Der Praktikant

 

So ein Mist, Damit habe ich nun wirklich nicht gerechnet, als ich vor wenigen Wochen eine Praktikantenstelle im Hamburger Abendblatt ausgeschrieben hatte. Seit nun ungefähr zehn Jahren führte ich dieses Vertriebsbüro in Altona. Das Geschäft mit diversen elektronischen Kleinartikeln läuft unbestreitbar gut, und zudem hatte ich das außerordentliche Glück, ein großartiges Team an meiner Seite zu haben. Wir alle pflegen einen sehr lockeren Umgang miteinander. Und mit meinem Assistenten, dem Michael, verbindet mich darüber hinaus ein ganz intimes Bündnis. Denn Michael und ich, wir leben bereits seit über sieben Jahren in einer festen Beziehung, und ein jeder hier im Vertriebsbüro weiß von unserer leidenschaftlichen Umklammerung, die bis zum heutigen Tage nichts von ihrem Zauber verloren hat. Im Betrieb gab es wegen unserer Verbindung bislang auch niemals irgendwelche Probleme. Ganz im Gegenteil sogar. Wir gelten sozusagen als das Traumpaar des Hauses.

 

Vor einigen Tagen nun aber geschah etwas, mit dem ich gerade in diesem, meinem Betrieb, niemals gerechnet hätte. Und umso beunruhigender empfand ich die Tatsache, dass dieses theoretische Negativum sich in meinem Innern abspielte. Ich sah mich plötzlich einem bis dato verdrängten Konflikt Auge in Auge gegenübergestellt. Unruhig und leicht vibrierend rutschte ich auf meinem Stuhlleder umher. Vor mir wucherte dieser wunde Punkt in Form eines fünfzehnjährigen Jungen, und er warf einen Schatten auf mich nieder. Er stellte sich mir als Olaf Grimm vor, geizte nicht mit optischen Reizen und verfügte über eine sehr angenehme und einladende Ausstrahlung. Und richtig, er bewarb sich um die in der Zeitung ausgeschriebene Stelle als Praktikant. Eine Quelle voll Informationen sprudelte ungefragt aus ihm heraus. Der Jüngling schien auf alles und jedes eine Antwort parat zu haben. Auch auf die Fragen, die ihm gar nicht erst gestellt wurden. Doch dieser Übereifer, den er an den Tag legte, kam mir sehr gelegen. Denn dieses unangenehme Gefühl, welches in mir aufkeimte, breitete sich immer weiter aus und verkleinerte zusehends meinen Aktionsradius. Seine Zeugnisse und sein offenes Auftreten überzeugten mich restlos. Der positive Gesamteindruck dehnte sich immer mehr zu einer unumstößlichen Tatsache. Aber leider verstärkte sich synchron dazu auch dieses beklemmende Gefühl in mir. Eine innere Zerrissenheit umfasste mich wie eine kalte eiserne Zange. Da saß ich doch tatsächlich auf meinem Chefsessel und fühlte mich so hilflos verfangen in einem Netz voller fremdartiger Bedenken. Fast so wie ein Insekt im Netz einer Spinne. Wie soll ich's sägen? Ich stand irgendwie neben mir. Und als dieser Olaf Grimm dann noch höflich und fernab jeglicher Aufdringlichkeit nach meinen ersten Eindruck fragte, da fühlte ich mich vollends zerrissen.

Sie werden sich jetzt vielleicht fragen, worin sich denn überhaupt mein seltsames Verhalten begründen könnte? Ich werde versuchen. Ihnen meinen Zustand zu erklären; In meinem Kopf schwirrten allerlei Fragen umher; Fragen, von denen ich bis dato annahm, sie mir nie hätte stellen zu müssen. So zum Beispiel: Ob ich als sein zukünftiger Chef nicht moralisch oder vielleicht sogar aus reiner Fürsorgepflicht dazu angehalten war, ihm gegenüber meine sexuelle Ausrichtung offen darzulegen? Ob der Junge nicht ein Recht darauf hatte zu erfahren, dass sein Boss schwul sei? Und ob ich ihn nicht zudem darauf hinweisen müsste, dass im Falle einer Einstellung auch sein Vorarbeiter ein Schwuler sein würde? Natürlich kam ich mir mit meinem Fragepaket ziemlich blöde vor. Vor allem aber empfand ich diese plötzlichen Zweifel als eine niedere Form der Selbstkasteiung. Aber, hatte ich mir diese Fragen nicht vollkommen zu Recht gestellt? Der Junge war schließlich erst fünfzehn Jahre alt und somit noch minderjährig. Und würde er in meinem Unternehmen anfangen zu arbeiten, so müsste er spätestens nach zwei Tagen bemerkt haben, dass seine beiden direkten Vorgesetzten eine ganz besondere Form der Vertraulichkeit pflegten. Durfte ich ihm dies so ganz ohne Vorwarnung antun? Und wenn ich nun sofort mit der Tür ins Haus gefallen wäre? Was für einen Eindruck hätte der Bursche wohl dann von mir gehabt? Ich denke mal, er wäre höchstwahrscheinlich durch eine solche Aussage völlig verunsichert worden. Und ich, ich stünde garantiert als der böse Onkel da. Denn was auch sonst sollte der Jüngling letztlich aus all jenem schlussfolgern? Vielleicht, dass ich wohl weniger an einem gewöhnlichen Praktikanten, sondern doch eher an einem knackigen Knaben zum prickelnden Zeitvertreib interessiert sei?

