Erinnerungen an meine Kindheit und Jugend in Reinbek (Teil 1) ® Arne Pahlke, Januar 2011

 

Ich trage noch sehr viele Erinnerungen an meine Kindheit und Jugend in mir. Und dabei gelange ich, wie wohl jeder Mensch, der in seine Vergangenheit blickt, zu schönen und weniger erquicklichen Rückbetrachtungen.

Doch in dem hier vorliegenden Text möchte ich vor allem über einige der schönen Erinnerungen schreiben. Und dabei auch nur über solche, die in einem mehr oder weniger direktem Zusammenhang mit jener Stadt stehen (bzw. einigen ihrer Gebäuden und Plätzen), in der ich geboren wurde und in der ich heute (nach 15 Jahren „Abstinenz“) wieder lebe.

Und dieser beschauliche kleine Ort  - mit seinen ungefähr 26.000 Einwohnern - liegt in der südlichen Geest Schleswig-Holsteins; -  kurz vor den Toren Hamburgs. Und diese Stadt, von der ich hier schreibe, heißt Reinbek - und sie ist geprägt von dem angrenzenden Sachsenwald. Und als kleines Kind gar, als ich die Welt noch als schier unendlich groß begriff, da schien es mir oft sogar so, als lebte ich in einer Stadt, die nicht nur von diesem riesigen Wald teilweise umschlungen ist, sondern in der ebendieser Wald sich überall in die Stadt hineinfrisst.

So etwa in dem Baumschulenweg (nachzulesen: HIER),  in dem ich meine ersten zwölf Lebensjahre aufwachsen durfte. Schaute ich z.B. aus meinem Kinderzimmerfenster, so war dort dieser Wald. Und stand ich auf dem nahegelegenen Spiel- und Bolzplatz, so war ringsherum ebenfalls Wald.   Und traute ich mich als kleiner Knirps gar über die K80 am Glinder Weg, dann war da noch viel mehr von diesem Wald. Überall war dieser wunderschöne und mich magisch anziehende Wald.

So auch rund um die Grundschule Klosterbergen, die ich in den Jahren 1974-1977 besuchte. Trat man als Kind dort auf dem weitläufigen Schulhof, so tat sich ringsherum Wald auf. Und wenn es uns Kinder im Winter zum Rodeln „runter“ in die Loddenallee zog, - so standen wir mitten im Wald mit unseren Schlitten.

Jawohl, ganz Reinbek schien mir einst von Bäumen und Wald umschlungen zu sein.

Eine, der von uns in der Loddenallee genutzten Rodelstrecken, nannten wir als Kinder übrigens „Todesbahn“. Nun, zwar war diese Strecke teilweise durchaus etwas steil und überdies von unzähligen Bäumen umsäumt, die einem bei der Abfahrt  schon mal schnell im Wege stehen konnten.  Doch, wenn ich dort heute spazieren gehe, huscht oft  ein Lächeln über mein Gesicht, wenn ich an unser einstiges Kindergerede über die „Todesstrecke“ zurückdenke.

Oh ja, wir waren kleine große Helden auf unseren Holzschlitten. Heldenhafte Jungs,  die todesmutig genug waren, sich auf ihren Kufen-Torpedos diese gemeingefährliche „Schlucht“ hinunterzustürzen. Nun ja, zumindest waren wir so lange heldenhaft, bis einer von uns (mal wieder) etwas härter aufschlug und sodann Rotz und Wasser weinte und möglichst  zeitnah zu Mutti wollte.

