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Dienstag, 16. August 2005
Dritte öffentliche Therapiestunde
In dieser Stunde geht es unter anderem:
- über die Last, ein Hilfsempfänger zu sein - über krank machende Arbeit - über vorstellbare (kranke) Arbeit
Therapeut: Herr Pahlke, wenn sie nichts dagegen haben, dann möchte ich sie bitten, genau an jenem Punkt fortzufahren, an dem wir bei der letzten Stunde abgebrochen haben.
Ich: Sie meinen, ob ich jemand an mich heranlassen würde, wenn er vor meiner Tür steht und mir Hilfe anbietet?
Therapeut: Ja, genau diese Frage meine ich. Schön, dass sie sich daran noch erinnern.
Ich: Wenn man über Jahre hinweg Hilfsempfänger ist, dann bricht ein nicht geringer Teil dieses affektiert wirkenden Stolzes, wie ein Stück Land unter einem weg, um von einem mitleidslosen Meer geschluckt zu werden. Zumindest tut es dies, wenn man wiederholt eine unparteiische Rechnung darüber aufstellt, was man eigentlich selbst zu seinem Lebensunterhalt beiträgt. Die bildliche Darstellung dieser Rechnung und vor allem des Ergebnis tut mir immer wieder aufs Neue weh. Es beschneidet mein Selbstbewusstsein in einem empfindlichen Maße. Ich weiß somit nicht, ob es ein Vor- oder Nachteil ist, das ich mittlerweile ganz gut fremde Hilfe annehmen kann, wenngleich ich immer noch äußerst ungern selbst darum bitten mag, sondern mehr oder weniger darauf angewiesen bin, dass man mir eine Hilfsleistung direkt oder zumindest indirekt anbietet, womit wir bei dem Kern der Frage angekommen wären. Wenn jemand vor der Tür steht und mir Hilfe anbietet, dann bin bereit und fähig, diese Hilfe dankend anzunehmen, wenn … (schweigt längere Zeit)
Therapeut: Wenn…?
Ich: Nun, trotz meiner wirtschaftlichen Lebensuntüchtigkeit, ist mir bis zum heutigen Tag ein Stück Reststolz geblieben. Und dieser Reststolz erlaubt es mir z.B. nicht, Hilfe von Einzelpersonen anzunehmen, die meinen, mit ihrer Hilfe Bedingungen verknüpfen zu müssen, gegen die mein Innerstes aufbegehrt.
Therapeut: Und wogegen begehrt ihr Innerstes auf?
Ich: Insbesondere gegen innere Unfreiheit.
Therapeut: Bedeutet die Abhängigkeit von staatlicher Hilfe aber nicht auch Unfreiheit?
Ich: Ja, das tut sie. Aber ich finde es leichter, wenn ich Geld von einer anonymen Masse annehme, hinter der kein einzelnes Gesicht und keine Einzelforderung steckt, als es von einer einzelnen Person zu erhalten. Zwar unterspült es ebenfalls meinen Stolz, wenn ich staatliche Leistungen annehme, ohne dafür eine für die Gesellschaft anerkannte Gegenleistung zu erbringen, aber ich kann mit diesem Bewusstsein leben. Nicht aber kann ich damit leben, Geld von einer Einzelperson anzunehmen, die dafür im Gegenzug erwartet, dass ich für diese „Hilfe“ mein Handeln oder gar Denken ändere. Aber bitte lassen sie uns von diesen finanziellen Hilfen wegkommen. Es ist mir unangenehm darüber zu reden. Ich würde lieber über jene Hilfsangebote sprechen, die nichts mit Geld zu tun haben.
Therapeut: Sie haben davon geredet, Herr Pahlke! Sie allein habe dieses Thema gewählt.
