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Lieber Günter Netzer, Arne Pahlke, 2005 zunächst möchte ich Ihnen nachträglich zu Ihrem 60. Geburtstag gratulieren, welchen Sie am 14. September dieses Jahres feiern durften. Doch betrachten Sie diesen meinen verspäteten Glückwunsch bitte lediglich als fragwürdige Gesellschaftsgeste, da ich Geburtstage als verzichtbare Feiertage ansehe, denen man besser nicht allzu viel Aufmerksamkeit schenken sollte, da dies eine nicht zu unterschätzende Gefahr birgt. Ich mag Sie. Ich mag Sie sogar sehr, Herr Netzer. So sehr sogar, dass ich mir mehrere Spiele während der Europameisterschaft 2004 nur deshalb angesehen habe, weil ich mir von Ihnen, die jeweils eindrucksvollsten Anteile einer Partie erhoffte, obgleich ich Ihren spielerischen Genius vergangener Tage auf dem Fußballplatz ja leider nicht zu erwarten hatte. Aber dessen ungeachtet haben Sie mich bislang auch noch nie in ihrer neuen Rolle als verbal-ballführende Instanz enttäuscht. Sie waren bei einer jeden Übertragung meine zentrale Figur eines Fußballspiels. Und somit sind Sie für mich nicht nur einer der größten deutschen Spielmacher der Vergangenheit sondern überdies der größte Spielmacher oder vielmehr der segensreichste „Spielflüsterer“ der Gegenwart. Und eben hierzu, lieber Günter Netzer, möchte ich Ihnen dann doch fernab jeglicher gesellschaftlicher Zwänge gratulieren. Ich liebe Ihre wunderbaren Analysen, die frei von journalistischer Spitzzüngigkeit und in eleganter Edelmannmanier, nicht allein in fußballerischen Wunden rühren. Ich mag Ihre trockene distanzierte Art, Ihren dominierenden szenischen Blick. Ich schätze Ihren feinen Hang zur gepflegten Selbstironie, Ihre mitunter wunderbar altmodische und dabei hinreißend vornehme Art ein Wort zu führen. Ich erliege regelmäßig Ihrem Charme, den Sie mir, in Ihrer unaufdringlichen Art, stets aufs Neue kredenzen; - und zwar ohne, dass dieser sich aufbraucht. Aus Ihren wach beobachtenden Augen blitzt häufig ein nicht zu bremsendes Kind. Und eben diesem Kind, im kaum gealterten Manne, sehe ich oft mit großer Freude zu, wie dieses ein um die andere treffend pointierte Bemerkung ausheckt. Und selbstverständlich liebe ich Ihr Doppelpassspiel mit dem netten Herrn Delling; - der sie mitunter übrigens anschaut, als wäre er der stolze Sohn eines großartigen Vaters, der Ihren Namen trägt.
Sie, lieber Günter Netzer, haben Ihre einstige Fußballästhetik perfekt vom Rasen ins Kommentatorenstudio transportiert. Sie, der einst als disziplinlos geltende Lebemann und sportliche Popstar des 70er-Jahre-Fußballdeutschlands, sind heute erfolgreicher Werbeträger für ein Geldanlageprinzip. Was Sie allerdings ganz offensichtlich beibehalten haben, dies ist Ihre eigenwillige Fönfrisur, auch wenn Ihre Mähne heute nicht mehr ganz so voluminös daherkommt. Dafür aber bieten Ihre Aussagen meistens ein kolossales Volumen, welches man bei anderen Sportexperten eher selten bis gar nicht findet. Erst kürzlich sagten Sie zu einem Journalisten, dass Sie ein durch und durch schönes Leben führen und ein Glückspilz sind. Und ich finde, genau dies sieht und hört man Ihnen an, wann immer Sie mir in meinem Wohnzimmer einen Ihrer vornehm bissigen Besuche abstatten. Ich ernenne Sie hiermit zu meinem persönlichen Spielführer der deutschen Fußballnationalmannschaft. Und ganz gleich, wie viele Un- und Ausfälle ich mir während der neunzig Spielminuten in Zukunft auch antun muss, solange ich Sie, Herr Netzer, als Vor-, Zwischen- und Hauptspeise erwarten darf, werde ich unseren Fußballmannen die Treue halten. Zwar würde ich Sie weitaus lieber in der Rolle des Trainers der Fußballnationalmannschaft sehen, kann Ihre ablehnende Haltung in dieser Frage allerdings nachvollziehen. Schließlich sind sind nicht nur ein ausgesprochenes Glückskind, sondern überdies eben auch ein bodenständiger Realist, der weiß, dass man selbst als Glückskind das Glück nie überstrapazieren sollte. In diesem Sinne: Ich freue mich bereits auf das nächste Länderspiel oder vielmehr freue ich mich auf Sie! Ihr Sympathisant Arne Pahlke |
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