Das Karussell der falschen Freiheit

Lieber Osho,

du sagtest, dass die meisten Menschen vor lauter Schuldgefühlen verrückt werden oder aber sich umbringen. Nun könnten einige Leser eventuell eine falsche Vorstellung davon bekommen, was du mit verrückt werden meintest.

Für dich war es z.B. ziemlich verrückt und selbstmörderisch, wenn ein Mensch sich ein Leben lang für Geld abgearbeitet hat und ihm darüber jeder Atemzug zur Qual wurde. Und um so verrückter war ein Mensch in deinen Augen, umso deutlicher er eben all dies spürte, aber dennoch weiter im Laufrad der Tollheit mitlief, weil er sich immerzu einredete, er hätte gar keine andere Wahl, als eben dies zu tun.

Lieber Osho, du nanntest all jene verrückt, die freudig erregt auf das Geldvermehrungskarussell aufgesprungen sind, auf dem sich alles um Macht, Ehrgeiz und Neid dreht. Und es ist fürwahr verrückt, da jeder, der dieses Karussell betritt, früher oder später am eigenem Leib sowie auf dem dürstenden Grund seiner Seele spürt, dass die Fahrt auf diesem Karussell gegen die Natur des Menschen ist. Denn auf diesem Karussell dreht sich alles in einem unmenschlichen Tempo. Es dreht sich um die eigene Achse und damit gleichzeitig um eine schwachsinnige Ideologie, die dermaßen armselig und hohl ist, das sie sich pausenlos mit künstlichen Werten, allem voran Geld, aufzuwerten versucht, um bloß nicht als das enttarnt zu werden, was sie tatsächlich ist, eine wertlose Luftblase.

Auf diesem Karussell findet ein Mensch nichts, was ihm tatsächlich glücklich machen kann. So wird er sich Freundschaft dort niemals kaufen können. Dankbarkeit und Freude sind auf diesem Ungeheuer ebenfalls nicht erhältlich. Und die Liebe kann er dort auch nicht erwerben. Und auch die unzähligen Gewinne durch Meditation muss er sich durch einen hohen persönlichen Einsatz verdienen, ganz sicher aber nicht durch Anhäufung vom materiellen Reichtum.

 

 

Foto by Mbdortmund
... höher, schneller, geistloser ...

 



Leider ist dieses unmenschliche Karussell nicht nur für all jene gefährlich, die freiwillig auf dieses aufspringen, oder aber, die von diesem mehr oder weniger (un)freiwillig mitgerissen werden. Es ist leider – und dies häufig sogar in einem weitaus vernichtenderem Maße - auch für all jene gefährlich, die sich standhaft weigern auf dieses Ungetüm aufzuspringen. Denn dieser Dämon dreht sich derart schnell um seine inhaltsleere Achse, das sein Fahrtwind alles wegzufegen versucht, was in seinem Dunstkreis steht. Viele jener, die nicht auf dieses Karussell aufspringen, werden deshalb von seinem starken Wirbeln in den Tod gerissen oder aber in die hintersten Winkel und Nischen getrieben. Und dort fristen sie dann nicht selten, als die so genannten Aussteiger der Gesellschaft, ein zumeist materiell karges Dasein.

Doch tatsächlich sind es gar keine Aussteiger. Sie alle es sind Nicht-Einsteiger, die durch ihre ablehnende Haltung an den gesellschaftlichen Rand gedrängt wurden. Das Karussell mitsamt seinen aufgesprungenen Fahrgästen hat sie in die hintersten Nischen getrieben. Und das Karussell ist eines der mächtigsten Instrumente der Gesellschaft. Ganz gleich, wie man sich auch entscheidet. Ganz gleich, ob man aufspringt, abspringt oder gar nicht erst einsteigt, es lässt niemanden unberührt.

Ich sehe somit nur eine Möglichkeit, diesem Moloch zu entkommen. Die Zahl der Nicht-Einsteiger muss eine kritische Marke übersteigen, um das "Karussell der Täuschung und folternden Einfalt" zum Stillstand zu bringen.

Lieber Osho, du sagtest, dass Geld nur etwas Schönes sein kann, wenn es sich nicht in den Händen von Individuen befindet, sondern Teil von Kommunen ist, Teil der Gesellschaft, und die Gesellschaft für jeden sorgt. Und zwar, in dem jeder für jeden sorgt, und jeder seinen Teil zum Großem dazu gibt, aber eben niemand mit Geld bezahlt wird.

Doch es gibt es noch, und es dreht sich immer schneller, das lebensfeindliche Karussell. Und ein jeder sitzt dort in seiner Ego-Sitzschale. Mitunter kann man auf diesem Moloch kurz die Hand eines anderen erhaschen. Doch rasch presst die Geschwindigkeit wieder alle Insassen fest in ihren Ego-Sitz.

Was viele die Freiheit des Geldes nennen, dies ist in Wahrheit ein riesengroßer Betrug. Denn jeder, der sich nicht an die rigiden Regeln des Geldes hält, jeder, der seinen Haltegurt löst, der wird erbarmungslos aus dem Karussell geschleudert.

Das Karussell heuchelt nur Freiheit, während es Menschen versklavt. Die Freiheit findet niemand im Fahrtwind des Karussells. Die wahre Freiheit, die liegt abseits des Rummelplatzes - und nur dort!

Was die Welt also braucht, das sind Nicht-Einsteiger!
© Arne Pahlke, Mai 2005

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