Ego kontra Wirklichkeit

Hi Osho,

du hattest einst darauf hingewiesen, dass der Abstand zwischen dem wirklichen Menschen und dem Menschen, der auf der Welt existiert, fast unüberbrückbar geworden ist.

Trotz oder auch gerade wegen meiner Handikaps halte mich in vielen Bereichen des Daseins für wahrhaftiger, als die Mehrheit jener Menschen, die mir begegnen. Doch gleichzeitig schnürt mir meine Unvollkommenheit regelmäßig die Kehle zu und pürriert mir mein Gemüt. In diesen Momenten kann es dann passieren, dass ich mich weit weg von der Wirklichkeit sehne; stattdessen lieber im trügerischen egozentrischen Erfüllungs- und Erwartungsstrom mittreiben möchte.

Doch, natürlich weiß ich, lieber Osho, dass, wenn die Seele eines Menschen wund läuft und er dadurch für die Masse Mensch zum Sonderling gedeiht, dies nur zeigt, das er der Wirklichkeit näher ist, als jene Herde, die ihm verstört oder abneigend gegenübertritt. Die kranke Seele wittert häufig früher den Dung in der Ecke, als dies die gesunde Seele tut.

Mir ist keine Menschenseele bekannt, die den Weg zu mehr Selbsterkenntnis freiwillig gegangen wäre. Diesen mühsamen Weg schlägt nur der Mensch ein, der bereits einen vernichtenden Kampf mit seinem Ego ausgefochten hat. Und Kämpfe mit dem Ego laufen immer vernichtend, weil das Ego ein durch und durch vernichtendes Element ist. Das Ego ist nicht an der Wirklichkeit interessiert, sondern es ist allein daran interessiert, dass es ihm gut geht. Es ist somit hochgradig zerstörerisch – und macht dabei nicht einmal vor der Seele Halt, die ihm Wohnung und Nahrung bereitstellt.

Menschen mit einem ausgeprägten Ego können lediglich zur ersten Sorte der glücklichen Menschen zählen. Und zwar zur jener Sorte, die sich ihr Glück lediglich einbilden, und eben dieses in den minderwertigen Schichten ihres Körpers als Glück wahrnehmen, etwa, indem sie sich Geld, Macht oder Freunde anhäufen. Doch ihr Glück ist extrem zerbrechlich, muss sich ständig neu beweisen und hat dennoch keine Zukunft, weil es kein echtes Glück ist, sondern allein eine absurde Idee vom Glück.

 


Die zweite Sorte glücklicher Menschen, das sind jene, die über eigenes Scheitern, über ständiges Hinterfragen, irgendwann in den Pfad der Wahrheit eingebogen sind. Und auf diesem Weg haben sie das „Glück der Wirklichkeit“ gefunden, oder meist nur eine Vorstellung davon. Kein Glückspfad ist steiniger, keiner beschwerlicher zu begehen. Doch es lohnt sich allemal diesen Pfad einzuschlagen. Er ist nicht infantil, wie der verlogene Glücksweg des Egos. Das Ego sagt: Wenn ich ein Millionär wäre, dann wäre ich glücklich. Bin ich ein Bettler, dann bin ich unglücklich.

Die Wirklichkeit aber sagt: Du bist weder Millionär noch Bettler, denn beides sind lediglich Identitäten, die allein das Ego sich vorstellt, die aber nichts mit dir selbst zu tun haben – und damit nichts mit der Wirklichkeit.

Und weil wir ein Ego haben, haben wir krank machende Vorstellungen und Erwartungen an uns und die Welt. Und eben deshalb sind verletzte und scheinbar gescheiterte Seelen der Wahrheit häufig näher, weil sie den Irrweg des Egos bereits zum Teil erkannt haben. Und jene verwundeten Seelen, die nicht geheilt werden wollen, die eine Heilung im Sinne von, wieder ein vollwertiges Mitglied der Masse zu werden, ablehnen, diese Seelen haben eine gesunde Einstellung zur Wirklichkeit, denn die Masse Mensch lebt ein ganz und gar unwertes Leben, welches niemanden Heil und Glück bringt.

Dies bedeutet aber nun nicht, dass sich die verwundete und damit wirklichkeitsnahe Seele automatisch gesünder und besser fühlt. In der Regel tut sie dies nicht. In der Regel ist sie um ein Vielfaches niedergeschlagener, kränklicher und weniger lebensfähig, da sie in einer Welt lebt, die sie als unendlich feindlich empfindet. Doch diese Welt erscheint ihr nur deshalb als feindlich, weil es eine feindliche Welt ist! Sie fühlt sich niedergeschlagener, kränklicher und weniger lebensfähig, weil sie klarer erkennt und spürt, wie die vorgetäuschte Wirklichkeit ist. Und gleichzeitig trägt sie eine leise Ahnung davon, wie der wirkliche Mensch leben müsste, um wirklich glücklich zu sein. Damit sieht sie sich einer schier unüberbrückbaren Distanz gegenübergestellt und verzweifelt nicht selten genau daran.

Doch irgendwann wird jedes Ego erkennen müssen, dass es lediglich ein affektierter Haufen Gedankenschrott ist – dass es einem Falschspieler gleicht. Irgendwann wird jedes Ego erkennen, das es sich selbst im Wege steht und das es der größte Feind vom Glück ist.

Deshalb, lieber Osho, will ich mich noch viel mehr in Dankbarkeit üben, wenn ich wieder einmal mit mir und meiner Stellung in dieser Welt hadere. Oft nenne ich mich selbst einen Sonderling, einen Verrückten oder einen Zyniker. Du aber hast andere Namen für mich, die meine Seele streicheln und ihr weitaus mehr entsprechen.

Du hast uns alle dazu aufgefordert, unseren Mitmenschen die Meinung zu sagen, sie durchaus auch zu verletzen. Und wenn man sie verletzt hat, so deine Worte, dann soll man sich anschließend darüber freuen, wenn man etwas in ihnen bewegt hat.

Osho, die Wirklichkeit, die durch deine Worte dringt, sie gibt mir das Gefühl, das ich doch etwas bewege, das ich nicht umsonst hier bin, auch wenn mein gesellschaftlicher Rang völlig unbedeutend ist. Du würdest jetzt sicherlich zu mir sagen, weil er unbedeutend sein muss! Allein dein Ego sehnt sich nach gesellschaftlicher Anerkennung – deine Seele hingegen folgt bereits dem richtigen Pfad.

Ich möchte mit deinen Worten schließen:

Die Genugtuung reicht, dass du an einer Bewegung teilhattest, die die Welt veränderte, dass du deine Rolle zugunsten der Wahrheit gespielt hast, dass du ein Stück zu dem Sieg beigetragen haben wirst, der am Ende kommen wird.
©Arne Pahlke April 2005

 

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