 

Foto by Alfconde888

 

 

Ich sah mich tatsächlich in einer verdammten Zwickmühle. Denn hätte ich den gesamten Sachverhalt ganz klar angesprochen, liefe ich höchste Gefahr, völlig falsch verstanden zu werden. Hätte ich aber nun einfach nur Stillschweigen bewahrt, würde sich dieser Olaf Grimm eben selbst über kurz oder lang mit der Wahrheit konfrontiert sehen. Und, wie würde sich ihm diese Situation dann darstellen? Würde er sich nicht selbst auch in einer Zwickmühle wieder finden? Einer Zwickmühlenämlich aus persönlicher Abneigung und beruflicher Abhängigkeit? Ich stellte mir an diesem Nachmittag auch die Frage, warum diese Sache mich so sehr verunsicherte? Es war eben nicht einfach nur die Minderjährigkeit des Jungen. Der Auslöser war ein ganz anderer. Es ging hierbei um weitaus mehr. Diese, man möchte fast sagen: „Kleinigkeit", sie zeigte mir nach langer Zeit einmal wieder, dass es eben so gar nicht normal ist, schwul zu sein. Dazu passte dann auch mein stiller Selbstvorwurf, ich könnte ein schlechtes Vorbild für den Jungen abgeben. Und dieser Gedanke war es dann auch, der mich am gewaltigsten verunsicherte und mich gleichzeitig aber auch wütend machte. So also bat ich mir eine Bedenkzeit aus und verabschiedete den jungen Bewerber. Und ich muss gestehen, in dem Moment, als ich Olaf Grimm zur Tür geleitete, da hatte ich bereits den Entschluss gefasst, ihn auf gar keinen Fall in meinem Unternehmen als Praktikanten einzustellen. Es war mir viel zu unwohl bei dem Gedanken, was nicht alles sich an ungünstigen Konstellationen daraus hätte ergeben können. Da saß ich nun leicht zerknittert auf meinem Stuhl und schaute ins Leere. Just in diesen Moment betrat Michael das Zimmer. Er kam zu mir, legte seine Arme um meine Schultern und bemerkte, was selbstverständlich auch mir zuvor schon aufgefallen war. Nämlich, dass dieser Olaf ein wirklich hübscher und zudem sehr netter Junge sei. Als Michael mich dann fragte, ob dieser junge Mann denn nun demnächst unser Praktikant werden würde, da lud ich all meine Zweifel und Einwände bei ihm ab. Michael hörte mir aufmerksam zu und schwieg zu alledem, was ich von mir gab. Er ging währenddessen im Büro auf und ab und blieb schließlich vor dem Fenster stehen und schaute hinaus, während ich ohne Unterbrechung weiterredete. Ich argumentierte mit wilden Gebärden, und ich überschlug mich fast dabei, so sehr hatte mich diese Sache aus meinem inneren Gleichgewicht gebracht. Wie aus heiterem Himmel schallte mir plötzlich sein unverkennbares Lachen entgegen. Michael bebte vor lauter Lachen und hatte größte Probleme, sich wiedereinzukriegen. Ich war über seinen, wie ich empfand, unpassenden Gefühlsausbruch ein wenig erbost. Schließlich war mir diese Angelegenheit schwer auf den Magen geschlagen. Michael aber lachte unentwegt weiter. Ich erhob mich von meinem Stuhl und schritt zu Michael ans Fenster. Und als ich dort neben meinem Freund stand und einer meiner Blicke sich aus dem Fenster trug. da musste auch ich lauthals loslachen. Denn auf der gegenüberliegenden Straßenseite lagen sich zwei bildhübsche Jungen in den Armen. Sie umschlangen sich in voller Leidenschaft. Und in einem der beiden erkannte ich auch sofort unseren zukünftigen Praktikanten wieder - Olaf Grimm.   Arne Pahlke / 1999 ®

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