Liebe Altenheime,  ® Arne Pahlke, Oktober 2010

 

sehr viele von uns werden ihre letzten Wochen, Monate oder Jahre in einem Altenheim verbringen. Sie werden nicht in ihrem gewohnten Umfeld sterben, sondern in einem Seniorenheim, von denen immer mehr gebaut werden.

Rund um das Siechtum ist ein einträgliches Geschäft gewachsen,  in dem vor allem im gehobenen Marktsegment der Luxus-Seniorenheime viel Geld zu verdienen ist. Und so veredeln die Betreiber von Luxus-Altenheimketten ihre Sterbebegleitungsdomizile mit klangvollen Namen wie Stift, Kuratorium  oder Residenz.  Denn, wer irgendwann in ein Altenheim muss, der wählt gewiss lieber eine Residenz, als ein „Sozial-Altenheim“, in dem lediglich die Mindestvoraussetzungen des SGB XI und der HeimMindBauVO erfüllt werden.

Nun, zumindest tut er dies, wenn er sich dies leisten kann. Denn das Siechtum in einem Edel-Seniorenheim ist teuer – sehr teuer sogar!

Und so landen die meisten von uns eben nicht in einer Luxus-Sterberesidenz, sondern in einem jener Altenheime, in denen die Kosten für jedes Glas Wasser, für jedes Windeln wechseln oder jeden Toilettengang, für jede Mahlzeit und jede Körperreinigung per Pflegegesetz reglementiert sind. Und wer in diesem System z.B. zu oft aufs Klo muss, und dieses selbst nicht mehr bewerkstelligen kann, der bekommt halt Windeln umgelegt. Denn Zeit (Pflegepersonal) ist Geld – und Geld ist knapp!

Ich war bis vor Kurzem in einem dieser  „Sozial-Altenheime“ ehrenamtlich tätig. Genauer gesagt habe ich der Heimleitung eines solchen Altenheimes angeboten, dass ich dort einmal wöchentlich das tun möchte, wofür das Pflegepersonal kaum Zeit findet – nämlich für menschliche Zuwendung fern ab von reinen Pflegedienstleistungen, die minutiös  abgerechnet werden. Und abgerechnet werden kann z.B. kein einziger Cent für elementare Dinge wie Zuhören, jemandem in den Arm nehmen oder sich eben einfach  Zeit für einen der alten Heimbewohner nehmen.  Der Leistungskatalog erinnert vielmehr an die Verordnungen bei Massentierhaltung. Wenn man sich durch die „Vergütungslisten und Bemessungssätze“ der stationären Pflegeleistungen liest,  dann wird einem kalt – alles ist so beschämend unmenschlich festgelegt  - eben genau wie bei der Massentierhaltung.  Ja, es erinnert mich sogar  ein wenig an den Bürokratiewahn der Nazis. Auch damals wurde in dieser typisch deutschen Regulierungssucht bei den Konzentrationslägern penibel aufgeführt, was ein Insasse am Tag für Kosten verursachen durfte; -  über jeden Cent  wurde Buch geführt.

Und da es in Zukunft in Deutschland immer mehr alte pflegebedürftige Menschen geben wird und die Pflege für diese Menschen immer mehr Geld kostet, dürfte die Menschlichkeit dabei in Zukunft noch mehr auf der Strecke bleiben.

Ich muss aber sagen, dass die Mitarbeiter des Heimes, in dem ich tätig war, sich viel Mühe gegeben haben, aus den Möglichkeiten und Mitteln, die ihnen  zur Verfügung standen, das Beste für die Heimbewohner herauszuholen.

Aber wie sieht das Bestmögliche aus?  Nun, man darf/kann halt einfach nicht viel erwarten von seinem letzten Zuhause, bevor dann den den Weg ins Ungewisse antritt. Das Dahinsiechen in einem SGB-XI-Altenheim hat mehr von einem Krankenhausaufenthalt, der mit dem Tod endet, als von einem wohlbehaglichen Abgesang in Luxus und Schmaus.

