Ein Leben zum abgewöhnen

Arne Pahlke, Januar 2010

 

Burkhardt Hübner war elf Jahre alt und ein Junge mit einem heiteren Gemüt. Er hatte ein herzerweichendes und einnehmendes Lachen, dass jeder im Dorf kannte und liebte. Doch dieses herzerweichende Lachen schallte nur bis zum 12 Februar 1945 durch das Dorf. An diesem Tag drangen russische Soldaten in sein Elternhaus ein. Vor seinen Augen stachen sie seinem Vater ein Bajonett ins Herz. Sein Vater war auf der Stelle tot. Im Jahre 1943 kehrte dieser als Kriegsversehrter aus Stalingrad heim. Die russischen Soldaten fanden eine Tapferkeitsmedaille in seinem Geldbeutel, die man ihm kurz zuvor für seine Verdienste in Stalingrad verliehen hatte. Eigentlich wollte Burkhards Vater die Tapferkeitsmedaille schon längst gegen Lebensmittel eingetauscht haben. Doch er fand einfach niemanden für ein solches Tauschgeschäft. Brot war den Menschen in dieser Zeit wichtiger als eine Tapferkeitsmedaille.

Nachdem die russischen Soldaten seinen Vater ermordet hatten, vergewaltigten sie seine Mutter. Einer nach dem anderen fiel über sie her. Und all diese Schändungen musste er mit ansehen. Einer der Soldaten verlangte sogar, dass Burkhard seine Mutter mit russischen Wörtern beschimpfte, die er ihm vorsprach, während er sie vergewaltigte. Die Soldaten lachten dumpf, als Burkhardt die Worte gequält über seine Lippen brachte. Und seine Mutter, ihrer Würde beraubt, weinte tränenlos nach innen. An diesem Tag also verlor Burkhardt sein herzerweichendes und einnehmendes Lachen.

Doch Burkhardt blieb auch nach diesem Tag ein offener und lebensfroher Junge; -  nur eben, dass er sein unbeschwertes Lachen niemals wiederfand.  Seine Mutter konnte diesen Vorfall allerdings nicht überwinden. In nur wenigen Monaten alterte sie um Jahre und wurde immer depressiver. Am zweiten Jahrestag des 12 Februars 1945 fand der inzwischen 13 jährige Knabe seine Mutter. Sie lag tot in ihrem Bett. Sie hat sich die alte  Schrotflinte von Vater an den Kopf gehalten und abgedrückt. Burkhardt erkannte kein Gesicht mehr, von dem er hätte Abschied nehmen können. Kein mütterlicher Mund, den er noch einmal sanft hätte küssen können, bevor sie sie aus dem Haus trugen. An diesem Tag büßte Burkhard ein großes Stück seiner Lebensfreude ein, die so niemals wiederkehren sollte. Und aus einem einst offenen wurde ein in sich gekehrter verschlossener Bub.

Burkhard kam in ein Heim. Das erste Mal in seinem Leben fühlte er sich von aller Welt verlassen. Doch er lernte schnell, dass es in seinem neuen  Zuhause nicht gut war, wenn er Schwäche zeigte. Also unterrichtete er sich selbst im geräuschlosen „Tief-nach-innen-Weinen“, bis er es nach nur wenigen Monaten perfektioniert hatte. Und so weinte er auch dann nicht, als er eines Nachts von einigen der katholischen Priester und Priesteranwärter, die in diesem Heim das Regiment führten, zu Dingen gezwungen wurde, die derart beschämend für ihn waren, dass er sich anschließend selbst dazu verurteilte, eben diese Dinge sein ganzes Leben lang unausgesprochen zu lassen.

Als Burkhardt wieder bei den anderen Knaben im großen Schlafsaal in seinem Bett lag; - als das warme und sich doch so kalt anfühlende Blut von seinen Schenkeln auf das Bettlaken tropfte, da gewöhnte er sich seinen Glauben an Gott ab.

Einige Tage späte floh Burkhardt aus dem katholischen Heim. Mit seinen knapp 14 Jahren machte er sich auf, für sich selbst zu sorgen. Er bot sich überall dort an, wo es Arbeit gab. Und dabei durfte er nicht wählerisch sein. So erhielt er für seine Mühen nur selten Geld. Sein Lohn bestand oft nur aus einer warmen Mahlzeit und einem Nachtlager. Und dennoch konnte Burkhard diesem Leben mehr und mehr abgewinnen. Er fühlte sich frei, obgleich er doch nur ein armer Waisenjunge war, der täglich neu um sein Überleben kämpfen musste. Doch vielleicht war es ja gerade die schwere Arbeit – dieses mühevolle Tagein-Tagaus, dass ihm die vielen furchtbaren Geschehnisse seines noch so jungen Lebens ein um das andere Mal vergessen ließen.

