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Ein Paar Füße
Wie jeden Mittwoch um Punkt 15.00 Uhr betrat er das Freizeitbad, um für circa 90 Minuten zu bleiben. Und wie jeden Mittwoch machte er sich in einer ganz bestimmten Umkleidekabine schwimmfertig. Jochen musste aufgrund eines Wirbelsäulenschadens, wegen seines zu schnellen Wachstums, einmal in der Woche hierher zum Schwimmen kommen. Die besagte Umkleidekabine befand sich am äußersten Ende des Korridors. Und sie stand nur noch im Verbund mit einer weiteren Kabine. Diese allerdings blieb stets ungenutzt. Wahrscheinlich, weil sie ein ganz bestimmtes Prädikat für sich in Anspruch nahm - nämlich, die am schwierigsten zu erreichende Umkleidekabine dieses Freizeitbades zu sein. Dieser Umstand sollte allerdings schon bald einer außergewöhnlichen Begegnung einen ihr gebührenden Raum verschaffen. Jochen entledigte sich gerade seiner Straßenkleidung, als er durch den nach unten hin einsichtigen Bereich zur Nachbarkabine ein Paar Füße bemerkte. Nun ist es ja eigentlich nichts Aussergewöhnliches in einer Schwimmhalle, zumal in einer Umkleidekabine, im Bereich des Bodens, ein Paar Füße auszumachen. Doch Jochen erschrak derart heftig über seine Entdeckung, dass er wie unter Schock stehend zurücktrat und sich dabei seinen Kopf an einem in der Umkleidekabine angebrachten Kleiderhaken stieß. Als ihm jener kurze dumpfe Schmerz wieder verflogen war und er flugs wieder hinunter auf die grauen Fliesen der Nachbarkabine schaute, da war das Paar Füße bereits fort gegangen. Als Jochen am darauf folgenden Mittwoch die Schwimmhalle zur gewohnten Zeit aufsuchte und sich in seine spezielle Umkleidekabine zurückzog, da hatte er das Paar Füße längst wieder vergessen, als es, wie aus heiterem Himmel, in der Nachbarkabine erneut vor seinen Augen auftauchte. Und Jochen erkannte es zu seinem Erstaunen auch sogleich wieder, obgleich er es doch zuvor nur einmal, und auch da nur wenige Sekunden lang, betrachtet hatte. Er schaute hinab auf die Bodenfliesen, hin zu den Füßen, folgte der Zeichnung der auffallend schön geformten Fersen und besah sich in aller Ruhe die kräftigen Monde auf den ebenmäßigen Nägeln. Nie zuvor in seinem jungen Leben hatte sich Jochen derart interessiert zwei Füße beschaut, und als er sich stumm fragte, warum er dies tat, wurde ihm ein wenig unwohl. Ja, es stieg ein ganz seltsames und schemenhaftes Gefühl in ihm auf. Und noch ehe er richtig begriff, wie ihm geschah, da war das Paar Füße auch schon wieder hinfort spaziert. In der dritten Woche stand Jochen bereits unter einer gewissen Erwartungshaltung hinter seinem Verschlag. Mit geschärftem Blick harrte er der zu erwartenden Dinge. Und auch an diesem Mittwoch enttäuschte ihm das Paar Füße nicht. Genauso wie bereits in den beiden Wochen zuvor zeigten sich ihm die Füße in ihrer formvollendeten Schönheit. Und sofort war auch dieses berauschende Gefühl wieder da, welches Jochen mit bloßen Worten nicht für sich ergründen konnte; es klammerte sich in seinem Brustkorb fest und nahm ihn in eine ihm mit Wärme durchflutende Zange. Bei Jochen keimte die leise und verheißungsvolle Ahnung, dass dieses Paar Füße nur allzu genau wusste, dass es von ihm in Augenschein genommen wurde. Und wirklich, genauso verhielt es sich auch: Das Paar Füße vollführte sozusagen eine Privatvorstellung eigens für ihn. Es bewegte sich tänzelnd und beschwingt auf den Bodenfliesen umher. Und es zeigte sich ihm von allen Seiten. Jochen schaute den Füßen bei ihrer Darbietung zu und verlor sich ganz im Bann ihrer graziösen Bewegungen, als ihn plötzlich ein Riesenschreck durchfuhr. Zwei Hände nämlich schoben sich in sein Blickfeld, und eine davon umklammerte eine Badehose, die sie ebenso geschickt wie flink durch die Füße hindurchmanövrierte, um dann sogleich wieder am oberen Bildausschnitt zu verschwinden. Doch dieser kurze Moment genügte Jochen, um mit Erschrecken wahrzunehmen, dass es sich bei dieser Badehose eindeutig um eine Unterhose für Jungen handelte. Beinahe fluchtartig verließ Jochen daraufhin seine Umkleidekabine und suchte sich eine rasche Abkühlung im bereitstehenden Nass. In der darauf folgenden Woche, selbstredend wieder an einem Mittwoch um Punkt 15.00 Uhr, betrat Jochen erneut die Umkleidekabine am Ende des Korridors. Sein Blick haftete wie eingefroren am oberen Ende der Kabinenwand. Ganz fest hatte er sich vorgenommen, den geheimnisvollen Füßen in Zukunft keinerlei Beachtung mehr entgegenzubringen. Aber musste er sich das überhaupt erst vornehmen? Es handelte sich doch eindeutig um die Füße eines männlichen Wesens. Zugegeben, es waren sehr schöne Füße, aber sie waren eben rein männlicher Natur. Und mussten sie nicht allein schon deshalb, mit nur einem einzigen Wimpernschlag, der Bedeutungslosigkeit verfallen? Jochen zitterte am ganzen Leib. Er mobilisierte sämtliche Kräfte, die ihm zur Verfügung standen, nur um einen kühlen Kopf zu bewahren, der ihm allerdings bereits längst heiß gelaufen war. So sehr er sich auch um Haltung bemühte, so sehr er sich auch anstrengte und sich seiner tief sitzenden Sehnsucht verweigerte, im gleichen Maße wuchs der Drang in ihm, hinab auf die grauen Fliesen zu schauen, um dort das Paar Füße wieder zutreffen.