Ich: Richtig, das habe ich getan. Ich suche mir oft Themen heraus, die mir nicht gut tun. Mein selbstsezierender Anteil ist groß und ungemein gefräßig. Und insbesondere bei dieser Frage habe ich ständig das würgende Gefühl, mich erklären zu müssen. Ich fühle dabei rasch eine große Ohnmacht, weil ich verteidigungsunfähig bin. Ich stehe vollkommen nackt da. Dann denke ich mir, es wäre wohl besser über dieses Thema den Mantel des Schweigens zu legen. Und sofort schwirren Slogans durch meinen Kopf, wie: „Ein Hilfsempfänger ist und bleibt ein Hilfsempfänger“ oder „Das sind doch alles Sozialschmarotzer“. Ich fühle mich schuldig und an den Pranger gestellt. Ich mache mir selbst Vorwürfe, sehe mich als Versager. Zwar trösten mich meine Freunde wiederholt mit warmherzigen und gut gemeinten aufmunternden Worten, wenn ich etwa in ihrer Gegenwart feststelle, wo ich gesellschaftlich stehe. Sie sagen dann zum Beispiel, dass ich ein wertvoller Mensch bin. Und ja, sie haben recht! Ich begreife mich auch als einen wertvollen Menschen. So kann und vollbringe ich viele Dinge, die die Mehrheit der Menschen nicht vollbringen kann. Ich habe Begabungen und Eigenschaften, die in ihrer Ganzheit tatsächlich einen einzigartigen Menschen formen, den ich verkörpern darf und muss. Aber verdammt, ich bin und bleibe trotz alledem immer auch ein Kostenfaktor. Und dieses Gefühl frisst mich auf, auch weil jedermann mich genau daran messen kann. Es ist nicht das fehlende Geld, das schmerzt. Es ist vor allem die fehlende Anerkennung. Alles, was ich tue, erntet nicht jene Anerkennung, die sich für mich in einem Geldwert ausdrückt! Kein Geld, keine Anerkennung! Und doch nur der, der finanzielle Anerkennung regelmäßig erfährt, sagt Dinge wie, dass Geld nicht alles ist. Geld ist nicht einfach nur Geld! Geld ist doch auch ein Mittel, womit sich Menschen gegenseitig Wertschätzen und für Gegenstände oder Leistungen belohnen. Und ich erhalte in diesem System, wie so viele andere Menschen auch, keinerlei Wertschätzung oder Belohnung, für das was ich kann oder bin. Ich erhalte lediglich Almosen, für die ich mich dann auch noch schäme, anstatt sie als Schmerzensgeld anzusehen.
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Therapeut: Verhält es sich wirklich so? Erhalten sie zu wenig Anerkennung?
Ich: O, ich bekomme durchaus Anerkennung. Aber diese Form der Anerkennung ist in vielerlei Hinsicht annähernd wertlos. Wenn ich z.B. an entsprechender Stelle vor einem Vertreter der anonymen Masse festsitze. Und wenn mich dieser Vertreter der anonymen Masse dann in diesem typischen Tonfall fragt, wer ich bin, was ich leisten kann, und was von ihm will, da ich wohl, wie es sich ihm darstellt, keine eigene Leistung erbringe. In diesem Moment und darüber hinaus werden all meine Fähigkeiten zur absoluten Lächerlichkeit degradiert. Sie sind wertlos! Ich bin ein Bittgesuch-Nichts! Wenn man z.B. Gedichte, Geschichten oder Texte oder Malereien zu Papier bringt und damit kein Geld verdient, dann sind diese Sachen wertloses Zeug. Und genau dies bekommt man in diesem Moment – und eben darüber hinaus - wieder und wieder vermittelt. Wenn aber jemand den ganzen Tag z.B. am Computer sitzt und dort wertlose verzichtbare Zahlenkombinationen eintippt, dann ist dies eine Leistung, solange er damit Geld macht. Verdient er damit aber kein Geld, so wird seine Leistung von der Mehrheit der Menschen auch als wertlos angesehen.
Die dämlichsten und entwürdigendsten Sachen, die ich je getan habe, dies waren jene Tätigkeiten, die mir Geld eingebracht haben. Für mich war Lohn stets der gescheiterte Versuch einer Wiedergutmachung, für die Entwürdigung, die man mir angetan hat. Und als ich irgendwann nicht mehr arbeiten konnte, da fühlte ich mich eben auf eine andere weit verbreitete Weise entwürdigt, da ich für die Masse mit einem Schlag wertlos geworden bin. Wie man es auch tut oder nicht tut, es ist alles ein entwürdigender Akt! Die wenigsten Menschen bekommen eine Arbeit, die sie erfüllt. Wir leben in einem Zeitalter einer dekadenten Massenversklavung, die uns von den Machthabern als große Freiheit verkauft wird.
Therapeut: (räuspert sich) Welche Arbeiten waren es, die sie als entwürdigenden Akt empfunden haben?