Einmal im Jahr fand in ebendieser Loddenallee das größte Reinbeker “Volksfest” statt. Und dies tut es noch heute,-  nur ist das Schützenfest heute längst nicht mehr so groß wie seinerzeit. Obwohl, -  eigentlich - war das Schützenfest auch damals nicht groß. Doch mit den Augen eines Kindes sah man die Dinge natürlich anders. Ja, für uns Kinder war das Loddenallee-Schützenfest sogar eines der großen Ereignisse – vielleicht sogar DAS Großereignis des Jahres in Reinbek.  Und die größten Schaustellerattraktionen auf diesem „Volksfest“ waren der „Mexikanerhut“ und natürlich der Autoskooter.  Später als Jugendlicher zählte dann selbstredend auch das Bier- bzw. Festzelt zu den Hauptattraktionen, welches ich nicht selten taumelnd verließ. Einmal bin ich sogar direkt von einer dieser langen  Bierzeltholzbänke durch einen „Schlitz“ im Zelt hinausgepurzelt. Dies kann man rückbetrachtend auch als direkten Wink mit dem Zaunpfahl werten:; - im Sinne von: „ Geh heim – du hast genug!“

Alkohol wurde von meinen Freunden, Bekannten und mir damals viel konsumiert.  Ob nun im Keller bei Bernd (Namen geändert), im Cafe Brasil oder auch im Treff Jugendzentrum am Ladenzentrum. Im Letztgenannten herrschte natürlich absolutes Alkoholverbot. Doch, wann immer wir Älteren Alkohol (in der Regel Billigbier von ALDI) trinken wollten, so gingen wir halt vor die Tür und taten dies dort.

In meiner Erinnerung sehe ich gerade den 17jährigen Arne (versucht) lässig an die Hauswand des Jugendzentrums gelehnt stehen; - mit einer Dose Bier in der Hand. Wild und ungezähmt wollte er wohl damals wirken mit seinem Cowboyhut und den ausgelatschten Buffalostiefeln, an die er  mitunter sogar Spikes angeschnallt hatte. Und  dazu – völlig unpassend - hatte er sein Gesicht voll von  Make-up. Und er trug fast immer Make-up.  Und zwar nicht nur ein bisschen davon, sondern er hatte es sich richtig fett aufgetragen, für jedermann sichtbar. 

In erster Linie trug ich mir die Schminke so dick auf, weil ich als Jugendlicher unter einer sehr starken Akne litt. In zweiter Linie aber fand ich mich damit  schön. Natürlich musste ich mir wegen meines auffälligen Make-ups häufiger Spöttereien anhören. Und die Schlimmsten waren dabei jene, die im Kern auf die Aussage: „Bist du etwa schwul?“ hinausliefen.

Dies bestritt ich dann sofort und energisch und wurde dabei mitunter sogar regelrecht aggressiv; - oder ich fing an über Schwule zu spotten. Denn solche Attacken trafen mich in meinem innersten Kern. Oft fühlte ich mich in solchen Momenten wie entschleiert, - als hätte jemand mein Kainsmal entdeckt. Ich konnte damals nicht offen zu meiner bisexuellen (bzw. pansexuellen) Neigung stehen. Keine(r) meiner Freundinnen und Freunde wusste, dass ich mich neben Mädels sexuell auch für Typen interessierte. Und es durfte auch niemand wissen!

Ich denke, meine Cowboymaskerade, sie war rückbetrachtend auch Teil (m)einer damaligen Verschleierungstaktik. Auch habe ich mich gerne mit jüngeren Mädchen umgeben - so etwa bei der Nathan-Söderblom-Kirche. Dort gab es (und gibt es noch immer) diesen grauen hässlichen Betonklotz direkt neben dem Haupteingang, in dem man sich auch (zweckentfremdend) hineinsetzen kann. Und hier saß ich dann oft, umgeben von Mädchen, die mich anhimmelten,   - meist noch zu jung, um mich sexuell zu bedrängen.

Meine ersten sexuellen Erlebnisse hatte ich als Elfjähriger mit einem gleichaltrigen Freund. Unsere im Anflug sadomasochistischen Spiele zogen sich in zahlreichen Treffen über Monate hin und waren für mich zutiefst erfüllend.