Und da wellte es auch schon ins Bild hinein, dieses ihn so verzaubernde Paar Füße. Es betörte ihn mit anmutig dargebotenen Bewegungen. Und mit einem Mal schoben sich die ebenmäßigen Zehen durch die bodennahe Öffnung der Umkleidekabine, und es sah so fast aus, als würden sie Jochen zu sich heranwinken. Dieser trieb in Zeitlupentempo an die Füße heran. Er beugte sich zu ihnen hinunter und begann sie ganz behutsam zu liebkosen. Irgendwann, es schien ihm eine himmlische Ewigkeit vergangen zu sein, da strich einer der beiden Füße wie zum Abschiedsgruß über Jochens zitternden Handrücken und verlor sich geschwind im Nichts. In der Folgewoche nun nahm sich Jochen ganz fest vor herauszufinden, wer der Träger dieser Füße war. Er wollte unbedingt in Erfahrung bringen, zu wessen Füßen er sich so stark hingezogen fühlte. Der Versuch aber misslang. Denn nachdem er den fremden Füßen wieder diese ganz besondere Form der Zuwendung hatte zukommen lassen und diese sich langsam zurückzogen, öffnete Jochen zwar rasch seine Kabinentür, um des Rätsels Lösung zu erbringen, aber da hatte sich das Paar Füße schon längst wieder in Luft aufgelöst. Also fand sich Jochen am darauf folgenden Mittwoch bereits eine Viertelstunde früher als gewöhnlich im Schwimmbad ein und beobachtete die Kabinentür aus einem versteckten Winkel heraus. Aber so lange er auch wartete, niemand betrat die Kabine. Erst als sich Jochen in der Folgewoche wieder pünktlich in der Kabine einfand lief das ihm so lieb gewordene Spiel wieder nach dem vertrauten Muster ab. Und es war an jenem Nachmittag wie ein Rausch der Sinne, der nie vergehen wollte. Jochen verlor sich inmitten der Zeit und trieb darin umher wie auf einem Meer von frischen Seerosen. Und als das Spiel von den Füßen sanft beendet wurde, da sprang Jochen aus seinem Verschlag heraus. Mit pochendem Herzen baute er sich vor der Nachbarkabine auf und erwartete die Person, die zu den Füßen gehörte. Da aber vernahm er nur noch das Auf- und Zuschlagen der Kabinentür, welche zur anderen Seite führte sowie das Geräusch zweier davoneilender Füße. Sofort nahm er die Verfolgung auf, aber diese blieb erfolglos. Und obgleich Jochen das Schwimmbad in den darauf folgenden Monaten noch oft besuchte, obgleich er jeden Mittwoch um Punkt 15.00 Uhr, und immer in der ihm eigenen Umkleidekabine, auf seine geliebten Füße wartete: die Nachbarkabine, sie blieb immer leer. Auch schaute Jochen, wann immer es sich ihm anbot, sämtlichen dafür in Frage kommenden Schwimmbadbesuchern möglichst unauffällig auf ihre Füße. Aber sein so wundervolles Paar, es schien ihm für immer verloren gegangen zu sein. Heute liegt bereits eine lange Zeit hinter Jochens wöchentlichen Besuchen im Freizeitbad. Er betreibt mittlerweile eine gut laufende Massagepraxis inmitten seiner kleinen Geburtsstadt. Aber er führt diese Praxis nicht etwa, weil er durch sein früheres Rückenleiden, welches durch das einst so schnelle Wachstum hervorgerufen wurde, sich zum Masseur berufen fühlt. Nein, diese seine Berufswahl lässt sich auf dieses weit zurückliegende Ereignis in der Umkleidekabine erklären. Aber das bleibt selbstverständlich Jochens und unser kleines Geheimnis, nicht wahr? ® Arne Pahlke, 1998 |
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Gumbrecht, 8 Mai 2012 - interessant. ich weiß nur nicht so ganz worauf diese Geschichte hinauslaufen soll, weshalb sie auf mich etwas konstruiert wirkt aber trotzdem gut geschrieben. |
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® sämtliche Textrechte liegen bei Arne Pahlke/Wortmutation |
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