Fünf Jahre zog Burkhardt Hübner auf diese Weise durch das Land, bis er sich in die Tochter eines Bauern verliebte, auf dessen Hof er arbeitete. Und alles schien sich für Burkhardt zum Guten zu wenden. Der Vater akzeptierte nicht nur ihre junge Liebe; - er wünschte sich in ihm sogar als zukünftigen Schwiegersohn, da er seinen Fleiß und seine Ehrlichkeit schätzte.  Doch nur wenige Tage nach ihrer Verlobung liefen die beiden Verliebten wie zwei übermütige Kinder auf dem Heuboden herum, als Burkhards Verlobte von diesen herunterfiel und sich dabei das Genick brach.

Der Schmerz über ihren Tod und den Verlust ihrer Liebe; -  ebendieser Schmerz wurde ihm so unerträglich groß und wütete so anhaltend in ihm, dass er sich in dieser Zeit auch die Liebe nach und nach abgewöhnte.

 

Foto by   Ch. Pagenkopf

 

Wenige Monate nach dem Tod seiner Verlobten verließ Burkhardt Hübner den Hof, auf dem er für kurze Zeit sein Lebensglück wähnte. Und nach zwei weiteren Jahren als Wanderarbeiter zog es ihn nach Berlin. In einem Krankenhaus fand er eine Anstellung als ungelernte Hilfskraft. Und weil er so fleißig und zuverlässig war, wurden ihm immer mehr Aufgaben übertragen, die er aufgrund seiner fehlenden Fachkenntnisse eigentlich überhaupt nicht hätte ausüben dürfen. Und so geschah es, dass er irgendwann als ein vollwertig ausgebildeter Krankenpfleger angesehen wurde. Burkhardt Hübner genoss die Anerkennung, die ihm zuteil wurde. Doch nach dreieinhalb Jahren wurde er in die Notaufnahme versetzt, wodurch ein neues Unheil seinen Anfang nahm.

Immer häufiger geschah es, dass Notfallpatienten traumatische Erinnerungen in ihm auslösten, alte Wunden aufrissen, die ihn taumeln ließen.  Die Arbeit in der Notaufnahme fiel Burkhardt von Tag zu Tag schwerer. Eines Nachts, als die Bilder seiner Vergangenheit wieder einmal in ihm wüteten, spritzte er sich erstmals Morphium, um die bösen Geister zum Schweigen zu bringen. Doch schnell wurde er süchtig danach und benötigte immer höhere Dosen. Und so kam es, wie es kommen musste. Irgendwann flog sein wiederholter Griff in den Giftschrank auf und man warf ihn raus.

Burkhardt Hübner verfiel dem Morphium. Sein Alltag war ein Wundknäuel aus Lüge, Beschaffungskriminalität, Rauschzuständen und Selbstverstümmelung in mannigfacher Form. Nach vier Jahren Morphiumsucht sah er mit seinen 29 Jahren wie ein alter kranker Mann aus. Ein Zwangsentzug rettete sein Leben.  In den Jahren der Sucht verlor Burkhardt Hübner einen großen Teil seiner Selbstachtung und gewöhnte sich ab,  an sich selbst zu glauben.

Es sollten viele Jahre ins Land ziehen, ehe sich Burkhardt von den Folgen seiner Morphiumsucht zumindest in soweit erholt hatte, dass er so etwas wie einen Neuanfang wagen konnte. Doch er hatte nicht mehr die Kraft und Entschlossenheit früherer Tage. Über einen schlechtbezahlten Job als Lagerhelfer kam er nicht hinaus. Und dass er jemals wieder eine Frau finden würde, daran glaubte Burkhardt nicht mehr. Er war zwar erst 35 Jahre alt, doch die Morphiumsucht und die Geschehnisse davor; - all dies hatte ihn schwer gezeichnet; -  äußerlich wie innerlich. Und außerdem hielt er doch auch nichts in den Händen, was er einer Frau bieten könnte.

Alles, was Burkhardt Hübner noch hatte, dies war sein Freund.  Diesen lernte er in der Entzugsklinik kennen. Sie verband ein ähnlich gelagertes Schicksal. Sie beide haben als Kind ihre Eltern verloren und ihre große erste Liebe endete jeweils tragisch. Burkhardt hätte für diese Freundschaft sein Leben gegeben, denn für ihn war diese Freundschaft zum letzten großen Stützpfeiler im Leben geworden. Und er hatte das Gefühl, dass sein einziger und bester Freund ähnlich empfand. Doch dann geschah das Unglaubliche. Sie hatten einen Sechser im Lotto. Woche für Woche spielten sie mit denselben Zahlen. Und sie wechselten sich immer ab mit dem Abgeben des Lottoscheins. Und in der Woche, als sie die 900.000 Mark gewannen, war sein Freund mit dem Lottoschein an der Reihe. Doch wollte dieser plötzlich nichts mehr von einer verschworenen Zweiertippgemeinschaft wissen. Bei der Polizei gab er später an, dass er für sich selbst gespielt habe. Er stellte sogar in Abrede, dass zwischen ihm und Burkhardt Hübner jemals eine tiefe Freundschaft bestanden hatte.

