Kurztrip nach Tuntenhausen

® Arne Pahlke

Ich weiß nicht, ob Ihr Euch so recht vorstellen könnt, was es eigentlich bedeutet, mit der wahrhaftigsten Tucke Hamburgs einen Kurztrip nach Gran Canaria zu starten. Und um ganz ehrlich zu sein, ich wusste auch nicht so recht, auf was ich mich da eingelassen hatte. Aber hätte ich es gewusst, so wäre ich wohl trotzdem mit Micki nach Las Palmas geflogen, denn sie war nun mal, trotz ihrer oft unmöglichen Art, meine allerbeste Freundin und auch allerbester Freund, gleichsam in einer Person.

Am Abend vor unserem Abflug bugsierte mich Micki mittels ihres bestialisch aufregenden Augenaufschlages hinein in die Wunderbar. Wer diese Einrichtung nicht kennt, dem sei an dieser Stelle der Betreiber namentlich vorgestellt: Corny Littmann. Ach, den kennt Ihr auch nicht? Mensch, das ist doch der selbsternannte Sonnenkönig von der Schmidt-Mitternachtsshow, in der Corny nun vor vielen Jahren einmal äußerst erfolgreich via Fernsehen einem Millionenpublikum das weit verbreitete hässliche Schwulenbild glanzvoll bestätigte.

Nun wollten Micki und ich in dieser uns arg beengenden Schwulenschwemme eigentlich nur ein mickriges Gläschen Sekt trinken, eigentlich. Aber an der Seite von Micki entwickeln sich die Dinge eben ständig anders, als zuvor verabredet. Und so blieb es auch an diesem Abend nicht bei dem verabredeten Glas Sekt. Ganz im Gegenteil. Nach dem Besuch in der Wunderbarwollte Micki nun unbedingt noch für einen Augenblick ins Absolut hineinschauen, um, wie sie meinte, „dort a bisserl abzugrooven“. Was dieses bisserl dann aber tatsächlich meinte, wurde mir schnell klar. Doch ließen mich die Wirkungsmechanismen des Alkohols meine Einwände leider schnell wieder über Bord werfen, und so gingen wir halt gemeinsam im Suff und der damit verankerten Inkonsequenz unter. Als wir die Anstalt für selbst verliebte Homophile endlich wieder verließen, da grub sich bereits das erste Taghell unbarmherzig in unsere leicht verquollenen Sehschlitze. An Schlaf war aber da nicht mehr zu denken, denn unser Flieger sollte ja bereits in wenigen Stunden abheben. Wir brachten es irgendwie noch fertig, unsere Reisetaschen voll zu krempeln. Und anschließend ließen wir uns dann von einem sichtlich genervten Taxifahrer nach Fuhlsbüttel kutschieren. Micki trällerte während der gesamten Tour mit ihrer unnachahmlich grausigen Sirenenstimme: „Tanze mit mir in den Morgen –tanze mit mir in das Glück - in deinen Armen zu träumen - ist so schön bei verliebter Musik - Darf ich bitten zum Tango um Mitternacht...“ Ja, und im Takt der hinkend daher gelallten Melodie wedelte Micki orientierungslos mit ihrer rosaroten Stola umher, ganz so, wie es sich für eine exzentrische Diva eben anschickt. Denn glaubt ja nicht, dass Micki sich etwa für die uns bevorstehende Reise, die den Kontakt mit normalen Menschen nun einmal zwangsläufig bedingt, ein wenig unauffälliger gekleidet hätte - nein, nicht unsere Micki! Am Fuhlsbütteler Flughafen angekommen, suchte ich dann völlig erschöpft nach einem geeigneten Ruheplätzchen. Doch natürlich hatte ich meine Rechnung hierbei ohne Micki gemacht. Sie plärrte mir nämlich unentwegt meine Ohren voll: „Sag, es scheint dich ja wohl gar nicht zu interessieren, dass ich keinen Kerl abbekommen habe? - Hörst du mich nicht?! - Hey du, ich rede mit dir! - Ich brauche Sex, jetzt sofort! Und in diesem Tenor ging es dann in einer Tour weiter. Sie ärgerte sich mal wieder maßlos darüber, dass von all den Kerlen, die so in der Szene herumliefen, einfach niemand mehr die Gesellschaft einer richtigen Dame zu schätzen wusste. Letztendlich war aber nun für mich das wirklich Dumme an dieser misslichen Situation, dass Micki sich ihre Stimmungslage mit meiner Zuhilfenahme ein wenig aufzuhellen gedachte. Und mit dieser fixen Idee nun rückte mir Micki zunehmend auf die Pelle, denn sie muss nun einmal unbedingt dann Sex haben, wenn sie zuviel getrunken hat; und getankt, das hatte Micki in jener Nacht reichlich. Also kam es, wie es kommen musste. Micki überredete mich zu einer sexuellen Notdurftnummer, und wir entschwanden in eines der Toilettenhäuschen des Fuhlsbütteler Flughafens. Ich sprach mich natürlich ganz entschieden gegen diese Aktion aus, da ich Ort, Stunde und nicht zuletzt auch meine körperliche Verfassung als äußerst unpässlich definierte. Micki aber war da selbstredend ganz anderer Meinung und nervte mich so lange, bis ich mich schließlich von ihr zu dieser verwegenen Lüsternheit hinreißen ließ.

