Das geht alles von meiner Zeit ab!

® Arne Pahlke, Januar 2011

 

Das ist fürwahr ein Kreuz mit mir. Ich fühle mich ständig und von jedermann um meine Zeit betrogen.

Um MEINE Zeit!

Herrschaftszeiten, was fällt Euch ein?

Was fällt Euch bloß ein, wenn Ihr mir ständig E-Mails schickt, die dann auch noch lauter Fangfragen enthalten, mittels derer Ihr mir eine Antwort abnötigen wollt. Ja, die selbst dann eine Reaktion von mir zu erpressen versuchen, wenn Ihr ganz scheinheilig dazu schreibt, ich solle mir mit einer Antwort ruhig Zeit lassen.

Wie soll ich dieses Kunststück denn vollführen? Wie und wo soll ich mir bitteschön jene Zeit lassen, die Ihr mir tagtäglich raubt?

„Lass Dir Zeit“, konsequent von mir zu Ende gedacht, heißt eigentlich: „Lasst mir meine Zeit!“

„Lasst mich in Ruhe!“ meint übrigens dasselbe, klingt aber, wie selbst ich finde, dann doch etwas zu schroff.

Außerdem mag ich Euch ja;  – so ist das nicht!

Aber Eure ständigen Annäherungsversuche gehen halt von MEINER Zeit ab.

„Lass uns mal wieder telefonieren“, hat vor ein paar Tagen eine Bekannte zu mir gesagt.

Ja, sag mal, spinnt die?

Sie weiß doch ganz genau, dass, wenn wir miteinander telefonieren, diese Gespräche mitunter zwei Stunden und länger andauern können.

Ok, es ist wirklich schön mit Ihr zu reden. Sie hat diese gebührliche Güte in Ihrer Stimme, an der mein Räuberherz sich hin und wieder gerne wärmt. Aber ich hätte in dieser MEINER Zeit eben auch auf diese überaus bekömmliche Art mit mir allein Trübsal blasen können. Ich hätte so herzzerreißend lebensmüde aus meinem Wohnzimmerfenster auf eine weitschweifende und gleichsam in mich gekehrte Weise hinaus ins große Nichts blicken können; - in Begleitung einer Flasche billigen Rotwein. Ja, ich hätte in diesen zwei Stunden diese schlechte Welt - ohne Widerworte eines zeitfressenden Gegenübers - einfach schlecht finden dürfen.

Aber nein, Sie musste mir meine Zeit rauben und hat mich tatsächlich angerufen.

Bis zum Telefonat war ich so wunderbar übel gelaunt. Doch sie hat mit ihrer scheußlich guten Laune und ihrer gütigen Stimme alles kaputt gemacht. Nach dem Gespräch war meine schlechte Laune wie weggeblasen. Und dies  hat mich so furchtbar erzürnt, dass ich kurz darauf für drei Tage meinen Telefonstecker gezogen habe.

Wie soll ich denn meine ausgewachsene Misanthropie pflegen, wenn Ihr mir immerzu die Zeit raubt – und schlimmer noch, mir meine schlechte Laune vertreibt?

Das ist meine schlechte Laune!

Das ist meine schlechte Zeit!

Das geht doch alles von meiner Zeit ab!!

 

Ich hätte dennoch gerne eine Freundin. Aber leider kostet so eine Beziehung wahnsinnig viel Zeit.

Zeit, die ich nicht habe!

Oder ok, ich hätte die Zeit für eine Beziehung vom Prinzip her schon; -  aber ich will sie nicht hergeben. Denn das ist doch meine Zeit! Die kann ich doch nicht einfach mir nichts dir nichts  mit jemandem teilen … oder etwa doch?

Wären Frauen in dieser Obliegenheit doch nur etwas entgegenkommender, kompromissbereiter; - eben dazu bereit, mit mir eine komprimierte Beziehung zu führen.

Und so eine komprimierte Beziehung stelle ich mir in etwa so vor, als dass man sich einmal die Woche für 90 Minuten trifft. Die Treffen finden dann jeweils in meiner Wohnung statt, da mir ansonsten weitere kostbare Zeit durch An- und Abfahrtswege verloren ginge. Und in den 90 Minuten wäre ausreichend Zeit und Raum für alles, was so eine harmonische und erfüllende Beziehung ausmacht:  80 Minuten für Sex und 10 Minuten für Reden über Belanglosigkeiten. Und sollten sich bei meiner Partnerin darüber hinaus Begehrlichkeiten herausbilden, mir nahe zu sein oder mir etwas mitzuteilen, kann sie mir einmal wöchentlich eine E-Mail schicken. Aber nur eine E-Mail ohne Fangfragen!

Die abstoßendsten Zeitdiebe sind aber jene, die mir als Ausgleich für meine kostbare Zeit dröges Geld anbieten.

Sie nennen es Lohn – doch ich nenne es Hohn!

Zeit gegen Geld? Womöglich noch regelmäßig? Wie bitte? Fünf Mal die Woche über jeweils acht Stunden? Und das alles über Jahre, bis hin ins hohe Alter?

Wie doof ist das denn?

Das geht doch alles von meiner Zeit ab!  Und was hätte ich denn davon, außer Geld? Ich habe keine Zeit für solche Albernheiten wie ein festes Beschäftigungsverhältnis.

Wer kommt nur auf solch schrulligen Ideen? Schließlich habe ich auch keine Zeit für Weihnachten, Silvester, Hochzeiten, Beerdigungen  und diesen ganzen Kokolores.  

Denn, wenn ich meine kostbare Zeit für all diesen Nonsens opfern würde, wo fände ich denn dann noch die Zeit, um z.B. Texte über Zeitdiebe zu verfassen?

Ja, ich weiß, das Leben da Draussen kann auch schön sein ...aber ich habe da einfach keine Zeit für!

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