Ein paar Worte zur Schönheit

 

Die Unebenen unter uns,

also die Mehrheit, der auch von gemeinen

Personlastfahrstühlen getragenen Objekte,

die ihre sichtbaren monströsen Auswüchse

nicht gerne anerkennt,

sondern lieber den anderen Mängelexemplaren zuschreibt; 

 - die denkt doch insgeheim,

sie wäre durch ihr Aussehen

von Gott (oder dergleichen) hart gestraft.

 

Doch viel schlimmer als ihre Hässlichkeit, ist’s,

wenn man so schön ausschaut wie ich!

Das nämlich kostet Kraft, das kostet Mut!

Und jedes Mal eine Mühle der Überwindung,

frühmorgens in den Spiegel zu schauen.

Allein wegen der Angst vor einem plötzlichen Umzug der Polaritäten.

Schön verwandelt sich in grässlich,

weil es eben schöner nicht mehr geht.

 

Arne Pahlke (1996)

 

Die Hässlichen hingegen,

die mit den nicht mehr ausquetschbaren Pubertätspickeln,

die mit den Wellblech-Schiebedach-nach-vorn-Bäuchen,

die mit den Wüstengesichtern nach Sandstürmen,

die haben doch nichts mehr zu verlieren!

Die schauen doch mit einer Gleichgültigkeitsmiene

in den Spiegel, als wäre das In-den-Spiegel-schauen

die normalste Sache der Welt.

Die liebäugeln sogar mit ihrem Doppel-Dreifachkinn.

Die sind ja vollkommen losgelöst von dieser Furcht;

Furcht vor vorzeitiger Faltenbildung.

Denn ihre Gesichtshautlappen wellen sich ohnehin schon

wie das tote Meer bei Windstärke 10,

Da sind eh schon alle Dämme durch!

Die kämmen sich durch ihre Haare,

als sei dies ein bloßes Zubehör.

Die haben jeglichen Respekt vor sich verloren.

Gott, nein!

Die sind doch nicht durch ihr Aussehen gestraft.

Die haben es doch so gewollt,

da sie sich längst mit ihrem sichtbaren Elend abgefunden haben.

Sei haben sich sozusagen mit ihren Mängeln arrangiert.

 

Doch ich, ich weiß ja gar nicht, wo meine Herrlichkeit noch hinführen soll?

Allerdings gibt es mir schon zu denken, wenn ich,

angesprochen auf den perfekten Mann,

selbst verliebt in den Spiegel schaue und meine:

 

Na ja, der Fall liegt doch klar!

Ich finde mich ja so unwiderstehlich,

dass ich mich beinahe schon täglich an mir selbst vergehe.

Und ich gefalle mir dabei so sehr, dass ich bereits

die Überlegung anstellte, ob ich nicht gänzlich

auf die ohnehin meist minderwertigen Sexpartner verzichten

und nur noch selbst Hand anlegen sollte?

Am liebsten ja vor einem großem Spiegel.

Aber da ist sie dann wieder, diese Angst hineinzuschauen,

und diese, meine Herrlichkeit, darin irgendwann nicht mehr wieder zu finden.

 

Die meisten haben’s gut, die sehen ja nach nichts aus!

Und wer nichts hat, der kann nichts verlieren.

Aber wer hat, der hat’s schon schwer!

 

Und dann ist da ja noch die Sache mit der Vergötterung:

Alles schmeißt sich vor dir auf die Knie,

weil du so schön und damit anbetungswürdig bist!

Dein Gegenüber weidet sich an deinem Anblick.

Und du tust es ihm gleich.

Du grast auf der eigenen Weide.

 

Sex mit Fremdbeteiligung

verkommt mehr und mehr zu einer mildtätigen Handlung

und hat mit der eigenen Befriedigung so gar nichts mehr zu tun.

Wer schön ist, prostituiert sich ganz selbstverständlich.

Er wird begehrt und umworben.

Eben weil er das verkörpert,

wovon die meisten Zeit ihres Lebens nur träumen.

 

Verliert der Schönling aber irgendwann sein Kapital,

bröckelt seine Fassade, verglimmt seine Schönheit,

dann wird das namenlose Heer der Unebenen

ihm, den einstigen Adonis,seinen berstenden Spiegel vorhalten,

der dann in seinem Innersten tausend Scherben schlagen wird. © Arne Pahlke, Januar 1996

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