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Du kannst es (nicht) überleben
„Du wirst es überleben …“, hauchte mir meine Mutter voll von Herzenswärme entgegen, nachdem ich mein Bewusstsein wiedererlangt hatte und mit kreidebleichem Gesicht vor ihr auf dem Flurboden lag. Doch, was mir meine Mutter seinerzeit verschwieg, dies war die schmerzliche Wahrheit über das Überleben.
Ihr mütterlicher Beschützerinstinkt ließ es nicht zu, mir zu sagen, dass ich nicht die Spur einer Überlebenschance habe. Und sie verschwieg mir überdies, dass ich bereits im Sterben lag. Ebenso schwieg sie sich darüber aus, dass auch sie mir, meine mich liebende Mutter, mir nicht helfen konnte, so sehr ihr gütiger Blick auch versuchte mir das Gegenteil zu suggerieren. Doch ihr kleiner Sohn war bereits des Todes, als sie ihm in ihren Armen hielt und unsere Augen sich mit Tränen füllten.
Ich war fünf Jahre alt, als ich gierig das Gas inhalierte, weil mich die Bewusstseinstrübungen faszinierten, die mich flugs darauf umschlossen. Und schon damals keimte diese leise Idee über die Wahrheit des Überlebens in mir. Mich umtänzelte eine vage Vorstellung davon, was das Überleben in dieser Wahrnehmungsebene, in dieser irdischen Welt, höchstwahrscheinlich bedeutete. Und es keimte die Vorstellung, dass ein wahrhaftiges Durchhalten an diesem Ort somit eine unmögliche Aufgabe ist, an der ein jedes Menschenkind scheitern muss.
„Du wirst es überleben, mein kleiner Spatz“, wirkte meine Mutter beruhigend auf mich ein. Doch in diesem Moment hätte ich ihre tröstenden Worte überhaupt nicht gebraucht. Ich war noch viel zu betäubt von der Wirkung des Gases. Und überdies war ich verzückt von der Tür der Erkenntnis, die sich mir einen Spalt weit geöffnet hatte, wenngleich sie mir lediglich diesen eisigen Ausblick bot.
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Ich habe es natürlich nicht überlebt!
Ich bin gestorben, in unzähligen elendigen, beschämenden, peinvollen und deprimierenden Einzeleinstellungen, die in ihrer Gesamtheit einen Film ergeben, der noch immer läuft. Dieser Film ist mein persönliches Drama, das gänzlich zerrissen, nur diese eine Botschaft zu enthalten scheint:
Du kannst es nicht überleben!
Da ich aber, wie die meisten Menschen, wiederholt die Tatsache ableugne, dass bereits auf dem Weg zum Erwachsenwerden ein Großteil unseres überlebenswerten Wesens nicht überlebt hat/nicht überlebt haben kann, mime ich auch weiter die tragische Hauptrolle in einem jämmerlichen Film, der zunehmend aus Wiederholungen und weichgespülten Erinnerungen besteht. Und dabei weiß ich schon jetzt, obgleich das Filmende noch auf sich warten lässt, welche Worte es sein werden, die als Letztes mein Bewusstsein branden.
Doch, meine liebe Mutter, wenn unsere Filme erst einmal abgedreht sind und in den Archiven des Weltbewusstseins lagern, kannst du mich erneut in deinen Armen wiegen, um mir zu sagen: „Du wirst es überleben …“.
Und sollte wirklich eintreffen, was ich mir oft schon erträumte, so werde ich dir in deine Augen schauen, und werde sehen, dass du nunmehr die Wahrheit sprichst. © Arne Pahlke Juni 2005
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