Das zweite Schaufenster

Ich versuchte gerade mein wankelmütiges Spiegelbild, welches das Schaufenster mir zur Betrachtung darbot, zu meinem eigenen Vorteil auszuloten, als sich plötzlich diese Erscheinung in mir festbiss. Einen Augenblick lang überforderte mich der neue Bildausschnitt, der sich in einem indolenten aber unbeirrbaren Tempo direkt neben mein Spiegelantlitz legte, um dort für Sekunden zu verharren. Und als mein kurzzeitig verwirrter Verstand die visuelle Camouflage, als ein sich reflektierendes Realbild begriffen hatte, zeigte er sich von der neuen Situation zwar nicht mehr überfordert, stiftete aber eine hochgradige Unruhe in mir, die in Sekundenbruchteilen meinen ganzen Körper durchflutete. Denn es hatte sich ein Gesicht neben mir ins Schaufenster geschoben; - oder vielmehr schien es mir wie der schemenhafte dreidimensionale Abdruck eines Cherubs.

„Mein Gott, wie anmutig wird sich mir dieses Gesicht erst präsentieren, wenn ich mich umdrehe, mich dieser traumwandlerischen Realität zuwende? „Ob ich taumelnd werde, wenn ich nicht nur die spiegelnde Täuschung sondern sein fassbares Antlitz vor meine Augenlichter geschoben bekomme?“, schoss es mir durch meinen Kopf, der mir bereits von dem bloßen Gedanken daran, schwindelig wurde. „Nein, ich kann mich unmöglich umdrehen.“, rief ich mir stumm zu. Doch was geschah jetzt? Es zeichnete sich ein flüchtiges Lachen im Gesicht des Cherubs ab. Und wenn die engelsgleiche Erscheinung lachte, dann lachte sie mich ganz gewiss aus. Ja, genau, das Engelsgesicht lachte mich bestimmt aus. „Es findet mich komisch, wie ich hier so stehe, mühsam an mir festhaltend …“, winselte ich in einer lautlos aufkeimenden Hysterie.

Langsam wand ich mich vom Schaufenster ab. Dabei wollte ich auffallend entkrampft wirken, also exakt das Gegenteil von dem vorgaukeln, was tatsächlich in meinem Innern ablief. Doch, als hätte einer dieser widerwärtig quälerischen Autoren seine misanthropischen Finger im Spiel, drehte ich mich zur falschen Seite um.

„Ich bin hier …“, feixte eine kratzig weiche Stimme, in einer mich sofort bezaubernden Tonfarbe. Dennoch wäre ich in diesen Augenblicken am liebsten an einem anderen Ort gewesen, oder hätte die Zeit wenigstens um einige Minuten zurückdrehen dürfen. Doch dessen ungeachtet vollführte ich eine schleppende 180-Grad-Drehung. Und dann sah ich ihn, den Cherub, mein erweitertes Spiegelbild.
 

Das zweite Schaufenster

 


Ich sah das Gesicht eines ungefähr dreißigjährigen Mannes, ein Mann mit goldbrauner Hautfarbe, langen knochigen Fingern und unglaublichen Augen, in die ich mich gerne verloren hätte, mich aber nicht traute, da ich mich schmutzig fühlte, umso länger ich in diese Augen hineinblickte. Ich hatte das Gefühl, das seine Augen mich faustisch durchdrangen, dass sie mit einem einzigen kurzen Blick all meine Begierden offen legten. Höchstwahrscheinlich war der Mann, mit seinem engelsgleichen Gesicht und seinen wundersamen Augen, indonesischer Abstammung, da er mit der für Indonesier charakteristischen Hautfarbe geadelt war. Sein Gesicht war nicht so eben, wie man sich das Gesicht eines Cherubs für gewöhnlich vorstellen mag. Er hatte ein unebenes Ebengesicht. Und eben dieses unebene Ebengesicht raubte mir den Atem, während seine Augen meinen nervösen Bemühungen folgten, Haltung zu wahren. Und dann lachte er mich plötzlich breit und streichelnd an und zeigte mir seine strahlend weißen Zähne.

„Ich beobachte dich nun bereits seit einer halben Stunde. So lange starrst du bereits gebannt in dieses Schaufenster, als gäbe es dahinter all jene Schätze zu entdecken, von denen du träumst. Und du tust dies, obgleich doch rein gar nichts hinter diesem Schaufenster ausliegt.“, trug mir das Engelsgesicht mit einer unendlich gütig klingenden Stimme vor. Und während die Stimme zu mir sprach klang sie ganz und gar nicht so, als wollte sie mich zum Narren halten.

Verwundert und verunsichert blickte ich das Engelsgesicht an: „Aber das Schaufenster ich doch voll von …“, murmelte ich, während ich mich gleichzeitig der Auslage zuwandte, um dem Cherub zu zeigen, dass er sich getäuscht haben muss. Doch als mein Blick durch die große Glasscheibe irrte, sich in jedem Winkel krampfartig verbiss, um sich augenblicklich wieder zu lösen, um vergeblich einen Anker in der Leere zu finden, wurde mir ganz elendig zumute. Meine Sinne gerieten ins Taumeln. Und schließlich wankte ich tief bestürzt einige Schritte zurück, bis ich über dem leeren Schaufenster ein großes leeres Schild ausmachte, auf dem ich dennoch den Namen dieses seltsamen Geschäfts auszumachen glaubte.

„Oh, mein Gott, du hast Recht..“, stammelte ich. Dann versuchte ich mich, dem Cherub erneut zuzuwenden. Doch das Engelsgesicht war wie vom Erdboden verschluckt. Aus mir heraus schwemmte eine mich beschämende Befürchtung mitsamt einer entseelten Träne. Und diese Träne trug das Wissen, das sein mich bezauberndes Gesicht lediglich ein Trugbild in einem Schaufenster war, in einem Geschäft voll von eingebildeten Auslagen, dem mein desillusioniertes Augenpaar den Namen „Boutique Sehnsucht“ gab, ehe es mich traurig zurück in meine Wohnung trug.  
© Juni 2005, Arne Pahlke

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