Gedanken eines Ü40-Mannes ® Arne Pahlke, Mai 2011

 

Der nachfolgende Text kam zustande, weil mein erster sarkastisch gegerbter Ü40-Männer-Text (lese HIER) von vielen Lesern tatsächlich so aufgefasst wurde, als wäre all das, was ich darin niedergeschrieben habe, meine ureigene und völlig ernstgemeinte Sicht über das Alter(n).  In dem nachfolgendem Text werde ich deshalb (fast) frei von der mir anhaftenden Spitzzüngigkeit und den in meinen Texten oft vorzufindenden Sarkasmus darüber Bericht erstatten, wie ich mich tatsächlich als Ü40-Mann begreife und wie ich zum Thema Älterwerden stehe.

 

Jeder Ü40-Mann, den ich kenne, hat sich mir gegenüber schon mindestens einmal in irgendeiner Form über die Begleiterscheinungen des eigenen Älterwerdens beklagt.  Und ich würde es  auch keinem Ü40-Mann (und erst recht keiner Ü40-Frau) abkaufen, wenn diese mir weismachen wollten, dass sie niemals irgendein Problem mit dem Älterwerden hatten. 

Älterwerden hat viel mit loslassen zu tun. Und wenn man etwas loslassen muss, - man etwas verliert, was einem wertvoll war;  etwas, womit man sich einst identifiziert hat, - so ist der Schmerz über diesen Verlust nicht nur nachvollziehbar, sondern auch ein wichtiger und essentieller Bestandteil des menschlichen Daseins. 

Wie herzlos gegenüber sich selbst (bzw. der eigenen gelebten Vergangenheit) muss hingegen ein Mensch sein, der meint, dass ihm alles loslassen und aufgeben, dass mit dem Älterwerden einhergeht,  niemals auf eine schwermütige und schmerzliche Weise berührt hat.

Die offensichtlichste Veränderung, die mit dem Älterwerden einhergeht, findet sich in unserem Aussehen. Wenn Menschen mit ihrem Alter hadern, so hadern sie vor allem mit jenen sichtbaren Spuren, die die Lebensjahre ihnen gleich eines unauslöschbaren Stempels aufgedrückt haben.

Die  Haare werden grau und licht oder sie fallen  ganz aus;-  unsere Muskulatur baut ab; -  die Bindegewebsschwäche modelliert uns Falten- und Furchenlandschaften; - unser jugendliches Antlitz macht nach und nach Platz für ein Angesicht, vor dem man sich - mit  Blick in den Spiegel  - schon mal kurzfristig erschrecken kann.

Kurzum: wir werden alt! Und ganz gleich, was für aufwendige und oft (sündhaft) teure Gegenmaßnahmen einige Menschen auch gegen dieses unumkehrbare Faktum  auffahren; - nichts und niemand – außer ein früher Tod – kann das Alter(n) aufhalten.

Und deshalb gestehe ich es jedem  Ü-40-Mann zu, dass er es persönlich nimmt, wenn ihm  die Haare in Büscheln ausfallen und die Haut zunehmend grobporiger wird. Ich meine, welcher optisch deutlich gealterte Mann steht denn bitteschön vor einem Spiegel und sagt dann ernsthaft solche Dinge wie: „Super, solche Tränensäcke habe ich mir schon als junger Mann gewünscht …“

Nein, alt werden ist nichts für Weicheier!

Aber so schrecklich, wie es sich bis hierher für den einen oder anderen gelesen haben mag, ist das Älterwerden  nun auch nicht. Zumindest  empfinde ich das Älterwerden nicht als ständige Pein. In vielerlei Hinsicht fühle ich mich  (mit meinen annähernd 44 Lenzen) heute sogar besser, als in meinen frühen Jahren.

Zwar habe ich mitunter meine Probleme damit, dass meine Hülle altert und dabei für mein Gefühl ein zunehmend unschöneres Gesamtbild abgibt. So ist von dem einst begehrenswerten Körper mit seiner ehemals glatten Haut und dem jugendlichen Gesicht nicht mehr viel übrig geblieben  – und das wenige, was noch da ist, wird mir früher oder später auch genommen werden. Aber letztlich kann ich mit diesen Spielregeln gut leben; - vor allem deshalb, weil sie für uns alle gelten.

Ja, Älterwerden kann weh tun. Doch dies tut es vor allem dann, wenn man sich an eine Zeit zu klammern versucht, die unwiederbringlich verloren ist – nämlich an die eigene Vergangenheit und dabei insbesondere die eigene Jugend. Und dieser Prozess des nicht-loslassen-können/wollen wird umso schmerzvoller, je  länger und vehementer man daran festzuhalten versucht.

Die Unendlichkeit ist allein der Unendlichkeit vorbehalten.

Doch inmitten dieser nicht überprüfbaren Unendlichkeit gilt die Endlichkeit aller Dinge auf Erden.  Und jedes  Ding existiert in dieser Endlichkeit aller Dinge nur für eine bestimmte Zeit – so auch unsere Jugend. Und somit ist  unsere Jugend am Ende ein viel zu kurzer Abschnitt, als dass es sich lohnt, ihm den Rest unseres Lebens hinterher zu trauern.

