Liebe Musik der 80er Jahre,  Arne Pahlke, 2006

ich verspüre das Bedürfnis mich bei Dir für unzählige Momente in meinem Leben zu bedanken, die erst durch Dich zu besonderen und unvergesslichen Momenten  gediehen. So möchte ich Dir für all jene Augenblicke Dank sagen, die ich mir bei Bedarf immer wieder vor Augen führen kann.  Unzählige 80er-Jahre-Songs haben sich mitsamt kleinen und größeren Geschichten in meinem Kopf eingebrannt, auf die ich jederzeit zurückgreifen darf, wann immer ich mich nach Dir zurücksehne.

Als die 80er-Jahre eingeläutet wurden,  war ich unschuldige dreizehn Jahre alt. Und als dieses in vielerlei Hinsicht aufregende Jahrzehnt auslief, brachte ich 22 Jahre auf meine ganz persönliche Zeitwaage. Ich darf also mit Recht behaupten, dass die Musik dieses Jahrzehnts meine gesamte Pubertät und Jugendzeit entscheidend mitgeprägt hat. Und  es verhält sich nun einmal so, dass die meisten Menschen, sobald sie ihre Jugend erst einmal unwiderbringbar hinter sich gelassen haben, für den Rest ihres Lebens immer noch jener Musik nachhängen, die  sie in ihrer Jugend hörten.  Hunderte Musiktitel dieses Jahrzehnts werden (wahrscheinlich) bis zu meinem letzten Atemzug zu meinen Hörlieblingen zählen.

Die erste Single, die ich mir kaufte, war der „Goldene Reiter“ von Joachim Witt. So weit ich mich erinnern kann, war dies  der erste echte große Neue-Deutsche-Welle-Megahit. In den nachfolgenden Jahren kaufte ich mir dann so ziemlich alles, was die NDW hergab. Und ich war dermaßen fasziniert von eben dieser Welle, dass ich darin für mich eine neue Weltanschauung suchte und schließlich auch fand. Ich konnte sehr viele Lieder mitsingen und in nicht wenigen Fällen vermag ich dies sogar heute noch. Das erste Nena-Album habe ich seinerzeit über mehrere Monate hinweg beinahe täglich durchlaufen lassen, sodass ich irgendwann jeden mikroskopischen Kratzer voraussagen konnte.

Ich küsste unbedarft zur „kleinen Taschenlampe“ von Markus und ließ den Macker zur fickgeilen „Annemarie“ von Extrabreit raushängen. Ich war das „Mädchen Phantasie“ und fuhr hundertfach in einem „Taxi nach Paris“. Und ich fühlte mich ungemein cool, wenn ich mit meinem fetten Gettoblaster in der Hand: „ ... und draußen, vor der großen Stadt stehen die Nutten sich ihre Füße platt…“ trällerte.

Die Neue Deutsche Welle war rebellisch. Viele Songs rüttelten an dem heilen Weltbild des Schlagergruftie-Zeitalters, Allerdings taten sie dies mit einer (selbst)ironsichen Heiterkeit, die unbeschwert durch die Gehörtunnel waberte. Ich tanzte auf Schuldiskos mit meiner engen (schwul aussehenden) Nylon-Glanzhose zu Trios Welthit: „Da-Da-Da“ und fahndete selbst in diesem konkaven Text nach einer versteckten Botschaft. Und ich fand sie auch hier, weil ich sie finden wollte!

Es gab Zeiten, da regnete es jede Woche mindestens einen neuen Hit. Die Charts waren voll von absurden und völlig bizarren Songs. Und nichts war am Pophimmel mehr so, wie es zuvor war. Diese Zeit war eine Invasion voll von neuartiger Sounds. So wurde die althergebrachte Hitparade, die seinerzeit von Dieter Thomas Heck moderiert wurde, zunehmend von den neuen Sternchen am Musikhimmel überflutet, womit der damals schon alt aussehenden Heck, so seine Probleme hatte. Er verweigerte sogar einmal die Moderation, als die Gruppe Geier Sturzflug ihren Hit „Besuchen sie Europa“ vortragen wollte. Und dies nur, weil er es unverschämt fand, wie diese sich heiter-sarkastisch durch einen Atomkrieg sangen. Dieser alte Mann war seinerzeit völlig überfordert, als Hubert Kah mit Nachthemd auftrat. Und er war erst recht irritiert und verstört, als die Plätze 1-3 immer häufiger komplett an die Stars der Neuen Deutschen Welle gingen, die selbst mit den primitivsten Einsilbern einen Udo Jürgens oder Howard Carpendale (Platzhirsche ihrer Zeit), auf die hinteren Plätze verwiesen.

 

Goldener Reiter
meine allererste Single

 

Doch die 80er Jahren brachten nicht nur neue tiefsinnige deutschsprachige Musik („…Oh, Anna, lass mich rein..lass mich raus…“) hervor, sondern u.a. auch den revolutionären New-Wave-Sinthy-Pop-Sound (der als Vorläufer für den Technosound angesehen werden darf), mit Vertretern wie Depeche Mode, Soft-Cell oder Howard Jones. Und nichts wird doch in der heutigen Musikwelt häufiger kopiert, als eben dieses Jahrzehnt, welches musikalisch vielleicht als das kreativste Jahrzehnt der Neuzeit angesehen werden kann.

