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INTERVIEW MIT MARKUS: "Die Freier mögen's halt, wenn man auf Liebe macht." © Arne Pahlke Als ich im Rahmen einer Publikation über männliche Prostitution (die ich einst unter Pseudonym veröffentlicht habe) folgendes Gespräch mit Markus (im Juni 1999) in einem Hamburger Stricherlokal geführt habe, war dieser neunzehn Jahre alt und ging bereits seit über sieben Jahren auf Bahnhöfen oder in Stricherbars anschaffen. Markus war zum Zeitpunkt des Interviews ein femininer Typ mit einer sehr schlanken, knabenhaften Figur; - einem eigenartig naiven wie gleichsam einnehmenden Lachen, das bei genauerem Hinhören allerdings stark gekünstelt wirkte; - wie er überhaupt von einer oberflächlichen Heiterkeit beseelt schien.
Wann hast du dich zum ersten Mal für Geld angeboten? Da war ich, glaube ich, zwölf Jahre alt. Ja, ungefähr so alt muss ich gewesen sein. Vielleicht auch ein Jahr jünger? Ich weiß nicht.
Ganz schön früh, findest du nicht auch? Ja, stimmt! Das ging bei mir früh los.
Und wie kam es zum ersten Mal? Ich bin früher oft auf eine Bahnhofstoilette gegangen. Die war direkt gegenüber vom Heim, in dem ich war. War aber kein großer Bahnhof. Also, nichts mit Strichern oder so! Ich bin da wegen der Sprüche an den Kabinenwänden hin. Die fand ich damals ziemlich erregend, wenn du verstehst, was ich meine. Na, und dabei ist es dann passiert.
Was ist passiert? Ich hab mir einen abgewichst. Das hat ein Opa mitgekriegt und mich angesprochen.
Einfach so? Ja, ehrlich! Der hat mich gefragt, ob wir das, was ich da eben mit mir selbst gemacht habe, nicht einmal zusammen machen könnten. Er würde mir auch etwas dafür bezahlen. - Ich wollte das zuerst nicht, denn der war ekelig alt und muffelte nach Schnaps. Bin dann weg - dann aber doch wieder hingegangen. War halt neugierig. Vielleicht aber auch wegen der Piepen. – Ja, wegen der Piepen.
Was hat er dir denn bezahlt? Nicht viel. Ich war ja noch kein Stricher damals. Vielleicht zwanzig Mark, vielleicht aber auch weniger.
Und, kannst du dich noch erinnern, wie du dich beim ersten Mal gefühlt hast ? Ja, das kann ich. Der Alte war ätzend ekelig; - richtig alt halt, mit allem was dazu gehört. - Aber so richtig alt, sag ich dir (Markus muss lachen). Hätte beinahe das Kotzen gekriegt, als er mich plötzlich küssen wollte. Ich glaube, ich habe am ganzen Körper gezittert und gehofft, dass es schnell vorüber geht.
Und ging es schnell vorüber? Ja, hab mich weggedreht und ihm seinen Schwanz mit der Hand fertig gemacht. Hab mich richtig schlecht gefühlt dabei. - Doch, richtig ätzend hab ich mich gefühlt! Habe sogar noch Stunden später gedacht, dass ich kotzen müsste.
Aber trotzdem hast du es wieder gemacht! Ja, wegen der Piepen natürlich. Er hat mir später dann auch mehr gegeben. Außerdem hab ich mich irgendwie dran gewöhnt. Ging ja eigentlich auch immer schnell vorbei mit dem Opi. Ich hab halt nur die Piepen gesehen.
Und was hast du mit dem Geld gemacht? Klamotten gekauft. Meistens aber Süßigkeiten oder auch Pommes und so 'n Kram. Was man fürs Leben so braucht!
Und wie ging es dann weiter? Na, irgendwann hat mich der Opa angequatscht, ob ich den Strich auf dem Hauptbahnhof kenne und ob ich dort schon mal angeschafft habe. Hab ich aber nicht. Bin dann aber einfach mal hingegangen und habe mich hingestellt.
Einfach so? Ja, klar einfach so. Hab geguckt, wer so die Stricher sein könnten und wer wohl die Freier. - Das sieht man! Das heißt, früher hab ich das noch nicht gesehen. Aber heute erkenne ich fast jeden Freier aus hundert Meter Entfernung.
Und woran erkennst du einen Freier? Na, wie die gucken. Die gucken dich doch an wie,... ich weiß jetzt nicht wie. Auf jeden Fall aber ganz eigenartig. So gucken nur Freier.
Und von da an hast du regelmäßig am Bahnhof angeschafft? Ja, ich bin fast jeden Tag nach der Schule hin oder zumindest immer dann, wenn ich Zeit hatte.
