Die Frau, die keine Fragen duldete

Letzte Nacht träumte ich von einer asiatischen Frau, die überraschend an meine Wohnungstür klingelte. Sie sah unheimlich, elegant und überlegen aus, wobei die Betonung auf unheimlich liegt. Sie lächelte mich freundlich und gleichzeitig distanziert an, als ich ihr die Tür öffnete. Ich stand komplett neben mir, als ich sie fragte, ob und was ich für sie tun könne, woraufhin sie mich bat, sie zunächst einmal in meine Wohnung zu bitten.

Verwirrt, die Situation hinterfragend, kam ich ihrer Bitte nach, wobei ich meine Unsicherheit zu überspielen versuchte. Aus diesem Grund fragte ich sie, ob sie denn gar keine Angst hätte, in die Wohnung eines fremden Mannes zu gehen, woraufhin sich mich kurz anvisierte und mir dann abschätzend (nicht aber abwertend) sagte: „Nein, für mich bist du total ungefährlich“.

Somit schloss ich die Wohnungstür hinter mir zu und begleitete sie zu meiner Couchgarnitur. Und als sie sich auf dieser niedergelassen hatte, meinte sie, ob ich denn gar keine Angst hätte, eine wildfremde Frau in meine Wohnung zu lassen.

„Sollte ich ...?“, fragte ich die asiatische Frau, deren kaltes und zugleich sinnliches Gesicht ich in diesem Augenblick erstmals richtig wahrnahm, woraufhin sie mich abermals  anschaute - diesmal aber viel intensiver. Und dabei durchströmte mich ein Gefühlsgemisch aus Neugierde, Benommenheit und Angst.

Ich stellte ihr und mir unglaublich viele Fragen, die sie allesamt mit einem Lächeln quittierte, wie man es gemeinhin einem Idioten entgegenbringt, der einem trotz seiner Geisteskrankheit irgendwie sympathisch ist.

Schließlich unterbrach sich mich und befahl mir, mich anzuziehen, weil sie mit mir in ihrem Auto wegfahren wolle. Also fragte ich sie, wohin sie mit mir hinzufahren gedenke. Doch sie blieb mir eine Antwort schuldig und zog mich hinter sich her, hinein in ihr Auto, in dem sie dann zu mir meinte, dass ich bereits mein halbes Leben damit verbracht hätte überflüssige Fragen zu stellen.

Die Frau, die keine Fragen duldete2

 

Danach schaute sie mich durchdringend an und gab mir in einem ruhigen aber keine Widerworte duldenden Tonfall zu verstehen, dass sie nunmehr so lange mit mir in diesem Auto fahren würde, bis ich ihr sagen könne, was ich von meinem restlichen Leben erwarte.

„Aber wie soll das funktionieren …?“, stammelte ich.

„Keine weitere Frage mehr, Arne! Ich will Antworten!“, antwortete sie trocken und fuhr los.

Und sodann fuhren wir mit dem Auto durch eine menschenleere Welt. Und die Zeit lief immer schneller an mir vorbei. Doch alles, was ich ihr sagen wollte, beinhaltete immer auch eine Frage – und so zog ich es vor zu schweigen. Ich spürte, wie ich immer älter und gebrechlicher wurde, während sie jünger, schöner und begehrenswerter zu werden schien. Und dann wusste ich plötzlich, was ich von meinem restlichen Leben noch erwartete, nämlich es mit ihr gemeinsam verbringen zu dürfen.

Ich aber wusste ihren Namen nicht und traute mich nicht, sie danach zu fragen, weil sie mir jede weitere Frage verboten hatte. Und es kam mir somit einfach nicht über die Lippen, ihr zu sagen, dass ich mir sie an meine Seite wünsche. Stattdessen geisterte in meinem Kopf nur diese dämliche Frage nach ihrem Namen und dies Frage danach, warum ich mir ausgerechnet jetzt keine weitere Frage erlaubte ...
  © Arne Pahlke  Juli 2005
 

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