Bevor ich mich mit ihr allerdings auf das stille Örtchen zurückgezogen hatte, bat ich sie noch einmal eindringlich, die uns bevorstehende Angelegenheit ruhig und möglichst unauffällig angehen zu lassen, wenn es denn schon zu dieser anrüchigen Zwischensequenz kommen musste. Aber heute frage ich mich nur noch, warum ich mich damals bloß mit diesen Befürchtungen belastet habe, so wie Micki damals herumlief, mit ihrer rosaroten Stola, ihrem bauchfreien Top und einem arg zerlaufenen Make-up. Also, ich denke mal, diesbezüglich musste ich mir nun wirklich keinerlei Hoffnungen mehr machen, an ihrer Seite etwa nicht aufzufallen. Wenn irgendwer einen lebenden Beweis für die Existenz einer männlichen Schlampe erbringen wollte, dem könnte Micki hierfür wirklich hervorragend Modell stehen.

Ja, ja, ich weiß schon, was Ihr jetzt denkt. Es kommt halt dann und wann einmal vor, dass Micki und ich es miteinander treiben, obgleich wir uns sexuell nicht unbedingt sehr anziehend finden. Aber ganz so abstoßend finden wir uns nun eben auch wieder nicht, dass übermäßiger Alkoholgenuss und unbefriedigte Geilheit uns nicht, unter gewissen Umständen eben, dann und wann einmal zusammenführen können.

Flugerprobte Hamburger werden das Dilemma des Fuhlsbütteler Provinzflughafens vielleicht auch schon verflucht haben. Es ist nämlich ein fast aussichtsloses Unterfangen, von Hamburg einen Direktflug in sonnendurchflutete Länder zu erhaschen. Tja, und warum sollten es da ausgerechnet zwei durchzechte Tucken besser haben? So also stand uns die Prozedur jenes unfreiwilligen Verweilens auf öffentlichen Plätzen ein zweites Mal bevor. Diesmal allerdings blieb unser Flughafenaufenthalt ohne sexuellen Boxenstop, denn Micki war glücklicherweise an meiner Schulter eingeschlafen. Ich nutzte diese einmalig günstige Gelegenheit dazu, ihr den grellen Blickfang vom Hals zu raffen, denn Micki kam nun einmal mit diesem gewöhnungsbedürftigen Accessoire auf dem Münchener Flughafen weitaus weniger gut an als noch zuvor in Hamburg. Ja, so ist das nun einmal mit dem Süden Deutschlands, oder vielmehr, so verhält es sich mit all jenen südlichen Gebieten, wo denn auch der Katholizismus proportional zunimmt, aber demzufolge dann leider auch im selben Maße die Toleranz gegenüber alternativen Lebensformen proportional absinkt. Und Micki ist garantiert die grellste Alternative nach Lilo Wanders.

Endlich saßen wir in unserem Anschlussflieger. Wir wurden während des gesamten Bordaufenthalts auffällig freundlich von zwei niedlichen Lufthansa-Huschen umsorgt, und ich fragte mich, ob es wohl eigentlich auch heterosexuelle Flugbegleiter gibt? Nun sollte ich vielleicht einmal erwähnen, dass ich mich anfänglich gegen diesen Wochenendtrip nach Gran Canaria ausgesprochen hatte. Und um mein Missfallen auch ausreichend zum Ausdruck zu bringen, ließ ich keine Gelegenheit aus, in irgendeiner Form gegen diese Reise zu wettern. Aber irgendwie geschah es dann ja doch, dass ich mich plötzlich im Flieger wieder fand, denn gegen meine Stöckelschuh-Schwester stand ich natürlich mit all meinen Einwänden absolut chancenlos da. Hierzu sollte man vielleicht wissen, dass Micki, wenn sie mit ihren Argumenten nicht mehr weiterzukommen droht, einfach flink umschwenkt und sich mittels ihrer Sirenenstimme Gehör verschafft. Und wenn auch diese Maßnahme fehlzuschlagen scheint, dann redet sich Micki einfach kurzerhand eine gegen sie angezettelte Verschwörungstheorie ein und zieht sich daraufhin in ihr seidenes Schneckenhaus zurück, bis sich dann jemand für sein schändliches Vergehen oder auch Nichtvergehen bei ihr ausreichend entschuldigt, möglichst per Kniefall. Wahrscheinlich aber hat ein jeder, der eine wahrhaftige Schwester zu seinem intimeren Bekanntenkreis zählt, schon einmal diese äußerst unliebsame Erfahrung am eigenen Leibe miterleben müssen. Richtige Vollbluttucken haben nun mal die Angewohnheit, sich aus jeder Mücke einen Elefanten zu spinnen; jeden Konflikt zu dramatisieren und sich dementsprechend zu gebärden. Und ich kann Euch sagen, wenn unsere kleine Micki ihre Krallen ausfährt - die sichtbaren und die imaginären -, dann ist mit ihr wirklich nicht mehr gut Kirschen essen. Denn wenn bei Micki nicht alles nach ihrer Pfeife tanzt, mutiert sie rasch zu einer unberechenbaren und unausstehlichen Zicke. Und da Micki ja in dem festen Glauben lebt, dass ihr die ganze Welt eigentlich zu Füßen liegen müsste, könnt Ihr Euch vielleicht vorstellen, wie oft und schnell ihr der Kamm schwillt.

