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Einleitendes zur ersten Therapiestunde: Aus jeder, der nachfolgend abgelegten „Ich-Über-Selbst-Ich(werauchimmer)-Thearapiesitzungen“ werde ich jeweils die essenziellen Passsagen filtern. Bei alledem werde ich mich bemühen, vor allem auch jene Auszüge zu erhalten, für die ich mich schämen müsste, wenn ich noch so etwas wie ein Schamgefühl mein Eigen nennen würde. Niemand mag sich bitteschön wundern, dass mein Therapeut (ich), ein durchaus sympathisches Exemplar sein wird. Und zwar entgegen meiner Behauptung, das seelenkundliche Heilkünstler in der Regel verzichtbaren Wortabfall wiederkäuen oder aber sich, überlegt aussehend, dem Ende einer Sitzung entgegen kämpfe. Ich tue dies, weil ich den Lesern und mir keines jener Exemplare zumuten möchte, mit denen ich bislang auf dieser Ebene zu tun hatte. Deshalb wird sich, in den Sitzungen des Sanierungsfalls Pahlke (auch ich) ein Analytiker an meiner Seite befinden, der zwar, wie eigentlich all seine Kollegen, mit der Aufgabe einen Menschen von seinem psychischen Leid zu befreien, hoffnungslos überfordert sein wird, - der aber zumindest eine hier und da unterhaltsame Projektionsfläche für Pahlkes schizoiden Selbstgespräche liefern kann.
Erste Therapiestunde
Therapeut: (gebügelt freundlich) Guten Tag, Herr Pahlke. Ich: (versucht schlicht) Hallo. Therapeut: Nehmen sie doch bitte Platz. Es steht ihnen frei, ob sie lieber sitzen oder liegen möchten. (zeigt mit einigen seiner langen kalkweißen behaarten Finger zunächst auf einen rustikalen Korbsessel und dann auf ein sofaähnliches Gebilde, was Herrn Pahlke an eine Krankenhausliege für Privatpatienten erinnert, obgleich er niemals Privatpatient gewesen ist.) Ich: Danke schön. (wähle den Korbsessel) Therapeut: Wir hatten ja bereits vorab einige zweckdienliche Fragen am Telefon besprochen. Wie war das noch gleich, Herr Pahlke, sie hatten bereits eine oder mehrere Psychotherapien beansprucht? Ich: (lautlos zu mir selbst:) O, da kommt sie also bereits als Aufmacher geflogen, jene unausweichliche Frage eines durchschnittlich talentierten Analytikers. Wohl, weil dieser sich selbst und seinem Können dermaßen wenig über den Weg traut, traut er vor allem jenen Hilfesuchenden nicht, die bereits mehrere Therapien erfolglos durchlaufen haben, da diese das Unvermögen der Psychotherapie & Co meist nicht nur auf Grund ihrer offensichtlichen Behandlungsresistenz in Frage stellen, sondern überdies, weil sie den Therapeuten meist skeptischer gegenüber treten, als im Vergleich dazu ein neurotisches und psychotisches Stück Behandlungsfrischfleisch. Therapeut: Herr Pahlke? Ich: Drei Psychotherapien, Herr Gütschow. Aber eigentlich war es nur eine. Und selbst diese eine Psychotherapie war im Grunde genommen gar keine Psychotherapie. Therapeut: Was war es dann? Ich: Nichts von Bedeutung, Herr Gütschow. In knapp einhundert Sitzungen wurde meine Psyche nicht einmal oberflächlich berührt. Sicher, es gab Momente, in denen ich das Gefühl hatte, das ich mir selbst etwas näher kam. Aber