Und gab es auf dem Bahnhof denn immer Freier, die sich für dich interessierten? Oh ja, und wie! Anfangs hatte ich jeden Tag sogar zwei, drei oder auch mehr Freier gehabt. Musste viele sogar sausen lassen.
Und danach ging es immer wieder zurück ins Heim? Ja, genau! - Manchmal wurde es aber auch später. Dann gab es immer Ärger mit den Erziehern. Waren echt ätzende Arschlöcher dabei. Einer hat sich immer, was weiß ich wie aufgeregt, dabei stand er doch selbst auf kleine Jungs.
Wie kommst du darauf? Hab das erst im Nachhinein erfahren, als ich ihn mal im "Exquisit" (Stricherkneipe auf St. Pauli) mit einem Stricher rum- knutschen hab sehen.
Haben die im Heim mitbekommen, dass du auf den Strich gehst? Später ja! Anfangs war das ja mehr so ein Spiel oder Hobby. Bin deshalb auch irgendwann aus dem Heim abgehauen.
Hat man dich nicht gesucht und wieder zurückgebracht? Klar. Die haben mich oft vom Bahnhof weggeholt. Und nicht nur mich. Ich war nicht der einzige aus unserem Heim, der anschaffen ging. Das war echt so etwas wie ein Hobby für viele von uns. - Irgendwie ätzend, aber es war wirklich so!
Ist aber ein komisches Hobby, findest du nicht auch? Na ja, Hobby kann man auch nicht so sagen. Es war vielmehr cool, immer viel Piepen zu haben, und niemanden um sich, der einen ständig sagt, was man zu machen hat. - Und irgendwann haben die mich aus dem Heim immer seltener gesucht. Ich glaube, ich war ihnen total egal.
Magst du erzählen, warum du ins Heim gekommen bist? (Markus wird spürbar unruhig.) Lief halt schlecht bei meinen Eltern. Ich wurde ihnen zu schwierig oder so. Ich kann mich nicht mehr so gut daran erinnern.
Wie ging es denn mit dem Anschaffengehen weiter? Du bist jetzt immerhin schon circa sieben Jahre dabei, wenn ich richtig nachgerechnet habe? Ja, stimmt. Sieht man mir hoffentlich nicht an! (holt sich einen kleinen Taschenspiegel hervor und schaut hinein.) Na, ich hab zwischendurch auch schon bei Freiern gewohnt oder die haben mir einen Job besorgt oder so was in der Art. War aber meist alles nur kurz und ätzend.
Aber trotzdem eine lange Zeit, findest du nicht? Doch, schon. Aber irgendwie kommt mir das gar nicht so lange vor. Es ist komisch zu erklären. Es ist wie eine eigene Welt.
Kannst du das mit "der eigenen Welt" etwas genauer beschreiben? Na, ja, eine eigene Welt halt. Du merkst irgendwie nicht, wie dir die Zeit davonläuft. Es gibt kein Wochenende, keinen Urlaub und so. Und du bist jeden Tag unterwegs. Immer neue Männer und immer dasselbe Spiel
Hast du einen Schulabschluss? Nein. Brauch ich auch nicht!
Und irgendwelche Perspektiven, wie es mal weitergehen soll, wenn du einmal nicht mehr anschaffen gehen kannst? Ach, da gibt es so viele Möglichkeiten. In Pornoshops arbeiten oder in einer Bar. Hab sogar schon mal in einem Pornoshop gejobbt. Echt! Das war aber langweilig. Hab nach ein paar Tagen wieder hingeschmissen. Vielleicht mache ich irgendwann eine Kneipe auf.
Hast du dir dafür denn schon Geld zurückgelegt? Ne, noch nicht. Hat ja noch Zeit. Bin ja erst siebzehn.
Ich denke, du bist neunzehn? (lacht) Ja, in meinem richtigen Leben schon. Aber als Stricher bin ich eben erst siebzehn.
Und, was ist dein richtiges Leben? Auf jeden Fall nicht anschaffen gehen. Damit verdiene ich nur mein Geld.
Ja, aber wann und wo findet dein richtiges Leben statt? Zum Beispiel, wenn ich abends weg gehe, also in eine Discothek mit Freunden und dann einfach nur Spaß habe und die Piepen auf den Kopf haue, die ich zuvor verdient habe. Und manchmal mache ich mir auch einfach einen schönen Tag. Dann fahre ich irgendwo hin und mache nur das, was mir Spaß macht.
Ich habe dich nun ja häufiger beobachten können, wie du mit deinen Freiern umgehst. Ich finde, du verhältst dich ihnen gegenüber ziemlich gefühlvoll, sehr intim. Ach, du meinst, weil ich die immer abküsse oder wie?
