Freitag, 8. Juli 2005

Kindheitswald & Gärtnertraum

Als ich vorhin mit einigen prächtigen Natur- und Tieraufnahmen in einem Blog konfrontiert wurde, da hatte ich wieder diesen ganz besonderen Kloß im Hals, der mich gelegentlich an meine Kindheit erinnert und unerfüllte Sehnsüchte in mir auslöst.

Vor zwei Wochen war ich das letzte Mal mit dem Fahrrad in meiner kleinen Geburtsstadt, um dort in jenem Wald und auf jene Wiesen zu gehen, den/die ich als kleiner Knabe annähernd täglich aufgesucht hatte. Und als ich  im Wald angekommen war, habe ich mich auf einem mir vertrautem Moosbeet niedergelassen und dort den erdigen Duft inhaliert, als wäre es das Duftbukett einer attraktiven Frau oder eines anmutigen jungen Schönlings. Düfte und Gerüche sind für mich seit jeher ein ganz besonders verlässlicher und intensiver Erinnerungsträger. Und dies um so mehr, wenn ich dabei meine Augen schließe, so wie auch bei meinem letzten Erinnerungsbesuch.

Sofort sah mein drittes Auge diesen zerbrechlichen Jungen Namens Kurt*, den ich früher am liebsten immerzu beschützt hätte; -  den stürmischen Steffen*, mit dem ich mir seinerzeit viele Vormachtskämpfe lieferte; - die burschikose Karin*, die ich heimlich für ihre Stärke begehrte; -  sowie viele andere Spielkameraden vor mir tanzen. Und ich sah uns Höhlen bauen, auf Bäume klettern oder Waldblumen für unsere Mütter pflücken.

 

im Jahre 2005 hinter dem  “Rodelberg” am Baumschulenweg



Meine Augen wurden feucht, als ich kurze Zeit den Strombaum erreichte, den wir damals deshalb Strombaum nannten, weil sein dünnes Geäst wie unzählige Stromleitungen aussah. Zumindest tat es dies in den Augen von uns Kindern.  Als Knabe bildete ich mir ein, dass dieser Baum etwas ganz Besonderes darstellt. Und dies sagte ich auch meinen vielen Spielkameraden. Ich versicherte einigen  glaubhaft, dass der Strombaum dazu in der Lage war, den Bäumen in seinem Umkreis Kraft und Energie zu spenden. Doch nun, Jahrzehnte später, stand ich vor diesem kleinen urwüchsigen Baum, der nur noch ein Schatten seiner selbst war. Deshalb schien es mir so, als wären wir für einen Augenblick in unserem Leiden vereint, da auch ich mich nur noch wie ein Schatten vergangener Tage fühle.


Ich trat aus aus dem Wald hinaus, in dem ich einst so viele selbst inszenierte Abenteuer erlebte; - hinaus auf ein Feld, auf dem sich früher „mein“ Spielplatz befand. Ich schritt über dieses Feld, bis hin zu einem kleinen Berg, auf dem wir einst mit unseren Schlitten hinab ritten. Teile des Berges wurden mittlerweile abgetragen und das große wunderschöne Holzindianerzelt, indem ich so oft gesessen hatte, gab es nicht mehr. Was ich aber als das Schlimmste empfand, dies war die Tatsache, dass ein Blick hinter den Berg, wo für uns seinerzeit die Welt aufzuhören schien und wo wir gar märchenhafte Wesen vermuteten, sich nunmehr Wohnblöcke in mein Blickfeld gruben. Und dieser Ausblick tat weh und wirkte in mir wie eine nachträgliche Entzauberung.


Und als ich vorhin diese Natur- und Tieraufnahmen in diesem Blog sah und einige begleitende Texte dazu las, da spürte ich wieder das Verlangen nach Natur in mir – dieses Verlangen nach einem Leben mit und in der Natur. Dieses Verlangen veranlasste mich vor drei Jahren sogar einmal dazu, als eine Art „Gehilfe“ auf einem Bauernhof zu leben. Ja, ich wollte tatsächlich auf einem Hof mietfrei eine kleine Wohnung beziehen und dafür den Eigentümern hier und da helfend zur Hand gehen. Als Kind und Heranwachsender verbrachte ich Tage und Wochen auf Bauernhöfen. Am meisten liebte ich es, die Schweine zu versorgen oder in der Heuscheune im Stroh zu liegen und zu träumen. Doch dies tat ich zuletzt vor ungefähr 20 Jahren. Und die Höfe, die ich heute kenne, haben wenig bis gar nicht mehr mit der Idylle jener Höfen gemeinsam, auf denen ich früher Gast und Helferlein sein durfte. Doch wahrscheinlich ist es auch mein Blick auf die Dinge, der die Dinge heute eben ein gänzlich anderer ist.

 

an diesen Platz gab es in meiner Kindheit noch ein Spiel- und Bolzplatz



Dessen ungeachtet hege ich und mein Jugendfreund bereits seit vielen Jahren einen gemeinsamen Traum. Gerne würden wir eine uralte Finca in Spanien oder Portugal besitzen, mit Nutzpflanzen und Tieren ausstaffieren. Mein Wunschberuf war über lange Jahre der des Gärtners. Häufig habe ich mir Geld verdient, indem ich die Gärten begüterter Leute gepflegt habe. Aber selbst in dieser scheinbar einfachen Angelegenheit war ich schon seit jeher ein Träumer. Ich könnte niemals ein Landschaftsgestalter sein, der für eine Stadt oder eine Firma etc. arbeitet, sondern wenn schon Gärtner, dann in einem großen Schlosspark, wo ich völlig freie Hand hätte. Ach, ich sage es, wie es ist, ich will nicht nur der Gärtner eines Schlossparks sein sondern gleichzeitig auch der Schlossherr.

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