Das Loch in der Wand

 

Die weiße Wand spiegelt ihm siegesbewusst seine ausgeworfene Angst zurück. Sie zieht sich wie ein nebulöser Vorhang vor ihm zu und schlägt ihm sein letztes Kapitel Leben auf. Sie breitet sich schicksalhaft zu seinen Füßen aus. Und er sucht in ihr vergebens nach einer farblichen Abweichung, einem Fluchtpunkt Hoffnung. Die weiße Wand quält seine müden Augen immerfort und blendet ihn trotz seiner nur noch kümmerlich vorhandenen Spreu Sehkraft. Die von ihr ausgehende Strahlung verbirgt etwas Endgültiges, etwas wahrhaft Räuberisches.

Er wusste, er würde dieses Bett, in dem er nun schon so lange Zeit lag, nicht mehr lebend verlassen. Er würde hier seine zur Verwesung bereite Hülle abstreifen. Er würde hier seine Augen schließen und seine Atmung einstellen und in sich horchen. Horchen, wie sein Herz, jener kraftlos gewordene Generator, die letzten Energieströme durch seinen besiegten Körper flutet, ehe auch er sich endgültig dem übermächtigen Gegner ergab.

Es war seltsam still um ihn herum geworden. Eine beklemmende Stille. Eine Stille, die ihn mehr und mehr vereinnahmte und die vertraute Wirklichkeit in eine weite Ferne trug. Er verabscheute diese teuflische Stille, wie er sie zuweilen nannte. Doch auch heute schlich sie sich wieder diebisch durch das Fenster ein. Sie kam wie stets mit der untergehenden Sonne. Er konnte sie förmlich spüren. Als sich die hellen Schatten der Sonne langsam von der weißen Wand abzogen, da wellte diese unerhörte Bewegungslosigkeit in sein Zimmer hinein. Und inmitten dieser Reglosigkeit wuchs diese weiße Wand vor seinen halbschlafenden Augen zu einer neuen Welt. Vor ihm lag einfach nur noch diese weiße Wand, ohne jede Feinheit, ohne jeden Durchlass, ein weißes Nichts. Ein luftleerer Raum ohne Leben. So schien es. Und alle Notausgänge waren ihm unerreichbar geworden. Er spürte plötzlich mit aller Konsequenz: Dieses Leben hier - sein Leben - es war gelebt. Es ging in dieser Stunde nicht mehr darum, am Leben festzuhalten; ganz so wie ein Kind an einem liebgewordenen Spielzeug. Es ging in dieser Stunde darum, sich von alledem loszumachen. Losmachen, von all jenem, was sein Leben ausmachte. Losmachen von der irdischen Liebe, der Begierde, der Fleischeslust. Losmachen von all den irdischen Zielen, die ihn doch letztlich in dieses Sterbezimmer getrieben haben.

 

Viktor Vasnetsov. The Flying Carpet (1880).

 

 

Da plötzlich umschlang eine vertraute Hand die seinige, und er las in ihr die vielen Irrtümer des Menschseins. Und die einst so gewaltige Angst löste sich mehr und mehr von ihm ab. Seine Schmerzen tauchten ab in ein Nirgendwo. Seine Ungewissheit und der Widerspruch fielen in sich zusammen wie ein Truggespinst. Und ein warmer Regen voll von Liebe und Hoffnung ging auf ihn nieder. Der Regen wusch mit seinen feuchtheissen Fäden seine Seele rein, und inmitten dieser Reinwaschung erschien ihm die Botschaft, die ihm sein Leben lang verborgen blieb: Nun erst begriff er, dass ihm nichts genommen wurde. Alles war er hier und jetzt bereit selbst herzugeben - es gegen etwas Neues einzutauschen.

Der Tod, er war plötzlich nicht mehr das Unheil, das ihm alles zu entreissen drohte. Der Tod, er war seine Erlösung. Die Erlösung all seiner Leiden. Und dieses erneute Abnabeln von einer Welt stand ihm nun unmittelbar bevor. Er weinte still nach innen, aus purer Dankbarkeit. Seine ermüdende Suche hatte endlich ein Ende gefunden

Er war nicht mehr allein, sondern er war endlich da angekommen, wo er sein ganzes Leben lang hinwollte - er war zu Hause. Die weiße Wand - ein Feind, der plötzlich keiner mehr war.

„Liebe deinen Feind. Selig werden die sein, die Frieden stiften“, flüsterte ihm eine Stimme ins Ohr. Und er umarmte in Gedanken all seine Feinde und stiftete Frieden mit ihnen. Dann umfasste er mit allerletzter Kraft und einem tiefen Mitgefühl die noch suchende Hand an seiner Seite. Nun fand er sich vor dem Hause seines Vaters, und in weiter Ferne sah er die gütigen Augen seiner Mutter - sie verzieh ihm all das, was er ihr ohne Worte offenbarte.

Und dann fand er ihn endlich - diesen Fluchtpunkt Hoffnung - inmitten dieser weißen Wand. Und er schritt durch sie hindurch, wohl wissend, dass sich hinter dieser weißen Wand seine Erlösung verbarg.  ® Arne Pahlke - 1999

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