Ja, auch. Die Freier mögen es halt, wenn man auf Liebe macht. Ich habe fast nur Freier, die in mich verliebt sind. Die tun dann alles für mich. Ist zwar manchmal ätzend nervig, wenn ein Freier dich total liebt, aber die sind dann wenigstens treu und geben dir auch meistens mehr Piepen und so. Ich bin in ihren Augen dann der kleine Junge, den sie lieb haben können.
Und das stört dich nicht? Nö! Sollen sie mich doch lieben, wenn mir das nur genug Piepen bringt.
Markus, wenn du einen Wunsch frei hättest, was würdest du dir wünschen? Dass ich immer so jung bleibe wie jetzt. Und dann würde ich gerne ein Haus haben. Und viel Geld, um es zu spenden, an arme Kinder und so.
Das sind aber bereits drei Wünsche. Ach, mach doch mal eine Ausnahme für mich! (lacht laut)
Na gut. Dann wünsche ich dir, dass all deine Wünsche sich erfüllen mögen. Ja, das wäre schon cool.
INTERVIEW MIT JANEK: "Ich kann nur jedem davon abraten."
Janek, Callboy aus Hamburg, 1970 in Berlin geboren, Einzelkind, aufgewachsenen in einer gutbürgerlichen Familie. Janek absolvierte die Realschule und hat eine abgeschlossene Ausbildung vorzuweisen. Zum Zeitpunkt dieses Interviews war Janek dreißig Jahre alt, hatte eine sportliche Figur und trotz seines Alters noch immer ein erstaunlich jugendliches und frisches Aussehen. Das Gespräch wurde im April 2000 in meiner damaligen Wohnung in der Süderstraße (in der auch Hamburgs größter Frauen-Straßenstrich zu finden ist) aufgezeichnet.
Janek, wie du mir bereits erzählt hast, kommst du aus gutem Elternhause und hattest eine schöne Kindheit? Ja, genau. Mein Vater ist hoher Bediensteter bei der Lufthansa. Und von meinen Eltern habe ich eigentlich immer alles in den Arsch gesteckt bekommen. Ich war ein Hätschelkind.
Und wie kommt nun jemand wie du dazu, als Callboy zu arbeiten? Erst bin ich ja auf den Strich gegangen. Und das eigentlich nur aus purer Neugierde. Erst gelegentlich und dann immer häufiger. Ich habe damals über Jahre hinweg zwei Leben geführt: Das Spießbürgerliche auf der einen und das Stricherleben auf der anderen Seite. Bin also brav zur Arbeit marschiert und war Mamis und Papis Liebling. Und am Wochenende habe ich mich dann in Stricherbars herumgetrieben. Aber nie auf Bahnhöfen. Das war nie mein Niveau. Außerdem hätte mich dort jemand von meinen Bekannten oder Verwandten erkennen können.
Was hat dich daran gereizt, anschaffen zu gehen? Irgendwie hat mich die Atmosphäre und das ganze Drumherum vom ersten Augenblick an gefesselt. Mich hat es irgendwie geil gemacht, mich zu verkaufen. Also, nicht der eigentliche Sex mit den Freiern. Obwohl, so stimmt das auch nicht! - Jedenfalls war da früher immer diese Spannung, dieses Kribbeln. Ich meine, im Gegensatz zum normalen Leben. - Und wenn man jung ist, findet man schließlich vieles geil, auch wenn es ziemlich idiotisch ist. Und des Geldes wegen hab ich es natürlich auch gemacht.
Sagtest du nicht, dass deine Eltern genügend Geld haben? Und außerdem hattest du doch auch eine gute Ausbildung? Richtig! Aber meine Eltern haben mir immer nur Geld für Dinge zugesteckt, von denen sie meinten, dass sie für mich und meine Entwicklung von Vorteil wären. Ach, das Verhältnis zu meinen Eltern ging eigentlich von dem Tag an den Bach runter, als ich mich ihnen gegenüber als schwul geoutet habe. Sie haben zwar groß auf Verständnis gemacht; insgeheim aber haben sie mich wie einen Kranken behandelt. Wollten sogar, dass ich eine Psychotherapie anfange. Natürlich nur zu meinen Besten! Und den Verwandten sollte ich bloß nichts von meiner Veranlagung erzählen.
Hat dich womöglich das Verhalten deiner Eltern in das Strichermilieu getrieben, quasi als Trotzhandlung? Kann gut möglich sein. Wäre eine Überlegung wert.
