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Kein Nachstellungsantrag Arne Pahlke, Februar 2007
Ich wünsche einen wohltemperierten Tag und was sonst noch so an Tageslast in eurem Leben anfällt. Endlich bin ich unbekannt verstorben, gestern Nachmittag, direkt nach Pflaumenkuchen mit Kaffee. Es tat nur ein klein wenig weh, so wie ein übler Zahnschmerz. Doch nun ist dieser Zahn gezogen. Und ich frage mich im Nachhinein, warum ich den Schmerz nicht bereits früher getilgt habe. Und nein, ich habe keinen Nachstellungsantrag gestellt. Ich wüsste nicht für wen und wohin? Die Hinterbliebenen sollen bleiben, wo sie sind! Und ich bleibe, wo ich bin! Alle Briefe gehen also ungelesen zurück. Und es liefe somit wie immer. Der Austausch von Monolog-Dialogen hat noch niemanden glücklich gemacht. Verständnisphrasen dreschen bitte nicht mit mir! Quält meine Nachkömmlinge. „Du, ich verstehe dich total.“, „Ich denk an dich.“, „Ich bin dir nahe.“, „Wir sind uns seelenverwandt.“ Ach ja? Komisch, dass mir das in den dunklen Stunden niemals aufgefallen ist. Schade eigentlich. Vielleicht hätte es ja sonst noch ein Leben gegeben, so nach Pflaumenkuchen mit Kaffee. Aber wo wart ihr, als ich auf dem Dach des Hochhauses stand und um Luft rang? Wo wart ihr, als der Zug um die Ecke bog und ich bereits die Kälte der Gleise spürte? Wart ihr mir in diesem Augenblick wirklich - wie versprochen - nah? Oder wart ihr gerade kacken, fressen, schlafen oder dabei, einen anderen Lebensmüden moralisch NICHT aufzubauen? Nein, jetzt bitte keine Vorwürfe machen! Bitte bleibt so, wie ihr seid! Und bleibt mir einfach fern! Doch macht mir bloß nicht länger vor, dass es so ist, wie ihr es mir und euch ständig vormachen wollt! Denn dem ist nicht so! Und so wird es auch niemals sein! Du bist allein - ich bin allein! Das fühlt sich zwar beschissen an, aber so läuft es nunmal!
An jemanden denken, dass ist so herrlich bequem, nicht wahr? Man muss nicht einmal Luft holen dafür. “Hach, ich war dir gerade mal wieder so nahe... “ Diese Anteilnahme flutscht so wunderbar leicht über die Lippen. Einmal Ausatmen reicht dafür vollkommen aus. “Du, ich denk an dich. Ich bin dir nahe, wenn du springst. Vergiss nicht, wir sind Brüder im Geiste.” Klar doch! Danke auch für deine Hilfe. Und schön, dass du mich wie immer nicht auffangen konntest. Es ist beruhigend, zu wissen, dass man Freunde hat, die einem im Ernstfall nicht aufhalten können. Ja, das meine ich jetzt ganz im ernst! Freunde sind wirklich göttlich, wenn sie nicht helfend einschreiten. Schließlich gibt uns auch dieser Gott alle Freiheiten; - darunter auch jene Freiheit, uns selbst den großen Zahn zu ziehen. Wir sind ständig allein! Es gibt kein Miteinander! Es gibt höchstens ein Nebeneinanderher! Wohl dem, dem dieses Nebeneinanderher ausreichend wärmt. Mich aber wärmt es nicht mehr. Und es kann sein, dass zwei sich sehen, aber es kann nicht sein, dass zwei sich tatsächlich treffen. Und jemanden nahe zu sein, heißt noch lange nicht, ein Teil von ihm zu sein. Allein zu sein tut furchtbar weh. Es tut so weh, dass man darüber entsetzliche Zahnschmerzen bekommt. Doch wenn man daraufhin gesagt bekommt, dass man damit nicht alleine ist, obwohl man damit ja sehr wohl alleine ist, dann zieht man sich eventuell den großen Zahn und verzichtet auf einen Nachstellungsantrag. Das ist zwar gemein gegenüber den Hinterbleiben, aber damit müssen sie allein klarkommen, so wie auch ich - so wie jeder - immerzu allein mit seinem Leben klar kommen muss! |
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Konkalit 21. Februar 2009- Im Nachinein gibt es einige die das wirklich trifft und die sich wünschen etwas getan zu haben. Die meisten werden jedoch so, wie erwähnt, weiter fressen, schlafen, scheissen usw...auch Lemminge beklagen sich nicht wenn einer ihrer Kumpane ins Loch fällt, sie gehen stumpf weiter. Sie funktionieren.
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® sämtliche Textrechte liegen bei Arne Pahlke/Wortmutation |
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