zunächst für mich. So wurde ich nach drei Monaten zum besten Auszubildenden der Probezeit ernannt. Diese im Grunde genommen wenig rühmliche Auszeichnung stand natürlich vor allem dafür, dass ich fleißig, aufnahmefähig, vor allem aber folgsam war. Ja, ich war sogar so folgsam, dass mich viele Mitarbeiter der Lebensmittelabteilung Cheeta oder Äffchen riefen. Und wenn sie dies taten, kam das Äffchen sofort angelaufen und erledigte all die ihm zugetragenen Aufgaben zur vollsten Zufriedenheit der Auftraggeber. Ich war aber nicht nur ein folgsames, sondern gleichermaßen auch ein übereifriges und schnelles Äffchen. Und dieses Äffchen wollte ständig beschäftigt werden. Somit dauerte es nicht lange, bis man aus jeder Ecke hörte: „Lass das doch unseren Cheeta machen.“ Und das Äffchen hat es dann auch gemacht.

 

Ich wenige Tage nach meinem 15ten Geburtstag auf meiner Konfirmationsfeier - wenige Wochen vor Ausbildungsbeginn - auch eine dieser Verlogenheiten, denn ich fand diese ganze Jesuiten-Erlöser-Gelaber-Kacke schon als Knabe selten dämlich und falsch, aber ich machte diesen Dreck halt mit und schließlich gab es für diese dreckige Psychofolter am Ende Bargeld.

 

Auf diese Weise stieg ich - Cheeta -  schnell im Ansehen der Mitarbeiter. Ich stieg sogar schnell im Ansehen des Abteilungsleiters Herrn Zörner, der dem dürren pickeligen  Jüngling anfänglich sehr skeptisch gegenüberstand. Und Cheeta war sich für keine Arbeit zu schade. Das dressierbare Tierchen half hinter jeder Bedienungstheke aus, füllte gewissenhaft Regale auf oder verschob Waren im Lager, nahm Waren an, putzte und dekorierte, gestaltete Präsentkörbe oder wurde mit einem Obst- und Gemüsestand vor das Kaufhaus gestellt, um dort den Marktschreier zu mimen. Und wirklich, ich genoss es, dass ich gemocht wurde, auch wenn sie mich eigentlich nur deshalb gern hatten, weil ich eine vorbildliche und überall einsetzbare pflichtbewusste Arbeitskraft darstellte, die überdies niemals widersprach.

Manchmal wünsche ich mir deshalb noch heute, dass mein Wesenskern genau zu diesem Zeitpunkt, also zwischen 1983 und 1985, zu einem unveränderbaren Artefakt degenerierter aber durchaus zufriedener Einfachheit verkrustest wäre. Und wann immer ich mir dies wünsche, frage ich mich gleichzeitig, was wohl für ein Mensch aus mir geworden wäre, wenn ich es seinerzeit nicht mit dem Denken übertrieben hätte; wenn ich nicht irgendwann diesen ganzen Schwall Bücher in mich aufgesogen hätte, die mir zwar einerseits alles bestätigten, was bereits als Wahrheit in mir lebte, die mich aber bis zum heutigen Tag immer einsamer und trauriger haben werden lassen. Was nützt mir Erkenntnis, an dessen Ende allein die Hoffnungslosigkeit und der Wunsch nach dem Tod steht?

Ich ließ damals eine Flut in mir losbrechen, die sich bis heute nicht beruhigt hat. Und so sage ich mir ab und zu ganz sentimental: „Ach wäre ich doch nur dieses blöde Äffchen geblieben.“ Gleichzeitig aber flutet in mir das Wissen, dass der Weg des Affen von Anfang an nicht für mich vorherbestimmt war. Ich habe stattdessen den Weg eines wach beobachtenden Idioten zu gehen, der genauso zum Untergang verdammt ist, wie die dressierten Affen. Nur geht eben jeder auf seine ihm zugedachte Weise zugrunde – und ich werde eben als ein wach beobachtender und sich vielen Normen verweigernder Idiot verenden! Scheiß doch drauf!

Und dennoch: Ich erinnere mich noch heute gern an meine Schließfachnummer. Sie lautete 02036. Ob dies von irgendeiner Bedeutung sein mag, wenn man sich nach über zwanzig Jahren noch an eine fünfstellige Zahlenkombination erinnert? Oder zeugt dies womöglich nur von einer Entseelung, die in derartigen Kombinationen und Abläufen steckt; bei denen der Mensch zur Nummer verkommt, in der die Routine den Alltag bestimmt; in der die, in fast jedem Menschen lebende Verzweiflung über die eigenen verpassten Chancen, von einer Routine verschüttet wird, die Arbeitsalltag heißt?

