Liebe Zimmerpflanzen,

® Arne Pahlke, Oktober 2011

 

ich mag es mir überhaupt nicht vorstellen, in einer Wohnung ohne Innenraumbegrünung zu leben. Schließlich bereichern Pflanzen jeden Wohnraum mit Leben, positiver Energie und Wärme. Und eben deshalb sind mir all jene Wohnungen und Häuser, in denen keine Pflanzen zu finden sind, irgendwie suspekt.  Ich frage mich dann direkt, wie man es in einem solchen Wohnraum nur dauerhaft aushalten kann? Und ich möchte gestehen, dass ich häufig eine diffuse Befangenheit gegenüber Menschen aufbaue,  die nicht eine einzige Pflanze in ihrer Wohnung oder in ihrem Haus haben. Ja, bisweilen braucht es dann wirklich gute Argumente, um meine Voreingenommenheit gegenüber diesen Anti-Innenraumbegrünern zu zerstreuen.

Allerdings erwähne ich ihnen gegenüber meist nichts von meinem Unbehagen, aufgrund des Fehlens jeglicher Zimmerpflanzen in ihren vier Wänden. Stattdessen erwische ich mich dabei, wie es in meinem Kopf zu Rattern anfängt; - wie sofort  Vorurteile in mir sprießen:Fehlt es dieser Person am Ende an Schöngeist, an Sinn für (räumliche) Ästhetik? Wie sieht es mir ihrer Lebendigkeit aus, - ist diese verwelkt, verkümmert oder war diese gar nimmer vorhanden? Ist sie/er möglicherweise ähnlich kalt, wie ihre/seine Wohnung ohne Pflanzen auf mich wirkt?“

Diese und mehr Fragen schwirren mir durch meinen Kopf. Und auch, wenn mir durchaus bewusst ist, dass sich allein von einer pflanzenlosen Wohnung all diese fundamentalen Fragen und Antworten nicht ableiten lassen werden können,  so sind diese Gedankengänge in solchen Situationen oft direkt da. Und dann fange ich zu allem Überfluss noch damit an, nach weiteren Indizien zu fahnden, die meine Mutmaßungen stützen oder aber sie zu zerstreuen helfen.

Ich kannte einmal einen Menschen, der in einer total verlotterten Wohnung lebte. Er schlief auf einer schäbigen Matratze und sein spärlich vorhandenes Mobiliar war alt und mehr als abgelebt. Kurzum: Er lebte in einer Bruchbude. Und doch fühlte ich mich als tendenzieller Sauberkeitsfanatiker in dieser seiner Bleibe rundum wohl. Zu einem tat ich dies, weil Alexander eine angenehm aus der Masse herausragende Persönlichkeit hatte – und zum anderen, weil überall in seiner Wohnung Pflanzen standen. Und zwar vornehmlich Bonsais, die Alexander hingebungsvoll umsorgte. Und er konnte  stundenlange Monologe über Pflanzen halten, wobei mir oft das Herz aufging. Seine Wohnung hätte deshalb ruhig noch dreckiger sein können, als sie es war. Sie strahlte durch seine Persönlichkeit – die sich eben auch in seiner Liebe zu seinen Pflanzen widerspiegelte, extrem viel Wärme und Herzlichkeit aus.

 

Nun, ich kann zwar keine stundenlangen Monologe über Pflanzen halten, da ich nicht annähernd so viel von ihnen verstehe, wie es Alexander tat, weshalb ich mich auch vornehmlich mit pflegeleichten Wohngrün zustelle. Aber immerhin spreche ich regelmäßig mit meinen Lichtenergie verarbeitenden Mitbewohnern.

Wenn ich sie z.B. gieße, sage ich der einen oder anderen Pflanze  schon mal, dass sie heute aber einen besonders kecken  Grünton hat. Oder wenn meine Mitbewohner im Winter unter Lichtmangel und der schlechten Heizungsluft leiden, muntere ich sie mit lockeren Sprüchen auf. Allerdings kann ich auch richtig böse mit ihnen werden. Wenn z.B. eine meiner Zimmerpflanzen meint, dass sie trotz all meiner Bemühungen im Winter eingehen will, dann kann es passieren, dass ich ihr unmissverständlich klar mache, dass sie nicht die Einzige ist, die unter dieser Scheißjahreszeit zu leiden hat, sondern ich doch genauso! Doch würde ich meinen Kopf, wie sie es tut, hängen lassen und eingehen, würde sie ihr Zuhause verlieren. Und ob es da, wo sie im Anschluss an meine Kompostierung  (Akt 1) hinkäme, auch nur annähernd so schön wäre wie  bei mir, wäre wohl mehr als nur fraglich. Tja, und manchmal bewirken meine Worte wirklich Wunder. Zumindest bilde ich mir dies ein. 

Ich tituliere meine Pflanzen übrigens gelegentlich als undankbares Grünvolk, dass sich auf meine Kosten ein angenehmes Leben macht und sich von mir durchfüttern lässt.  Außerdem stelle ich es jeder meiner Pflanzen frei, dass sie jederzeit gehen kann, wenn es ihr bei mir nicht gefällt.

Ach ja, zu langes allein leben, lässt Menschen, wie es sich hier darstellt,  am Ende doch schrullig werden.

Ich frage mich gerade, ob das Halten von Zimmerpflanzen am Ende Pflanzenquälerei ist? Ich meine, viele meiner Zimmerpflanzen würden in der freien Natur (viel) größer werden. Beschneide ich sie somit nicht bezüglich  ihrer tatsächlichen Entfaltungsmöglichkeiten?  Und  verletze ich dadurch nicht  ihr Selbstwertgefühl? Fühlen sich meine Madagaskarpalmen in meiner Wohnung ähnlich frei und glücklich, als würden sie dort  leben, wo sie eigentlich leben? Oder denken die sich: Das Leben bei Arne gleicht einer artfremden Massentierhaltung -  nur eben in Grün?

Oh Gott, bin ich ein Pflanzenquäler?

Ich frag gleich mal meinen kleinen Affenbrotbaumbonsai, denn der ist nicht nur furchtbar weise, sondern  gibt mir auch immer genau die Antwort, die ich hören will.

Auf jeden Fall bekommen meine Pflanzenkinder von mir dieses Wochenende eine Regenschauersimulation unter der Dusche  spendiert.

Gruß Arne

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