 

Ich -  im Sachsenwald (2009)

 

Mein erstes Mädchen auf Zunge küsste ich natürlich auch in Reinbek (nachzulesen: HIER). Und mit meiner ersten Frau schlief ich – richtig – ebenfalls in Reinbek. Da war ich übrigens bereits neunzehn Jahre alt. Vorher hatte ich es über Jahre erfolgreich geschafft mich vor diesen Begattungsakten zu drücken. Ich hatte zwar bis dato bereits einige Freundinnen gehabt und hatte auch Sex mit ihnen; -  aber  mit keinem dieser Mädchen habe ich geschlafen. In meinen sexuellen Phantasien fand das Pimpern damals einfach nicht statt.  Und somit empfand ich es regelrecht als sexuelle Nötigung, wenn ein Mädchen von mir penetriert werden wollte.  Erst mit meiner späteren Ehefrau konnte ich schlafen – und zwar auch so, dass ich dabei sexuelle Befriedigung fand.

Nun habe ich so viel über Sex geschrieben, obwohl ich doch über Reinbek in meiner Kindheit und Jugend erzählen wollte.

Na, zumindest schrieb ich über sexuellen Handlungen in Reinbek.

Ich möchte noch mal zurückkommen auf die Grundschule Klosterbergen. Letztens habe ich dort durch eine der gläsernen Eingangstüren gelugt. Und noch immer lagen dort dieselben dunklen Marmorfliesen aus und noch heute stehen dort dieselben(?) Ausstellungskästen. 

Die beste Lehrerin, die ich jemals hatte, hatte ich hier – und zwar über die vollen vier Jahre als Klassenlehrerin. Sie hieß Frau Lindner. Ich mochte sie so gern, dass ich sie selbst als Erwachsener noch einmal zum Kaffee besucht habe. Sie war die einzige Lehrkraft, die mir das Gefühl vermittelt hatte, dass ich völlig ok war, so wie ich war.

Die furchtbarste Lehrerin in meiner Grundschulzeit hieß Frau Strehl, die schon in den 70er Jahren von ihrer ganzen Art her wie ein übrig gebliebenes Fossil einer längst ausgestorben geglaubten Lehrergattung wirkte. Ich habe sie als kleine gramgebeugte Oma mit Dutt und strengen Gesichtszügen in Erinnerung. Sie legte größten Wert auf Disziplin. Und mitunter konnte man ihr regelrecht ansehen, wie sehr sie sich die Prügelstrafe zurücksehnte. Ich hatte sie in Musik und Rechnen. Und wenn ich mich recht erinnere, begann jede ihrer Unterrichtsstunden damit, dass wir alle aufstehen und sie grüßen  und dann: „Theo, spann den Wagen an, denn der Wind treibt Regen übers Land …“ (im Canon) singen mussten. Selbst heute noch schwirrt dieses Lied durch meinen Kopf.

Ich hatte von Jahr zu Jahr darauf gehofft, dass diese miesepetrige Oma mit Dutt im nächsten Schuljahr endlich in Rente  sein würde, da sie bereits bei meiner Einschulung so alt aussah, als hätte sie das Rentenalter schon längst erreicht. Doch als ich neulich durch diese Eingangstür schaute, hatte ich fast ein bisschen Angst, dass dieser alte Drachen noch immer dort unterrichtet und gleich um die nächste Ecke gewackelt kommt, um mir die Leviten zu lesen.

Der Hausmeister in der Klosterbergenschule hieß Herr Neunziger, woraus wir Kinder gerne ein Herr Neunundneunziger, Neunhundertneunundneunziger oder Herr Neuntausendneunhundertneunundneunziger machten. Wie Kinder halt so sind.

Sehr gerne und mit einer gehörigen Portion Wehmut erinnere ich mich auch an Läden wie die Schlachterei Grothe. Diese Art von Lebensfreude und Herzlichkeit – dieses „Heile-Welt-Gefühl“, welches einem in diesem Laden immer wieder einfing, gibt es so heute nicht mehr, weil das ganze Lebensgefühl von einst einfach nicht mehr mit dem von heute vergleichbar ist.

