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Ich hasse – ich liebe …
Ich hasse die Nacht, doch nicht so sehr, wie ich den Tag hasse, wie das heuchlerische Licht der Großstädte oder einen Bus voll von pubertierenden Mädchen, die ihr Farblosigkeit bekichern. Ich hasse alte fette Omas, die auf dem Gehweg ihre Doppelkinnhackfressen aneinander reiben, um sich mit aufgerissenen Augen, in den bereits der Tod wuchert, die neusten moralischen Verfehlungen ihrer Nachbarn übermitteln. Ich hasse junge Männer mit Krawatten, die über den Weltmarkt schwadronieren, hasse Frauen, die diesen Männern interessiert zuhören. Ich hasse generell alle Frauen, die Männer lieben, wenn diese meines Erachtens nicht liebenswert sind. Ich hasse es, wenn sie einander lieben, während ich im Schatten stehe und voll von Hass bin. Ich hasse mein Unvermögen mir selbst gegenüber, hasse meinen Hang mich von Dingen und Menschen loszusagen, als bedeuteten mir all diese Dinge und Menschen nichts. Und ich hasse es, das ich dies alles nur deshalb tue, um mein Leiden allein auszufechten. Ich hasse mich! Und weil ich mich so abgrundtief hasse, hasse ich die Welt, auch weil ich in dieser Welt niemanden erblicke, der es mehr verdient hätte geliebt zu werden als ich. Ich hasse die typischen hässlichen Schwulen. Ich hasse es, wenn die vermeintlich normale heterogene Meute über den angeblichen Feingeist dieser hässlichen Schwuchteln schwadroniert, über ihre ach so tolle Art mit Kindern und Frauen umzugehen und dabei ihre kolossale Unmündigkeit übersieht. Doch die Randgruppen wollen einander nicht wehtun. Ich will es aber schon! Ich hasse euch! Und im fieberwachen Traum reiße ich euch den Enddarm aus euren gespülten Ärschen und lege euch diesen wie eine Schlinge um den Hals. Und dann ziehe ich ganz fest zu und weine dabei euer Blut. Ihr habt mich besudelt – ich habe mich selbst besudelt – ich fühle mich dreckig – ich bin Dreck! Ich will sterben! Seit Jahren schon will ich sterben. Alles in mir tut weh, doch ich lächle nur jungenhaft in jedes mir dargebotene Visier. Jungenhaft klingt gut, nicht wahr? Das macht euch doch geil oder? Fünf vor Zwölf ist Jahre her – und ich kann nicht mehr. Ich träume von Dingen, die mir nicht mehr passieren werden. Ich wache davon auf und weine, weil ich es spüre, dass meine Zeit vorbei ist, da ich bereits im Vorzimmer des Todes sitze. Aber es kann dennoch passieren, dass ich hier noch Jahrzehnte sitzen muss und somit die größtmögliche Strafe eines langen elendigen Lebens zu ertragen habe. Meine Seele ist erkrankt, scheint mir für diesen Zwischenaufenthalt hier sogar unrettbar, ist voll von Selbstvernichtungsphantasien. Wie oft kann man eigentlich sagen – ich kann nicht mehr - und kann dann doch noch? Was für eine elendige Quälerei – und man steht am Ende einmal mehr wie ein Versager da, der entgegen seiner Behauptungen einfach weiter Luft vertilgt.
Ich sehe nirgendwo einen Neuanfang. Und wo sollte ich auch neu anfangen? Was neu anfangen? Ich treibe als Wrack durch die Latrinenseen meines Daseins. Ich spüre täglich meine eigene Modrigkeit. Mitunter zittere ich am ganzen Leib, wenn ich im Fernsehen ein Kind weinen höre. Und es spielt dabei gar keine Rolle warum es weint. Oft stelle ich über Tage meine Wohnungsklingel und mein Telefon ab, weil ich jedes Signal der Außenwelt als ein zerstörerisches Element begreife, welches mein empfindliches Gleichgewicht stören will. Und ich fühle mich immerzu schuldig, obgleich man sich in meinem Leben weitaus mehr an mir schuldig gemacht hat als umgekehrt. Ich habe ein Guthaben auf meinem Verletzungskonto. Sollte ich es einlösen? Nein! Ein Amok würde ohnehin nicht ausreichen, um einen gerechten Ausgleich für mich zu schaffen. Ich gehe zur Neige! Mir fehlt Liebe!! Aber wie soll ich Liebe für mich einklagen, wenn ich jene Form von Liebe nicht mehr geben kann, wie sie ein jeder normale Mensch für sich erwartet? Ich bin allein dazu imstande die Liebe eines Vaters oder die eines großen verletzten Kindes zurückzugeben. Ich bin verzweifelt. Mir fehlt körperliche Nähe. Ich war gestern in der Stadt, obgleich mich Menschenmassen anziehen, wie die Sonntagspredigt eines selbsternannten Gottesvertreters. Und ich suchte – wie irrwitzig – inmitten dieses Knäuels einen Hauch Liebe für mich. Am ehesten fange ich den Ausdruck von Liebe in den Gesichtern von Kindern. Ich schaue mir gerne Gesichter von Kindern an und genieße die Traurigkeit und Wehmut, die dann in mir aufsteigt. Ich sitze seit Jahren in meiner Wohnung und warte auf meinen Tod. Und in meinem Wahnsinn (man darf es auch Leiden nennen, wenn man einen Menschen wie mir Mitgefühl entgegenbringen mag) habe ich bereits im Internet recherchiert, wie ich eine tödliche Krankheit bekommen kann, sodass man mir mein Ausscheiden aus diesem für mich nicht mehr unterhaltsamen Spiel nicht übermäßig vorwerfen kann. Vor allem mein Sohn soll mir nicht böse sein, wenn ich mich von diesem Leben abwende. Ich war wohl einfach zu oft Grenzgänger, Vertriebener in eigener Sache. Ich besuchte morgens meine Mutter und brachte ihr Blumen mit und unterhielt mich mit ihr über die Wirksamkeit diverser Reinigungsmittel, verfasste dann den ganzen Tag über wie besessen gesellschaftskritische Schriftstücke. Und am Abend tauchte ich in eine menschenfressende Subkultur ein, um mir in ihr Drogen zu kaufen, die mich umarmen, weil ich mich von allen Menschen nur teilweise angenommen und umarmt fühlte. Und ich wollte doch immer umarmt werden – wollte immer geliebt werden, so wie jeder normale und kranke Mensch geliebt werden will – und diese Liebe auch dann verdient hat, wenn er selbst nicht dazu imstande viel von dieser balsamischen Liebe zurückzugeben. © Arne Pahlke, Februar 2006 |
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