Ich: Eigentlich alle, die ich gegen Lohnzahlung absolviert habe. Man wirft so viele Stunden seines Lebens einfach in den Dreck, nur um als Ausgleich dafür Dreck zu kassieren, nämlich stinkiges Geld, für das man sich vor allem Dreck kaufen kann. Es ist zum verrückt werden! Jede Arbeit, die ich ausgeführt habe, hat mich binnen kürzester Zeit unterfordert. Und gleichzeitig hat sie mich überfordert, weil ich in dieser gefräßigen Zeitvernichtungsmaschinerie einen Großteil meiner Zeit verbringen musste und man mich überdies dazu nötigte, mit Menschen zusammen zu sein, die ich nicht mochte. Allein deren bloße Anwesenheit verursachte bei mir heftige Schmerzen. Wissen sie was? Dieses System missbraucht Menschen! Was kann ich dafür, wenn ich in dieses System nicht hineinpasse? Soll ich mich etwa passend zurechtschneiden lassen?
Therapeut: schaut aus dem Fenster
Ich: Ich muss allein arbeiten! Ich kann dabei zwar auch an einer großen gemeinsamen Sache mitwirken, doch mein Anteil an dieser gemeinsamen Sache muss stets von mir allein bewältigt werden. Repräsentative Teamarbeit lähmt mich. Sie verschüttet 80% meines Leistungspotenzials. Ich trage wertvolle Blüten. Aber diese wertvollen Blüten entfalten sich nur unter bestimmten Bedingungen. Ich brauche Ruhe. Und ich brauche keine Vorgesetzten, die mich zu ihrem Untertan machen wollen. Ich lasse mich nicht unterjochen. Es reicht aus, wenn man mir freundlich sagt, was man sich von mir wünscht. Sodann kann und soll man mich allein lassen – und man wird bekommen, wonach es einem dürstet. Ich bin dafür geschaffen in meinem stillen Kämmerlein verbissen und hart an einer Sache zu arbeiten. Ich habe den Hang zum Perfektionismus. Ich bin nicht zum Befehlsempfänger geboren. Und ich bezweifle auch stark, dass überhaupt irgendwer zum Befehlsempfänger geboren wurde. Ich bin vielmehr ein grübelnder Erfinder und vielschichtiger Konstrukteur. Und ich bin ein Visionär, der ganze Welten ersinnen kann und innerhalb dieser Welten Gesetzmäßigkeiten verankert, die stimmig und einladend sind. Allerdings bin ich mittlerweile ein durch die Normalität gezeichneter Mann, der mit vielen Formen des Drucks nicht mehr umgehen kann. Ich kann zwar mit dem Druck umgehen, drei Bücher in nur einem Jahr abzuliefern. Dies habe ich mehrheitlich als positiven Druck empfunden. Aber diese tägliche Kleinkriegscheiße, der bin ich nicht mehr gewachsen.
Therapeut: Sie sind vom eigentlichen Thema abgedriftet.
Ich: Bin ich das? (grübelt) Dies passierte mir seinerzeit auch oft während der Arbeit. Wenn etwa die mir zugedachten Tätigkeiten derart langweilig waren, das ich mir gedankliche Nebenschauplätze suchen musste, um meinen Verstand zu beschäftigen. Verstehen sie, ich muss gelegentlich vom Thema abdriften. Das ist eine meiner Schwächen, die richtig eingesetzt, eine ungeheure Kraft besitzt. Man vergewaltigt mich, wenn man von mir erwartet, mich in einem immergleichen und vorhersehbaren Handlungsablauf wohl zu fühlen.
Therapeut: Könnten sie dennoch versuchen, zu unserer Ausgangsfrage zurückzukehren?
Ich: (überlegt längere Zeit) Nein! Bitte nicht mehr in dieser Stunde, wo ich mich doch gedanklich inmitten meines gescheiteren Arbeitslebens befinde. Ich fühle mich in dieser Angelegenheit übrigens ziemlich lächerlich und angreifbar. Ich halte nichts in meinen Händen und gleichzeitig veranschlage für mich ein kleines Königreich. Ich muss dabei wie ein Phantast wirken. Und dies bin ich gewissermaßen auch. Aber ich bin ein Real-Phantast. Man muss mich nur machen lassen! Ich will und kann ganze Welten erschaffen, nicht aber kann ich Handlanger von gedanklichen Fehlgeburten sein.
Therapeut: Käme denn überhaupt irgendeine Tätigkeit für sie in Frage, und zwar eine, die auch wirklich in unserer Berufswelt existiert?