Als ich das erste Mal „Blue Monday“ von “New Order“ hörte, da lief ich vor innerer Erregung fast aus. Selbst die düsteren Songs hatten seinerzeit meist etwas Lebensfrohes. Im Vergleich zur Gegenwart war die Musik von anno dazumal voll von Lebensfreude und Zuversicht. Wir waren glücklich, während wir diese Musik hörten. Und meine arme Mutter musste sich viele Songs unaufhörlich (und dieses dann meist in einer hohen Dezibelzahl) anhören. Doch ich liebte ihn nun einmal diesen New-Wave-Sound. Und ich liebte es, wie sich viele der männlichen Interpreten anzogen und gaben. Deshalb bekamen auch meine Haare immer mehr blonde Strähnchen und wurden überdies immer länger.

Und wenn es in die Disco ging, so trug ich „Miami-Vice-Klamotten“ inklusive Goldkettchen. Mein erster Gang war dann der Gang in die Toilette, um meine Haare und mein Make-up zu überprüfen. Wir jungen Burschen waren damals eitler als die meisten Mädels. Und ich war ein waschechter Popper und Waver. Ich tanzte zu Divine, zu Sandras unzähligen Hits und natürlich auch zu „Living on Video“ von Trans-X. In dieser Zeit beinhaltete annähernd jedes neue Musikstück neue Elemente, zumindest in meiner einstigen  Wahrnehmung. Und fast mein komplettes Taschen und später Lehrgeld steckte ich  in meine Plattensammlung. Wenn ich mal in einen Monat wenig für Schallplatten ausgab, dann waren es immer noch um die 200 Mark. Oft aber tauschte ich fast mein gesamtes Lehrlingsgehalt in die Musik dieses Jahrzehnts ein. Und ich befand, dass ich dabei ein gutes Geschäft gemacht habe!

Und da es nach meiner Meinung so unendlich viele gute Sounds gab, konnte ich es mir einfach nicht erlauben, der Fan nur eines einzigen Sängers oder einer bestimmten Gruppen zu sein. Ich liebte „meine“ NDW-Songs genauso, wie ich die meisten Pop-Wave und Rocksongs dieser Zeit liebte. Und ja, ich gebe es zu, ich kaufte mir sogar sämtliche Alben von Modern Talking. Und ich tat dies sogar freiwillig! Ich mochte diese Musik, ebenso wie die Sounds von Police und Shakin Stevens mochte. Ich war nie auf einzelne Stile fixiert. Nur  in jungen Jahren war Musik für mich (wie für so viele in diesem Alter) noch eher so etwas wie eine revolutionär ausgelebte Religion. So gab es mindestens einen Tag in Monat, an dem ich mich fast ausnahmslos meiner stets wachsenden Plattensammlung zuwendete, um diese zu verwalten und zu pflegen.

Ich konnte und kann mit so vielen Songs dieser Zeit selbst kleinste und (für andere) scheinbar unbedeutsame Erlebnisse verknüpfen. So kann ich jede meiner Freundinnen dieses Jahrzehnts (mindestens) einem Lied zuordnen. Und in meiner damaligen Clique sangen wir viele Lieder (vom Bier berauscht) meist lauthals mit.

Es war ein wundervolles Jahrzehnt und es waren die zehn Jahre mit der (zumindest in meinen Ohren) leichtherzigsten Musik.

Deshalb nochmals vielen Dank, liebe Musik der 80er Jahre, dass du ausgerechnet in meiner Jugendzeit – genauso und nicht anders - in Erscheinung getreten bist. Was für ein Drama wäre es stattdessen gewesen, meine Jugend wäre in das widerliche Gangsta-Rap-Zeitalter gefallen.

Selbst heute vergeht kaum eine Woche, in der nicht irgendein Song von Yazoo, Tracy Chapman, A-Ha und (natürlich) immer wieder NDW-Songs Zugang in meine Gehörmuscheln finden. Die Musik der 80er Jahre gehört  zu meinen schönsten und verlässlichsten Transportmitteln zurück in die schönsten Zeit meines Lebens – die Zeit meiner Jugend.

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The Educator, 1 September 2011 - Habe gerade eben in den Spiegel geschaut. So sehe ich also im Jahre 2011 aus? Und noch viel grässlicher fühle ich mich? Diese Zukunfts- Reise gefällt mir ganz und gar nicht. Ich will sofort wieder zurück, in die Gegenwart, ins Jahr 1984. Da gibt es wenigstens Musik. Aber am 01. Januar 1990 werde ich mich selbst töten.

Wortmutation: Wie sang Nena (1983 ) in “Jung wie du”: (...) Langsam wirst du älter und du fragst dich was das alles soll. Sieh doch nicht in deinen Spiegel: du wirst älter - ist doch toll! (...) Damals habe ich Nena geliebt - ihr Debütalbum schätzungsweise 200 mal komplett durchgehört - heute kann ich nicht mehr viel mit ihr anfangen. Ach ja, wenn du eine Zeitmaschine ausfindig machen solltest - nimm mich bitte mit. Ich würde  dafür auch meinen Abgang am letzten Tag der 80er in Kauf nehmen. Andrerseits bin ich aber erst durch meine Leidenszeit danach  diese “besondere” Person geworden, die ich  heute bin  - und die will ich nicht ungeschehen machen. Also labe ich mich auch weiterhin nur an vielen schönen Erinnerungen und bleibe Hier und Jetzt..

 

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