Burkhardt Hübner konnte der Polizei keine ausreichenden Beweise liefern, womit er letztlich leer ausging und um seinen Gewinnanteil gebracht wurde. Doch weitaus mehr schmerzte Burkhardt, dass sein vermeintlicher Freund wegen des Geldes ihre Freundschaft mit Füßen getreten hatte. Und diese Demütigung löste derart heftige Schmerzen in ihm aus; -  ließ seine alten Wunden mit Wucht aufbrechen, dass er nach Wochen brennenden Leidens einen folgenschweren Entschluss fasste. Er entschied, dass er diese neugeschlagene Wunde nicht ungesühnt lassen könne. Und so betrank er sich und schlug mit einem Beil den Schädel seines einstigen Freundes ein; - jenem Freund, der am Ende niemals sein Freund gewesen sein will.  Er tötete den Mann, der das Fass seiner persönlichen Demütigungen endgültig zum Überlaufen gebracht hatte. Und als er dies getan hatte, ließ er sich widerstandslos festnehmen. Denn als sie ihn in Handschellen abführten, da war sein Glaube an das Gute im Menschen bereits restlos aufgebraucht. Er spürte nur noch Müdigkeit und Traurigkeit in sich. Und es war ihm gänzlich egal, wo sie ihn hinbrachten und für wie lange und warum. 

Nach einundzwanzig Jahren Haft wurde Burkhardt Hübner begnadigt. Eine Begnadigung, die er genauso unbeteiligt zur Kenntnis nahm, wie die wöchentlichen Speiseplanaushänge in der Gefängniskantine. Denn aus dem einst fröhlichen Jungen mit dem herzerweichenden Lachen war ein alter Mann geworden, dem nichts mehr berührte. Er war ein alter begnadigter Mörder, dessen Leben unrettbar verpfuscht war und den in der Freiheit niemand erwartete – nicht einmal er sich selbst. 

Und so fragte sich ein allerletztes Mal, was er in seinem Leben wohl hätte besser machen können; -  und wann und wo er angefangen hatte sich schuldig zu machen. Doch auch dieses Mal fand er keine befriedigende Antwort. Allein die alten Bilder waren sofort wieder allgegenwärtig. Und diese Bilder waren es denn auch, die ihm auf das Gleis trieben.

Am 21 Dezember 1993 nahm sich Burkhardt Hübner im Alter von 59 Jahren das Leben. Er warf sich vor einem Zug, weil am Ende sogar der letzte Krumen Hoffnung in ihm abgestorben war, in diesem seinen Leben zum abgewöhnen.

schreibe einen Kommentar..
Dein Kommentar zum Text abgeben

Kommentar von Konkalit ,  11. Januar 2010 - Eine traurige Geschichte, die noch viel trauriger wird wenn man bedenkt wie vielen es so oder so ähnlich in Echt ging. Man schaut immer auf diese "verabscheuungswürdigen Mörder" in den Hochsicherheitstrakten wie z.b eben jene welche vor ein paar Monaten ausbrachen und über die pausenlos berichtet wurde. Zweifellos haben sie sich schlimmer Verbrechen strafbar gemacht, doch um was wolle man wette dass ihr Leben, eben wie in deiner Geschichte, zum abgewöhnen wurde...

Wortmutation: -Du weißt, dieses Thema; -  warum Menschen Böses tun - warum sie z. B. zu Mördern werden, es lässt mich nicht los. Ich muss mich immer wieder damit auseinandersetzen. Ich konnte es übrigens nicht abschließend klären, ob man „abgewöhnen“ im Titel groß oder klein schreibt. Grammatikalisch wahrscheinlich richtiger ist die Kleinschreibung;  - besser ausgesehen hätte es hingegen in Großschreibung. Und wenn man googelt nach Satzbausteinen wie „ein Mann zum abgewöhnen“ so ist das Ergebnis quasi 50:50. Dies spricht dann meist dafür, dass die absolute Mehrheit keinen Plan hat, wie es nun tatsächlich richtig geschrieben wird.  Kannst mal sehen, mit was für banalen Dingen man sich als Autor nebenbei so abgibt. ;-)

Anonym, 29 September 2011 - hoffnungslos

® sämtliche Textrechte liegen bei Arne Pahlke/Wortmutation