Die Wurzelkinderhöhle im Bundeswehrkrankenhaus

© Arne Pahlke

 

Einige meiner Lebenserinnerungen reichen bis weit in das Kleinkindalter zurück, sodass ich mir selbst nicht mehr sicher bin, welche dieser Erinnerungen in welchem Umfang der Realität entsprechen. Eine Erinnerung aus der Frühzeit meines Daseins hat sich aber so unauslöschlich in mein Gedächtnis eingebrannt, dass ich mich sogar an kleinste Details erinnere, obgleich ich zu diesem Zeitpunkt erst zwei Jahre alt war.

Ich erinnere mich noch genau an das Zimmer, in dem ich untergebracht war. Und obgleich ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht zählen konnte, kann ich mir selbst aus meiner bildhaften Erinnerung heraus glaubhaft versichern, dass sich neun Betten in diesem Zimmer befanden. Fünf der vergilbt lackierten Holzgitterbetten standen dicht beieinander an der Wand, die gegenüber der Zimmertür lag. Und jeweils zwei der Kinderbetten fanden sich an den Flanken des Krankenhauszimmers wieder.

Mein Bett war das zweite von der Tür aus gesehen an der linken Flanke des Zimmers. Weiterhin erinnere ich mich, dass es keine Fenster in diesem großen und hohen Raum gab. Und von der Zimmerdecke hing ein liebloses übergroßes Mobile. Die Zimmerbeleuchtung warf ein unschönes gelbliches Licht bis in die hintersten Winkel des Raumes. Dazu waren die Wände in einem hässlichen Grauton gestrichen, der jedes normal empfindende Kleinkind frösteln lassen musste. Und ich bekam mehrmals am Tag eine  hellblaue Trinkschnabelflasche mit einem milchig durchsichtig verwaschenen Plastikverschluss, die ich oft und lange in meinen Händen hielt und zum Mund führte. Wahrscheinlich diente mir der Trinkschnabel als eine Art Brustzitze, um über das Abgetrenntsein von meiner Mutter hinwegzukommen, denn ich saugte selbst dann daran, wenn die Flasche leer war. Selbst der Geruch der Trinkflasche ist noch immer in mir verwahrt;  - doch entzieht er sich jeglicher Beschreibung. Und mein kleiner Teddy, er war ebenfalls mit mir ins Krankenhaus gebracht worden. Es war ein braunorangener Teddy, der ein wenig Ähnlichkeit mit Winnie Pu aufwies, mich aber nicht so sehr tröstete und abzulenken vermochte, wie dieses große Buch, welches meine Mutter mir extra für meinen Aufenthalt im Bundeswehrkrankenhaus in Wandsbek Gartenstadt gekauft hatte.

 

ich als Cowboy - da war ich wohl knapp drei Jahre alt

 

Das große und reich bebilderte Buch erzählte mir die Geschichte der Wurzelkinder (eine Beschreibung findet sich HIER). Und da ich des Lesens in diesem Alter natürlich noch nicht mächtig war, konzentrierte ich mich allein auf die Bilder. Und aus den Bildern spann sich mein kleinkindliches Gemüt eine eigene Geschichte, die ich mir wiederholt zuführen konnte, ohne dass diese sich abnutzte. Was sich in diesen Tagen allerdings rasch abnutzte, das war meine Sehkraft, da ich gerade erst eine Augenoperation überstanden hatte. Mit dem einen Auge konnte ich überhaupt nichts sehen, weil es mir verklebt wurde. Und durch das andere Auge verschwammen mir alle Dinge, wenn ich sie nur etwas länger fixierte. Doch dies empfand ich nicht weiter tragisch, sehr wohl aber etwas anderes.

