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Liebe Angst, liebe Panik, ich „leide“ nun bereits seit 1994 unter einer Angst- und Panikerstörung. Somit „leide“ ich also unter zwei unsichtbaren und irgendwie ständig präsenten Gefühlslumpen. Ein mir sehr nah stehender Mensch, und zwar kein Geringerer als meine Schutzelfe, sagt mir häufig, dass ich meine Angst willkommen heißen muss und dass inmitten dieser meiner Angst und Panik die Ruhe zu Hause ist. Meine Schutzelfe ist die Frau meines Vaters (nicht aber meine Mutter), die meine Angst- und Panikstörung nun bereits seit einigen Jahren kennt. Allerdings kennt sie diese “Störung” nur aus der Entfernung und somit nicht wirklich. Doch was sie mir in Bezug auf diese „Störung“ wiederholt sagt, beziehungsweise schreibt, dies sind die von einem weisen Menschen durchdachten und schließlich niedergeschrieben Worte, die sie nun beständig an mich weiterleitet. Und dies geht schon in Ordnung. Denn schließlich kann sich die Wahrheit auch durch ständige Wiederholung nicht aufbrauchen. Aber dennoch helfen mir diese weisen Worte in der Regel herzlich wenig. Etwa dann nicht, wenn ich gerade mal wieder eine dieser „lustigen“ Angst- oder Panikattacken „überlebt“ habe und dann für die nächste Zeit höchstempfänglich für weitere Unruhezustände bin. Denn dann frage ich mich in meiner Verzweiflung und Wut vielmehr: „Welch unerschöpfliches nächstenliebendes Potenzial müsste denn in mir leben, wenn ich dem Dieb, der mir die Wohnung ausraubt, der mir meinen Herzschlag wieder und wieder in bedenkliche Grenzbereiche führt; - der mir wiederholt mitten ins Gesicht speit, für all dies auch noch willkommen heißen soll?
Ich erkenne den Kern von Elfchens Aussage selbstverständlich an und damit auch dessen unbedingten Wahrheitsgehalt. Das Problem stellt sich allerdings wie folgt dar: Wenn ich wieder einmal von meiner Panik und Angst durchgeschüttelt werde; - ich also von jetzt auf sofort ins Irrationale abgleite und plötzlich z.B. Angst vor einer für mich beängstigend klingenden Autohupe bekomme, weil sie mich in mein Trauma zurückversetzt. Just in diesen Momenten fällt es mir unglaublich schwer, aus diesem irrationalen Gefühlschaos wieder herauszufinden und irgendeinen vernünftigen rationalen Gedanken zu fassen. Ein in der Theorie wunderbar einfach vorzutragendes Unterfangen (stell dich deiner Angst) überfordert mein kleines Gehirn in der Praxishölle dann nicht selten total. Und dies tut es vor allem deshalb, weil die Angst ja zunächst einmal den Thalamus passieren muss; - also das Tor zum Großhirn. Und eben dieser Thalamusbereich reagiert nun mal weitaus schneller und heftiger, als der Rest unseres Verstandeskasten. Unsere Angst und Panik ist somit stets schneller da, als unser rationales Bewusstsein, welches beschwichtigend auf sie einwirken könnte, in dem es uns z.B. sagt: „Vor einer Autohupe musst Du Dich wirklich keine Angst haben!“ Wann immer wir uns in solchen Situationen mit solch gutem Zureden selbst die Angst nehmen wollen, sind die Reaktion des Thalamus bereits im vollen Gange. Und außerdem bin ich eben doch der Meinung, dass so eine Panikattacke irgendwie immer ungelegen kommt, was aber natürlich auch daran liegen mag, dass ich sie nie aufrichtig willkommen heiße? Glaub mir, meine liebe Schutzelfe; - glaubt mir, meine lieben von mir gehassten Unruhezustände. Ich versuche es, die Angst in mir willkommen zu heißen. Und wann immer dieses hektische Geflecht nicht gerade wie ein Orkan in mir wütet, dann klappt dies sogar ganz gut. Auch habe ich mich schon längst damit abgefunden, dass ich Euch in diesem Leben wohl nie mehr ganz loswerde. Ihr werdet mich wieder und wieder heimsuchen (oder sollte ich besuchen sagen?), um mich zu malträtieren (… oder sollte ich umschmeicheln schreiben?). Nein, verdammt! Denn just in den Augenblicken, wo Ihr mich aus Kaufhäusern treibt; - wo ich meinen Einkaufswagen an der Kasse stehen lassen muss; - wo ich Termine nicht wahrnehmen kann; - wo ich Besucher oder sogar meinen Sohn wegschicken muss; - und wo ich dann denke, dass sich vor mir ein Abgrund aufbaut und mein Herz mir bis zum Hals hinaufschlägt und ich fürchten muss, dass sich meinen Verstand verliere (… der es ja sicherlich nur gut mit mir meint). Just in diesen Momenten habe ich leider nicht immer die Kraft Euch willkommen zu heißen. In diesen Augenblicken will ich oft nur, dass Ihr verschwindet; - dass Ihr mich endlich in Ruhe lasst, dass Ihr mein Leben nicht immer noch weiter zur Sackgasse umgestaltet. … Aber nun gut. Willkommen, Du blöde Angst! Willkommen, Du irrationale Panik!
