Lieber Heinz Erhardt, Arne Pahlke, 2005

als Du das Gaslicht der Welt erblicktest, warst Du noch verhältnismäßig jung. Deine Eltern waren zwei Stück und Dein Vater war sehr reich: Er hatte zwei Villen, einen guten und einen bösen.

Entschuldige, lieber Heinz Erhardt, dass ich mir für die Eröffnung meines an Dich gerichteten Schreibens, einige Worte von Dir geliehen habe. Ich konnte einfach nicht anders, da Du diesen wunderbar kindlichen wie gleichfalls menschelnden Humor in die Welt getragen hast, den ich einfach wieder und wieder herbeizitieren möchte.

Niemals stach Dein Humor verletzend zu, weil Du als Künstler zu keiner Zeit verletzend sein wolltest. Vielmehr schienst Du von dem Wunsch beseelt, ein repräsentativer Vertreter des Menschengeschlechts zu sein. Du wolltest unbedingt einer von jenen sein, die Dir Applaus spendeten. Und du begegnetest den vielen Widrigkeiten des Lebens vor allem mit einer liebenswürdigen Spitzzüngigkeit. Zwar lebte auch Dein Humor von den vielen kleinen und großen menschlichen Schwächen, allerdings tat er dies auf eine wunderbar streichelnde Art und Weise. Dein Humor war nie wirklich bissig, nie übermäßig sarkastisch oder gar zynisch. Ich kenne von Dir keine einzige Zeile, mit der Du die menschliche Würde verletzen wolltest. Im Gegenteil: Wer auch immer von Dir auf den Arm genommen wurde, der fühlte sich von Dir umarmt – nicht aber böse verschaukelt.

Zu Dir, mein lieber Heinz Erhardt, passt die folgende Erkenntnis, dass wahrer Humor zutiefst menschlich ist, das dieser versucht dort anzusetzen, wo wir es aufgrund unserer menschlichen Unzulänglichkeit schwer haben, mit dem Leben zurechtzukommen. Aus diesem Blickwinkel heraus beäugt warst Du ein ungemein wertvoller Psychoanalytiker; - warst ein überaus brillanter Vertreter, jener Unterhaltergarde, die von vielen Menschen obgleich ihrer heilsamen Wirkung gering geschätzt wird.

Du warst ein Narr in positivstem Sinne, - erfüllt von einem schelmischen Humor, dem du aus einer nie versiegenden Quelle abschöpftest. Wann immer du eine Bühne betreten hast, trugst du dieses groß gewordene und gleichzeitig klein gebliebene unsichere Kind zur Schau, ein Kind, welches man einfach gern haben musste.

 

Foto by Andreas Ahrens
Heute wieder ein Schelm

 

Du warst und bist für mich der Inbegriff einer Zeit, die längst Vergangenheit geworden ist. Ja, bereits zu Lebzeiten haftete Dir etwas von einer vom Aussterben bedrohten Art an. Wahrscheinlich bringst Du auch deshalb, über 25 Jahre nach Deinem Tod, noch immer so vielen Menschen nicht nur Freude, wenn sie Dich hören oder sehen, sondern Du weckst überdies eine tiefe Sehnsucht in ihnen. Eine Sehnsucht nach etwas, was es so nicht mehr gibt und wohl auch nie mehr geben wird.

Ich vermisse Deine einfachen und lebensfrohen Gedichte und Texte, Dein warmes Gesicht, Deine manierliche Form von Heiterkeit, Deinen menschlichen Witz und dein Charme, sowie Dein unvergleichbares Lachen, welches für sich genommen bereits ein großartiges Schauspiel darstellte, welchen man nur allzu gern beiwohnte.

Du littest unter peinvollem Lampenfieber. Doch nicht zuletzt daraus zogst Du einen großen Teil Deines außergewöhnlichen und gleichzeitig wunderbar gewöhnlichen Humors. Dein jederzeit durchschimmerndes scheues Wesen machte Dich so ungemein liebenswürdig. Du warst einfach unverwechselbar, wenn Du z.B. wie ein kleiner Schuljunge auf die Bühne getreten bist und dort Deine Form von Zerstreutheit und herkulesartig gespielter Tollpatschigkeit zelebriert hast, die ihresgleichen suchte.

Heute würde man Dich wohl am ehesten noch als einen Stand-up-Comedian bezeichnen, gleichwohl Dir dieser Titel nicht gerecht werden würde. Schließlich tragen viel zu viele Dilettanten und Unterhaltungsbanausen dieses nichts sagende Zertifikat. Außerdem warst Du weitaus mehr, als ein köstlicher Bühnenkomiker. So warst Du ein pointierter und nach Perfektion strebender Schauspieler, ein volkstümlicher Musiker, ein nicht ausschließlich heiterer Dichter und überdies warst Du Regisseur und Schriftsteller. Aber vor allem warst Du eines, nämlich ein echter Mensch, aus dessen Gesicht eine glaubwürdige Güte und Freude strahlte. So wippte Dein Körper zu Deinen neckischen Wortspielereien auf den Bühnen wie ein Tempel voll von Lebensfreude. Und Deine Wangen, die wohl nicht immer nur allein vom Scheinwerferlicht leuchtend rot funkelten, ließen Dich die Herzen des Publikums im Sturm erobern.

Mein lieber Heinz Erhardt, Du warst beileibe kein Kostverächter und Du machtest eben daraus auch nie ein Geheimnis sondern viel lieber einen deiner vielen unvergessenen Vierzeiler.

Ein wahrer Humorist sollte deshalb folgende drei Eigenschaften besitzen, die da wären: Herzlichkeit, eine große Portion Selbstironie, sowie einen Sack voll von (nicht nur heiterer) Lebenserfahrung.

Du, mein lieber Heinz Erhardt, hattest von diesen drei Zutaten ausreichend auf Lager, um dass zu werden, was Du warst und bist, ein nicht nur mir unvergessen gebliebener Kopf-Körper-Aktivist in friedlich humoristischer Mission.

Einen schelmischen Gruß sendet Dir

Arne

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