Ich hatte es ja eben bereits erwähnt, dass mir diese ganze Gran-Canaria-Aktion irgendwie ziemlich sauer aufstieß. Als wir aber den Strand auf Las Palmas erreichten, änderte ich schlagartig meine Meinung. Vielleicht ja deshalb, weil ich nie zuvor in meinem Leben an einem Strand am Mittelmeer zugegen war. Ein hypnotisierendes Himmelblau schob sich mir gewaltig entgegen, und meine Müdigkeit schien mir wenigstens für den Augenblick wie weggeblasen. O, dieser berauschende Ausblick auf das Meer und die darin Schaum schlagenden Wellen, die Kraft der Sonne, all das umwarb meine Sinne und verschob meine Ansicht über Gran Canaria gänzlich. Mit einigen betont mädchenhaften Handgriffen hatte sich Micki ihrer Klamotten entledigt, und daraufhin ließ sie sich genüsslich auf ihr D&G-Badehandtuch fallen. Sie begleitete ihr danieder sinken mit ei­nem spitzen Schrei, ganz so, wie es sich für eine anständige Tunte gehört. Ein kurzer Rundblick genügte, und man wollte sich am allerliebsten mitsamt seiner Schamesblässe in den Sand vergraben. Denn soweit das Auge reichte, tummelten sich braun gegerbte Sonnenanbeter, und diese schauten nun teils mitleidig, teils hämisch auf unsere porzellanfarbene Haut. Micki lag in einladender Empfängnisstellung vollkommen nackt auf ihrem Badehandtuch und trug selbstgefällig ihr großes Gehänge zur Schau. Und da ahnte ich auch schon ihren nächsten bösen Schritt voraus. Ja, und tatsächlich. Micki schaute an mir hoch, und ihr giftiger Blick blieb auffordernd an meiner Badehose kleben.

„Hey, Kleiner“, forderte sie mich mit ihrer laut tönenden Stimme auf, und ihre Boshaftigkeit schien ihr dabei förmlich aus dem Gesicht zu springen. „Du willst doch nicht etwa deine Hose anbehalten, Kleiner?“

Allein, wie Micki das Wort »Kleiner« aussprach, belegte mir bereits hinreichend die Verkommenheit dieses durchtriebenen Luders.

Diese blöde Einwegtucke wusste ganz genau, in was für eine peinliche Lage sie mich hineinmanövriert hatte. Mit voller Absicht hatte sie ihre Forderung so laut hinausposaunt, damit auch ja das gesamte Umfeld jedes Wort mitbekam. Und siehe da, einige Braungegerbte fixierten bereits mit dem typisch schwulen Schmachtblick erwartungshungrig meine verdeckte Schamgegend.

So also hatte Micki aus einer kleinen Unannehmlichkeit eine große Peinlichkeit für mich heraufbeschworen. Denn da stand ich nun, zu einem unfreiwilligen Schauobjekt auserkoren, und kämpfte mit mir und mit meinem kleinen Komplex, der in der Unterhose aufgrund dieser hässlichen Unannehmlichkeit noch mehr in sich zusammenfiel

„Was ist denn nun mit dir, Kleiner?“ johlte Micki nun quer über den weitläufigen Strandabschnitt. „Willst du dich nun endlich ausziehen? Du brauchst dich doch nicht zu genieren, nur weil dein Dödel nicht ganz der handelsüblichen Norm entspricht.“

Das war ja wohl der absolute Hammer. Einige Männer lachten bereits amüsiert aufgrund jener kostenlosen Unterhaltungseinlage, in der mir die nun undankbare Aufgabe zuteil wurde, die unrühmliche Hauptrolle zu übernehmen. O, hätte ich diese Drei-Groschen-Schlampe doch nur auf dem Fuhlsbütteler Flughafen, und zwar direkt nach meinem Abgang, mittels Spülung in den Kanal befördert! Wirklich, Micki hat die überaus fragwürdige Begabung, mit nur einem einzigen Satz bei ihren willkürlich herausgesuchten Opfern suizidale Gedanken aufkeimen zu lassen. Da lag dieses Miststück breitbeinig vor mir, wedelte penetrant und selbst verliebt mit ihrem fetten Fleischschwanz hin und her. Verdammtes Luder, das!

Sagt mal, ist es Euch eigentlich auch schon aufgefallen, dass ganz besonders die hochgradigen Tunten oft mit einem überproportional großen Eumel ausgestattet sind, obgleich sie doch mit ihrem Megagehänge in der Regel gar nichts anzufangen wissen? Sie halten doch ohnehin nur ihren Arsch hin, hingegen lassen sie sich ihren Kolben nur im äußersten Notfall fremd bearbeiten. Warum also stattet Gott die Tunten mit solch mächtigen Spritzpistolen aus, wenn die sie dann doch eh nur zum Keulen ausfahren?

Nun ist Micki eigentlich hinreichend darüber informiert, dass ich mit meinem Blutschwanz so meine speziellen Probleme habe, aber Rücksicht ist von ihr diesbezüglich einfach nicht zu erwarten. Ach, sagt jetzt bloß, dass Ihr den Unterschied zwischen einem Blut- und einem Fleischschwanz noch gar nicht kennt? Dann ist es ja allerhöchste Zeit, dass ich Euch an dieser Stelle einmal darüber aufkläre.

Also: Ein Fleischschwanz erreicht bereits in unerigiertem Zustand annähernd sein maximales Gesamtvolumen, während aber ein Blutschwanz im Normalfall eher einen kümmerlichen Eindruck hinterlässt. Allerdings, und das muss nun endlich einmal zur Ehrenrettung der Blutschwänze gesagt werden, schwillt ein solcher Blutdäumling im Verhältnis viel stärker an, als dies ein Fleischschwanz für gewöhnlich tut. Und deshalb ist es nun einmal eine Tatsache, dass Blutschwänze prinzipiell nicht etwa mickriger ausfallen als ihre artverwandten Fleischklösse. Aber diese Erkenntnis rette mal einer hinüber in das auf die Lendengegend ausgerichtete Traumgebilde Schwanzfixierter Schwestern, die ja wirklich nur allzu gern dem Aberglauben aufsitzen, dass sich ein jeder Fleischprügel mittels flinker Zunge in einen wahren Totschläger verwandelt; die aber gleichzeitig ableugnen, dass anderswo nicht etwas über sich hinauswachsen kann, was da einmal unscheinbar umher schwengelte. So liegt der Vorteil eben ganz eindeutig bei den Fleischschwanzträgern. Sie können es sich z.B. viel eher erlauben, in Saunen oder in Schwimmbä­dern oder eben hier am Strand von Las Palmas auf das schützende Handtuch zu verzichten. Und sie sind es dann auch, die in den Cruisingparks ultracool an den Bäumen lehnen und dort lässig ihren Meatloaf raushängen lassen. Ja, und leider ist "es nun einmal so, das in der Schwulen-Szene ein fetter Schwanz mehr Beachtung findet als ein schönes Blütengesicht. Nun gut, was soll's? Und eigentlich habe ich ja auch absolut keinen Grund, mich über mein Genital zu beklagen, solange es nur durch irgend etwas in Form gebracht wird. Aber wehe, wenn nicht! Es gibt da nämlich graduelle Unterschiede bei den Blutschwanzträgern, müsst Ihr wissen. Und ich bin nun einmal durch die absolut schlimmste Unterart der Blutschwänze gezeichnet.

