Die schwarzen Männer

 

Was für eine maßlose Frechheit.

Selbstverständlich hatte ich das Gesicht jenes Mannes deutlich vor Augen, der mir all diese widerlichen Dinge angetan hat. Wie konnten die gefühllosen Grandseigneurs der Polizei nur eine Sekunde lang an meinem Erinnerungsvermögen zweifeln? Und wenn es denn allein das gewesen wäre, was sie in Zweifel zogen. Im Verlauf meiner Aussage kam ich mir immer mehr wie der Angeklagte vor, obgleich ich doch das Opfer einer peinvollen Straftat geworden bin. In allen nur erdenklichen Einzelheiten habe ich den Herren von der Polizei geschildert, was dieses Dreckschwein mit mir angestellt hat. Und dabei habe ich ihnen natürlich auch genauestens darüber Bericht erstattet, wie mein Peiniger aussah.

Er war groß, unberechenbar groß. Und breit war er, wahrscheinlich durch den Einfluss irgendwelcher Medikamente, da er unaufhörlich lallte. Aber vielleicht war es auch einfach nur seine fremdartige Sprache, die mich irritierte? Und er hatte ziemlich breite Schultern. Er war ein Gorilla von einem Mann. Ja fürwahr, er war ein gefräßiger King-Kong in Menschengestalt. Und es war ein schwarzer Mann, behaart wie ein kolossaler und wilder urwüchsiger Berggorilla. Er war behaart und tiefschwarz.

Ok, vielleicht war er auch lediglich Kakaobraun. Mein Gott, es war dunkel – und diese pechschwarzen bis kakaobraunen Menschen, die sehen doch ohnehin alle gleich aus. Und es war schließlich mitten in der Nacht. Na ja, es war nicht mehr wirklich mitten in der Nacht.

Ich kam gerade von der Nachtschicht, also aus dem Presswerk. Dies überraschte mich allerdings, weil ich dort ja eigentlich schon vor langer Zeit vor die Tür gesetzt wurde, weil ich angeblich irgend etwas geklaut hatte.

Scheißladen!

Ich muss aber wohl dessen ungeachtet weiterhin zur Arbeit gegangen sein. Wahrscheinlich tat ich dies, weil ich im Gegensatz zu diesem schwarzen Berggorilla, der mich überfiel, ein untadelhaftes Sozialverhalten mein Eigen nenne. Jawohl, ich erfülle meine Pflicht - jederzeit!

Es muss kurz nach 6 Uhr in der Frühe gewesen sein. Und wie ich finde, ist dies immer noch mitten in der Nacht. Was kann ich denn dafür, wenn die dämlichen Beamtenbullenpisser von der Wache einen anderen Tag-Nachtrhythmus leben? Entschuldigen sie bitte diesen Kraftausdruck. Aber es ist doch wahr, kleinkarierte Pisser sind das, die es überhaupt nicht verdient haben, das man sie respektvoll betitelt. Außerdem bin ich nachtblind. Und da kann es schon einmal passieren, das ich mitten in der Nacht nicht alles sofort in seiner Vollständigkeit erkenne. Ja, ich tue dies mitunter selbst dann nicht, wenn es bereits wieder einigermaßen hell ist. Mensch, meine Augen sind halt empfindlich. Aber das ändert  nichts an der Tatsache, das ich die beiden dunkelhäutigen Gorilla ganz genau erkannt habe.

Ja, es waren zwei an der Zahl. Und das war dann natürlich auch so eine Sache, da mich die Bullen plötzlich ziemlich skeptisch anschauten. So eine Scheiße. Und dies taten sie nur deshalb, weil ich ihnen nicht sofort erzählt habe, dass ich von zwei schwarzen Männern überfallen, ausgeraubt und anschließend vergewaltigt wurde. Es ist wirklich unglaublich, was für überaus taktlose und misstrauische Menschen eine Polizeilaufbahn einschlagen dürfen. Ich erlebte kurz zuvor das Trauma meines Lebens, schleppe mich mit allerletzter Kraft in die nächste Polizeiwache, und werde dort dann, entgegen meiner Hoffnung, nicht etwa aufgefangen, sondern argwöhnisch beäugt.

