Dieser Mensch ist kein Mensch sondern ein Monster

Ein bekannter Kolumnist schrieb vor einigen Wochen in seiner Kolumne, dass er nie wieder einen Michael-Jackson-Song hören werde, da er keinen musikalischen Klängen eines Mannes horchen mag, der im Verdacht steht, Sex mit Kindern gehabt zu haben.

Nun denn.

Ich habe gestern  über zwei Stunden lang Michael Jackson Songs gehört und mich dabei von den teilweise begnadeten Arrangements berauschen lassen. Und ich würde selbst dann noch Michael Jackson-Songs hören, wenn sie ihm mehrere Kindstötungen nachweisen würden.

Neulich schrieb eine Frau in ihrem Weblog, dass sie sich den Film „Der Untergang“ niemals ansehen wird, nachdem sie ein Pressefoto von Bruno Ganz in kompletter Hitlermaske ansehen musste, auf dem dieser freundlich in die Kamera blickte. Sie meinte, man dürfe ein solches Monster niemals – in keinem Moment - freundlich darstellen. Und deshalb würde sie den Film nicht sehen wollen, weil sie Hitler ausnahmslos als gefühlloses Monster dargestellt sehen möchte.

Da findet also ein weltgewandter Journalist die Musik von Michael Jackson auf Grund einiger Verdachtsmomente (ob nun begründet oder nicht) plötzlich unerträglich verachtenswert. Doch selbst wenn Michael Jackson all dies getan hat, was man ihm vorwirft, so berührt dies seine musikalische Arbeit doch nicht. Aber ich verstehe schon, Herr Journalist. Sie können seine Musik nicht mehr ertragen, da es nunmehr die Musik eines Monsters ist! Richtig? Dann sollten sie auch keine Bücher mehr lesen, da sich selbst hinter den schönsten und reinsten Geschichten, die Psyche eines gewaltbereiten Monsters verbergen kann. Und vor allem sollten sie es vermeiden, sich selbst allzu nahe zu kommen!

Und da unterliegt eine Frau, wie so viele andere Menschen, jenem gefährlichen Aberglauben, das es Menschen geben muss, die nichts weiter als Monster sind - und die eben deshalb gefälligst auch so dargestellt werden sollen.

Dies ist unterstes BILD-Zeitung-Niveau.

Wenn ich je ein schlimmes Verbrechen begehen sollte, was durchaus im Bereich des Möglichen liegt, so wäre es ein Leichtes für diese Zeitung, z.B. aus einigen meiner Gedichte einige Fetzen zusammenzusuchen, die ein Monsterbild von mir skizzieren. Und die Masse würde diese Fetzen dankbar aufgreifen. Sie würde schreien: „Warum nur hat man nicht bereits früher etwas gegen diese Bestie unternommen? Der Fall lag doch klar: „Schützt uns endlich vor solchen Monstern“, schreibt die Bild-Zeitung in grellen Headlines. Und das monströse Volk schreit aus blutrünstigen Kehlen mit.

Wenn wir aber Menschen zu Monstern machen wollen, so funktioniert dies eigentlich nur über ein großflächiges Ausblenden einer Vielzahl ihrer Persönlichkeitsmerkmale. Aber die wenigsten von uns sind bereit, den warmherzigen und verletzten Teil eines Menschen zu sehen, der monströse Dinge getan hat und auch weiterhin tun könnte. Und selbst jene, die zu „Monstern“ mutiert sind, wählen oftmals feige die Verleumdung ihres abgründigen Teils, indem sie z.B. vor Gericht aussagen, dass nicht sie es waren, die das grausame Verbrechen begangen haben, sondern etwas in ihnen, was ihnen zutiefst fremd ist. Sie meinen dann oft, dass sie keine Erklärung für das haben, was geschehen ist. Tatsächlich verfahren sie in diesen Momenten genauso erbärmlich, wie jene, die ihren Tod fordern. Sie verleumden sich selbst – sie setzen sich nicht mit ihrem dunklen Teil auseinander.

Es gibt ganz einfach keine menschlichen Monster, auch wenn es uns TV-Boulevard-Magazine und Schmierblätter ständig verkaufen wollen. Weder war Adolf Hitler noch wäre ein 1000-facher Kindermörder ein Monster. Was es aber zweifelsfrei und überall auf der Welt gibt, das sind Menschen, die monströse Handlungen begehen.

Was glaubt denn diese Frau? Glaubt sie, dass ein Adolf Hitler niemals ein freundliches Gesicht gemacht hat; - das er niemals weinend zu seiner Mutter gelaufen, niemals vor Angst gezittert, vor Freude geweint oder eine andere zutiefst menschliche Regung gezeigt hat?

