Der Dämon der leidmütigen Wiedergeburt

® Arne Pahlke, Juni 2011

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Nacht für Nacht taucht dieser Rabe am Himmel auf, hoch über dem bereits seit Jahrhunderten zur Ruine zerfallenen Schloss Skoten. Und jedes Mal, wenn er die Trümmer des Schlosses mit kraftlosen Flügelschlägen überfliegt - krächzt er -,  und sein Krächzen klingt wie das Wehklagen einer gepeinigten Kreatur. Und wie ferngelenkt kreist diese über jenen Ort, am dem einst – vor unendlich langer Zeit  - ihr Zuhause war.

So viele glückliche Jahre – von Geburt an – verbrachte der Rabe - der einst ein Mensch war -  im Schloss Skoten, bis ihm der Schwarze Tod im Jahre 1351 alles nahm, was ihm lieb und teuer war.

Die Pest holte sich erst seinen Vater, danach seine drei Geschwister und schließlich seine geliebte Frau. Und als ihm der Schwarze Tod dann auch noch sein einziges Kind entriss, seine vierjährige Tochter Briana, rief er in seiner tiefen und bitteren Verzweiflung einen Dämon an, den die Menschen der Dunklen Zeit den „Dämon der leidmütigen Wiedergeburt“ nannten. Und dieser Dämon war dazu in der Lage, einen verstorbenen Menschen genau an jenem Ort, an dem dieser kurz zuvor sein Leben gelassen hatte,  ein zweites Leben einzuhauchen.  Doch, wer immer sich dieses Wunder von dem Dämon erflehte, musste dafür sein eigenes Leben hergeben und als ein untotes Wesen in einer Zwischenwelt ausharren, bis er den Preis der leidmütigen Wiedergeburt vollständig abbezahlt hatte.

Doch dem Raben, der einst auf den Namen Aaron Skoten hörte, hielt dies nicht davon ab, sich auf den Deal mit dem Dämon einzulassen. Denn für ihn gab es auf dieser Welt nichts mehr, für das es sich weiterzuleben lohnte. Allein die Aussicht, dass seine Tochter anstelle von ihm weiterleben durfte, trieb Aaron Skoten an. 

 

Der alte Rabe über Schloss Skoten

 

Und so geschah es, dass der Dämon, den todunglücklichen Aaron Skoten zunächst das menschliche Leben aus der Gurgel wrang, um ihn anschließend in Rabengestalt wiederzubeleben.

Von diesem Tage an hebt es Aaron Skoten als verwunschener Rabe Nacht für Nacht in die Luft. Und  die ersten Jahre erwartete er noch sehnlichst  die vom Dämon versprochene Wiedergeburt seiner Tochter Briana. Doch bis zum heutigen Tag  - nach inzwischen über 660 Jahren – ist seine Tochter nicht aus dem Reich der Toten zurückgekehrt.

Und Aaron Skoten ist bereits seit langer Zeit bewusst, dass seine Briana nie wieder ins Tal der Lebenden zurückkehren wird.  Sie ist und bleibt ihm entrissen. Sie ist und bleibt tot! So wie alle Menschen, die in diesem Schloss neben ihn einst ein- und ausgingen,  längst verstorben sind und nie wieder hierher zurückkehren werden.

Dennoch zieht Aaron Skoten Nacht für Nacht seine Kreise, als dieser unwirtliche und mittlerweile uralte Rabe, dessen Krächzen in Wahrheit das Wehklagen eines Vaters ist, der für die Aussicht auf das Fortleben seiner einzigen Tochter  das Leiden in einer Zwischenwelt -  einem  Ort der Verdammnis - auf sich lud.

Und Aaron Skoten ist inzwischen ebenfalls bewusst, dass mit der leidmütigen Wiedergeburt seine eigene Wiedergeburt gemeint war. Und  es war denn auch weniger der Dämon, der ihm hinters Licht geführt hat, sondern vor allem er selbst. Er selbst hat sich dazu verurteilt, hier an diesem Ort – wie ein fliegender Nachgesandter des Schwarzen Todes seine Kreise zu ziehen. Der Dämon der leidmütigen Wiedergeburt hat ihn ja noch nicht einmal wirklich angelogen, als er ihm versprach, dass er seiner Briana ein neues Leben einhauchen würde. Denn der Dämon ließ Briana  doch tatsächlich zurückkehren – an diesem verwunschenen Ort - und zwar Nacht für Nacht –  als eine dem Raben elendig lebendig würgende Erinnerung, die ihm hier auf so unsäglich leidmütige Weise gefangen hält, - bis in alle gottverdammte Ewigkeit.

 

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Svenja, 18 August 2011 - Du schreibst einem aus der Seele. Einfach nur geil. Danke!

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