Kannst du dich noch an deinen ersten Freier erinnern? Ganz genau sogar. Es war ein älterer Türke. Der wollte nur, dass ich zuschaue, wie er sich vor meinen Augen einen runter holt. Dafür hat er mir dann einen Hunderter in die Hand gedrückt. Da war ich gerade einmal siebzehn. Das fand ich schon geil. Ich meine, so schnell und einfach Kohle zu verdienen.
In der Regel aber sieht es doch ganz anders aus? Stimmt! Die meisten Freier wollen blasen oder ficken. Und da sind schon eine Menge unangenehmer Gesellen dabei.
Du arbeitest jetzt als Callboy. Wie lange bereits? Schon seit etwa vier Jahren. War vorher mehr so ein Gelegenheitsstricher. Ich hatte ja meistens einen Job nebenbei. Bin nur auf den Strich, um mir ein geiles Leben zu finanzieren. - Konnte mir auf alle Fälle schon damals geilen Urlaub, teure Klamotten und ein gutes Auto leisten, ohne deswegen von meinen Eltern abhängig zu sein. - Jahrelang war ich in Bars unterwegs, bis es mir dort irgendwann zu stressig wurde. Immer die Nächte durchmachen war einfach nicht mehr mein Ding. Außerdem haben mich die vielen besoffenen Freier, die in den Bars so abhängen, fertig gemacht.
Und wie kommst du als Callboy nun an deine Freier und wie viel hast du so am Tag und im Monat? Ich schalte regelmäßig Anzeigen in verschiedenen Zeitungen. Am Tag habe ich mindestens einen Freier.
Was schreibst du denn so in deine Anzeigen rein? Geiler Boy mit großem Schwanz (lacht) verwöhnt dich zu jeder Stunde oder so ähnlich! Und dann kommt halt meine Telefonnummer.
Und wie laufen solche Telefongespräche in der Regel ab? Die Freier wollen wissen, wo ich wohne, was ich mache und was es kostet. Die meisten rufen aber nur so an. Aber es bleiben trotzdem immer genügend hängen, um davon gut leben zu können.
Wie würdest du einen durchschnittlichen Freier vom Aussehen und von seiner Art her beschreiben? So zwischen 30-60 Jahre alt, durchschnittlich bis widerlich aussehend, meistens relativ nett, eher weniger gute Figur, langweilig. Mehr fällt mir nicht ein.
Was sind die drei Dinge, die dich an Freiern an meisten stören? Dass sich die meisten einfach nicht in einen Callboy hineinversetzen können. Die verlangen z.B., dass man ihren Arsch lecken soll. Allein schon, dass sie mich das zu fragen wagen, finde ich total ekelhaft. Und dann finde ich es auch noch bescheuert, wenn Freier mir weniger bezahlen wollen, als vorher vereinbart war. Auch Freier, die man einfach nicht los wird, mag ich überhaupt nicht. Da hört es bei mir auf! Kannst du eigentlich zwischen deinem Job als Callboy und deinem Privatleben immer eine klare Trennlinie ziehen ? Ja, Job ist Job und privat ist privat.
Glaubst du, dass dich die Zeit als Callboy nachhaltig verändert hat? Ich bin selbstbewusster geworden. Aber auch irgendwie kälter. - Also, ich würde schon sagen: Ich kann nur jedem davon abraten, als Stricher oder Callboy sein zu Geld verdienen.
Und warum arbeitest du dann noch als Callboy? Das ist einfach das viele Geld, das mich reizt. Und außerdem bin ich jetzt schon so lange dabei. Ich bin schon total versaut, da ist eh nichts mehr zu retten!
Wenn du an alle Freier dieser Welt eine Botschaft richten könntest, wie würde diese lauten? Seid froh, dass es Jungs gibt, die es für Geld tun. Sonst wäret ihr ganz arme Schweine; noch ärmer als der ärmste Stricher.
Was war dein schlimmstes Erlebnis, das du je mit einem Freier hattest? Beim Hausbesuch hat mir plötzlich einer ein Messer an meinen Hals gedrückt, um mir gesagt, dass er mich umbringen wird. Nach ein paar Minuten hat er es wieder weggenommen und gemeint, dass er nur mal sehen wollte, ob ich Angst bekomme. Der wollte anschließend noch Sex mit mir haben. Habe dann aber meine Beine in die Hand genommen und bin weg!
Erinnerst du dich auch noch an ein komisches Erlebnis mit einem Freier? Ja, ich habe mich mal in einer Spedition beworben. Und siehe da, der Personalchef war ein ehemaliger Freier von mir. Dem war das vielleicht peinlich, denn da saß noch jemand mit im Raum. Ich hab nichts gesagt, nur geschmunzelt. Den Job habe ich natürlich nicht gekriegt (lacht). |
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® sämtliche Textrechte liegen bei Arne Pahlke/Wortmutation |
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