Liebe Mücke(n),

dies wird keine jener unzähligen Anklageschriften über Euch surrendes und Malaria übertragendes Stechplageinsekt, sondern dies wird im Gegenteil eine aufrichtige Danksagung an jene Mücke, die mich gestern Nacht kurz vor dem Einschlafen in meine linke Kniekehle gestochen hat.

Ich möchte mich hiermit ganz aufrichtig bei Dir bedanken, meine kleine hungrige Stechmücke, dass Du Deinen hochsommerlichen Blutdurst an mir und nicht an jemand anderen gestillt hast, woraufhin bei mir jener typische, leicht peinigende Juckreiz einsetzte.

Vermutlich wird Dich meine Danksagung niemals erreichen. Und selbst wenn sie dies täte, würde sie Dich sicherlich nicht sonderlich jucken, da Menschen, wie ich es einer bin, für Dich lediglich einen übergroßen Nahrungstank darstellen, der angezapft gehört.

Weißt Du, liebe Mücke, bevor Du mir gestern Nacht Blut abgesaugt hast, sind einige Jahre ins Land gezogen, in denen ich von keiner einzigen Mückenseele angebohrt wurde. Ja, es muss ungefähr Ende der 90er Jahre gewesen sein, als mich letztmalig eine Blutflüglerin als ihren Nahrungslieferanten auserkoren hat. Als Kind wurde ich so häufig von Mücken heimgesucht, dass ich deinesgleichen nicht selten dafür verflucht habe. Doch Ende der 90er Jahre blieben Eure Einstiche bei mir plötzlich aus. Allerdings kam es mir erst nach einer ziemlich langen Zeit erstmals in den Sinn, dass Ihr mich eventuell nicht mehr mögt oder vielmehr, Ihr mein Blut nicht mehr schätzt. Und ungefähr zwei weitere Jahre ohne einen Mückenstich stellte ich mir dann erstmals die durchbohrende Frage, warum sich dies wohl so verhält. Ich frage mich erstmals ernsthaft, warum Euch mein Blut plötzlich nicht mehr bekommt. Ja, warum kam ich für Euch nicht mehr als Lebensmittellieferant in Frage? Zwar sah ich Euch noch häufig in meiner Nähe, mitunter sogar direkt auf meiner Hautoberfläche sitzen; - nur angezapft habt Ihr mich nimmermehr. Anfänglich war ich auf Grund dieser Tatsache durchaus glücklich;  - mehr und mehr aber betrübte mich dieser Umstand allerdings , da ich einen schnöden Hintergrund in dieser Obliegenheit witterte.

 

Foto by  Richard Bartz

 

„Was ist nur mit meinem Blut los“, fragte ich mich immer häufiger? „Was stimmt mit mir nicht mehr?“ Haben mein ausschweifender Lebensstil Anfang bis Mitte der 90er Jahre, sowie die sich daraus ergebenden Einheiten diverser Heilungsextrakte mein Blut etwa verderblich werden lassen? Ja, hat möglicherweise die jahrelange Einnahme von Psychopharmaka mein Blut zu einem für Euch ungenießbaren Cocktail gerührt? Ich glaube, dass es sich in etwa so verhalten haben muss! Allerdings bin ich etwas erstaunt darüber, dass es solange gedauert hat, bis mein Blut für Euch wieder genießbar wurde, denn schließlich habe ich sämtliche Psychopharmaka bereits vor knapp zwei Jahren abgesetzt.

Ich selbst empfand ja meinen Schweißgeruch während der Einnahme diverser Psychopharmaka selbst als abstoßend. Allerdings vernahm scheinbar nur ich diesen fremdartigen und leicht abstoßenden Geruch. Und natürlich Ihr, die Ihr mir durch Eure ablehnende Haltung klar zu verstehen gegeben habt, dass mein Blut nichts mehr taugt, sodass Ihr selbst dann, wenn Ihr einstichbereit auf mir gelandet wart, lieber hungrig von mir abgelassen habt.

… bis gestern Nacht …

Ich werte diesen Anstich somit als einen Hinweis darauf, dass mein Blut mittlerweile wieder als Lebensnektar in Frage kommt, da ich Euch Plagegeistern weitaus eher zutraue eine aussagefähige Diagnose abzuliefern, als einer dieser Blutuntersuchungen, dessen Ergebnisse mir bereits vor langer Zeit gute Blutwerte bescheinigten. Blutuntersuchungen sind ziemlich seelenferne Verschiebespielchen mit anzweifelbaren Zahlenwerten. Nicht von ungefähr kann ein Sterbenskranker noch kurz vor seinem Ableben großartige Blutlaborwerte aufweisen, nur um sich dann wenig später unter der Erde wieder zu finden.

Ihr Mücken hingegen, die unser Blut zapft, seid wie kleine Seismographen, die einer klaren Linie folgen – der Linie und Logik der Natur. Zwar bedeutet dies nun nicht, dass jeder, der nie von Mücken gestochen wird, krank ist. In meinen Fall aber bedeutet dies sehr wohl, dass eine Mücke mir eine positive Diagnose abgezapft hat.

Ich würde mich deshalb riesig freuen, wenn dieser eine Befund durch weitere Stiche in absehbarer Zeit verfestigt wird.

Herzliche Grüße sendet die lebendig sprudelnde Nahrungsquelle

A.Pahlke

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