Liebe Formel Eins,  © Arne Pahlke 2005

Du bist sicherlich gerade ziemlich beschäftigt, denn während ich Dir diese aufmunternden Zeilen schreibe, steht bereits das nächste Rennen in Indianapolis an. Indianapolis ist übrigens diese verdammt hässliche Stadt in Amerika, in der eigentlich niemand freiwillig leben mag – außer ein paar verrückten Amerikanern. Aber von denen weiß man schließlich, dass sie für Grässlichkeiten zu begeistern sind.

Und eben in diesem Indianapolis werden Deine sündhaft teuren Boliden erneut den Kurs der legendären Indicart-Serie gummieren, bei der noch in regelmäßiger Unregelmäßigkeit Fahrer ihre Gliedmaßen und mitunter sogar ihr Leben verlieren.

Tja, meine liebe Formel Eins, damit kannst Du nun  seit den bereits lang zurückliegenden Todesfällen von Roland Ratzeberger, Karl Wendlinger und Ailton Senna nicht mehr aufwarten. Du bist inzwischen dermaßen sicher (… und damit nach Ansicht vieler Menschen langweilig) geworden, dass der profane Beinbruch von Schumacher vor ein paar Jahren bereits das höchste deiner „Verlustgefühle“ war. Inzwischen fallen Jahr für Jahr mehr Profifußballspieler bei oder direkt nach einem Fußballspiel tot um, als bei Dir in einem Jahrzehnt Fahrer ihr Leben während eines Rennen verlieren.

Von wegen Gladiatoren auf brennenden Pisten!

Kein Wunder also, das in vielen Austragungsorten die Besucherzahlen rückläufig sind. Sozusagen Besucherschwund anstatt Fahrerschwund, wenn man es etwas salopp auf den Punkt zu bringen versucht. Und nicht nur, dass Du in den letzten Jahren fast nur noch Michael Schumacher gewinnen lässt; - sondern es überleben ja stets alle Fahrer das Rennen und sogar fast immer ohne jede Blessur, von ein paar blauen Flecken mal abgesehen. Inzwischen veranstalten Deine Fahrer ja sogar schon Überlebens-Meetings, in denen sie etwa  fordern, dass bestimmte Kurven noch weiter entschärft werden, da die darin wirkenden Fliehkräfte ihre Wirbelsäulenmuskulatur zu sehr beanspruchen. Vielleicht solltest Du eine Verkleidung der Karosserien ähnlich wie bei den Autoscootern in Erwägung ziehen, inklusive Tempolimit. Aber dies versteht sich natürlich von selbst.

 

Foto by  en:User:Pburka

 

Aber nun ja, zumindest hast Du Deine Flitzer insofern umgebaut, als dass sie bei einem Crash so richtig viele Teile von sich werfen. Dies sieht dann meist turbomäßig spektakulär aus. Und so dachte man deshalb anfangs auch noch: „Na, hat er’s überlebt oder fehlt ihm wenigstens ein Arm oder Ohr?“ Aber inzwischen ist bei einem derartigen Horrorcrash völlig klar, dass der Fahrer lebend aussteigt oder aber sicherheitshalber geborgen wird. Letzteres sieht zumindest dramatisch aus, wobei ich irgendwie das ungute Gefühl nicht loswerde, dass diese Bergungsaktionen vornehmlich der Unterhaltung dienen. So hört man Formel-Eins-Moderatoren heutzutage sagen, noch während sich eines deiner Autos überschlägt, dass der Fahrer, sobald dieses zum Stillstand gekommen ist, rasch wieder zurück an die Box laufen muss, um beim Restart auch wieder dabei sein zu dürfen.

Aber nun werde ich meinen aus der Spur gelaufenen Sarkasmus mal etwas beiseite schieben, denn schließlich möchte natürlich niemand ernsthaft sehen, dass ein Fahrer Schaden nimmt. Deshalb ist es wirklich schön, dass Du, liebe Formel Eins, kontinuierlich weniger Überholmanöver bietest. Schließlich sind diese sehr gefährlich; -  sie könnten im schlimmsten Fall sogar zu Unfällen führen!

Nein, da finden wir es schon alle viel schöner, wenn Michael Schumacher sieben Rennen in Folge ohne ein einziges Überholmanöver – sozusagen jeweils in der Box gewinnt. Du meinst es halt richtig gut mit Deinen Fahrern. Deshalb finde ich es ziemlich gemein, das man in vielen Ländern jetzt die Tabakwerbung verboten hat. Dadurch sind Dir Millionenverluste entstanden, was letztlich auch Deine Fahrer zu spüren bekommen. Immer mehr dieser Deiner tollkühnen Bolideninsassen müssen deshalb bereits wieder für einstellige Millionenbeträge in diese gefährlichen Kisten steigen.

Dabei ist der Konsum von Tabak doch absolut ungefährlich. Nichts als Panikmacherei! Hingegen ist die Formel Eins noch immer eine Wanderfront für Helden der Moderne. Erst letztens hat sich wieder ein Mechaniker verletzt, als Michael Schumacher ihm eine Flasche Schampus vom Podest zugeworfen hatte.

Ich freu mich auf jeden Fall schon ganz doll auf das Rennen von Indianapolis. Aber hoffentlich schlafe ich dabei nicht wieder vor lauter Aufregung ein.

Einen Windschattengruß sendet Arne Pahlke

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