Ich: Ja, z.B. Werbetexter. Aber ich könnte niemals in einem Werbebüro arbeiten und außerdem habe ich keinerlei Referenzen, außer meine unzähligen Texte.
Therapeut: Das überrascht mich jetzt aber, dass sie sich ausgerechnet eine Werbetextertätigkeit vorstellen könnten. Ein Werbetexter ist immerhin einer der Lautsprecher, der von ihnen verhassten Konsumgesellschaft.
Ich: Ja. Ich wäre dann eines dieser dekadenten Sprachrohre innerhalb einer dekadenten Gesellschaft. Aber schließlich fragten sie mich, was ich mir vorstellen könnte, wenn lediglich ein „echter“ Job in Frage käme. Und mit diesem Konflikt, ein verlogener Wortkonstrukteur zu sein, könnte ich leben, da mich die Herausforderung, einfache dabei aber hochwirksame Texte zu kreieren, ungemein reizen würde. Außerdem fallen mir ständig werbewirksame Sätze oder Satzfetzen zu. Und ich vermag es, äußerst gefühlvoll, wenngleich auch nicht immer taktvoll zu schreiben. Ich kann um die Ecke denken, erkenne zusammenhanglose Zusammenhänge, bin zynisch, höchst manipulativ und ein egozentrisches Arschloch, das sich bei Bedarf liebenswert darzustellen versteht. Ich würde also ausreichend förderliche Eigenschaften mitbringen, um ein guter Werbetexter zu sein, obwohl ich bereit seit vielen Jahren kein Kokain mehr konsumiere. Aber ich muss schließlich auch meine kleinen Schwächen haben, damit mich meine Kollegen, die ich nach Möglichkeit nie zu Gesicht bekommen möchte, auch akzeptieren können. Ich weiß, ich könnte täglich Dutzende neuer Produktnamen ersinnen, Headlines für Zeitungen kreieren, Ideen(welten) für Filme oder Spiele liefern. Für derartigen Kram bin ich gut zu verwenden, wenn man diesen Kram nur nicht unnötig kompliziert. Wahrscheinlich schlummert in mir ein brillanter Werbetexter, wenn man mich nur ließe. Aber ich tauge nicht für das Drumherum und dies weiß ich aus mehrfacher leidlicher Erfahrung! Ich kann mich weder anständig bewerben noch ertrage ich Besprechungen oder Vorstellungsgespräche. Würde aber der Chef irgendeiner Werbeagentur auf mich zukommen oder aber eines Softwareunternehmens, um mich zu bitten, allein in meiner Wohnung (ohne das übliche Drumherum) für sie tätig zu sein, dann wäre ich ihr Mann. Und ich denke, ich wäre ein guter Mann, vielleicht sogar einer ihrer besten Männer.
Therapeut: lächelt sanft
Ich: Nun lachen sie doch nicht! Wäre dies nicht eine wirkliche Herausforderung für sie!? Ich meine, anstatt mir lediglich ihr Gehör zu schenken, könnten sie sich doch erstmals wirklich nützlich für mich machen. Und für achtzig Euro Stundenlohn dürfte das doch nicht zu viel verlangt sein, oder? Ein normaler Arbeitsagent käme für mich nicht in Frage, schließlich bin ich ein psychisch angeschlagener Grenzgänger. Aber sie, als mein mich verstehender(???) Therapeut, könnten da doch ganz anders in meinem Namen auftreten. Sie könnten für mich werben, für ein Wesen, das zwar nur bedingt gesellschaftsfähig ist, dafür aber außerordentlich viel Kreativität und Phantasie am Bord hat und überdies ein sehr scharfsinniger Beobachter der Realwelt ist. Sagen sie den Leuten einfach, dass ich großartig bin! Ich liebe es, wenn man in meinem Namen zu Untertreibungen neigt.
Therapeut: lächelt erneut sanft Also, ich finde, sie können sich ganz gut selbst verkaufen.
Ich: Das täuscht! Ich würde einen epileptischen Anfall bekommen und mir in meine Hose kacken, wenn ich mich vor einem dieser gestriegelten Hemdträger oder auch Nicht-Hemdträger mit ihren perlweißen gerichteten Zahnreihen „beweisen“ müsste. Das geht so nicht! Dies funktionierte bei mir noch nie auf diese zielführende Weise, weshalb ich ja meistens am Ende an irgendeinem Fließband gelandet bin.
Therapeut: Ok, mehr darüber in der nächsten Woche.
Ich: Nein, kein Wort über Fließbänder!
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