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Liebe Sportler und Sportlerinnen des Jahrhunderts Dieser Titel ist für mein Gefühl nichts weiter, als eine rein ekstatische Hypothesenverblendungsideologie eines verrückt geriebenen Menschengeschlechts. Oder wie lässt es sich anders deuten, dass man einen sterblichen Körperhüllenträger zum Jahrhundertsportler einer bestimmten Sportart kürt. Und wenn ebendies bereits getan wird, wenn ein Jahrhundert gerade erst eingeläutet wurde? Wer immer dies tut, und eben dies tun viele, der stellt sich als ein scheiternder Weissager dar. Aber selbst, wenn einige Vertreter der verzückten Meute Mensch einen derart fragwürdigen Titel zum Ausklang eines Jahrhunderts vergeben, so ergibt eben dieser Titel meines Erachtens kaum einen anderen Sinn, als dass man den damit Ausgezeichneten sowie sich selbst für einen flüchtigen Augenblick etwas kolossal Großes vorzugaukeln versucht. Ja, die Menschen, die so etwas tun, möchten gemeinsam mit dem gekürten Sportler vom Rauschzustand des ewigen Siegers und des ewigen Siegens kosten. Sie wollen den Traum der Unvergänglichkeit spinnen. Unvergänglichkeit, die es insbesondere beim Sport nie geben kann und nie geben wird, da sportliche Höchstleistungen vom Leistungsvermögen eines verlustreichen Körpergebildes abhängig sind. Und eben dieses verlustreiche Körpergebilde ist vor allem bei Höchstleistungssportlern und -Sportlerinnen den Schnellverfall preisgegeben. Michael Schumacher ist nach Meinung vieler Menschen der beste Rennfahrer dieses und des zurückliegenden Jahrhunderts und Louis Armstrong nennen sie ungestraft den besten Radrennfahrer dieses und des letzten Jahrhunderts. Einen Carl Lewis tauften die Massen zum Jahrhundertathleten des ausgeklungenen Jahrhunderts. Und weiter geht’s: Muhamed Ali ist der Jahrhundertboxer des vergangenen Jahrtausends. Es ist wirklich erstaunlich, wie viele es zum Jahrhundertsportler gebracht haben. Und wenn es für einen großen Sportler zu diesem Titel einmal nicht ganz reicht, so geht er halt als ein Jahrhunderttalent in die Analen der Geschichte ein. Mein Gott, die Welt ist voll von Jahrhundertsportlern und Jahrhundertsportlertalenten. Entschuldigung, aber dieses Narrenspiel zwingt mir ein unbewegliches Schmunzeln ab. Woraus ergibt sich denn eigentlich die Annahme, dass der zweifellos begnadete Michael Schumacher tatsächlich der beste Formel-Eins-Rennfahrer der Welt ist; - der Beste, den es je gab? Und was als Mutmaßung völlig schräg daherkommt, dass man einfach davon ausgeht, das es in den nächsten einhundert Jahren keinen Besseren wie ihn geben wird? Ist Michael deshalb der Beste, weil er die meisten Rennen gewonnen hat? Ist er deshalb der Renngott, weil er die meisten schnellsten Rennrunden hingelegt hat? Und wie kommt man nur auf den urigen Gedanken, dass in den nächsten 96 Jahren kein Mensch mehr Rennen für sich entscheiden wird, als Michael Schumacher? Wenn z.B. eine Formel-Eins-Saison in naher Zukunft fünfundzwanzig Rennen umfasst, anstatt der derzeitigen 17, dann könnte rein rechnerisch irgendjemand in nur drei Jahren Michaels bisherigen Rekord geknackt haben. Und ist dieser Fahrer dann gleich wieder der neue Jahrhundertfahrer für eine gierige Masse; - der neue Renngott für eine rekordgeile Meute, bis in jene so leicht vergängliche Ewigkeit?Lasst Michalel Schumcher in 10 Jahren noch einmal in ein Formel-Eins-Wagen steigen; - er wird den meisten Fahrern hinterherfahren. Und überhaupt, wie viele Männer erhalten in ihrem Leben denn je die reelle Chance in ein Formel-Eins-Cockpit zu steigen? Glauben Sie nicht auch, liebe Leser, dass, wenn alle Männer Deutschlands diese Chance erhielten, unser Land 1000 Schumachers hervorbringen würde? Die wir dann wiederum um die Pole Position kämpfen lassen müssten, um nunmehr den Besten der Besten zu bestimmen. Und gewänne bei diesen Ausscheidungsrennen wirklich der Beste des Jahrhunderts oder am Ende nicht eher der größte Trickser? Und wenn dem so wäre, was ist an diesem Menschen dann bewundernswert? Etwa seine grenzenlose Rücksichtslosigkeit? Und wären Frauen im Endeffekt vielleicht nicht sogar die schnelleren Rennfahrer? Fragen über Fragen. Und finden sich auf dieser Welt nicht mindestens zehntausend verhinderte Louis Armstrongs, die (annähernd) täglich für sich selbst und gegen ihren inneren Schweinehund in die Pedale treten und dabei eine vergleichsweise bessere Leistung abliefern, als dieser Jahrhundertradrennprofi? Ich meine, sie vollbringen ihre Leistungen schließlich mehrheitlich ohne illegale Dopingmittel, was ich bei Louis Armstrong sehr stark in Zweifel ziehen möchte. Könnte Schumacher in einem alten Formel-1-Boliden der 50er-Jahre mithalten? Und was ist mit Muhamed Ali? Würde er in der heutigen Zeit mit seinem einstigen Kampfstil überhaupt einen einzigen Profikampf für sich entscheiden können?
