Die Zwangsräumung (existenzielle Exmission)

Arne Pahlke, Februar 2006

 

Er hörte die Klingel. Und er horchte dem Klopfen und zuckte  zusammen, als ein weiterer schreiender Klingelton durch den  leer geräumten Flur in die Küche wellte. Jene Küche, in der er saß und der  Dinge harrte, die da kommen sollten.

Wie ein manövrierunfähiges Stück Sperrgut saß er auf dem letzten klapprigen Stuhl, der ihm geblieben war. Und er wusste, es würde nicht mehr lange dauern, bis der herbeigerufene Mann vom Schlüsseldienst die Tür öffnen würde.

In den zurückliegenden Wochen kam der Obergerichtsvollzieher allein. Und  immer klingelte und klopfte er mehrfach an die Wohnungstür. Und obgleich er ihm doch jedes Mal die Tür öffnen wollte, fehlte ihm hierzu jeglicher Impuls. Also verblieb er in seiner Starre. wie auch jetzt wieder.

Natürlich war ihm klar, dass der Vollstreckungsbeamte bald schon wiederkommen würde. Und so war es denn auch. Schon kurze Zeit später stand dieser erneut vor der Wohnungstür. Und an seiner Seite war ein  Polizist und ein Mann vom Schlüsseldienst. Außerdem hörte er die aufgeregt fiebrige Stimme des Hausmeisters. Dieser würde mit seinen kleinen gehässigen Bärenaugen ganz gewiss jeden Winkel der Wohnung abtasten. Er würde seinen dicken Bauch vor sich herschieben, wie ein von ihm befohlenes Räumkommando. Und er, der säumige Schuldner, würde  einfach nur dasitzen und nichts dagegen unternehmen. Ja, er würde dem Blicken des Hausmeisters wahrscheinlich sogar ausweichen, weil diese Niederlage zu eindeutig und groß war.

Und dann war es  soweit. Er hörte, wie der Mann vom Schlüsseldienst das Türschloss aufbohrte.

In den zurückliegenden Tagen hatte er oft an Selbstmord gedacht. Immer wieder hatte er mit dem Gedanken gespielt, sich aufzuhängen. Und dazu stellte er sich die Gesichter jener Meute vor, die seine Wohnung stürmte. Die Meute, die ihm aus dieser seiner Wohnung vertreiben würde. Und dies nur, weil er kein Geld mehr hatte, um die Miete zu zahlen. Allein deshalb sollte er sein Bleiberecht verwirken. Einmal hatte er sogar ganz kurz daran gedacht, den Gashahn aufzudrehen und sich mitsamt dem Mietshaus in die Luft zu jagen. Aber da gab es diese alte nette Dame, die ihm stets am Ende des Monats ein Topf Suppe vor die Wohnungstür stellte. Und überhaupt, er war doch kein Mörder, sondern einfach nur ein ganz gewöhnlicher Versager, dem sein Leben über den Kopf gewachsen ist.

 

Copyright Arne Pahlke

 

Seit drei Monaten lag dieser Brief nun bereits auf dem Küchentisch, indem er sich staatliche Hilfe erbat. Doch er war unfähig dieses Schreiben zu Ende zu führen. Stattdessen nahm er immer mehr die Haltung eines Verharrenden ein, der das Schicksal nicht mehr selbst in der Hand hatte, sondern der allein darauf hoffte, dass der bittere Krug an ihm vorüberziehen möge, obgleich er nichts dafür unternahm, dass eben dies geschah.

Und eben deshalb kam es, wie es kommen musste.

Die Tür sprang auf.

Kurz darauf trat der Gerichtsvollzieher ins Wohnzimmer. Gefolgt von einem jungen Polizisten und dem Hausmeister, der denn auch sofort seine Bärenaugen auf Wanderschaft schickte. Und sie alle redeten abwechselnd auf ihn ein, bis er genug von ihren Worten hatte. Er hatte diese bereits zu oft gehört, als er sich jenes Szenario, in dem er sich nunmehr so grausam gefangen fühlte, in seinem Kopf durchspielte. Also stand er einfach auf, zog sich Jacke und Schuhe an, legte seinen Wohnungsschlüssel neben den nicht abgeschickten Hilferuf und verließ wortlos die Wohnung, die in diesem Moment aufgehört hatte sein Zuhause zu sein.

Fünf Tage nach dem Verlust seiner Wohnung marschierte er noch immer ziellos durch die Gegend, bis er vor lauter Erschöpfung auf einer Parkbank in sich zusammensackte. Doch trotz bleierner Müdigkeit und trotz grenzenloser Ermattung fand er wieder keinen erholsamen Schlaf.

Und der Mann wusste, dass er einmal mehr jene notwendigen Schritte verschleppte, die ihm diese endgültige, sein ganzes Sein auslöschende Räumungsklage ersparen könnten.

Aber was sollte er tun?

Er fühlte sich so unendlich handlungsunfähig. Sein ganzes Wesen schien ihm restlos leer geräumt.

Alles, was er jetzt noch tun konnte, war einfach weiter zu existieren und jener Dinge zu harren, die da noch kommen mögen.

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