Ok, zugegeben, wenn es eine Zeitmaschine gäbe, mit der ich zurück in meine Jugend reisen  könnte – und wenn ich mich dort mit meinem jungen und unverlebten Körper schmücken dürfte, ich würde wohl sofort in diese Zeitmaschine einsteigen wollen. Aber ich würde es nur tun, wenn ich mit meinem heutigen gereiften Bewusstsein in meine eigene Frühzeit zurückreisen dürfte.  Ich würde aber nicht all meine Erfahrungen und mein Wissen opfern, nur um wieder jung sein zu dürfen, -  ich würde also nicht mein komplettes Erleben hier zurücklassen, dass nach meiner Jugendzeit stattfand.

Was ich damit sagen  wollte, ist, dass der Mensch, der ich jetzt in diesem Augenblick bin, mir wichtiger ist, als die schönsten Erinnerungen an meine Jugend. Wenn ich also in meine Jugend zurückreisen könnte, dann nur als dieser Mann, der ich heute bin,  mit seinem verwundeten und vernarbten  Bewusstsein.

 

Gedanken eines Ü-40-Mannes

 

Doch, was ich gerne tue, das ist, melancholisch in meine Jugendzeit zurückzublicken. So z.B. bei einer Flasche Wein und der Musik von einst. Dann schwelge ich in meinen Erinnerungen und dabei fließt dann auch schon mal die eine oder andere Träne. Aber dieses Zurückblicken empfinde ich dennoch nicht  als wirklich schmerzhaft, - sondern es wärmt mich weit mehr, als das es mir wehtut. Denn all das, in was ich da zurückblicke, habe ich ja erleben dürfen – all das habe ich gesehen und gefühlt.

Es ist mir ja nichts wirklich verloren gegangen - nur habe ich all diese Dinge eben “gelebt”.  

Das Gnädige am Altern(n), ist (u.a.), dass es nicht über Nacht kommt. Man hat also ausreichend Zeit, um sich mit den vielen Handikaps, die das Altern(n) mit sich bringt, zu arrangieren.

Ich meine, wenn man mit dem Blütengesicht eines 18 jährigen Jünglings ins Bett gehen würde - und  am nächsten Morgen mit dem merklich erschlafften und verlebten Gesicht eines 50jährigen Mannes erwachen würde, das wäre grausam! So aber kann man das Altern auch als Lauf der Natur annehmen.

Alles nutzt sich ab!

Deshalb kann man seinen Körper auch als eine Art Kleidungsstück ansehen, das sich durch das tägliche Tragen abnutzt. Und zwar ganz gleich, wie pfleglich wir es auch behandeln. Unser Kleidungsstück sieht von Jahr zu Jahr verwaschener aus, es erschlafft, gerät immer mehr außer Form, bekommt Flecke und Risse. Tja und irgendwann ist es dann reif für den Müll.

Ich komme mit dieser Aussicht gut klar. So hätte ich mir früher z.B. nie vorstellen können, dass ich eine Ü40-Frau irgendwann mal erotisch und begehrenswert finden würde. Aber heute, da ich ein Ü40-Mann bin, finde ich viele Ü40-und-Ü50-Frauen tatsächlich sexuell begehrenswert. 

Das Leben ist mit Ü40 nicht vorbei, - vorbei ist lediglich dieser eine Abschnitt (die Jugend) des Lebens, den viele Menschen  ihr Leben lang glorifizieren. Und nur, wenn man diesen kurzen Abschnitt des Lebens, als den einzig lebenswerten Abschnitt des Lebens ansieht, ja, dann ist das Leben tatsächlich mit spätestens Ü40 vorbei. Aber eben nur dann!

So bin ich als Ü40-Mann gelassener denn je, - auch wenn dies viele meiner Texte nicht vermuten lassen.

Ich begegne dem Alter(n) mit wachsender Gelassenheit und einer großen Prise Sarkasmus und Selbstironie. Und ich finde, dies ist nicht die verkehrteste  Art mit dem Alter(n) umzugehen. Somit sich der Kreis schließt und ich wieder bei meinem  Ü-40-Männer-Text angelangt wäre, der mir bis heute bereits über ein Dutzend E-Mails sowie Kommentare (mit oft wütendem Inhalt) beschert hat.

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Pit_am_Mehr, 18 September 2011 - Grüß Dich Arne,ein wirklich köstlicher Text, der für eine gute Fremd- und Selbstbeobachtung spricht. Die dann zur Garnierung eingestreuten sozialen Reflektionen zeigen, dass Du es einfach drauf hast! Pit(43) PS: Meiner Freundin (29) zeigte ich nach dem Vorlesen Deines Textes ein Foto von Dir und sie war positiv überrascht, ob Deines Aussehens.

Wortmutation: Danke für Deinen Kommentar. Unbekannterweise Gruß an Dich und Deine Freundin.

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