Mit einer akrobatischen Einlage trennte ich mich nun verschämt von meinen Höschen, und durch einen gekonnten Hechtsprung landete ich sogleich, vor Speicheltriefenden Blicken Schutz suchend, bäuchlings auf meinem Badehandtuch. Und nun erst bemerkte ich, wie viele Verzauberte sich hier eigentlich am Strand aufhielten. Ist schon herrlich verrückt, so ein Strandabschnitt, voll von sonnen- und sexhungrigen Schwestern. Aber könnt Ihr Euch eigentlich vorstellen, was dort auf engstem Raum zeitweilig so herumgekreischt und herumgezickt wird, und wie viele unnatürliche Düfte einem dort um die Nase wehen? Ach ja, noch was. Wisst Ihr wohl, woran man einen schwulen Strandabschnitt als solchen schnell ausmachen kann? Nein? Dann werde ich es Euch wohl verraten müssen: An dem extrem hohen Anteil hochwertiger Markenartikel, die hier zu ihrem meist unnützen Einsatz gelangen, und selbstverständlich an den breit gefächerten Ordnungsneurosen. Dieses leicht psychotische Krankheitsbild scheint übrigens insbesondere in der schwulen Welt weit verbreitet. Wahrscheinlich deshalb, weil es für viele Homosexuelle beim Sex gar nicht dreckig genug abgehen kann, und sie nun mittels ihrer Ordnungsneurose einen gewissen Ausgleich herzustellen versuchen. Und wirklich, kein Uferstreifen der Welt, von normalen Menschen bevölkert, bietet so penibel aufgeräumte Liegeflächen wie so ein ausgewiesener Tuckenstreifen. Und Plastiktüten bekommst du dort nur dann zu Gesicht, wenn darauf die Namen exklusiver Parfüm- oder Kleidermarken abgedruckt sind. An einem Schwesternstrand ist eben alles durchtränkt von diesem typisch unverwechselbar schwulen Stil, der sich so zwischen einem künstlich gehobenen Lifestyle und Zieh-den-Zicken-den-Zaster-aus-dem-Kittel-Kitschbewegt. Doch während nun an den vom gemeinen Volk vereinnahmten Neckermann-Küstenabschnitten schlecht erzogene Gören ihre Eltern mit ihren immer neuen Forderungen terrorisieren und aus jedem zweiten Ghettoblaster der langmähnige Schlager-Petry Verleiben, verloren, vergessen, verzeihen trällert, herrscht hingegen auf einem schwulen Strandsaum eine fast schon idyllische Atmosphäre, aber eben nur fast.

Als wir nun eine Weile einfach ruhig dalagen; die Viere weit von uns gestreckt; die Augen vor der Sonne verschlossen, da holte uns die Müdigkeit wie von selbst und deckte uns mit ihrer unsichtbaren Decke sanft zu. Und als wir Stunden später aus unserem Halbkoma erwachten, hatte es sich spürbar abgekühlt, und viele Sonnenanbeter hatten sich bereits irgendwohin verflüchtigt. Na ja, man weiß ja, wie empfindlich die Kleinen sind; bei jedem rauen Lüftchen schieben sie gleich ganz üble Panikattacken und fürchten, sich eine Lungenentzündung zu holen. Und das, obwohl die aufgeklärten Huschen doch nun wirklich wissen müssten, auf welchem Wege man noch am ehesten zu einer Pneumonie gelangt.

Auch Schwester Micki wollte nun unbedingt ihren Standplatz räumen. Sie wippte schon ganz ungeduldig neben mir hin und her, und ihre Augen schimmerten mir wie zwei schlecht geschliffene Diamanten unverhohlen entgegen.

„Komm schon, lass uns jetzt endlich durch die Dünen streifen“, versuchte mich Micki mit lodernder Stimme zu locken. Sie hatte mir bereits viel über diese zweckentfremdete Dünenlandschaft erzählt, eigentlich viel mehr, als über all die anderen Sehenswürdigkeiten auf dieser Insel. Sagt, findet Ihr das nicht auch manchmal peinlich, dass überall, wo wir Schwulen auftauchen, und sei es auch nur, um uns vorübergehend niederzulassen, wir sogleich und möglichst noch in unmittelbarer Nähe uns sofort genitale Kontaktlandschaften schaffen müssen? Ich bin mir da leider ziemlich sicher, würde ein gewiefter Reiseveranstalter schwule Pauschalreisen in die Tiefen des Regenwaldes anbieten, und würde er dort dann bestimmte Gebiete für ein schnelles Ficki-Ficki legitimieren, so würden wir dort sicherlich rasch gleich den Affen auf die Bäume klettern und dort dann mit stark angeschwollenen Bananen nach paarungsbereiten Weibchen Ausschau halten.

„Ich brauch' jetzt unbedingt einen Mann“, giftete mich Micki energisch an. So etwas Zickiges, als ob ich nun etwas dafür konnte, dass sie keinen Kerl abbekommen hatte.