 

Liebe Altenheime

 

Da war z.B. diese Frau, die immerzu um Hilfe rief. Sie hatte Alzheimer in dem wohl schlimmsten Stadium. Nämlich jenes Stadium, in dem der Betroffene noch mitbekommt, dass die Welt, wie er sie einst kannte, sich mehr und mehr vor und in ihm auflöst. Ihre Augen waren erfüllt von Angst und einer nur schwer erträglichen Ruhelosigkeit. Doch, wenn ich eine halbe Stunde bei ihr saß und sie in dieser Zeit (anstatt wie sonst üblich etwa sechzig mal) nur noch drei- bis viermal um Hilfe rief, dann war z. B. das Bestmögliche herausgeholt. Wenn ich ihr über die Hände streichelte, wurde sie meistens augenblicklich ruhig. Und wenn sie einmal ganz ruhig wurde, dann wich die Angst für einen Moment aus ihren Augen und so etwas wie ein Lächeln legte sich auf ihr Gesicht.

Einmal schlich ich sie orientierungslos über einen der Flure des Heims. Als ich sie zurück auf ihr Zimmer bringen wollte, meinte sie, dass sie nicht mehr hierbleiben wolle, sondern dass sie Nachhause zu ihrer Mutter möchte. Ich dachte zunächst, dass sie meinte, ihre Mutter würde noch leben und sie will zurück in ihr einstiges Zuhause. Aber sie hatte einen ihrer klaren Momente. Sie wollte zu ihrer Mutter auf den Friedhof. Sie wollte sterben. Und ich konnte sie so gut versehen; - konnte nachempfinden, dass sie so nicht mehr weiterleben wollte. Und ebendies sagte ich ihr auch. Abschließend sagte ich ihr, dass sie bald bei ihrer Mutter sein würde – und sie bis dahin  durchhalten müsse.  Doch nachdem ich sie zurück auf ihr Zimmer gebracht hatte, fühlte ich mich schuldig.

Nein, ich fühlte mich nicht schuldig, weil ich ihr ihre Todessehnsucht nicht ausredete. Ich fühlte mich schuldig, weil ich mich irgendwie wie ein Handlanger in einem System fühlte, dass Menschen mit aller Macht möglichst lange am Leben halten will, wobei es ihnen aber bitte schön um was eigentlich wirklich geht?

Um Menschlichkeit und Nächstenliebe?

Um Gewissensberuhigung oder humanes Sterben?

Wenn ich die  „Vergütungslisten und Bemessungssätze“ lese, -  das ist doch kein humanes Sterben!? 

Aber was ist humanes Sterben? Ist es humaner (also menschlicher), sie diesen Weg bis zum bitteren Ende gehen zu lassen, - oder ist es menschlicher, sie schon früher zu ihrer Mutter gehen zu lassen? Und ist Sterbehilfe unmoralischer als aufgenötigte Lebensverlängerungsmaßnahmen? Und wie aufrichtig ist es, wenn gottgläubige Menschen Dinge sagen, wie: „Gott allein darf über Leben und Tod entscheiden“ …um sich damit gegen Selbstmord oder Sterbehilfe aussprechen – gleichzeitig  aber selbst Gott spielen?

So wäre diese Frau wahrscheinlich ohne Pflege binnen 48 Stunden tot. Mit Pflege lebt sie aber  wohl noch 48 Monate und länger.

Ich weiß nicht, welches am Ende der richtige – der bessere – der humanere Weg ist – jedenfalls könnte ich keine Entscheidung für oder gegen das eine oder andere treffen, bei der am Ende nicht große Zweifel nachblieben.

 

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Konkalit, 26 Oktober 2010 - Ja in einem der wohl psychisch härtesten Bereiche zu arbeiten öffnet einem die Augen. Das Gefühl mit den Leuten zu reden und dennoch ihnen nicht helfen zu können, sich schuldig zu fühlen weil man sie aufgrund der Arbeit mit ein paar "netten Worten" abspeisen muss und am ende des Tages oftmals daran denken zu müssen kenn ich auch. So weit ist es gekommen und wenn es so abläuft kann man in den meisten Fällen noch zufrieden sein, wieviel schlimmer ist es wo zu sein - egal ob als Pfleger oder eben Bewohner, wo Terror und Angst herrschen. Wo die Mitarbeiter vor lauter Abgestumpfheit und dem Psychosen die all das Elend mit sich bringen kann ihre Wut und ihren Hass an den Leuten auslassen?

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