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Liebe Friedhöfe, ® Arne Pahlke, Oktober 2010
es macht sich kein Unbehagen in mir breit, wenn ich mich auf Euch aufhalte. Und auch seid Ihr für mich keine Orte, die vor allem negative Gefühle in mir auslösen. Vielmehr suche ich Euch auf, um mich in eine Stimmung zu versetzen, in die ich nirgendwo leichter falle, als eben auf Euch. Meistens wähle ich mir für meine Friedhofsbesuche Zeitpunkte aus, in denen sich nach Möglichkeit wenig Menschen auf diesen aufhalten. Ich möchte alleine mit mir und meiner irdischen Endlichkeit sein, wenn ich auf einem Friedhof bin. Denn ich will sie ganz allein schmecken - die Vergänglichkeit; - diese süß-bittere Flüchtigkeit unseres Menschenlebens. Und so schreite ich vorbei an Gräbern und Grabsteinen von mir unbekannten Verstorbenen und inhaliere den Tod. Und der Atem der Vergänglichkeit und des Todes erfüllt mich mit einem ganzen Bündel von Gefühlen. Ich spüre eine tiefe und mein Sein offenlegende Verwundbarkeit in mir. Und ich atme die Kurzlebigkeit dieses Daseins als eben diese Person, dessen Name auch irgendwann auf einem Grabstein stehen wird.
Arne Pahlke
Meine eigene Lebenszeit schrumpft vor der Unendlichkeit und ein mich wärmendes Demutsgefühl lodert in mir auf. Der uns allen bevorstehende irdische Tod; - er schmeckt zwar auch für mich bitter; - doch er beinhaltet für mich vielmehr etwas umfassbar Tröstliches, an dem ich mich festhalten und wärmen kann und darf. Ich möchte nicht ewig leben müssen; eben weil ich daran glaube, dass ich ewig leben werde! Und was sich wie ein Widerspruch anhört, ist kein Widerspruch! Ich möchte doch nur nicht ewig weiterleben müssen als dieser Arne Pahlke; - in dieser Hülle, die immer älter und kränklicher wird. Unsere Hüllen sind einfach nicht für die Ewigkeit konzipiert. Es sind Verschleißprodukte mit einer überschaubaren Lebensdauer, die man mit viel Aufwand hier und Verzicht dort vielleicht um ein paar Jahre strecken kann. Doch, ob man seine Hülle nun 50 oder 100 Jahre mit sich herumträgt, abstreifen muss man sie am Ende doch! Deshalb ist es ein kindisches Unterfangen verbissen an seiner Hülle festzuhalten. Soll sie doch verrotten!
Ich glaube fest daran, dass das, was wir unsere Seele nennen, nach unserem irdischen Tod weiterleben wird. Meine Seele ist viel lebendiger, als es dieser Arne Pahlke jemals sein könnte. Er ist lediglich ein Entwurf meiner Seele, durch den sie sich darzustellen versucht. Mein Handeln und Scheitern, mein Sein und Vergehen, es dient letztlich nur der Reifung meiner Seele. Ich, Arne Pahlke, bin nur eine Skizze meiner Seele. Wir alle sind nur fleischgewordene Abbildungen unserer Seelen; - stellen mehr oder weniger gelungene Ent- und Auswürfe von ihnen dar. Und eben all diese spüre ich besonders stark, wenn ich allein auf einem Friedhof bin. Ich spüre, dass ich keine Angst vor dem Tod haben muss, weil ich so viel mehr bin, als dieses Gerüst aus Fleisch und Knochen; - so viel mehr als dieser mich taumelnd machende Verstand. In mir liegt etwas Großes verborgen, etwas unfassbar Großes, sodass es für mich nicht angehen kann, dass dieses Unfassbare und doch Vorhandene allein durch den Tod meiner Skizze Namens Arne Pahlkes einfach so verschwinden kann und wird. Ich glaube an keinen Christengott; - noch an einen der vielen anderen von Menschen entworfenen und anschließend missbrauchten Götter. Ich glaube aber fest daran, dass etwas in uns ist, das unser menschliches begrenztes Bewusstsein überdauern wird. Und eben deshalb sind für mich Friedhöfe nicht nur Orte der Vergänglichkeit, sondern auch Orte einer diffusen und mich wärmenden Verheißung. |
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Morgaine, 4 Oktober 2010 - die "idee" von der Hülle, in der die Seele aufgehoben oder gefangen ist - je nach eigener Wahrnehmung und Lebenssituation - ist so alt wie die Menschheit selbst. Die Endlichkeit des Lebens ist für uns denkende Wesen nach wie vor ein Mysterium und auch eine "Bedrohung". Da wir ja bekannterweise Meister der Verdrängung sind, werden wir meist erst bei unmittelbarer Konfrontation - eben z.B. auf einem Friedhof - wach. Bis wir dann wieder unsere Mechanismen einschalten. Kein Mensch kann gesund im Kopf bleiben, der sich ständig mit seiner drohenden Endlichkeit beschäftigt. Klar, "Glaube" hilft vielen, er kann aber auch nur eine Krücke sein. Letztendlich ist noch niemand zurück gekommen und hat berichten können. Friedhöfe sind seltsame Orte - des Abschieds UND der Begegnung. Mit sich selbst. Robby, 4 Oktober 2010 - ich habe 'Liebe Friedhöfe' gelesen und muss jetzt meinen Senf dazu geben, weil das eins meiner Lieblingsthemen ist. :-) Du schreibst: (...) Ich glaube fest daran, dass das, was wir unsere Seele nennen, nach unserem irdischen Tod weiterleben wird. (...) Ich glaube nicht, dass es eine Seele gibt und dadurch bedingt auch an kein Weiterleben nach dem Tod. Ich glaube an rein chemisch-physikalische Prozesse die unser Leben ausmachen. Unsere Reste dienen als biologischen Nährstoff für weitere Lebewesen und wir leben im Gedächtnis anderer weiter, was irgendwann auch verflogen ist.Warum soll jedes Lebewesen das Recht auf eine Seele haben - Blödsinn. Die Seele ist für mich nur die Rechtfertigung für ein beschissenes Leben und den Zwang eine Erklärung für all das zu finden. Ciao Robbi Wortmutation: Vielleicht hast Du Recht ...aber dann wäre es auch Schnurz, weil dann nach dem Tod eben einfach NIX wäre und NIX muss man auch nicht fürchten. So oder so: Es gibt ein Happy End! ;-) Oder vielleicht doch eines wie dieses: HIER LESEN c-pit, 4 Oktober 2010 - Arne, ein wunderschöner Text der mich berührt und meine Gedanken (die ich aber nicht so toll formulieren kann) aufs I-Tüpfelchen trifft! bei aller Traurigkeit kommt doch ne Menge Optimismus rüber - hast es einfach super hinbekommen ! |
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® sämtliche Textrechte liegen bei Arne Pahlke/Wortmutation |
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