Wo leben wir denn hier? Geht man so mit Opfern einer hundsgemeinen Straftat um?

 

Es geschah in irgendeiner dunklen Gasse ..oder  vielleicht aus auch ganz woanders


 

Warum ich keine sichtbaren Verletzungen davon getragen habe, wollte dann einer dieser kalten Wichtelbullenmänner von mir wissen. Na, was weiß denn ich!? Wahrscheinlich waren die beiden Neger eiskalte und gut durchorganisierte Profis. Man liest das doch immer wieder. Die kennen doch kein Pardon, schließlich sind das alles ausgekochte Verbrecher! Drogendealer! Halunken!

Ich habe deshalb darum gebeten, dass man anhand meiner Angaben Phantombilder von dem Verbrecherduo erstellt. Ja, sie hören richtig, ich musste fast schon darum betteln. Schließlich kam dann so ein schlaftrunkener Grimassenzeichner. Für einen kurzen Moment hielt ich diesen Mann für einen der beiden Gorilla. Doch seine Hautfarbe war dann doch zu hell, als hätte er einer der beiden dunklen Gesellen gewesen sein können. Tja, so schnell können Unschuldige unter Verdacht geraten, dachte ich still bei mir, woraufhin ich mir die allergrößte Mühe gab möglichst präzise Angaben zu machen. Allerdings nervte mich der Zeichner gewaltig. Sie können sich kaum vorstellen, mit was für kleinkarrieren Fragen er mich durchsiebte. Dadurch verging mir ziemlich rasch die Lust an der Malerei.

Meine Güte, warum reichte es ihm denn nicht aus, als ich ihm sagte, das meine Peiniger große gemeine Augen hatten und noch größere platte Nasen? Der Zeichner war ein detailverliebter dämlicher Idiot, der wohl zu Hause bei seiner Frau nichts zu melden hat. Und genau das habe ich ihn dann auch gesagt, woraufhin diese Pisskröte tatsächlich ausfallend wurde. Also musste ich der Pappnase einen Papierlocher über den Kopf schlagen, woraufhin mir die anderen Bullen erstmals jene Aufmerksamkeit zuteil werden ließen, die ich mir von Anfang an gewünscht hätte.

Na ja, dass mit dem brutalen Überwältigen und den Handschellen, dies hätte nun wirklich nicht sein müssen. Und dann verfrachteten mich die Blaujacken in diesen Raum hier, in dem bereits zwei Dunkelhäutige saßen. Ich glaube, annähernd jeder wird nachvollziehen können, wie ich beim Anblick der beiden Schwarzen heftig zusammengezuckt bin. Musternd beschaute ich die beiden Kerle und erkannte in ihnen rasch meine Peiniger wieder. Doch diese beiden Halunken waren eiskalt. Sie taten einfach so, als würden sie mich gar nicht kennen. Einer von den beiden Buschmännern fragte mich sogar, wer ich wohl sei und warum ich hier gelandet bin. Das war wirklich der Gipfel der Unverschämtheit. In mir schäumte die Wut. Und als sie mir dann noch meine Handschellen mit einem Nagel öffneten, weil sie angeblich sahen, wie diese sich mir ins Fleisch gruben, da war mir natürlich sofort klar, dass sie lediglich ihr abgrundtief schlechtes Gewissen zu dieser Maßnahme trieb oder sie mich allein kurzfristig in Sicherheit wiegen wollten.

Als ich von den Handschellen befreit war, schaute ich mir die Dunkelhäutigen noch einmal ganz genau an, die bei Zellenlicht besehen eigentlich gar nicht mehr so schwarz aussahen. Nein, sie sahen vielmehr wie zwei ausgewaschene Inder aus. Und die beiden Schwarzen, die nach verwaschenen Indern aussahen, steckten höchstwahrscheinlich mit dem Bullen unter einer Decke. Ich war somit auf mich allein gestellt. Und dann brachten die Dunkelmänner das Fass zum Überlaufen, als sie sich mir als türkische Staatsangehörige vorstellten, die auf Grund einer Teilnahme an einer Demo gegen Rechtsradikalismus in Gewahrsam genommen wurden.