„Ich will nicht noch einmal auf dich zurückgreifen müssen, denn ich flieg' doch nicht ins Paradies, um mich hier mit Ölsardinen zu begnügen.“

„Schlampe“, antworte ich scharf und kehrte ihr daraufhin meinen entzückenden Rücken zu. Das ist übrigens genau das Wort, was ich Micki immer dann zu sagen pflege, wenn ihr mal wieder ihr kleiner Verstandeskasten in die Hose zu rutschen scheint. Nun ist es aber leider so um Micki bestellt, dass vulgäre Kraftausdrücke, wie z.B. „Luder“, „Flittchen“, „Hure“ oder eben auch „Schlampe“ sie eher noch antörnen, anstatt sie zu verletzen. Und von daher verfehlen sie eigentlich die von mir gewünschte Wirkung total.

Wir mussten uns noch eine Weile durch den Sand kämpfen, ehe wir die ersten Ausläufer der hügeligen Cruising-Area erreichten. Und Micki klärte mich nun über den Verhaltenskodex innerhalb dieser unwirtlichen Dünenlandschaft auf. So erfuhr ich z.B., dass, wer gerade auf der Insel eingetroffen war und nun nach einem heißen Ur­laubsflirt Ausschau hielt, sich vornehmlich an die Hellhäutigen anlehnen solle, denn man könne in aller Regel davon ausgehen, dass die Dunkelhäutigen wohl schon bald wieder ihre Koffer packen und den Heimflug antreten würden.

Doch gleichwohl mich Mickis Fürsorge umschmeichelte, hielt ich ihre Ratschläge dann doch, zumindest für mich, nicht mehr zwingend erforderlich. Denn erstens würden wir gerade einmal drei Tage hier auf dieser Insel verweilen; zweitens hatte ich überhaupt gar nicht vor, mich in irgendwen zu verlieben. Und drittens ist es nun einmal so um mich bestellt, dass ich total auf alles Dunkelhäutige fixiert bin. Doch leider hatte Micki ihren Vortrag noch immer nicht gänzlich abgeschlossen. So also musste ich mir noch eine Weile mit anhören, auf welche formalen Muster ich bei einer eventuellen Anmache zu achten hatte. Ich sollte erfahren, dass Typen, die lasziv in Ihren Sandkuhlen liegen, beim Analverkehr lieber den aktiven Part übernehmen wollten. Und all jene Figuren, die unentschlossen an den Bewohnern der Sandkuhlen vorbeizogen, das waren dann in der Regel die passiven Puzzleteile. An dieser Stelle riss dann irgendwie Mickis hübsch gesponnener Logikfaden, und ich äußerte mich dahingehend, dass ich mich nach dieser Lektion nun reif genug fühlte, endlich meine eigenen praktischen Dünenerfahrungen zu sammeln. Unsere Wege trennten sich nun. Doch bevor ich hinter einer Düne verschwand, schaute ich mich noch einmal kurz zu Micki hin um, und sah eben noch, wie sie sich in einer Sandbucht nieder ließ. Also, eindrucksvoller hätte Micki mir ihre ohnehin wackelige Theorie von den aktiven Sandbuchtbewohnern nun nicht widerlegen können.

Während ich also durch den Sand stolperte, selbstverständlich wieder mit einer Badehose überm Hintern (und Ihr könnt Euch ja wohl denken, warum?), fing ich peinlichst genau die hungrigen Blicke meiner unzähligen Betrachter ein. Denn genau auf diese Wei­se taxiert man als Schwulchen inmitten orgasmuslastiger Trampelpfade seinen Marktwert. Nun sollte man aber hierbei bloß nicht den Fehler machen und jeden Blick gleich als vollen Erfolg für sich verbuchen. Man sollte vielmehr die Intensität der einzelnen Blicke analysieren, eben anhand ihrer Tiefe und Dauer, aber vor allem daran, inwieweit die Männer dir mit ihren Augen hinterher folgen. Und nun errechne man aus dem Durchschnitt all jener Erhebungen das zu seinen eigenen Gunsten aufgerundete Wunschergebnis. Ja, und mit diesem Ergebnis nun durfte ich zufrieden sein, was ich so allerdings von der mir dargebotenen Angebotspalette nicht unbedingt sagen konnte. Aber, meint das nicht ein jeder? Und nun muss ich auch die Männer, welche sich dort in den Dünen offerierten, in Schutz nehmen, da sie ja nun wirklich die allerletzten sind, die meinem exotischen Geschmack etwas entgegenzusetzen hätten. Da ich nun einmal auf fernöstliche Spezialitäten abfahre, hat es eben selbst ein überdurchschnittlich gut aussehender Europäer nicht leicht, bei mir mal kurz eine Zwischenlandung einlegen zu können. Das Problem ist nur, dass Asiaten auf Gran Canaria absolute Mangelware sind. Und hinzukommt, dass man den einen oder anderen ja vielleicht noch übersieht, da diese Miniaturmenschen schnell überrannt werden können.

Deshalb hier ein kleiner Tipp von mir: Hörst du irgendwo auf Gran Canaria das vermeintliche Gekreische einer Seemöwe, könnte es sich hierbei ebenso gut um die Paarungsrufe eines ausgewachsenen indonesischen Zwergenmenschlings handeln. Also, Ohren auf!

Ich habe auf dieser Treibjagd leider nichts Asiatisches auf­spüren können und musste mich von daher mit einem tief gebräunten Ausweichmodell aus dem nördlichen Teil Europas zufrieden geben.

