Liebe Frau auf dem Fahrrad,

oder um es vollständiger und damit richtiger zu schreiben:

Liebe Frau auf dem Fahrrad, die ich vor wenigen Tagen durch meine bloße Existenz  zum abrupten Absteigen vom eben diesen genötigt habe; - da ich auf meiner täglichen Laufstrecke just in dem Moment in ein nicht einsehbares Wegstück einbog, aus welchem Sie hinausgefahren kamen.

Es liegt mir am Herzen, Ihnen die folgenden Worte zu widmen:

Wir beide erlebten eine Situation, wie sie wohl allein in Deutschland täglich 100.000 Menschen widerfährt. Da kommt jemand z.B. aus einer schwer oder nicht einsehbaren Einfahrt heraus - und es entsteht für einen kurzen Moment so etwas wie ein toter Winkel, sodass weder der eine noch der andere einander sehen können. Und wenn die beiden schließlich einander erblicken, so haben sie häufig kaum noch Zeit, um aufeinander zu reagieren. Und wenn in einer solchen Situation z.B. jemand auf einem Fahrrad sitzt, und der andere joggt, so wie in unserem Fall, so führt dies nicht selten dazu, dass die Person auf dem Zweirad heftig in die Bremsen gehen muss, während der Jogger zum Richtungswechsel gezwungen wird. Also wich ich in diesem unseren Beinahezusammenprall nach links aus, und sie traten voll auf die Bremse, sodass ihr Fahrrad zum Stillstand kam.

In etwa 90% Prozent der Fälle verhalten sich die Beteiligten eines solchen Vorfalls, wie es der gesunde Menschenverstand gebietet. Denn da sich bei derartigen Ereignissen Schuldzuweisungen auf Grund beidseitiger Schuldlosigkeit eigentlich verbieten, lächelt man sich in der Regel kurz an und geht, läuft oder fährt weiter seines Weges. Doch in etwa 10 Prozent dieser Beinahekollisionen reagiert einer oder aber beide der Beteiligten unvernünftig. Und in unserem Fall waren Sie es, die unvernünftig reagierten.

 

 

Noch ehe Ihr Fahrrad zum Stillstand kam, fingen Sie mich bereits lauthals zu tadeln an. Dabei hörten Sie sich unfreiwillig komisch an, etwa so wie zehn zänkische Wellensittiche auf einem knirschenden Ast. Und ich kam mir in etwa so vor, wie der Staatsfeind Nummer eins. Dabei habe ich doch nichts weiter getan, als dass ich joggend in einen  öffentlichen Weg eingebogen bin.

Ich mag hier nicht all Ihre Beschimpfungen und Vorhaltungen wiedergeben, die Sie mir haben zukommen lassen. Auf diese  reagierte ich übrigens, wie ich in einem solchen Fall immer reagiere. Ich lächelte und lief weiter. Dieses Verhalten aber empfanden Sie als besondere Frechheit, weshalb Sie nun noch lauter schimpften.

Wie konnte ich Ihnen auch nur etwas so unerhört Böses antun?

Da kreuze ich unverschämterweise IHREN Weg; - hole Sie von IHREM Fahrrad und höre mir IHRE Vorwürfe dann noch nicht einmal an. Sondern ich unflätiger Kerl laufe einfach weiter, als wäre nichts geschehen; - als wäre ich für dieses große Unglück nicht verantwortlich. Und dies war ich  denn für mein Gefühl  auch nicht, weshalb ich auch weiterlief. Und als ich Ihnen bereits meinen entzückenden Rücken zugewandt hatte, musste ich immer breiter grinsen, je lauter Sie in Ihr aufgeregtes Wellensittichgeschnatter verfielen. Einen Augenblick überlegte ich sogar umzukehren, um Sie zum Mitlachen zu animieren;  - doch ich unterließ es.

Vielleicht würde es Sie versöhnen, wenn Sie erfahren würden, dass ich seit diesem Vorfall immer besonders vorsichtig um diese Ecke laufe. Obgleich diese Vorsicht nichts bringt. Denn wenn es der Zufall will, so werde ich irgendwann erneut in eben diesen Weg mit eben dieser uneinsichtigen Stelle einbiegen, aus dem dann genau in diesem Augenblick jemand anderes hinauszukommen gedenkt. Ich müsste schon jedes Mal vor diesem Weg stehen bleiben und zunächst einmal laut rufen: „Kommt da jemand?“ Aber dieses Verhalten könnte man mir schließlich als Frechheit oder wiederholte Ruhestörung auslegen, denn schließlich laufe ich diese Strecke jeden Tag.

Und nun stelle man sich bloß folgenden Eklat vor, dass  uns beiden nämlich derartiges Missgeschick noch einmal widerfährt. Was bin ich denn dann für Sie? Ein Wiederholungstäter? Jemand, der es auf Sie und Ihr Wohlbefinden abgesehen hat?

Eine Zeitreisende sagt einmal folgende Worte: “Allein ein kleiner Zufall, ein Hauch des Schicksals, kann sehr unheilvolle Konsequenzen haben. Es braucht nicht viel, damit die Zivilisationen sich voneinander entfernen und sich zu hassen beginnen.”

Doch, wer weiß, vielleicht konnten Sie ja bereits wenige Minuten nach Ihrem Anfall ebenfalls laut über sich selbst lachen?

Dies wünscht Ihnen

Arne Pahlke

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