Und was heißt denn hier eigentlich Jahrhundertsportler oder Jahrhundertsportlerin, wenn diese doch in fast jeder Sportart tatsächlich nur vier bis fünf Jahre ganz oben an der Spitze zu stehen vermögen? Der unbesiegbare Boxchampion von heute ist in spätestens zwanzig Jahren Fallobst und wird dann selbst von einem Jungen mit Muskelschwund auf die Bretter befördert. Ja, selbst eine scheinbar unbesiegbare Rennmaschine wie Michael wird seine Reflexe mit zunehmendem Alter mehr und mehr einbüßen. Somit sind Rekorde, die auf einen jungen gesunden und durchtrainierten Körper setzen, flüchtig und unbeständig und damit zum Aufstellen von Jahrhundertrekorden denkbar ungeeignet. Und deshalb sage ich: Es gibt keinen Jahrhundertsportler! Dieser marktschreierische Titel ist irrational und macht sich lediglich gut in einem verdummenden Werbespott. Was es gibt, das sind große Sportlerfrauen- und -Männer; -halt die besten Sportler der Gegenwart. Und eben dieser gegenwärtiges Augenblick kann sich in wenigen Fällen über ein paar Jahre oder auch mal über ein Jahrzehnt erstrecken. Doch, was sind schon fünf oder gar fünfzehn Jahre im Vergleich zu einem Jahrhundert oder gar zur Menschheitsgeschichte? Man sollte diese Menschen, dessen Größe sich überdies meist allein auf ein sehr beschränktes Feld reduziert, nicht unverantwortlich mit einem solch kolossalen Titel küren. Dies schon deshalb nicht, weil diese Menschen doch niemals auch nur annähernd gegen alle in Frage kommenden Menschen in der jeweiligen Disziplin angetreten sind, die möglich wären. Und selbst, wenn sie dies tun würden, läuft ein Wettkampf denn wirklich immer unter fairen Bedingungen ab? Wäre ein Michael Schumacher heute z.B. auch dann sechsfacher Weltmeister, wenn all seine Gegner stets in genau demselben Wagen wie er gefahren wären? Haben Carl Lewis oder Louis Armstrong ihre Siege wirklich immer ohne jegliches unerlaubte Mittelchen nach Hause gebracht? Und finden Sie, um hier einmal einen hinkenden aber durchaus anschaulichen Vergleich heranzuziehen, nicht auch, dass die jeweilige Miss World des Jahres in ihren Augen längst nicht immer die schönste Frau der Welt ist? Wie viele Frauen und wie viele Sportler, von all jenen, die eigentlich möglich scheinen, stellen sich denn in der Regel zu einer Wahl oder zu einem Kampf? Nein, ich glaube nicht an Jahrhundertsportler! Aber dafür glaube ich unter anderem daran, dass viele der besten Bücher nie erschienen sind. Und auch glaube ich, das sich unter den Schriftstellern längst nicht immer diejenigen durchgesetzt haben und durchsetzen werden, die dies am ehesten verdient haben. Ich glaube vielmehr, dass viele der Besten sich auch beim Sport nie zur Wahl stellen; - oder vielmehr, dass das Leben ihnen nicht die Wahl lässt, sich mit den Besten der Besten zu messen. Aber der gemeine Pöbel braucht halt seine Helden oder aber zumindest einen Heldenersatz. Und einen solch kläglichen Heldenersatz geben halt die Armstrongs und Schumachers dieser Welt ab, sowie unzählige talentierte Zufallssportler, die von einer nach Helden dürstenden Masse auf einen götterähnlichen Olymp gehievt werden. Bis der nächste Ersatzgott sie von ihrem wackeligen Thron schubst. Es würde mich übrigens nicht wundern, wenn die Menschheit bald schon ihren ersten Jahrtausendsportler feiert. Für mich allerdings bedeutet diese Form von Gigantomanie lediglich ein Verlust an Substanz! Gruß A. Pahlke |
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