tatsächlich geschah nichts - nichts, was wirklich Bedeutung hatte und jemals Bedeutung haben wird. Mich haben all diese Sitzungen nicht einmal im Ansatz verändert. Und somit hatten sie weit weniger Nährwert, wie z.B. mein tägliches Stück Kuchen, was, nachdem ich es verschlungen habe, zumindest vorübergehend zu Gemüts- und Gewichtsschwankungen führt. Therapeut: Was für eine Veränderung erwarten sie sich denn von einer Therapie? Ich: Nun, wenn ich die freie Wahl hätte, dann natürlich einen äußerst positiven Wandel. Ich würde mir wünschen, dass ich mit meinem Leben besser zurechtkäme. Oder nein, lassen sie es mich bitte anders und damit hoffentlich adäquater ausdrücken: Wenn ich die freie Wahl hätte, dann würde ich mir eine andere Welt für mich wünschen. Mir würden eventuell aber auch einfach neue Gegebenheiten in der bestehenden Welt ausreichen. Und für mich persönlich würde ich mir einen wirklichen Neuanfang, und zwar mitsamt meiner Altlasten wünschen. Da ich aber nicht die freie Wahl habe, und überdies auf Grund meiner chronischen Bedrücktheitsbarrieren eher zum Zweifel als zur Hoffnung neige, würde ich mir einfach irgendeine Veränderung wünschen. Ja, ich erwarte von einer Therapie, dass sie irgendetwas in mir verändert. Und ich meine damit eine echte Veränderung. Ich bin nicht heiß auf Pischi-Wischi-Scheiße, die man sich nur einredet, wie etwa den Zufluss von positivem Karma, wenn man eine Mücke klaglos das eigene Blut abschöpfen lässt. Oder ein sich selbst anheuchelndes: O ja, mir geht es schon sehr viel besser, seit ich regelmäßig über meine Probleme rede. Also, ich rede bereits seit einem Jahrzehnt darüber. Und es geht mir, nach all diesen Selbstfindungsgesprächen, genauso beschissen, wie es mir höchstwahrscheinlich auch ohne all diese Gespräche ergangen wäre. Ich wage sogar die These, dass es mir bedeutend besser gehen würde, wenn mein Gehirn derartige Gespräche aus mangelndem Zuständigkeitsempfinden, oder aus welchen Gründen auch immer, einfach nicht mehr zulassen würde. Therapeut: (zitiert mich) Für mich persönlich würde ich mir einen wirklichen Neuanfang, und zwar mitsamt meiner Altlasten wünschen. Lassen sie uns doch bitte an diesem Punkt ansetzen. Wie könnte so ein Neuanfang aussehen, der sie mit dem Leben besser zurechtkommen lässt? Ich: Ich mag solche Fragen nicht. Fragen wie diese sollten generell für unzulässig erklärt werden! Therapeut: Und aus welchem Grund? Ich: Weil ich eine Frage wie: „Was wäre, wenn etwas wäre, was niemals sein wird, aber theoretisch sein könnte …“ für eine quälend und alberne Frage halte. Therapeut: Ich verstehe. Was sie also für einen lebenswerten Neuanfang benötigen, dies gibt es in dieser Welt nicht?! (lächelt milde triumphierend) Ich: Da haben sie mir etwas voraus. Therapeut: Wie bitte? Ich: Sie sagten eben: Ich verstehe. Wenn dieses Seelenwunder auf sie zutrifft, dann haben sie mir etwas voraus. Ich sitze nämlich vor ihnen, weil ich scheinbar nicht einmal genug vom bloßen Dasein verstehe, um in diesem überlebensfähig glücklich sein zu können.