Micki wartete bereits im Appartement auf meine Rückkehr, und sie schaute ziemlich gefrustet drein, denn sie hatte mal wieder nichts zwischen ihre langen Beine bekommen. Eigentlich hätte ich diese eingebildete Zicke deswegen nun wirklich nicht bemitleiden sollen, denn sie hatte ja im Grunde genommen selbst Schuld. Ihre Ansprüche überstiegen jedes erträgliche Maß. Micki gab sich nur dann mit wenig zufrieden, wenn sie zuviel getrunken hatte. Und so kleisterte sie mir auch diesmal wieder meine Gehörtunnel zu. Sie wehklagte mir darüber, dass sie es sich schon wieder selbst besorgen musste, und dass die Männer doch eigentlich ihr Leben dafür hergeben müssten, sie, die Königin der Nacht, in ihren Armen halten zu dürfen

In dieser Nacht nun grasten wir sämtliche homophile Bars und Diskotheken nach einem geneigten Eintagsfliegen-Prinzen ab. Vorher aber mussten wir nun unsere Reisetaschen auspacken. O Kinder, nicht nur, dass Micki anstatt einer einfachen Reisetasche einen riesigen Koffer mitgenommen hatte, und nicht nur, dass dieser Koffer randvoll gefüllt war; nein, womit er gefüllt war, versetzte mich in ein ungläubiges Staunen. Micki fingerte Gegenstände daraus hervor, die ein normaler Mensch nie im Leben mitgenommen hätte. Micki wuchtete als allererstes einen fetten CD-Player mit vier (!) externen Lautsprecherboxen heraus, zuzüglich ca. fünfzig CDs (eine bunte Mischung extrem schwulenlastiger Berieselung wie Erasure, Marianne Rosenberg, Boy George, Celine Dion, Opernarien, Georgette Dee und so weiter). Des Weiteren kramte Micki literweise Duftwässerchen sowie eine weitere Stola in Giftgrün und eine andere in Neongelb aus dem Koffer hervor. Es folgten zwei wasserstoffblondfarbene Perücken, kiloweise Schminkzeug, Unmengen von Kleidungsstücken, darunter auch ein Schottenrock mit angenähten Weihnachtskugeln (!!). Und, last but not least, das Allerschrillste, nämlich ein riesengroßer rosaroter Stoffteddy, der auf Kommando „Hab mich lieb!“ brummte, wenn man ihn nur fest an sich drückte. Also, diese ganze Ansammlung von Kuriositäten war nun wirklich so unmöglich, dass man Micki dafür schon fast wieder knuddeln mochte.

Micki verbarrikadierte sich nun mit sämtlichen Schminku­tensilien und Kleidungsstücken im Badezimmer, von wo sie auch erst nach langer, langer Zeit und mit großem Tamtam wieder auftauchte. Als sie mir schließlich gegenübertrat, glaubte ich für einen Moment lang, meinen Augen nicht trauen zu können; schimmerte Micki mir doch wie ein grellbunt gepinselter Papagei der Galapagos-Inseln und schnatterte auch gleich drauflos wie so ein gefiedertes Exemplar

„Na, wie sehe ich aus, Schätzchen?“, piepste Micki und präsentierte sich mir von allen Seiten.

„Wie eine aufgetakelte Tunte, die ihre beste Zeit schon hinter sich hat“, warf ich spitz ein, gedacht als kleiner Racheakt für die extrafiese Blutschwanznummer am Strand.

„Du verklemmtes Biest“, fauchte Micki mich daraufhin an. „Du redest doch nur so, weil du noch immer Probleme mit deinem Coming out hast. Verhalte dich doch endlich mal so, wie es sich für einen vernünftigen Schwulen gehört. Du bist ja eine Schande für unsere Gemeinschaft.“ Da musste ich aber nun laut loslachen, denn dass Micki sich als Schwulchen mit Vorbildcharakter sah, fand ich einfach nur noch zum Schreien komisch.

Wir landeten schon bald darauf in einer kleinen Diskothek. Micki schien viele der anwesenden Schwestern zu kennen, denn sie begrüßte sie sehr leidenschaftlich und warf ihnen wiederholte Kusshändchen zu. Mickis Gesten vermittelten mir etwas total Herzliches, bis ich Trottel endlich begriff, dass dieses ganze Gehabe der Micki doch nur als purer Selbstzweck diente und sie sich dadurch einfach nur stimmungsmäßig hochzuschaukeln gedachte. Na ja, das ist sie eben, die viel zitierte Oberflächlichkeit innerhalb der Schwulen-Szene. Dort saßen wir also in diesem kleinen Tanzschuppen, und irgendwie schien mir plötzlich alles so verdammt vertraut. Das bunte Treiben der versammelten Schwestern hatte ich doch so, oder zumindest so ähnlich, Woche für Woche auch in Hamburg, oder etwa nicht? Und genau, diese ganze Einrichtung war nichts weiter als ein Abziehbild irgendeiner x-beliebigen Bar in Hamburg, oder von mir aus auch umgekehrt. Aber gerade das scheint ja wohl auch der oberflächliche Sinn fast aller schwulen Einrichtungen zu sein. Nämlich, eine vertraute und heimische Atmosphäre zu schaffen. Ganz gleich, ob man nun in Hamburg oder Hannover, in Göttingen oder auf Gran Canaria, in San Francisco oder sonst wo eine schwule Bar oder Diskothek betritt, irgendwie findet man immer alles so vor, wie man es auch von woanders gewohnt ist. Tja, gewisse schwule Codes behalten leider weltweit ihre Gültigkeit.