Mein gewöhnlicher Arbeitsalltag sah so aus, dass ich gegen 7:15 Uhr die Wohnung verließ und meist erst gegen 19:30 Uhr wieder zu Hause war. Von 8.50 Uhr bis 18.30 Uhr lief meine offizielle Arbeitszeit, abzüglich täglich zwei Stunden Pause, von denen ich die meiste Zeit wichsend in irgendwelchen Toiletten oder Lägern oder aber in mir eigentlich verbotenen Räumen verbrachte. Doch dazu möchte ich mich an anderer Stelle ausführlicher auslassen, da mir diese Wichserei viel zu wichtig war und ist, um sie hier nur kurz am Rande einzukleckern.

Mein Chef, Herr Zörner, war nicht gerade für seinen Humor bekannt. Nur einmal brachte er mich wirklich zum Schmunzeln. Und diesem Schmunzeln ging eine für mich unangenehme Situation voraus, die wie folgt ablief: Das Lebensmittellager lag etwa 1,50 Meter höher als der Verkaufsraum. Wenn man also schwere Waren vom Lager in den Ladenraum bringen wollte, so musste man diese über eine Rampe nach unten befördern. Der Umgang mit Hubwagen und Paletten wurde für mich rasch zur Routine, sodass ich damit wie beiläufig hantierte. In diesem Fall schob ich einen Aufsteller mit etwa 150 edlen Whiskyflaschen per Hubwagen auf die Rampe. Und ich wollte den Hubwagen auf der Rampe ganz cool ausrollen lassen, so wie ich es oft tat, indem ich einfach in Gedanken vorab seine Restrolllaufzeit berechnete, bis der Hantierungsarm bremsend anschlagen würde. Aber ausgerechnet bei dieser teuren Fracht verschätze ich mich erstmals um entscheidende Zentimeter. Und so sah ich die Whiskyladung wie in Zeitlupe die Rampe runterfallen. Etwa dreißig der Flaschen zerbrachen. Ihr Inhalt ergoss sich als braungoldener hochprozentiger Fluss in den Verkaufsraum. Es stank augenblicklich wie in einer Kneipe. Und ich stand wie erstarrt oberhalb der Rampe, als ich das fieberhafte Schrittmuster von Herrn Zörner ausmachte. Und als dieser um die Ecke bog, hatte ich mich bereits auf ein heftiges Donnerwetter gefasst gemacht. Doch dieser schaute mich nur kurz an und lief  in den Laden, um etwa eine halbe Minute später mit zwei Colaflaschen zurückzukommen, die er mit den Worten: „Herr Pahlke, soviel Whisky ist pur ungenießbar“ inmitten der Alkoholbrühe zerschellen ließ. Sodann schritt er an mir vorbei, wobei er sich ein breites Lächeln nicht verkneifen konnte und entschwand in sein Büro. Dies war sein mit Abstand coolster Auftritt während meiner gesamten Ausbildungszeit.  Einen Mega-Anschiss bekam ich aber  dennoch von ihm für mein Malheur.

Doch selbst solche Anekdoten, von denen ich einige zum Besten geben könnte, konnten meine in mir keimenden anarchistischen Gedanken, die sich bald schon nicht mehr allein auf meine Ausbildung beschränkten, sondern die die gesamte Lohnsklaverei in Frage stellten, nicht unterdrücken. Immer gewaltvoller pressten sich diese Gedankengänge an die Oberfläche meines Seins. Und als dann Mitte meines zweiten Lehrjahres Herr Muschke in den Ruhestand verabschiedet wurde, den ich von all meinen Kollegen am liebsten mochte, fing ich an, meine Ausbildung zu hassen. Und dies vor allem deshalb, weil ich mitbekam, wie man um die Kosten für seinen Abschiedspräsentkorb feilschte. Sie feilschten dabei um jeden Pfennig, verrechnet mit jedem Jahr der Betriebszugehörigkeit. Es war ein beschämendes Schauspiel. Niemand hat einen solchen Abgang verdient, wie Herr Muschke ihn serviert bekommen hat. Und man merkte den Verantwortlichen körperlich an, wie genervt sie waren, als sie eine halbe Stunde für sein Abschiedsbüffet opfern mussten, für den Mann, der seine halbe Lebenszeit für diesen Betrieb geopfert hatte. Es war alles so verlogen, menschlich armselig und unendlich bitter anzusehen. Und dann bat man Herrn Muschke noch scheinheilig an, seine alte Wirkungsstelle, so oft wie er wolle, besuchen zu kommen. Doch bereits bei seinem ersten Besuch wurde er wie ein Fremdkörper behandelt und so fühlte er sich denn auch.