Ich meine, überfallen, ausgeraubt und anschließend vergewaltigt zu werden, dies ist bereits ein Albtraum. Wenn man aber anschließend noch von den Tätern auf so schändliche Weise verhöhnt wird, dann ist ein Amok vorprogrammiert.

Ich nahm also den Nagel und bohrte diesen einem der hellhäutigen Schwarzen direkt in das linke Augenweiß, was sich daraufhin augenblicklich signalrot färbte, während ich gleichzeitig mit einem gezielten Fußtritt den Kopf meines anderen Peinigers mit voller Wucht gegen die Wand stieß. Anschließend bohrte ich den langen Nagel wiederholt und abwechselnd in die beiden zuckenden Brustkörper, dieser gemeingefährlichen schwarzen Bestien, die nun vor mir auf den Boden ihre letzten Zuckungen darboten.

Ich musste sie töten, um mein eigenes Überleben zu sichern! Außerdem habe ich mit dieser ganzen Scheiße nicht angefangen.

Im Nachhinein bin ich mir allerdings nicht mehr ganz sicher, ob es jetzt wirklich dunkelhäutige Männer waren, die mir dies alles angetan haben. Ich meine, es können durchaus auch hellhäutige Russen oder womöglich sogar burschikose weiße Frauen gewesen sein. Wir alle kennen doch dieses Dilemma, das die Frauen von heute zunehmend wie maskuline Kleiderschränke aussehen.

Aber wenn die beiden Neger gar keine Neger waren, sondern lediglich zwei hellhäutige Frauen , dann haben diese mich wahrscheinlich auch überhaupt nicht vergewaltigt? Vielleicht habe ich sie vergewaltigt, wobei ich mich gleichzeitig von ihnen geschändet fühlte, da ich sie ja eigentlich nur ausrauben wolle, die blöden Weiber aber kein Geld dabei hatten. Und wenn dem so wäre, dann hätten diese dummen Schabracken doch selbst Schuld gehabt! Wie kann man nur mitten in der Nacht völlig allein - wenngleich auch zu zweit - durch einen Park gehen und dann nicht einmal Geld dabei haben?

Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn die beiden blöden Weiber dunkelhäutigen Kriminellen über den Weg gelaufen wären. Diese Wilden hätten sie völlig skrupellos überwältigt. Schwarze Männer kennen da nix – das sind Bestien! Sie konnten also vom Glück reden, das ich des Weges kam.

Doch was habe ich nun davon, dass ich wieder einmal Zivilcourage gezeigt habe?

Ich sitze in dieser Zelle fest und musste zwei mutmaßliche Schwerverbrecher töten, um ihnen nicht selbst zum Opfer zu fallen. Und wie ich die Bullenschweinebande einschätze, werden sie mir meine Version natürlich nicht glauben, weil sie möglichst rasch Feindbilder aufbauen wollen.

Vielleicht hätte ich gestern Abend meine Wohnung nicht verlassen sollen. Aber der Verwesungsgeruch in der Wohnung ist mittlerweile einfach unerträglich. Keine Ahnung, woher dieser Geruch kommt. Ich habe meine Frau in den letzten Wochen schon mehrfach danach gefragt. Aber die wehrte Dame redet ja schon seit Ewigkeiten nicht mehr mit mir. Die ist so selten dämlich, das sie sich doch tatsächlich in unseren teuren Perserteppich eingerollt hat. Und da liegt sie jetzt bereits seit sieben Wochen drin. Und direkt daneben stecken unsere beiden Kinder in zwei großen blauen Müllsäcken.

Ich weiß wirklich nicht, was sie damit bezwecken wollen.

Finden die das etwa witzig? 
© Arne Pahlke, 2005

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