Bis demnächst Gruß A. Pahlke © Arne Pahlke 2004 |
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Noni, 4 Juni 2011 Puuuh ... diesen Brief sollte ich auch schreiben Wortmutation: Hallo Noni! Seit 2004 hat sich bezüglich meiner Angst- und Panikattacken viel zum Positivem gewendet. So sind sie nicht mehr meine ständigen Begleiter und ich fühle mich auch nicht mehr wie ihre Geisel. Alles Gute Dir. Gruß Arne Noni, 22 Juni 2011 - Hallo Arne,das ist schön zu hören. Während du deine Angst als Begleiter siehst, sehe ich meine als narzistischen Antrieb. Als Antrieb deswegen, weil ich der Meinung bin, dass jemand der ganz "normal" tickt einfach nicht so "denkt", wie jmd. der "angst hat". Viele ängstliche Menschen, die ich kennen gelernt habe, waren in manchen Bereichen unglaublich begabt. z.B. Kunst, Denken, Schreiben, ... Vielleicht muss man für eine Begabung die Panik (oder ´n anderes Handicap) in kauf nehmen. Wenn ja, dann mache ich das gerne. Narzistisch deswegen, weil sie einen immer mal wieder daran erinnert, dass wir nur aufgrund der angst so grandios sind ;-) Viele Grüße Noni (P.S: und danke für die tollen Stunden, die ich auf deiner Seite verbringen konnte) Wortmutation: Hi Noni! Es ist nun nicht so, als wäre ich meine Angst und Panik los – heute z.B. bei REWE – lange Kassenschlange – ich wurde unruhig – und zwar nicht unruhig im Sinne von – ich hasse dieses Warten, sondern ... Du ahnst es sicherlich, was ich meine – nämlich unruhig im Sinne von …wenn das Gefühl noch weiter zunimmt, dann lass ich den Einkaufswagen hier stehen und gehe raus. Meiner Kreativität hat meine Angst- und Panikerkrankung sowie meine (chronische) Depression nicht geschadet. Im Gegenteil! Ich sehe es so, wie Du es schreibst …sie ist durch all dies gewachsen - wurde geschärft. Und so sehe ich meine Handicaps auch als ein Preis an, den ich für meine überbordende Kreativität zu bezahlen habe. Ich empfehle Dir in diesem Zusammenhang das Buch “Die Sieger. Wodurch Genies, Phantasten und Verbrecher berühmt geworden sind”. Es beschreibt auf launige Weise, wie (psychisch) krank die meisten Genialen der Menschheitsgeschichte eigentlich waren. Linde, 24 Januar 2012 - Ich glaube nicht, das Du mit, oder ohne Angst und Panik, besser oder genialer bist. Vielleicht, würde sich dein Fokus ändern, wenn Du Diese Scheiß Angst loswerden könntest. Angst lähmt, Angst verdunkelt den klaren Gedanken, Angst erzeugt Verwirrung, Angst macht schuzlos.Angst und Panik ziehen parasitäre Flachwichser an, die sich an dein Schmerz laben. Und wenn Du die Angst willkommen heißt, und sie sich auf dein Sofa bequem macht, mutiert sie zur Feigheit. Dann verlierst Du Würde und Ritterlichkeit. ........"Angst essen Seele auf"................ Dies alles habe ich gelebt............ Wenn ich heute in Angst verfalle, ergreife ich eine liebende Hand oder denke an mein liebes Kind das mein Schutz braucht. Teile mich eventuell mit und lasse meine Panik los. Es gibt Zeiten, da will dieses Ungeheuer mir immernoch befehlen, ich mache einfach nicht mit, laß mich nicht beschneiden, haue ihr auf die Fresse (Sie schlägt natürlich zurück). Oft droht sie mir mit den Tod. Und wenn schon, sterben muß jeder. Der Himmel klärt sich endlich auf! Die Würde kommt zurück. Wortmutation: Hallo Linde! Mit „die Angst willkommen heißen“, meinte ich die psychologisch-therapeutische Sichtweise. Die Angst ist ja kein böser Dämon, der von einem Besitz ergreift, sondern ein Teil von einem Selbst, den man verstehen muss, um ihn wirkungsvoll entgegenzutreten. Innerhalb einer Angst- und Panikattacke ist man natürlich gelähmt, schutzlos, verwirrt und zu keinem klaren Gedanken mehr fähig. Man wird zum Spielball und gibt das Heft des Handelns aus der Hand. In solchen Momenten ist man weder kreativ und erst recht nicht genial, sondern eine bemitleidenswerte getriebene Kreatur. Doch genial (im Sinne von selbstschöpferisch) wurden viele Menschen eben erst durch seelische Erkrankungen, wie ein Blick in diverse Anthologien zeigt. Wolf Schneider schrieb einst sinngemäß, dass ein glücklicher Künstler kein guter Künstler ist, womit er u.a. sagen wollte, dass die allermeisten großen Werke von unglücklichen Künstlern geschaffen wurden und Glück der Kreativität oft im Wege steht. Bei mir ist es ähnlich. Meine Kreativität schöpft viel häufiger aus dem Schmerz, der Lähmung, Verzweiflung und der Wut, als aus dem Glück. Wenn ich mich rundum glücklich fühle, habe ich oft keine Lust und Zeit zum schreiben, denn dann bin ich rundum glücklich. Wenn ich jemanden lange Zeit streichle und lange Zeit gestreichelt und in den Arm genommen werde, dann löst sich auch bei mir der letzte Rest Angst auf – in solchen Momenten würde ich nie kreativ werden wollen, denn diese Momente sind einfach zu schön und erhaben, um sie gegen andere Dinge einzutauschen. |
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® sämtliche Textrechte liegen bei Arne Pahlke/Wortmutation |
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