Wir kippten uns an diesem Abend so richtig einen hinter die Binde. Nach der zweiten Flasche Rotwein zog sich Micki splitternackt aus und tanzte ausgelassen auf einem der Tische. Micki gab diese (nicht selten peinlichen) Vorstellungen oft in Hamburg. So oft sogar, dass dort kaum noch einer Notiz von ihren Auftritten nahm. Hier allerdings, in Las Palmas, gab es doch tatsächlich noch einige, die diese Darbietung erstmals zu Gesicht bekamen. Und Micki. dieses Luder, erreichte natürlich genau das, was sie sich ausgerechnet hatte. Dutzende von Augenpaaren klebten an ihrem schweissnassen Body, und nach ihrem mehr oder weniger gelungenen Striptease sammelte Micki dann grinsend Telefonnummern und andere eindeutige Botschaften ein. Sie steckte sich die Belege flüchtiger Ehrerbie­tungen selbstzufrieden in ihr kleines Tuckentäschchen, welches sie stets bei sich trägt.

Kurze Zeit später verschwand Micki dann an der Seite eines großen Dänen hinter einer Klotür. Micki hat (wie es scheint) ein ausgesprochenes Faible für Sex in öffentlichen Bedürfnisanstalten, denn anders weiß ich mir ihre wiederholten Toilettengänge nicht zu erklären. Allerdings stürmte meine kleine Micki nach nicht einmal ganz zwei Minuten wieder aus dem Toilettenhäuschen hervor und kreischte sirenenartig durchs vollbesetzte Lokal. „Gott“, schrie sie. „Mein Gott, dieser Typ hat ja eine Klitoris anstatt eines Pimmels. Also nein, bei aller Nächstenliebe, aber da besorge ich es mir dann doch lieber selbst!“

Ja, so ist sie, unsere Micki - ein richtig liebes Mädchen. Ich frage mich nur, wie sie es immer wieder schafft, unbeschadet aus solchen Situationen herauszukommen. Der arme kleinschwänzige Däne, er konnte einem ja richtig leid tun. Micki schaute noch eine geschlagene halbe Stunde wutschnaubend hinüber zur Klotür, aber der auf so furchtbare Art und Weise blossgestellte Junge traute sich einfach nicht mehr aus dem Häuschen.

Früh am nächsten Morgen wurde ich durch Mickis missglückte Gesangsversuche unweich aus meinem Schlaf geholt. Sie eiferte aufopfernd mit Pavarotti um die Wette, als ginge es um die Vergabe der goldenen Stimmgabel. Doch es fehlt Micki eben nicht nur an entsprechender Leibes-, sondern vor allem an ausreichender Stimmfülle. Mein kleines Schwesterchen war absolut unausstehlich an diesem Morgen. Der Grund hierfür lag natürlich zwischen ihren Beinen, oder besser gesagt, er lag eben genau da nicht! Und warum nicht? In den Dünen konnte Micki sich nicht so recht entscheiden, und in der Diskothek nahm ihr der dänische Pimmelzwerg sozusagen die Entscheidung kurzerhand ab. Das Ergebnis: Micki litt unter heftigsten Entzugserscheinungen. Warum man sich deshalb aber gleich ein bronzefarbenes Make-up auflegen muss, wenn man sich doch fürs Bräunen an den Strand begibt, das wird wohl auf ewig Mickis kleines Geheimnis bleiben, denn mir wollte sie es partout nicht verraten.

Ich verbrachte diesen Tag bis hinein in die frühen Abendstunden mit einem bezaubernden Asiaten, auf den ich bei meinem Erkundungsgang sozusagen gestoßen bin. Ach, meinetwegen könnte ja die ganze Welt voll davon sein, voll von diesen geschmeidigen und zartgliedrigen, dunkelhäutigen Körpern. Und glücklicherweise werden die asiatischen Männer nur von einer überschaubaren Minderheit bevorzugt, was mir, wie Ihr Euch ja wohl unschwer denken könnt, sehr entgegenkommt. Doch wegen meiner Vorliebe für das leicht Exotische werde ich von meinen Freunden kräftig durch den Kakao gezogen. So nennen sie mich fast schon boshaft einen Ming-Vasen-Voyeur oder einen Stäbchenficker, oder aber sie betiteln mich als Gelbplättler. Doch sollen sie ruhig alle diesem stark amerikanisierten Männlichkeitsbild hinterher jagen oder aber vor ihren angebeteten Tom-of-Finnland-Projektionen masturbierend in die Knie sinken, für die ich mich in etwa so sehr begeistern kann wie Micki für den aktiven Part beim Analverkehr.

Ich fand Micki an diesem Abend nun total deprimiert in unserem Appartement und hatte meine liebe Mühe, die Kleine wieder halbwegs aufzurichten. So niedergeschlagen hatte ich Micki zuvor wirklich nur ein einziges Mal erlebt, nämlich als sie ihre Eintrittskarte für ein Marianne-Rosenberg-Konzert verloren hatte und keine Möglichkeit mehr bestand, an der Abendkasse eine neue Karte zu erhaschen. Da stand sie also in unserem Appartement todunglücklich vor dem Spiegel und meinte nur, daß sie mit ihrem Faltengesicht nie mehr an die Öffentlichkeit treten würde. Dabei zog sie ganz seltsame Grimassen, die selbst das Gesicht eines 12-jährigen in eine Alpenlandschaft verwandelt hätten.