Ich habe weitaus weniger Angst vor dem vermeintlichen Monstern, als vor der grölenden Masse, die jene Menschen, die durch Verletzungen zu monströsen Handlungsreisenden mutierten, einzig und allein zu Monstern stempeln. Was diese Masse tut, dies ist im Grunde genommen genauso monströs, wie die Handlungen eben jener, die sie auf den elektrischen Stuhl, kastriert oder auf ewig weggesperrt haben möchten. Wer Menschen zu Monstern stempelt, der mag sich vor allem nicht mit sich selbst auseinander setzen.

 

Erkennst du denn auch den Monsteranteil in deinem Spiegelbild?



Selbstverständlich hat Adolf Hitler großes Unheil über die Menschheit gebracht. Und unzweifelhaft gehört es verboten sich an wehrlosen Kindern zu vergreifen. Aber mutiert ein Mensch denn automatisch zum Monster, nur weil er eine moralische, ethische oder strafrechtliche Grenze überschreitet? Wenn dem so ist, so sind wir alle Monster! Und fürwahr, wir sind es! Und dies erklärt dann auch, warum wir voller Inbrunst Menschen zu Monstern kennzeichnen. Wir zeigen mit Fingern auf andere Scheusale, nur um von unserem eigenen Scheusal abzulenken.

Ich kann mich sehr gut in die Gedankenwelt so genannter Monster hineinversetzen. Vielleicht ja deshalb, weil ich um die Existenz meines eigenen Monsteranteils weiß und diesem, ganz im Gegensatz zu vielen anderen Menschen, nicht leugne. Im Gegenteil: Ich stelle mich häufig um ein Vielfaches monströser dar, als ich es für gewöhnlich bin. Damit erschrecke ich dann jene Menschen, die sich für furchtbar unmonströs halten. Ja, ich liebe es sogar, wenn mich Menschen dieses Schlags monströs nennen. Und dafür müssen sie nicht einmal das Wort Monster bemühen, sondern Begriffe wie: abartig, verrückt, unnormal, krank oder gefährlich reichen vollkommen aus.

Und jawohl, all dies bin ich!

Doch was ihre Attacken zur Posse macht, ist, dass doch all dies und mehr auch auf sie zutrifft. Einer der schlimmsten Tötungsakte, den man begehen kann, ist der wiederholte und kalkulierte Mord von Hoffnungen. Und wo ich auch hinschaue, töten Eltern die Hoffnungen ihrer Kinder, töten Chefs die Hoffnungen ihrer Angestellten und töten Liebespaare gegenseitig ihre Hoffnungen. Die Menschen brandschatzen gegenseitig ihre Hoffnungen und Träume, wie es nur Monster tun können.

Doch halt!

Sind es deshalb Monster oder nicht doch nur ganz einfache Menschen, die voll von Fehlern und Handikaps sind?

Wenn einer aus dem monströsen Gesellschaftssumpf ausbricht oder vielmehr ausbrechen muss, weil ihm seine vielen Verletzungen aus der „Spur des allgemeinen stillen Schmerzertragens“ katapultieren, dann schreit die Meute:

„Dieser Mensch ist kein Mensch sondern ein Monster“.

Solche Überschriften erzielen hohe Leseraten. Der aufgeregte Leser, der sich z.B. bei Kinderschändungsartikeln berührt gibt, fragt sich voller Leidenschaft: Wer ist das Monster? Was hat es getan? Hat es viele Kinder getötet? Wendete es dabei viel Gewalt an?  Waren es junge Kinder? Mussten sie lange leiden? Gibt es Bilder davon? O, diese Drecksau! Dieses Monster! Weg mit ihm – lasst es nie wieder raus! Am besten tötet es sofort und unter grausamen Schmerzen! Es hat es nicht verdient, weiter zu leben, denn es ist ein Monster!

Schade, das ein normaler Spiegel nichts das wahre Gesicht eines Menschen zeigt, denn sonst wären die Menschen zurückhaltender in ihren Vergeltungsforderungen, da sie ihren eigenen Monsteranteil im Spiegelbild erkennen würden. Und wer würde sich dann noch selbst jede menschliche Gefühlsregung absprechen, nur weil er eben auch jede Menge Abgründe in seinem Spiegelbild erblickt?

Ich habe beim meditativen Spiegelstarren bereits viele Gesichter in den Meinigen ausgemacht. Ich sah gütige, milde, liebevolle und mitfühlende Gesichter. Ich sah mich als Engel, als Krankenschwester und als  großherziger Heilsbringer. Aber ich sah auch meine vielen verletzten, eiskalten, berechnenden und hassenden Gesichter. Ich sah mich als Massenmörder, als gemeiner Dieb, als Amokläufer und als menschenverachtender Tyrann.

Ich bin schon seit Jahren damit beschäftigt mich mit meinem Monsteranteil zu versöhnen, weil ich es für den gesünderen, wenngleich weitaus beschwerlicheren Weg halte, als im Vergleich dazu jenen Weg zu gehen, auf dem man sich auf einer von der Masse getragenen "Monsterstempelei" vom eigenen (ebenfalls monströsen) Wesenskern abzulenken versucht.
© Arne Pahlke Mai 2005

 

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