Ich reagiere seit meiner Kindheit sehr empfindlich auf derartige Vorgänge. Er tat mir unendlich leid, als er nach diesem ersten und letzten Besuch nach seiner Pensionierung wie ein geprügelter Hund die Treppe ins Erdgeschoss hinaufstieg. Niemand hier hatte mehr Verwendung für ihn. Seine Zeit war abgelaufen.

„Haben sie etwa Ihren Abschieds-Präsentkorb nicht bekommen, Herr Muschke? Was wollen Sie denn dann noch hier?“, hörte ich die Stimme eines Unsichtbaren rufen.

Ich stellte mir dann vor, ich wäre an der Stelle von Herrn Muschke. Und diese Vorrauschau tat unheimlich weh und  öffnete mir die Augen. Alles drehte sich nur um den Profit, um reproduzierbare ersetzbare Arbeitskräfte. Das einzelne Individuum war zur Bedeutungslosigkeit verdammt. Dies alles war und ist eine Maschinerie, die Menschlichkeit heuchelt, tatsächlich aber auf Ausbeutung beruht. Und da ich mir seinerzeit sicher war, dass es bei mir in ferner Zukunft nicht anders laufen würde, als bei Herrn Muschke, meldete ich mich krank. Es war meine erste falsche Krankmeldung. Und sie war der Anfang vom Ende. Ich begann mich von allem zu lösen was mit meiner Ausbildung zu tun hatte. Tatsächlich löste ich mich aber von sehr viel mehr, als nur von meiner Lehrstätte. Ich löste erstmals den Haltegurt und stieg erstmals aus dem Karussell der Lohnsklaverei. Und ich verwandelte mich von einem streichelzahmen Äffchen in einen zunächst noch stummen Brüllaffen. Gleichzeitig verlor ich mich wieder zunehmend in meinen Fluchtwelten, wie ich es so oft tat, wenn mir die andere „echte“ Welt unangenehm zu Kopfe stieg. Ich erfand mir einen Fernsehsender. Zwei Ordner füllte ich mit Sendeformaten, die leider alle verloren gingen, als ich Jahre später in einer Nacht- und Nebelaktion aus den Fangarmen einer Drückerkolonne fliehen musste.

Immer häufiger meldete ich mich nunmehr krank. Und wenn meine Mutter mich deswegen anpflaumte, ging ich mitsamt meinen Ordnern ins Jugendzentrum. Oder ich streifte mir mein zerschlissenes Rebellionscowboyoutfit über, welches aus einer alten Jeans, einer Lederjacke, Sporenstiefeln und einem Hut bestand. So zog ich dann los und kaufte mir einige Dosen Billigbier und setze mich mitten in eine Steinskulptur, die mit einer Kirche im Einkaufszentrum in Reinbek fest verbunden war und dies noch heute ist. Viel lieber wäre ich allerdings in einem Indianeroutfit losgezogen, da Indianer schon immer mehr meinem Wesen entsprachen als Cowboys. Doch den nötigen Mut für ein solches, noch weitaus gewagteres Outfit, vermochte ich nicht aufzubringen.

Meine Ausbildung beendete ich auf eigenen Wunsch noch vor ihrem eigentlichen Ende, durfte aber dennoch an der Prüfung teilnehmen, die ich erfolgreich beendete. Aber wozu eine abgeschlossene Ausbildung zum Verkäufer gut sein soll, dies erschloss sich mir nie. Zumindest habe ich diesen Wisch für keine der Arbeiten benötigt, die ich mir danach noch antun sollte, nur um etwas von diesem überlebensnotwendigen Geld in den Händen zu halten. Der Wisch verhalf mir weder zu meinem Job als Büroassistent, Autor von einem  Dutzend Büchern unter verschiedenen Namen, Löter bei Hauni, Briefzusteller, meinen Leichenwäscherwochen oder zu den beiden Jahren  als “Kerzengießer im Untergrund”. Noch verhalf er mir zu meiner Tätigkeit als Reklamationssachbearbeiter, Mitglied einer Drückerkolonne, Möbelverkäufer,  Maler & Tapezierer, Telefonist, Lagerfuzzi, Staplerfahrer, Bühnentechniker, Putze, Gärtnergehilfe oder zu irgendeinem meiner sonstigen Lohnsklavenjobs.

Ich fing an, diese Welt mitsamt ihrer Verlogenheit abgrundtief zu hassen und eben aus dieser wachsenden Abneigung  ein für mich lebenswertes Lebensmodel zu konstruieren. Und es sollte mir gelingen – allerdings mit all den damit verbundenen Konsequenzen, die bis zum heutigen Tag mein Leben prägen.

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