„Schau doch nur“, schrie sie dann immer wieder und wieder, und rannte dabei umher wie eine angestochene Furie. „Schau doch nur, wie alt und hässlich ich bin.“ Ja. und ganz gleich, was ich ihrem leidvollen Gequake auch entgegenzusetzen versuchte, sie wiederkäute mir nur immer wieder ihre immer gleiche Unmutsäusserung, nämlich, dass sie alt und unattraktiv geworden sei. Mein Gott, die arme Tante Micki ist jetzt gerade einmal dreiundzwanzig Jahre alt; ich möchte wirklich nicht wissen, in welche Krise die einmal stürzt, wenn sie sich ihren dreissigsten Geburtstag eingestehen muss. Aber da ist sie ja nun längst nicht die einzige Schwester, die mit dem Jugendwahn so ihre Problemchen hat, oder? Ich schaffte es dann aber tatsächlich irgendwie, Micki durch unzählige Komplimente, wenngleich diese dann auch nicht immer so unbedingt der Wahrheit entsprachen, wie der aufzurichten. Nur, hätte ich hierbei bloß nicht so dick aufgetragen. Denn Micki, mit neu aufgeflammtem Selbstwertgefühl, gönnte sich daraufhin ein absolut nuttiges Outfit, eines mit einer durchlöcherten roten Netzstrumpfhose, wasserstoffblonder Perücke, mit gelber Stola und unzähligen Perlenketten. Dazu malte sie sich einen extra fetten Kussmund auf und prüfte an mir seine Haltbarkeit. An diesem Abend musste es unbedingt in Mickis Büchse klappern, sonst würde ich nämlich den Blitzableiter spielen müssen. Und danach stand mir so gar nicht der Sinn.

Wir schmiedeten also eine Art Schlachtplan. Micki wollte mir an diesem Abend stets per Handzeichen einen Hinweis darauf geben, welche Typen für sie in Frage kämen, und ich würde sie dann mit dem ahnungslosen Opfer zu verkuppeln versuchen. Aber, dem Himmel sei Dank, es bedurfte gar nicht mehr meines Engagements. Denn gleich nachdem wir in dem proppevollen Tanzschuppen eingecheckt hatten, wurde Micki auch schon von so einem richtig ultra­cool dreinblickenden Kerl heftig angebaggert, und dessen gewaltige Ausbeulung in der Hose widerspiegelte sein eindeutiges Interesse, trotz oder vielleicht sogar wegen Mickis Outfit?

Micki war nun auf der Stelle von der männlichen Ausstrahlung ihres Eintagsfliegen-Prinzen begeistert, und nach einer guten halben Stunde war sie gar Hals über Kopf in ihn verliebt. Aber das ist nun wirklich nichts Außergewöhnliches bei Micki, denn sie ist eigentlich immer binnen kürzester Zeit in irgendein dahergelaufenes Opfer unsterblich verliebt. Micki kann nämlich nur mit der betreffenden Person ins Bett gehen, wenn sie diese Person auch wirklich liebt. Und da Micki nun einmal am allerliebsten sofort mit ihren Männern ins Bett hüpfen muss, beschleunigt sie eben auch den Vorgang des Sichverliebens. So einfach ist das! Mir konnte das natürlich nur recht sein, denn wie ich schon bald bemerkte, hatte sich auch mein kleines und überaus kostbares thailändisches Modell unter die Nachthuschen gemischt. Als Kharim mich bemerkte, zogen wir uns schon bald darauf ins Appartement zurück. Wir verbrachten eine extrascharfe Nacht, ganz nach fernöstlicher Art, mit vielen sinnlichen Genüssen, einigen fleischlichen Ergüssen und wenig Schlaf, dafür aber waren wir um so mehr um eine praktizierte Völkerverständigung bemüht. Irgendwann in der Nacht hörte ich Micki dann wie erwartet in Begleitung ihres prächtigen Burschen heimkommen. Natürlich bin ich kurze Zeit später dann auf Zehenspitzen aus meinem Bett heraus geschlichen und hab bei denen an der Tür gelauscht. Aber nix, wirklich nix! Na ja, da hab' ich mir halt gedacht, dass die beiden wohl aus lauter Rücksicht auf uns ihre Lustschreie ins Kissen geprustet haben mögen, und war aber trotzdem für den nächsten und letzten Morgen auf Gran Canaria voller Hoffnung. Nämlich darauf, dass Micki mitsamt ihrer hetenmäßigen Erscheinung, Kharim und meiner Wenigkeit ein vollkommen harmonisches Abschiedsfrühstück bevorstehen sollte, welches Kharim mit asiatischer Hingabe für uns vier bereitet hatte - aber wieder nix! Als ich nämlich die beiden Turteltauben wecken wollte, fand ich zu meiner Überraschung nur noch Micki im Bett liegend, und zwar mit ihrem überdimensionalen rosaroten Plüschteddy im Arm. Ein kurzer Blick in ihr allmorgendliches Trümmergesicht reichte aus, um sofort zu erkennen - jetzt nur nichts Falsches sagen!

„Ich sollte ihn ficken, hörst du? Ich, die wahrhaftigste Tunte Hamburgs, sollte diesen Typen doch tatsächlich in den Arsch ficken, hörst du?“ schrie Micki und trommelte dabei mit ihren kleinen Fäusten immer wieder auf die Matratze. Und dann verfiel Micki in ihr eisiges Schweigen. Ist aber auch eine Riesensauerei, oder was meint Ihr? Woran soll man sich denn als aufrichtige Tunte heutzutage noch halten, wenn man selbst in Strapsen noch von so einem vermeintlichen Prachtkerl zur aktiven Rolle beim Ficken genötigt wird?

Zum Strand wollte Micki dann auch nicht mehr mitkommen. Die ist doch tatsächlich bis zu unserer Abfahrt in ihrem Bett geblieben und hat sich unaufhörlich Maria Callas rein gepfiffen. Also, wenn einer den Sinn fürs Theatralische hat, dann ist es Micki. Doch weder auf der Taxifahrt hin zum Flughafen noch während der gesamten Fliegerei zurück nach Hamburg hat diese Zicke es für nötig befunden, auch nur ein einziges Wort mit mir zu sprechen. Das erste Mal, dass Micki ihre Beißerchen wieder auseinander bekommen hat, das war, als wir erneut auf dem Fuhlsbütteler Flughafen für eine sexuelle Notdurftnummer in einem Toilettenhäuschen landeten. Aber auch dabei hat Micki kein einziges Wort zu mir gesagt.

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