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Geschichtsflüchtling
Ich bin gestern Morgen 5000 Jahre alt geworden und möchte nun endlich endgültig davonlaufen lernen. Damit ich nicht länger im Sitzen stramm stehen muss, sobald jene hässlichen alten Männer an mir vorbei schreiten. Diese Männer, die keine Zähne mehr im Mund führen, nur noch vernichtend zeternde Rachenfäulnisgase aus sich strömen.
Mutter, ich habe im Geschichtsunterricht niemals aufgepasst, sondern stets nur hinaus aus dem Fenster in die Zukunft geschaut. Ich hielt es irgendwie für nicht nötig, zu lernen, wie man es falsch macht.
Doch warum muss ich dennoch gegen Hirngespinste, Beutezombies, nachgereichte Vorurteile, vorgekaute Nachberechnungen und gegen alle Regeln Wider der Vernunft ankämpfen?
Unsere Gegenwart scheint der Strafraum der Geschichte, voll von Falschspielern und Fehlentscheidungen.
Doch, wie kommt man nur dazu, mir zu sagen, das ich ein Nachgeborener bin?
Mutter, hattest du etwa Sex mit Hitler? Sag, war er ein Schwein im Bett? Und wenn ja, habt ihr euch dabei gefilmt? Kannst du es mir vorspielen?
Ich werde morgen Nachmittag zum fünfhundertsten Mal sterben. Ich möchte dann endgültig nicht mehr davonlaufen müssen; möchte endlich nie wieder neu geboren werden.
Bitte kein neues Dasein, nur damit die, mir so grausam vertrauten alten Männer, erneut an mir vorbei schreiten können. Jene Männer, die keine Augen mehr in ihren Höhlen führen, nur noch diese seelenlosen Höllenkrater.
Mutter, es ist mir ganz egal, ob du Sex mit Hitler hattest oder mit Mussolini, Lenin oder einer anderen dunklen Vorgeburt.
Ich habe mein Leben lang, ganz genau wie du, viel zu viel Schwarz, Gelb, Rot und Grün gedacht. Zu viele Farben machen farbenblind. Und Sex mit Toten ist ungesund.
Ich bin keine Nachgeburt. Ich male mir meine Grautöne selbst. Hitler kann mich nicht vergewaltigen. Hitler ist tot. Ich bin es, der ihn schänden kann.
Ich bin gestern Nacht noch nie gestorben, weil ich niemals an jenem Ort notlanden möchte, am dem jene alten hässlichen Männer bis in alle Ewigkeit ihre Runde drehen müssen. Jene Männer, die allesamt keine Herzen mehr in ihren aschfahlen Leibern tragen, allein zentnerschwere Steine der Schuld.
Es sind nicht meine Steine! Es ist nicht meine Schuld! Es ist nicht meine Geschichte!
Ich bin ein Geschichtsflüchtling.
Du findest mich allein im Hier und Jetzt. Doch übermorgen werde ich vielleicht an dir vorbei schreiten, als ein hässlicher alter Mann, der im Geschichtsunterricht nicht aufgepasst hat. © Arne Pahlke, Januar 2005 |
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® sämtliche Textrechte liegen bei Arne Pahlke/Wortmutation |
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