Therapeut: Lassen sie uns bitte nicht so rasant von der einen Gedankenanhöhe zum nächsten Hügel fliegen. Herr Pahlke, was benötigen sie für einen lebenswerten Neuanfang, was es vermeintlich nicht zu geben scheint, oder aber zumindest für sie unerreichbar wirkt? Ich: Eigentlich handelt es sich um ganz gewöhnliche Dinge, wie etwa die Liebe zu einem von mir auserwähltem Menschen, zur der man dann aber auch fähig sein muss, was ich eben nicht bin. Genau dies wäre eines der Einfachen, für mich aber unerreichbaren Ziele. Ist es nicht so, das sich vor allem in tief gehenden Beziehungsgeflechten psychische Defekte und deren Bebenrisse auf ihre gravierendste und grausamste Weise zeigen? Es tut weh, wenn man sich z.B. Nachts im Bett beschaut, und dann die unüberbrückbare Kluft zwischen den Materien erkennt, von denen man träumt, und jenen, die man darstellt - und schlimmer noch - wenn man erkennt, was für ein Wrack man aus sich selbst gemacht hat. Bei der Liebesfähigkeit ansetzen zu wollen, dies wäre somit sicherlich völlig vermessen. Ich empfände es bereits als eine gigantische Hilfe, wenn meine vielen irrationalen Ängste, meine Depression und meine Anfallsneigung, die allesamt wohl nie ganz verschwinden werden, mir zumindest nicht mehr so heftig bei einem Neuanfang im Wege stehen würden. Aber wissen sie, was der eigentlich bejammernswerte Witz in dieser Angelegenheit ist? Ich habe gar keinen Plan mehr von einem Neuanfang in meine leeren Hosentaschen. Ich verwalte lediglich mein Scheitern. Therapeut: Hatten sei denn mal einen solchen Plan? Ich: Oh, ja, es gab viele Pläne. Doch wenn ein Bankier sich all meine Pläne beschauen würde, die ich in meinem Leben so für mich gesponnen habe, dann würde er zu dem raschen und eindeutigen Urteil kommen, dass es sich dabei um dumme und unrealisierbare Träume handelt. Therapeut: Aber sie sind doch kein Bankier. Und es sind ihre Pläne. Was sagen sie zu ihren Plänen? Ich: Ich bin kein Bankier. Das ist richtig. Und ich wollte auch nie ein Notengiftverwalter sein. Aber ich lebe nun einmal in einer Welt der Bankiers und Versicherungsmakler, der Analytiker und Statistiker, der Bildungskrüppel und Weiterbildungsleichen. Es ist somit ziemlich bedeutungslos, was man selbst von seinen Plänen hält, die in der Welt, in der man lebt, einfach keinen Platz finden, um sich dort wirklich zu entfalten. Therapeut: Haben sie das denn wirklich nicht – den nötigen Platz? Ich: Doch, natürlich. Es gibt viele wunderbare Plätze für Gescheiterte, Künstler auf Lebenszeit, Existenzminimumssäufer, reaktionäre Hilfsempfänger und so weiter. Ja, wir leben schließlich in einer Auffanggesellschaft. Und darin dürfen sich selbst die Krüppel völlig fei mit denen ihnen zur Verfügung gestellten Dürftigkeiten und innerhalb der Grenzen ihres Denk- und Handlungskorsetts bewegen. Herr Gütschow, wenn sie nicht möchten, dass ich nicht bereits bei unserer ersten unfreiwilligen Zusammenkunft pissig werde, dann verkneifen sie sich jetzt bitte eine Aussage wie: „Machen sie es sich nicht etwas zu einfach, Herr Pahlke, indem sie sagen, es gehe ihnen vor allem deshalb so schlecht, weil die Gegebenheiten es nicht zulassen, das es ihnen besser geht?“ Therapeut: (amüsiert) O, dies wäre doch ein durchaus hilfreiche Frage, die ich hiermit allen Gefahren zum Trotz, an sie weitergeben möchte. Ich (ebenfalls amüsiert) So nicht! Sie sollten wissen, dass ich zu jenem kranken Menschenschlag gehöre, der auf eine solche Frage ernsthaft und umfassend zu antworten versucht, was zum Ergebnis hätte, dass ich mich nach spätestens fünf Minuten im Gestrüpp diverser Nebenfragen verfangen hätte. Sehen sie, dies ist ein weiteres meiner vielen Probleme. Ich hasse die analytische Welt und verspotte den Wissenschaftsirrglauben der Menschheit. Dabei bin ich doch selbst