Nach der Operation musste ich täglich eine Tinktur in beide Augen geträufelt bekommen, die unter anderem ein Tollkirschextrakt enthielt. Und diese Tinktur brannte so furchtbar in meinen Augen, dass ich mich, nachdem ich dies einmal erlebt hatte, mir diese Tropfen freiwillig kein zweites Mal mehr verabreichen ließ. Und so wurde ich bei der nächsten Visite von zwei Schwestern festgehalten. Eine hielt mich an meinen beiden Ärmchen fest und die andere an meinen Beinchen, während mir eine dritte Person, ein Arzt oder ein Pfleger, abermals diese teuflischen Tropfen verabreichte. Ich wand mich unter der vierarmigen (un)menschlichen Fessel und schrie das halbe Krankenhaus zusammen. Doch es half nichts.

Und somit beschloss ich, mich dieser quälenden Folter durch eine gezielte Flucht zu entziehen. Also stieg ich früh am nächsten Morgen aus meinem vergilbten Gitterbett, nahm mein Wurzelkinderbuch und fand Zuflucht in einem Zimmer, in dem jede Menge leerer Betten abgestellt waren. Und unter diese Betten kroch ich nun mitsamt meinen Wurzelkinderfreunden, bis in den hintersten Winkel dieses Zimmers. Dieses Versteck wurde meine Wurzelkinderhöhle, in der ich vor den Klauen der bösen Krankenschwestern und Ärzte Zuflucht fand, die kleinen hilflosen Jungen flüssig gewordene Brennnesseln in die Augen schütteten.

Mein Plan ging auf. Zumindest tat er dies weitaus länger, als es dem Krankenhauspersonal lieb war. Es verging eine halbe Stunde. Es verging eine Stunde. Dann ertönten Durchsagen, die meinen Namen enthielten sowie eine Personenbeschreibung, die ich mir allerdings nicht zuzuordnen vermochte. Und mehrmals sah ich hektische Menschen in das Zimmer kommen, in dem ich mich versteckt hielt. Oder vielmehr sah ich ihr Schuhwerk und jede Menge weißer Hosenbeine. Und da die vielen leeren Betten versetzt standen, konnte ich mich ganz hinten an der Wand so hinlegen, dass die Suchenden mich selbst dann nicht sahen, wenn sie sich bückten und unter die vielen Betten guckten. Ich war dann jeweils mucksmäuschenstill und reagierte nicht einmal, wenn sie meinen Namen riefen. Nach einer Weile wurde meine Mutter telefonisch informiert, dass ihr kleiner Sohn spurlos verschollen sei und das halbe Krankenhauspersonal bereits eine kleine Ewigkeit nach ihm suchen würde. 

Irgendwann musste ich meine Wurzelhöhle aber leider verlassen, da ich zwischenzeitlich schrecklichen Durst bekommen hatte. Schließlich lag ich ja schon lange Zeit vor der Visite in meinem Versteck. Und nach einer kurzen Freude darüber, dass mir nichts zugestoßen und der Flüchtige unversehrt zurück war, nahm das tägliche Verhängnis seinen Lauf. Die Kinderquäler taten es wieder. Und dies hat mich so furchtbar böse gestimmt, dass ich demonstrativ an meiner Mutter und meiner Oma vorbeigegangen bin, als ich diese im Krankenhausflur erblickte, um dann, wenige Sekunden später, weinend in die Arme meiner Mutter zu versinken, auf dass sie mich aus diesem Folterverlies doch endlich befreien möge.

Und zum Glück war meine Aktion nicht ganz umsonst. So verabreichte man mir die Tropfen fortan mit sehr viel mehr Geduld. Dies änderte zwar nichts an der Tatsache, dass die Quältropfen nach wie vor starke Schmerzen verursachten, aber dennoch hatte ich mithilfe meines Wurzelkinderbuches einen kleinen Sieg errungen.  

Es sollte übrigens nicht das letzte Mal gewesen sein, dass ich mich bereits im frühen Kindesalter einer Situation durch Flucht entzog und dadurch eine größere Suchaktion loslöste. An einer dieser Suchaktionen beteiligte sich schließlich sogar die Polizei. Doch dies ist eine andere Geschichte, die ich an anderer Stelle zu gegebener Zeit erzählen werde.

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