Oder der Kiosk Hermann am Glinder Weg, - mit der alten und etwas tütteligen herzlichen Frau Herrmann, die immer alle Beträge mit Bleistift auf einem Zettel addierte, und sich dabei ein um das andere Mal verhedderte.  Wie oft brachte ich wohl Leergut zu ihr und tauschte dies gegen Brausepulver, Esspapier, Dolmiti-Eis,  Caramac, Kirschenlutscher, Musketierriegel, Babyflaschen mit Liebesperlen  oder andere Süßigkeiten ein. Und dann gab es noch dieses Maler-und Tapetengeschäft am Holländerberg. Ich glaube, der Inhaber hieß Will. Und dort konnte man  Süßigkeiten für unglaubliche 1 und 2 Pfennig das Stück kaufen. Manchmal fingen wir Stichlinge für Herrn Will, der diese dann als Köder für seine Hobbyangelei benutzte.  Wir fingen sie z.B. in einem der Tümpel im Klosterbergenwald oder im Teich am Großen Ruhm, - und unser Lohn waren Süßigkeiten.

Geld für Süßereien oder meine einst so heiß geliebten Lustigen Taschenbücher (vor allem die mit vielen Donald- und wenig Mickeymaus-Geschichten) verdiente ich mir aber auch durch das Sammeln von Kastanien und Eicheln.

Ach, und wo ich gerade Kastanien schreibe. Hinter dem Bolzplatz am Baumschulenweg gab es neben einigen Kastanienbäumen auch zwei wilde Apfelbäume, bei dem wir uns regelmäßig  bedienten. Mitunter genossen wir sie auch als Bratäpfel, etwa wenn Herr Gütschow mal wieder am Bolzplatz seine Aale räucherte.  Und direkt hinter dem Fußballplatz gab es auch eine alte Kartenfabrik.  Zumindest nannten wir Kinder dieses alte heruntergekommene Gebäude so, da auf dem Grundstück, dass wir wiederholt und gerne widerrechtlich betraten, massenweise  Geburtstags-, Weihnachts- und  Karten zu  anderen Anlässe “herumlagen”, von denen wir immer reichlich mitnahmen.

Und dann muss ich unbedingt noch von meinen Erlebnissen im Freizeitbad Reinbek, am Tonteich, in der Haupt- und Realschule am Mühlenredder, meinen nächtlichen  Sextreffen auf dem Rowohlts-Verlagsgelände und über meine Ausflüge in die einst berüchtigten „Asozialenhäuser“ im Schneewitchenweg und so vieles mehr berichten.

Doch für heute soll’s genug sein.

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Shaun, 2 Fabruar 2011 - Hach ja, mehr davon.Auch wenn ich ein paar Jahre jünger bin, kenne ich das meiste davon auch wieder - in Reinbek ändert sich halt so schnell nix.Trotz einigen Veggie-Jahren erinnere ich mich auch gerne an Grothe, aber bevor hierzulande wieder von Familien-Handwerks-Betrieben Schweineteile verkauft werden, müssen wohl erstmal ein paar andere Schweine geschla.... naja schon klar, ne? In den Schlachtabfallabteilungen der Siebenbisdreiundzwanziguhr-Discounter riecht es kein Stück nach Essbarem, warum soll man da was kaufen? Bin gespannt auf Teil 2 (und die Geschichte zur 6-Wochen-Abwesenheit ;) )

Wortmutation: HI Du! Ich denke nächste Woche folgt der nächste Teil. Und dieser zweite Teil wird wohl (wie es ausschaut) nicht ausreichen. Doch die Geschichte zur 6-Wochen-Abwesenheit erspare ich mir wohl lieber ;-)

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