ein gnadenloser Analytiker. Fast nichts ist vor meinem analytischen Verstand sicher, vor allem nicht die Menschen und ihr Handeln. Therapeut: räuspert sich Ich: Ich hasse es oft selbst, das ich fast pausenlos analysiere. Selbst jetzt, wo wir beide weniger gemütlich zusammensitzen, bleibt meinem Verstand, obgleich dieser bei einer Psychotherapie doch eigentlich, so sollte man zumindest meinen, ausreichend ausgelastet sein sollte, genügend Spielraum, um die Situation und vor allem sie zu analysieren. Ich hasse das! Ich würde viel lieber einfach hier sitzen dürfen und mit ihnen reden, oder vielmehr mit mir selbst reden und ihnen gleichzeitig beim Zuhören zuzusehen. Aber nein, mein Filtrator der Sinne, er gleicht einem gefräßigen Raubtier. Und sein ständiges Fressen ist würgend wie überflüssig. Mein Kopf ist übervoll an Informationen – und darunter viele nichtsnutzige Informationen wie: “Gaby ist nett. Ich finde, dass Gaby eine schöne kleine Brust hat. Ich möchte an Gabys kleiner Brust saugen. Aber Gaby ist aus meiner Sicht abstoßend. Denn wenn Gaby Fahrrad fährt, streckt sie ihre Hand selbst auf wenig befahrenen Straßen vorm Abbiegen in einer neue Straße aus. Wer dies tut, der wird sich sicherlich ekeln, wenn ich ihm erzähle, das mich der Geruch lang getragener Unterhosen aufgeilt. Darüber müssen wir übrigens zu gegebener Zeit auch noch mal reden, über meine Geruchsausläufergeschichten. Therapeut: räuspert sich Ich: Sicherlich, selbst mein stupid archivierender Verstand weiß natürlich, dass diese eine Eigenschaft noch kein Persönlichkeitsbild zeichnet. Aber er fängt dennoch ganz früh damit an, ein solches Bild komplettieren zu wollen. Und er geht dabei gnadenlos vor. Er lockt Gaby in lauter kleine Fallen, nur um sie möglichst rasch als unbrauchbare Wegbegleiterin auszusortieren. Das liebt er, mein analytischer Verstand – das Aussortieren! Brauch ich nicht – mag ich nicht – hatte ich schon – verzichtbar - weg damit! Therapeut: Wie stellt ihr Verstand das an? Ich: Er stellt ihr z.B. lauter Fangfragen. Die meisten davon sind eigentlich leicht durchschaubar. Da mein Gegenüber aber in der Regel nicht damit rechnet, das z.B. beiläufig eingefügte Fragen ausnahmslos seiner „Enttarnung“ dienen, erfüllen sie fast immer ihren Zweck. Ich frage Gaby, um z.B. auf die dreckige Unterhose zurückzukommen, ob sie eigentlich jemals davon gehört hat, dass es Indianerstämme gab, bei denen man sich nur einmal in der Woche gewaschen hat. Ihre Reaktion ergänze ich dann in Sekundenbruchteilen mit der ausgestreckten Hand auf dem Fahrrad. Tja, und schon erkennt mein analytischer Verstand – oder meint dies zumindest - ein Verhaltensmuster, welches er wahrscheinlich nicht mag. Und aus dieser Kiste kommt Gaby dann nur noch sehr schwer heraus. Gaby steckt nun in meiner Falle (in meiner Beurteilungskiste), was bei mir meist nichts anderes bedeutet, das ich jegliches Interesse an ihr verliere, noch ehe ich ein solches Interesse wirklich bilden konnte. Ok, das war jetzt sehr vereinfacht dargestellt; - doch von Prinzip her funktioniert mein analytischer Verstand auf eben diese Weise. Ich weiß, jeder analytische Verstand funktioniert immer auch auf diese eine primitive Weise. Doch ich bin der Meinung, dass meiner auf schädliche Weise allzu heftig zum Einsatz kommt. Und das hasse ich! Darüber müssen wir auch reden; darüber, dass ich so viele Dinge hasse und so wenig Dinge liebe. Therapeut: Ja, Herr Pahlke. Beim nächsten Mal können wir auch darüber reden. Bitte denken sie dann auch an ihre Versicherungskarte, damit ich mit ihrer Krankenkasse abrechnen kann. Ich: (erhebe mich locker) Gut, dann bis zum nächsten Kaffeekränzchen ohne Kaffee und Kuchen. Therapeut: (gebügelt freundlich) Tschüss, Herr Pahlke. |
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