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Das große Nichts Arne Pahlke, März 2008
In der allein mir zugänglichen, scharfwinkeligen Hochkantschräge, hoch über dem zugemauerten kreisrunden Eckfenster, schob sich völlig unerwartet dieses ominöse Raumschiff vor meine Augen. Seine Außenhaut schien wie aus Lakritz und Diamantglas. Und ein roter flüssig wirkender Nebel umhüllte die Unterseite des Flugkörpers wie eine offene es schützende Blutader. „Hier läuft irgendetwas konträr zur landläufigen Wahrnehmungsebene?“, rief ich verwirrt und faustisch zugleich in den scharfwinkeligen Raum, dessen Boden kurz darauf unter mir wegfiel und mich mit in ein Nichts riss. Mitsamt dem Raum und der scharfwinkeligen Hochkantschräge und dem von mir zugemauertem kreisrunden Eckfenster sowie dem ominösen Raumschiff, zog mich ein unsichtbarer Strudel in dieses Nichts hinein. Und just in dem Moment, in dem ich diese bizarre Situation überdenken wollte, um entsprechend auf sie zu reagieren, wie auch immer eine Reaktion Angesichts dieser durch und durch krausen Gegebenheiten hätte aussehen können, bemerkte ich, dass dieses Nichts, in das ich fiel, nur ein unbedeutend kleiner Teil eines noch weitaus größeren Nichts war. Und eben dieses große Nichts tat sich als ein schwarzes Loch vor meinen Augen auf, als ein gefräßiger Saugrüssel mit einem scheinbar unstillbaren Hunger. Direkt neben mir trieb dieses Raumschiff. Es schrumpfte immer schneller, als wolle es sich vor dem großen Nichts unsichtbar machen, bis es kaum noch größer war, als ein ganz gewöhnlicher Pappkarton. Vorsichtig klopfte ich an eine der Diamantenglasscheiben, woraufhin diese zerplatzte und ungefähr sechs Milliarden winzig kleine seltsam verzückte Figuren wie paralysiert an mir vorbei zum großen Saugrüssel trieben. Nach gefühlten zweiundsiebzig Jahren Flugdauer durch das kleine Nichts hin zum Saugrüsselloch des großen Nichts, füllte die gefräßige und dampfende Öffnung schließlich mein komplettes Blickfeld aus. „Zweiundsiebzig gefühlte Jahre in einem ziel- und haltlosen Treibflug durch das kleine Nichts, nur um am Ende von einem großen Saugrüssel-Nichts geschluckt zu werden?“, fragte ich mich beklommen und ängstlich. „Wo steckt bei alledem der Sinn? Und soll dies die Antwort auf welche Frage eigentlich sein?“
Mit panischen Arm- und Beinbewegungen ruderte ich zu dem zugemauerten kreisrunden Eckfenster, welches sich in einiger Entfernung zu mir ebenfalls auf das große Nichts zubewegte. Mit Faustschlägen und Fußtritten schlug ich auf das Mauerwerk ein. Denn wo sonst, wenn nicht hinter diesem einst von mir selbst zugemauerten Eckfenster, könnte ich jetzt noch ein Zufluchtsort vor dem Nichts finden? Also schlug ich mir meine Hände und Füße blutig. Und eben in dem Augenblick, als mich der Saugrüssel gänzlich zu verschlingen drohte, da gab das Mauerwerk endlich nach und ich wand mich mit allerletzter Kraft durch das kleine Eckfenster. Doch als ich nach einiger Zeit meine Augen öffnete, sah ich voller Entsetzen, dass das scheinbar große Nichts, dieser gewaltige Saugrüssel, nur einer von Abermillionen von Saugrüsseln war, die sich aus einem großen luftballonähnlichen Körper schlangen und gierig nach Nahrung suchten. Und umso näher ich, in meinem Eckfenster hängend, in Richtung des luftballonähnlichen Körpers trieb, erinnerte mich dieser an einen übervollen Staubsaugerbeutel, der zu zerplatzen drohte. Und direkt nachdem er mich in sich hinein gesogen hatte, tat es denn auch - er platzte. Es gab einen riesigen Urknall. Und aus dem großen Nichts gebar sich mitsamt meiner Winzigkeit ein neues großes Nichts, was ich seitdem Universum nenne, wohlwissend was es tatsächlich ist. |
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