Liebe Nichtwähler,

ich bin einer von Euch – und das ist auch gut so!

Seit meinem 18.Lebensjahr mache ich konsequent von meinem Wahlrecht Gebrauch, indem ich die Wahl der Nichtwahl wähle.

Man wirft uns ja vielerlei vor, unter anderem ein fehlendes politisches Interesse, Querulantentum, Nörgelei, Faulheit, Bildungslücken, Asozialität etc.

Ich weiß ja nicht, wie es Euch geht, liebe Nichtwähler, -  aber ich für meinen Teil sehe weit und breit keine Partei, die meine Interessen vertreten könnte. Also entscheide ich mich für das geringste Übel. Und dies sieht für mich nun einmal so aus, dass ich mit der mir zugesandten Wahlbenachrichtigung ebenso verfahre, wie mit einem x-beliebigen Werbeprospekt. Und somit landet bei mir beides im Mülleimer.

Und es interessiert mich herzlich wenig, wenn die Politiker das Volk zur Wahl mahnen, wenn sie scheinbar jeden Einzelnen auffordern doch unbedingt von seinem so ungemein wichtigen Stimmrecht Gebrauch zu machen, als hinge davon die Sicherung unser (… so leicht erschütterbaren) Demokratie ab. Tatsächlich aber hofft doch ein jeder Politiker nur auf unsere Stimmen - und sonst auf gar nichts.

Politiker haben Angst vor Nichtwählern. Noch ist ihre Angst zwar klein, aber sie wächst mit der Zahl der Wahlverweigerer. Denn, was passiert, wenn wir, liebe Nichtwähler, irgendwann einmal die absolute Mehrheit bei einer Wahl erreichen würden? Wollen sich unsere Volksvertreter (… die ja unsere Vertreter eben nicht sind) dann immer noch vor die Fernsehkameras stellen und debil lächelnd verkünden, dass sie der Sieger der Wahl sind?

 

Wahlplakat_SPD_1949
Wahlplakat der SPD aus dem Jahre 1949

 

Nein, spätestens dann würde ihnen das Wahlgesetz einen Strich durch die zu wenig gemachten Kreuzchen auf den Stimmzetteln machen - und jeder einigermaßen gesunde Menschenverstand ohnehin. Schon jetzt ist es doch überheblich und ignorant, mit welch offen zur Schau getragenem Desinteresse über im Schnitt 20-25 % der Bürger hinweggegangen wird; nämlich über die „Volkspartei der Nichtwähler“.

Da fordern die kleinen Regierungsbeteiligungsparteien, die oft nur knapp über  5 Prozent liegen, teilweise erhebliche Mitspracherechte, die sie dann oftmals auch zugesprochen bekommen, damit eine Regierbarkeit (Machtverhältnisse) gewährleistet ist.

Und was bekommt der Nichtwähler?

Er bekommt absolut nichts, weil er ja schließlich auch nicht gewählt hat! Wenn er überhaupt etwas bekommt, dann höchstens den moralischen Zeigefinger gezeigt.

Mein Wahlverhalten vergleiche ich einfach mal ganz bösartig mit einer Frau, die gefesselt in einem Kellerverlies liegt. Um sie herum stehen mehrere  sich widerlich verhaltende und widerlich aussehende Männer. Und diese Männer wollen sie entscheiden lassen, wer von ihnen sie vergewaltigen soll. Wenn die Frau schlau ist und nicht allzu masochistisch  (… und überdies die freie Wahl hätte), dann wählt sie doch keinen dieser Typen, oder?

Aber unsere große Stunde wird noch schlagen! Eben dann, wenn wir irgendwann einmal die absolute Mehrheit erlangen oder aber auch nur in dessen Nähe geraten.

Und was sich dann durch eine solche Konstellation entwickeln könnte, dies wäre eventuell größer, als alles, was die Parteien in den vergangenen 50 Jahren auf die Beine gestellt haben.

Also, wir haben die freie Wahl!

einen überaus wählerischen Gruß sendet A. Pahlke     © Arne Pahlke 2005

schreibe einen Kommentar..
Dein Kommentar zum Text abgeben

The Educator, 26 August 2011 -  Diesen Text stimme ich voll und ganz zu.  Was das ganze noch ironischer macht, ist, daß die meisten Probleme, die ein "normaler" Mensch hat, selten direkt mit Politk zusammenhängen. Die Sorgen, die die Menschen Nacht's nicht schlafen lassen, hängen in den meisten Fällen mit ihren persönlichen Umfeld zusammen (z.B. Mobbing). Diese versteckten, oder offenen Spannungen und Konfilkte in ihrem Alltagsleben, sind so belastend, daß versucht wird, diese zu ignorieren, oder gar zu leugnen. Lieber wird dann die Bildzeitung gelesen und über Politiker (samt Parteien) geschimpft, die sie auch noch selber gewählt haben. Da bekommt der Einzelne wenigstens die Zustimmung von seiner direkten Umgebung, weil Politiker sind ja sowieso alle Verbrecher. Da entsteht dann ein so aufgeheiztes "Wir-Gefühl", daß sogar Mobbing- Opfer und Täter einer Meinung sind. Nur die wenigsten befassen sich obejektiv mit Politik. Wer kennt denn schon die genauen Parteiprogramme, der zur Verfügung stehenden Parteien? Und welcher Normalbürger kann und will für so etwas Zeit und Energie "verschwenden"? Ich behaupte, daß die meisten Wähler keine angemessene Voraussetzung haben, um zum Wählen zu gehen. Die Politik ist nämlich um Größenordnungen komplexer geworden, als noch vor 200 Jahren.Aber diese komplexen, nicht sehr übersichtlichen Systeme, sind Anfällig für Mißbrauch. Und im übrigen, hat der kleine Bürger die gleichen Eigenschaften und Verhaltensweisen (welche verwerflich sind), wie der große Politiker und umgekehrt. Der "Kleine" würde sich als "Großer" genauso verhalten, wie der "Große", über den er schimpft. Und umgekehrt. Das Volk hat genau die Regierung, die es verdient.

® sämtliche Textrechte liegen bei Arne Pahlke/Wortmutation